Frank Schott, Leipzig
Mein Rücken schmerzt weiterhin.
Als Geschädigter eines Wegeunfalls bekomme ich zwar zehn statt der üblichen sechs Einheiten Physiotherapie, in meinem Fall sogar die doppelte Anzahl, bestehend aus manueller Behandlung und Wärmeanwendungen. Zudem entfällt die Zuzahlung. Dennoch: Ein Leben ohne Schmerzen wäre mir lieber.
Der Körper lechzt nach Bewegung, doch in diesem Zustand möchte ich ihm einfach kein Jogging zumuten. Stattdessen findet der Sport für mich momentan drinnen statt.
Ich gucke nicht viel Fernsehen, aber da es mir beim Malträtieren des Hometrainers arg langweilig wäre, streame ich Serien dabei. (Lesen funktioniert beim Radfahren nicht.) Aktuell schaue ich „1923“, den sechzehnteiligen Western über die Abenteuer der Familie Dutton, die sich durch üble Zeiten kämpfen muss. Mark Twain sagte einmal: „Die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion, was daran liegt, dass Fiktion sich an das Wahrscheinliche halten muss – die Wahrheit nicht.“ Davon hatte der Drehbuchautor offenbar noch nie gehört und ließ die zunehmend kleiner werdende Zahl an Protagonisten jedes nur denkbare und undenkbare Fiasko erleiden. Ich liebe die Serie trotzdem, weil Harrison Ford und Helen Mirren das liebevollste, knurrigste und frotzelndste Paar seit Walter Matthau und Jack Lemmon in „Grumpy Old Men“ sind.

Eine Alternative zum eigenen Sporttreiben ist, dem Treiben anderer Sportler zuzusehen. Genau das stand am Wochenende zweimal auf dem Plan – glücklicherweise machte der Rücken mit.
Am Samstagabend verdosch RB Leipzig in der Red Bull Arena Eintracht Frankfurt nach allen Regeln der Kunst. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, jeder klatschte mit jedem ab. Vier junge Araber rissen gemeinsam mit den Einheimischen die rechte Hand hoch, um die Zahl der Treffer anzuzeigen – am Ende müssen sie die linke Hand mit hinzuziehen: Endstand 6:0!

Am Sonntagabend ging es dann zum Eishockey-Oberligaspiel KSW Icefighters Leipzig gegen Füchse Duisburg. Weil die Kälte sich von der Eisfläche in Richtung der Ränge ausbreitet und den Körper von unten her auskühlt, war es dort in der Halle sogar kälter als am Tag zuvor im Stadion. Auch wenn meine Frau und ich im Gegensatz zum Fußball längst nicht alle Regeln kennen, fesselt uns beim Eishockey die extreme Dynamik und enorme Körperlichkeit, die ganze Show mit Musik drum herum – und nicht zuletzt die Fairness. Es werden exakt dreimal 60 Minuten gespielt, was sich inklusive zwei Pausen und der Overtime auf etwa 140 Minuten addiert. Auch wenn Leipzig nach einem 3:3 in der regulären Spielzeit am Ende 3:4 verliert, meinte meine Frau nur, wir sollten da mal wieder hingehen.

Nach den kalten Tagen bricht am Montag nicht nur auf einem Škoda plötzlich wieder der Sommer aus. Die Temperatur liegt bereits am Morgen bei 10 Grad. Die Winterjacke bleibt beim Gang zur Physio offen, Handschuhe und Mütze habe ich gleich zu hause beiseite gelegt. Trotz des Wetters mache ich es mir weihnachtlich. Durch einen Tipp im Internet bin ich auf Bob Dylans wunderbar knarzendes Album „Christmas In The Heart“ gestoßen, auf dem er mit unverwechselbar rauer Stimme einige Weihnachtsklassiker interpretiert. Und, welch Freude, „Last Christmas“ ist nicht dabei.

Der Montagabend steht nach einem einmaligen, schmerzbedingten Aussetzen wieder im Zeichen des Fußballtrainings mit den Kids. Ich mag es, im Dunkeln durch den Wald zum Sportgelände zu fahren. Auf dem Hinweg leuchtet der Rest des Tages auf den dunklen Fluss. Im umgebenden Nachtgrau bilden Bäume und Blätter eine Oase aus matten Farben. Der Boden ist feucht und rutschig – unter meinen Schutzblechen wird in abenteuerlichen Fontänen der Schlamm aufgewirbelt. Manchmal fängt der Scheinwerfer einen Falter ein – im LED-Lichtkegel sehen diese blendend weiß aus.

Da es an diesem Abend deutlich wärmer ist als zuvor, stehen wieder viele der Eltern draußen am Platz – wenn es kälter ist, ziehen sie sich in die beheizten Kabinen zurück und warten dort auf das Ende des Trainings. Aber heute begleiten sie lautstark die Leistungen ihrer Schützlinge, trösten die Tränen nach Foul, Sturz und Zusammenprall weg. (Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, oder sind die Mütter der Spieler mit dem größten Trainingsbedarf beim Anfeuern immer am engagiertesten?)
