Christoph Sanders, Diez
Nach dem Zeitfahren von Hamburg nach Berlin und einem Wochenende in der Hauptstadt am Montag gegen 21 Uhr in Diez eingetrudelt. Ich bringe eine fette Bronchitis mit – inklusive Hustenkoller im Flixbus und Gliederschmerzen. Das Grippeprogramm Ingwer, Salbei, Honig, Suppe läuft; die Ibuprofen wirken. Alles wird besser, wenn ich erst einmal achtundvierzig Stunden in meinem geliebten Bett gelegen habe.

Im neuen Haus ist nur eingeschränkte Internetnutzung möglich – noch hängen wir mit Minidatenraten am Web des Nachbarn. Aber niemand von uns vermisst die alte Hütte; es ist alles perfekt – wir wünschen dem jungen neuen Eigentümerpaar (die Parallele zu Harry und Meghan war erstaunlich) eine arbeits- und segensreiche Zeit in unserem alten Zuhause. Wie sagte die Mutter von Péter Nádas: „Erst den Stall und dann das Schwein.“ Ein grauer, feuchter Oktobermittwoch – hier am Wald herrscht ein anderes Mikroklima als in Thalheim. Der Schlaf ist hart, wenn die Glieder schmerzen und die Frostschübe kommen – wenigstens ist nach Einnahme von Thymian-Kapseln der Katarrh fort. Ich hoffe auf Lüftung des Schmerzensschleiers und genieße die noch ungewohnte Aussicht. Gefühlslose Hände – der nächste Tee muss her!

Weil dessen Frau gerade am Knie operiert wurde und er sich nicht selbst versorgen kann, war bei meinem Freund in Gatow, wo ich übernachtete, dessen schwer an Parkinson erkrankter Vater zu Gast. Ein sehr angenehmer Mensch, der seine Enkel mit den Augen verfolgte und unsere Gespräche mit knappen Bemerkungen kommentierte, also geistig noch da war. Der Freund sagte, dass er die Betreuung trotzdem nicht länger als vier Wochen durchhalten würde. Er schenkte mir den Roman „Land der Bäume“ von Alistair MacLeod, den ich dank meiner gut entwickelten Lesetechnik in wenigen Stunden bewältigte. Der durch Autoren wie T.C. Boyle oder Franzen populär gemachte überdeskriptive Stil grenzte fast schon an Kompilation. Ich konnte sehr schnell die ganzen Bausteine der Handlung erkennen – wenn zum Beispiel über drei Seiten der Tod der Eltern beschrieben wird, erkennt der Nabokov-geschulte Leser gleich, dass die nun aus der Story verschwinden müssen und eigentlich nur zur Erhöhung der Dramatik aufgetaucht waren. Ich gab das konventionelle Werk nach Beendigung sofort weiter – mittlerweile ist da eine gewisse Gnadenlosigkeit zur Praxis geworden.

Ich habe die Familie gebeten, mir Vitamine, Spurenelemente, Mineralien und Proteine zu bringen – aber die Angst der Damen vor dem Infekt ist größer. Erst die primitive Drohung, den Notdienst zu rufen und mich auf einer Trage die einhundert Meter in das Krankenhaus gegenüber schieben zu lassen, wirkte. Ich riet ihnen kühl davon ab, am Freitag in den ICE zwischen Berlin und Frankfurt zu steigen, aber sie sagten, dass sie Masken tragen werden – möge es helfen. Da ich literweise Tee trinke, muss ich dauernd pinkeln; die Überwindung, dafür aufzustehen, ist immens. Manchmal habe ich einen lichten, warmen Moment – die Kalorien machen ihren Job.
