Frank Schott, Leipzig
In einem Paralleluniversum war meine Seele offenbar einer erneuten Sonnenfinsternis ausgesetzt; jedenfalls floh mich wie vor einigen Wochen der Schlaf. Ich stehe halb sechs mit meiner Frau auf, ziehe meine Sportsachen an, schnüre die Laufschuhe und beginne, in den Sonnenaufgang hineinzurennen. Es sind keine Ferien mehr, und so sind die Straßen auch jetzt bereits befüllt mit Autos und Fahrrädern. Fußgänger sehe ich nur wenige – wer so früh raus muss, sichert sich jede Minute Schlaf, die er kriegen kann, geht spätestmöglich aus dem Haus und fährt, um auf dem Weg zur Arbeit Zeit zu sparen.

Die Pferderennbahn wird von Frühnebel verhüllt. In der Nacht hatte es wieder geregnet, die Feuchtigkeit schläft nun als langgestreckte, vielleicht zwei Meter hohe Wolke über dem Rasen. Am Flusslauf ist dagegen klare Sicht. Hinter der Silhouette der Stadt schimmert das Morgenrot hindurch.

Im Laufen schweifen die Gedanken. In der Montagsrunde der gefallenen Engel waren mein Frust und meine Enttäuschung wegen der erhaltenen Jobabsagen das Thema. Munter ging es zur Sache: „Im Bewerbungsgespräch musst du lügen. Du musst sagen, was die hören wollen“, hieß es. „Wenn man nicht lügt, darf man zumindest nicht alles sagen. Sonst kriegt man den Job nicht“, meinte jemand anderes. „Die Personaler dürfen kein Risiko eingehen. Wenn sie den Falschen einstellen und der die Probezeit nicht übersteht, wird die Stelle möglicherweise gesperrt oder gar nicht mehr ausgeschrieben“, kam als weiterer Hinweis. Hinzu komme, dass der Arbeitsmarkt gerade immer schwieriger werde.

Als ich sagte, dass alle fünf Bewerbungsgespräche mit öffentlichen Auftraggebern erfolgten, wurden die Kommentare noch erschreckender: „Die wollen gar keine Außenstehenden einstellen. Die müssen die Gespräche führen, aber wer nicht schon im öffentlichen Dienst gearbeitet hat, der hat keine Chance. Nie im Leben.“ Soweit das Salz in der Wunde. Doch dann kam der Zuspruch: „Da wärst du vermutlich ohnehin nicht glücklich geworden.“ Und: „Das klappt schon!“

Ich erreiche den Wald. Das Dunkel klebt noch zwischen den Bäumen. Die automatische Bildverarbeitung meines Smartphones denkt sich: Das ist ja noch dunkel zwischen den Bäumen. Lass mich das Bild aufhellen. Und so sieht der Schnappschuss aus, als wäre es fast schon helllichter Tag. Es ist mein erster Lauf nach fast einwöchiger Pause aufgrund der Knieprobleme. Körper und Seele schreien: Lauf! Knie und Verstand warnen: Übertreib’s nicht! Also entscheide ich mich, während die Sonne eine Postkartenidylle über die Klingerbrücke zaubert, für eine kleine Extrarunde und komme final auf rund sieben Kilometer. Das Knie bleibt stabil.

Zurück zuhause, es ist noch nicht halb sieben, empfangen mich unsere beiden Kater, die zwischen Bäumen und Büschen lauernd auf mich warten. Kurzer skeptischer Blick, dann machen sie wieder, was Kater so machen, wenn sie unter sich sind. Von einem Balkon des Vorderhauses maunzt traurig ein dritter Kater. Er darf zuschauen, aber ein Katzengitter verhindert, dass er auf Wanderschaft geht. So haben sich die DDR-Bürger gefühlt, wenn sie Westfernsehen schauten – angucken okay, hingehen und mitmachen unmöglich.

Ich mache mich frisch und begleite dann meine Frau zu ihrer Arbeitsstelle. Auf unserem Weg liegen eine Grundschule und eine Gesamtschule. Kurz vor Unterrichtsbeginn sind ganze Scharen von Schülern unterwegs. „Die Barbaren stürmen die Tempel“, sage ich zu meiner Frau. Ein bisschen erinnern die Massen – die älteren fast uniform in Schwarz gekleidet, die jüngeren farbenfroh und Hand in Hand mit den Eltern oder eingepfercht in Lastenfahrrädern – in der Tat an eine Invasion.

Ich verabschiede meine Frau und entscheide mich unterwegs für einen doppelten Espresso in einem Café. Ich bin erschrocken – das ist vermutlich der ekelhafteste Kaffee, den ich je getrunken habe. Säuerlich im Nachgang wie verdorbene Milch. Ich formuliere beim Abgeben der Tasse vorsichtig: „Das ist schon ein ziemlich ungewöhnlicher Geschmack.“ Aber ich bekomme nur stolz zu hören, dass es die eigene Röstung und Mischung sei, Kolumbien und Guatemala, wenn ich mich recht entsinne. Hm, denke ich mir. Vielleicht solltet ihr die Mischung auch mal kosten? Was soll’s. Ich habe nebenbei immerhin in Ruhe ein paar Seiten lesen können. Die Welt geht von schlechtem Kaffee nicht unter.

Beim Lesen stürze ich mich aktuell auf die Klassiker im Reclam-Format aus meiner kleinen Bibliothek, die ich um die Wendezeit erworben, aber bislang nicht gelesen hatte. Nach E. L. Doctorows „Ragtime“ (wer heute vom „Klassenkampf“ faselt, sollte darin mal nachlesen, wie Arbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt und gelitten haben) folgt nun Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Ich lass mich überraschen.

