Gregor Dill, Moabit
Workshop zum Thema Kompost und Mikrobiom in Österreich (I)

Tag 1: Ein Kreislauf aus Atem und Leben
Was haben junge Menschen aus Jersey – einer kleinen Insel im Ärmelkanal mit rund 100.000 Einwohnern, mildem Klima und einer der verrücktesten Rallyes der Welt – mit Gleichaltrigen aus Texas, Tennessee, Chile, Spanien, Russland, Brandenburg und mir, dem in Berlin wohnenden Bayern, gemeinsam?
Ich werde es herausfinden.
Bunt und scheinbar willkürlich aus der Welt zusammengewürfelt sitzen wir sieben uns gegenüber. Die Augen funkeln, voller Interesse und Neugier darauf, zu erfahren, was uns eint.
Ein „Hallo, ich bin …“ geht durch die Runde.
Dann der erste Vortrag. Gespannt und aufmerksam hängen wir an den Lippen der Rednerin. Schon ihre einleitenden Worte sind so reich an Erkenntnis, Beobachtung und Demut, dass es mir leichtfällt, mich gut zu fühlen, meine eigenen Handlungen, Erkenntnisse und Überzeugungen im Gesagten wiederzufinden. Die nickenden Köpfe und leisen „Jas“ in der Runde sind eine Bestätigung meiner Empfindungen.

Rednerwechsel.
Auch hier spüre ich sofort eine Leidenschaft für das Thema, eine Authentizität, ein tiefes Wissen und eine Lebendigkeit. Erneut wandert raunende Zustimmung durch die Menge.
Es geht um Kompost.
Genauer gesagt darum, wie man aus dem, was uns genährt hat, was einmal geworden war, verging und blieb, wieder etwas Neues, Gesundes und Lebendiges entstehen lassen kann.
Wir Menschen erzeugen derzeit auf den verschiedensten Böden und Kulturflächen dieser Erde riesige Mengen an Agrarprodukten in ganz unterschiedlicher Qualität. Vielfältige Früchte und doch allesamt essbar.
Das, wovon wir zehren.
Lebensmittel.
Wie viel allein in diesem Wort steckt.

Dafür werden vielerorts die Böden ausgelaugt, chemisch behandelt, begradigt und für tonnenschwere Maschinen optimiert. Oder, wie die Akteure es nennen würden: technologiefreundlich umgebaut. Wohnungsbaudruck, Energie- und Materialhunger treiben die Versiegelung und Verdichtung der Erdoberflächen voran.

Das erste und wichtige Wort, das unsere Runde eint, ist Sauerstoff.
Wir alle brauchen ihn.
Woran wir das merken? Wir atmen.
Ganz von allein. Dutzende Male in der Minute.
Langsam und tief atme ich ein, spüre dem Luftstrom in meinen Körper hinterher. Ich liebe Sauerstoff.
Ich atme nicht immer gleich schnell ein und aus. Mal mehr, mal weniger, mal tief, mal flach. Zumeist ruhig, ab und an aufgeregt. Mal träge, mal leicht, mal wenig zufriedenstellend.
Und wenn die Sauerstoffsättigung passt, fühle ich mich wohl. Dann bin ich lebendig. Dann geht es mir gut. Dann kann ich ordentlich denken.
Logisch also, dass Sauerstoff eine wichtige Rolle beim effektiven, humusbildenden Kompostieren spielt. Denn warum sollte es den winzigen Helfern, die das Zerkleinern und Zersetzen übernehmen, anders gehen als der menschlichen Spezies?
Wir sind ein Teil dieser Welt – und diese Welt ist ein Teil von uns. Millionen und Milliarden von ihnen besiedeln unseren Körper: Bakterien, Pilze, Mikroben, Amöben und Einzeller. Sogar Viren und Phagen gehören zu den winzigen Existenzen in diesem nur mit Hilfsmitteln sichtbaren Gefüge, wenngleich sie selbst keinen eigenen Stoffwechsel besitzen.

Beim aeroben Kompostieren benötigt der Großteil der mikroskopischen Zersetzer Sauerstoff – genau wie ich, genau wie du.
Und nicht nur Sauerstoff – gleich an zweiter Stelle kommt das Wasser.
Wasser macht es überhaupt erst möglich, dass sich viele Mineralien und Stoffe lösen, bewegen, umverteilen und neu gruppieren lassen.

Das Mikrobiom übernimmt diese Aufgaben im Verbund mit Pflanzen, Insekten, Säugetieren und allen größeren lebendigen Existenzen dieser Erde. Erst durch dieses Zersetzen, Umsetzen und Verfügbarmachen der essenziellen Bausteine wird neues Wachstum möglich.
Am Ende ist es derselbe Kreislauf aus Atem und Leben, der uns alle antreibt.
Wieder geht ein tiefes Nicken durch die Runde. Wir sind uns einig. Jede und jeder von uns hat dieses Gefühl des Lebendigseins selbst schon gespürt.
Tag für Tag. Minute um Minute.
Atemzyklus für Atemzyklus. Ein und aus, ein Rhythmus.
Tief und flach wie die Landschaft, durch die jene Straßen und Wege führen, auf denen wir hier in Österreich ankamen – unweit der deutschen Grenze nahe Passau, direkt oben am Ufer der Donau.

So sitzen wir beieinander und hören zu, sehen hin, nehmen wahr. Erkennen und reflektieren. Sind neugierig auf die kommenden Tage.
Bereits heute, am ersten Tag, haben wir in nur wenigen Stunden so viel Tolles gehört und Stoff zum Nachdenken, Vordenken, Durchdenken und Zerdenken erhalten, dass wir erschöpft in der Unterkunft ankommen.

Teil 2 des Textes: https://botaniktrommel.de/kompost-und-mikrobiom-ii/
