Christoph Sanders, Diez
Am Sonntag Graubrot, Zichorien-Kaffee und Joghurt – die nächste Stufe zu einer schleimfreien Hirnregion. Ich sortiere weiter Zeitschriften aus. Interessantes Interview mit Fotoreporter Guido Mangold, der 2009 seinen Werdegang bei unter anderem Quick, twen und Geo beschreibt. Freier Bildjournalist war immer einer dieser Berufe, die ohne Burnout gar nicht denkbar waren – der Mann am Abzug als ein kleiner Soldat, der als Schnellster ein Foto von der Kennedy-Beerdigung liefern muss. Behalten werde ich das FAZ-Magazin, das sich für den Artikel über David Hockney eine Bildstrecke von Annie Leibovitz leistete. Der Rest ist zumeist eskapistisch-exotisches Geschwurbel auf pastellig-dunklen Dias aus aller Welt, wobei null aktuelle Technik abgebildet wird, damit „der Zauber“ gewahrt bleibt. Eine prophetische Werbung von British Airways, bei der sich auf den sonnig-golden angestrahlten Twin Towers der Schatten eines Jets abzeichnet. Der positive Aspekt des Krankseins ist, dass ich Sachen mache, die ich sonst ständig nach hinten schiebe – wie es aussieht, werde ich noch ein paar Tage ans Haus gefesselt sein.

Am Montag ein mühsamer, aber lohnender Weg zur Tankstelle – einmal hinunter, einmal hinauf, irgendwann finde ich den Takt. Ich komme an einer Kette von Einfamilienhäusern aus den Siebzigern vorbei – eines davon ist seit zehn Jahren unbewohnt: die Sträucher in der Zufahrt mannshoch, verrottete Holzläden. Ruhige Gegend. Zum Einkauf müssen wir in die Innenstadt. Kein Grund zur Klage – zum Wilhelmsturm in Dillenburg waren die Herrschaften in der Zeit vor Elektrik und Auto zu Pferd zwei Tage unterwegs, und bis Wetzlar musste man die Lahn aufwärts paddeln. (Und dann die sieben langen Wintermonate!) Jede Zeit hat ihre Mittel … und unser Privileg ist es, im Paradies leben zu dürfen. Mild und sonnig – eigentlich ein wundervoller Tag. Bei mir jedoch nach wie vor Schnupfen, Kopfschmerz und Müdigkeit. Außer kurz nach dem Aufstehen schaffe ich es nicht, auch nur eine Stunde am Stück auf den Beinen zu bleiben. Es gibt aber auch ein paar Fortschritte: Der Schleim in den Stirnhöhlen lockert sich und das Fieber ist endgültig weg. An der Tanke Schlangen – montags sinken dort wohl die Preise.

Ich steuere meinen Kurs nun auf Familienfotoalben – wie eine Art Longue-Durée-Experiment der französischen Historikerschule der „Annales“. Wir müssen neugierig bleiben, nicht den Diktaten und Suggestionsapparaten glauben, unseren Sinnen vertrauen, dem, was sie spüren. Ich werfe zunehmend den Ballast ab, der mich von den eigenen roten Fäden ablenkt. Wirtschaftshistoriker Adam Tooze leitet in einem seiner letzten Newsletter den weltweiten Rückgang von Geburten aus der Moderne her – die Regeln der westlichen Produktivität führen zu einer Verringerung der Fertilität, der Sorgearbeit, der Langzeitbindung. Welch eine Absurdität, wenn man bedenkt, dass der eigentliche Sinn des Daseins ein gesunder, neuer Mensch ist – er steht im Zentrum des Kosmos. Ich empfinde meine Kinder als das wahre Wunder dieser Welt.

Am Dienstag mit stechendem Kopfschmerz erwacht – der rechte Kanal ist weiterhin blockiert. Beim Aufstehen Lockerung – ich verbrauche ein Taschentuch nach dem anderen. Um das System nicht einsumpfen zu lassen, wage ich eine kleine Runde. Draußen ist es sonnig und frisch.
