Maria Leonhard, Spornitz
Von einer Sekunde auf die andere war vieles anders. Das, was ich vorher noch ganz selbstverständlich erledigten konnte, braucht jetzt einen vollkommen neuen Ablauf oder geht einfach nicht mehr.
Wie macht man einhändig einen Pferdeschwanz oder schließt sich schlicht und einfach den BH? Wie halte ich die Rührschüssel, wenn die brauchbare Hand mit dem Mixer ausgelastet ist? Wie entzünde ich das Streichholz für den Kamin, damit der nicht kalt bleibt? Na, und dann ist da ja noch das Kochen: Kartoffeln schälen, Möhren putzen, Äpfel schneiden … und das alles mit einer Hand! Krass!
Da muss man dann schon erfinderisch werden, verzichten oder liebe Menschen in der Nähe haben. Ich bin dankbar, dass ich erfinderisch bin, verzichten kann und liebe Menschen in meiner Nähe habe.

Bei einem Spaziergang mit Pico, unserem jungen Hund, erwachte dessen Jagdtrieb so plötzlich, dass ich keine Chance hatte, mit seiner Schnelligkeit umzugehen. Ich achtete nur noch darauf, die Leine festzuhalten … mehr weiß ich nicht. Auf einmal lag ich auf dem Bürgersteig. Kein Mensch war in der Nähe, nur Pico. Irgendwie begann ich wieder zu denken und konnte sogar aufstehen. Dass mit meiner linken Hand etwas nicht stimmt, merkte ich sofort. Ich pulte vorsichtg den Leinenhalter herunter – und spürte eine Ohnmacht nahen. Schnell heim! Pico behielt ich unter Beobachtung. Er trottete obergehorsam neben mir her – im Maul meine Mütze, die hätte ich bestimmt vergessen!
Zuhause suchte ich das Handy, legte mich hin, atmete tief ein, rief meinen Mann an. Nun würde sich der Rest finden. Er brachte mich in die Notaufnahme. Die Diagnose: Mittelhandknochenbruch der linken Hand, beide Knie aufgeschlagen, tiefer Leinenhalterabdruck, leichte Schürfwunden. Also Gips für die Hand sowie die Anweisung, am nächsten Tag in der Handchirurgie in Schwerin vorstellig zu werden; den Termin gab es gleich mit. Mein Tetanusschutz wurde abgefragt. Ich verzichtete auf die Impfung und reinigte die desinfizierten Wunden zu Hause zusätzlich in kolloidalem Silberwasser.

Jetzt sind sechs Tage seit dem Unfall vergangen und ich lebe noch! Und so konnte ich einen gemütlichen zweiten Adventsnachmittag mit Freunden, selbstgebackenem Kuchen und wunderschönen mitgebrachten Trostrosen verbringen – ich hatte sogar eine ordentliche Frisur! Für den Tag darauf habe ich mir gleich wieder Freunde eingeladen – wer weiß denn schon, wie oft man noch die Gelegenheit hat, in dieser Runde beieinander zu sitzen. Mein Sturz hat mir sehr deutlich gemacht, an welch seidenem Faden unser Leben hängt.
