Gregor Dill, Moabit
Workshop zum Thema Kompost und Mikrobiom in Österreich (II)

Tag 2: Das Mikrobiom – ein Flohmarkt des Lebens, voller Trödel und Tand
Nach einer kurzen und doch erholsamen Nacht und gestärkt durch ein Frühstück bricht unsere kleine Gemeinschaft mit zwei Autos zum Tagungsort auf. Wir fahren durch das sanft hügelige, schwingende und beschwingende Voralpenland. Die Verbindung von Luft, Licht und Nebel ist wundervoll. Unsere Blicke schweifen, die Perspektiven wechseln.

Im heutigen Kurs begeben wir uns tiefer in die mikroskopische Welt. Tee oder Kaffee dampft in den Tassen vor uns – wir hören und schauen konzentriert zu; uns eint die Neugier auf den Kompost und das Leben.
Viele Wirkungen mikrobieller Vorgänge können wir mit bloßem Auge erkennen, mit unseren Sinnen erfassen. Doch die Verursacher selbst bleiben unsichtbar. Erst mithilfe der Technik haben wir Menschen es geschafft, diese verborgene Ebene in unsere Sinneswelt zu übersetzen.
So können wir Dinge sehen und verstehen, die schon lange vor unserer Erkenntnis existierten. Vieles von dem, was die Wissenschaft heute beschreibt, wirkt schließlich seit Urzeiten. Wir haben es immer schon unbewusst gefühlt, gerochen und gelebt – der Verstand folgt erst jetzt.

Vor uns liegt das Buch „Drecksarbeit – Der Mikrokosmos unter unseren Füßen“. Die Rasterelektronenmikroskop-Fotografien von Nicole Ottawa und Oliver Meckes und die begleitenden Texte von Veronika Straaß und Claus-Peter Hutter führen uns auf beeindruckende Weise vor Augen, in welcher Welt wir leben, auf welcher Basis wir bauen und was im Verborgenen nötig ist, damit wir Menschen existieren können.
Die im Bildband gezeigten Bodenorganismen übernehmen unzählige Aufgaben. Sie leben miteinander, nebeneinander und voneinander. Sie zersetzen, lösen, transportieren, speichern, kommunizieren und teilen – und sind in vielem uns Menschen ganz ähnlich.
Je vielfältiger die Prozesse ineinandergreifen, desto widerstandsfähiger wird das Gefüge. Nicht jede Wechselwirkung ist harmonisch – Konkurrenz und Zerfall gehören auch dazu.

Ziel einer Kompostierung ist es, zu komponieren – ein neues Ganzes zu formen.
Das funktioniert in etwa wie das Bauen mit Legosteinen: Zuerst liegen sie lose da, und dann entsteht daraus Stück für Stück ein Auto, eine Burg oder ein Zoo.
Genau so formt das Mikrobiom aus alten Bausteinen neue Strukturen. Es produziert sie nicht aus dem Nichts, sondern erschließt, verändert und wandelt das Vorhandene um. Nicht, weil das Alte wertlos war, sondern weil seine Elemente noch immer Möglichkeiten in sich tragen.

Während ich das hier tippe, vergeht die Zeit. Schneller, als ich Buchstaben zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze in diese Erzählung gießen kann.
Auch beim Schreiben gilt: Wir zerlegen, gruppieren, zersetzen, portionieren und verlagern Gedankenschichten.
Gute Texte müssen genau wie Kompost reifen.

Tag 3: Teig und Kompost
Es folgt ein weiterer Tag im Kreise von Menschen, die sich kümmern; denen es wichtig ist, einen Boden zu erhalten, der vital, nährend und artenreich ist. Auch heute funkeln euphorisch die Blicke.
Unsere Böden sind über Millionen von Jahren entstanden. Die Nährstoffe, die wir schöpfen, die wir mit unseren Maschinen, Robotern, Händen und Tieren von den Feldern holen, sind das Ergebnis eines Kreislaufs, der seit Urzeiten wirkt.
In den obersten Schichten finden sich die Spuren der Neuzeit. Wie ein Staubfilm in der Wohnung: vorhanden, nachweisbar und mit den Nährstoffen und Bodenbestandteilen vermischt.
Städter kennen andere Spuren als Menschen auf dem Land.

All diese Elemente des Werdens und Vergehens werden durch die Landwirte, durch die Gartenarbeit, durch viele Hände und Werkzeuge in die obersten Bodenschichten gemischt, verdünnt, verteilt und untergehoben.
Diese Arbeit erinnert an ein anderes Handwerk – das Backen.
Was braucht er dafür? Luft, Flüssigkeit und ausgewählte Zutaten. Hinzu kommen Form, Zeit und Aufmerksamkeit, das richtige Vermengen.
Nachdem man sich für ein Rezept entschieden hat, gruppiert man die bereits vorhandenen Zutaten. Was fehlt oder zur Neige ging, wird schnell noch besorgt.
Die nun vollständig vorliegenden Bestandteile werden geöffnet, zerkleinert, verteilt, vermengt, gerührt, aufgeschlagen, verflüssigt. Luft wird untergehoben und eingearbeitet. Wer langsam, aber kräftig und lange rührt, wird bei manchen Teigen eine wunderbar fluffige Masse erhalten.
Zeit spielt eine große Rolle, wenn Nahrhaftes und Leckeres entstehen soll. War man unaufmerksam, unachtsam oder abgelenkt, kann etwas ins Ungleichgewicht geraten. Vielleicht wurde etwas Verdorbenes verwendet. Manchmal ist der Teig dadurch ungenießbar oder kann sogar krankmachen. Deshalb ist das Naschen ein wichtiger Zwischenschritt beim Backen.
Ist der Teig fertig geknetet, ruht er. Meist im Warmen, mal im Kalten.

Für das anschließende Backen gilt es, den Ofen vorzuheizen, das Fett zu temperieren und die Pfanne zu ölen. Dort kommt der Teig hinein. Durch die Hitze wandelt er sich, schließt sich zu einer festen Einheit, übernimmt die ihm gegebene Form, erhält Gestalt.
Zumeist liegt bald ein Duft in der Luft, der uns sagt, dass nun das Backwerk fertig ist. Wer mit moderneren Geräten arbeitet, muss den richtigen Punkt abpassen. Hat man die Temperatur nicht korrekt eingestellt, verbrennt alles. Je dunkler, desto trockener und ungenießbarer ist das Ergebnis.
Hat aber alles geklappt, geht es ans Genießen. Mit der Familie, Freunden oder allein. Dabei lassen wir uns den Geschmack auf der Zunge zergehen; zerkrümeln, zerkauen, zerkleinern.
Nahrung gibt uns Energie. Gute Nahrung gibt uns gute Energie.
Und genau das, was hier zu Teig geführt hat und leckerem Kuchen oder Brot geworden ist, passiert mit Kompost.

Nichts anderes – genau das:
Mischen, Belüften, Befeuchten, Ruhenlassen, Temperaturen beobachten und Prüfen.
Guter Kompost regt den Humusaufbau an. Ein lebendiger Boden stabilisiert diesen Humus und nährt die Pflanzen. Guter Kompost kann alte Brachen wiederbeleben und ruhenden Flächen, ausgelaugten Böden wieder Energie geben.
Energie, die dann im Boden liegt. Von Wurzeln ertastet, aufgenommen und nach oben transportiert. Sie lässt Blätter sprießen, Früchte reifen und Pflanzen wachsen, die diese Kraft in sich tragen.
Genau die Kraft, die wir gleich beim Essen in uns aufnehmen werden.
Je vitaler wir essen, desto vitaler sind wir selbst.
Du bist, was du isst.
Der Boden auch.

Teil 1 des Textes: https://botaniktrommel.de/kompost-und-mikrobiom-i/
