Christoph Sanders, Diez
Am Sonntag Sturmnachklapp mit üppigen Regengüssen. Trotzdem gut den Außenbereich geräumt. Weitere Bildersortierung. Im August 2008 fotografierte ich bei uns um die Ecke die Hausnummern an den Toren der Laubengärten an der Halenseebahn. Die Abendsonne fiel sanft durch den Mittelgang der Anlage – im Mai roch man dort Flieder, im Juni Jasmin; die Sprosser und Amseln schlugen an und übertönten mühelos das Rauschen der A100. Am Montag im Deutschlandfunk die Erinnerung an die „Schwarze Reichswehr“ und ihre kaum verfolgten Morde. Viele der Beteiligten wurden als „von den Schützengräben verroht und für ein bürgerliches Leben nicht mehr tauglich“ beschrieben. Gruselig.

Am Vormittag Spaziergang zur Dornburg, der höchsten Erhebung der gleichnamigen Gemeinde. Ich entdecke die Heimat, die ich doch gerade erst verlassen habe. Im wundervollen, stillen Herbstwald voller Wanderwege stoße ich auf einen zuwuchernden Steinbruch – das Naturschutzgebiet rund um die abgetragene Basaltkuppe wartet auf seine Erforschung. Gleich daneben, ohne jeglichen Hinweis, ein kleiner jüdischer Friedhof. Dann ein solide verrammeltes Jugendhaus, in dessen Versammlungssraum eine Kopie der „Stalingradmadonna“ hängt – das Original der 1942 vom Pfarrer und Lazarett-Oberarzt Kurt Reuber angefertigten Kohlezeichnung befindet sich in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Kurt Reuber starb ein Jahr später im Gefangenenlager Jelabuga an dem Fleckfieber, dessen Verlauf Rudolf Lorenzen in „Alles andere als ein Held“ so eindrucksvoll beschreibt.

Nachmittags die erste Radrunde seit zwei Wochen. Neunzig Minuten auf der flachen Strecke, die ich vor zehn Jahren gefahren bin – ich erinnere mich an jede Kurve. Platt. Zuhause lege ich mich sofort hin. Der Teenie hat die theoretische Fahrprüfung gleich beim ersten Anlauf bestanden.

Auch am Dienstag bekomme ich keinerlei YouTube-Videos angezeigt. Grund ist „SSL_ERROR_RX_RECORD_TOO_LONG“. Und Firefox möchte, dass ich mich mit dem Betreiber der Website in Verbindung setze – irgendetwas läuft da schief. Ich muss alle Kraft zusammennehmen, um auch heute eine Radrunde zu drehen – aber dieser Weg ist richtig, mein System lüftet durch, und irgendwann müssen die Bronchien ja auch wieder frei sein. Glücklicherweise ist es draußen nicht mehr so kalt.

Ich bin froh, die letzten Wochen ohne jegliche Antibiotika über die Runden gekommen zu sein, und so langsam kommt auch die Energie für den Alltag zurück – ich leere Kisten. Dabei entdecke ich weitere Berlin-Bilder aus dem Jahr 2000: Im Tiergarten die Kritzelei „TV = Judenfunk“ und am S-Bahnhof Halensee ein fotokopierter Anschlag: „Wieder ein palästinensisches Kind erschossen.“ Ich interviewte damals in einem Übergangswohnheim neben Kosovo-Albanern und Bosniern auch einen Palästinenser. Damals trug übrigens absolut niemand ein Palituch.

Am Abend nach einem bitteren Endiviensalat mit Restkartoffeln und Biotomate die aktuellen Chansons von Jeanne Cherhal. Vimeo läuft anstandslos – es muss ein spezifisches YouTube-Problem sein. Nachdem Harry Kane seinen Ballon d’Or in den Händen hält, zu Bett.

Am Mittwochmorgen immer noch etwas verschleimt, aber 90 Prozent der Bronchien werden frei, nachdem ich wie ein alter Raucher abgehustet und Tee getrunken habe. Helle Aufregung, weil der uralte Radiokassettenrecorder Amok läuft und sich nicht mehr abschalten lässt, was zu netten Programmnebengeräuschen führt – zumindest, bis ich mit dem Schraubenzieher einschreite. Ruhe in Frieden – Dritte-Welt-Medien müssen irgendwann sterben. (Ich habe aber selbstverständlich noch drei bis vier Ersatzrecorder für meine zweihundert Kassetten!)

Völlig ausgeschlafen auf dem Rad durch das sonnige Herbstlicht, um einen Liter Milch zu besorgen und die kaputte Winterhose vom Sturz vor einem Jahr flicken zu lassen – sie passt einfach zu gut. Auf dem Weg zur Westerwald-Bank, um unsere Adressänderung zu melden und etwas zu überweisen – alles ist innerhalb von zehn Minuten erledigt. Scharfe Luft aus Nordwest, duftendes Laub. Ein am Gras abgestreifter, fetter roter Apfel liefert mir eine Überdosis Vitamine. Wenn 1 Kilogramm Bio-Äpfel 3 Euro kostet, dann hat man so in einer Woche schnell 15 Euro eingespart! Schrittweises Gruppieren von Möbeln, Kartonauspacken, Hin- und Herrrücken und immer wieder die Suche nach dem Werkzeug. Dasselbe YouTube-Problem auch auf Chrome. Ich frag mal die Kids, ob sie sich darum kümmern können, mir ist das alles viel zu mühsam …

Die Geschichte der „Stalingradmadonna“:
https://www.volksbund.de/nachrichten/menschlich-in-unmenschlichen-zeiten-die-madonna-von-stalingrad
https://www.ekd.de/kurt-reuber-stalingrad-madonna-31304.htm
Das Deutschlandfunk-„Kalenderblatt“ zur Schwarzen Reichswehr: https://www.deutschlandfunk.de/schwarze-reichswehr-weimarer-republik-100.html
