Helko Reschitzki, Moabit

Da am Wochenende wieder an den Ringbahngleisen gebaut wird, fahre ich auf einer Alternativstrecke zum Schlachtensee. Am Samstagmorgen sieht der Himmel über dem Zoologischen Garten unherbstlich, ja, geradezu undeutsch aus. Ob so ein Blau bei manchen der internierten Tiere Heimweh auslöst? (Wird im Affenhaus bereits eine große Befreiungsaktion geplant? Kann man dabei auf Hilfe von außen hoffen, und sieht man in Tiergarten und Charlottenburg demnächst Twelve-Monkeys-Graffiti? Wie werden sich die Crackheads, Fentanylsüchtigen und Trinker der Umgebung verhalten? Ich werde das beobachten.)

In Nikolassee dichtere, dunklere Wolken. Am und im Schlachtensee finden sich die Wasservögel artenübergreifend in neuen Gruppen zusammen; die Stockenten sind in der Balz. Die meisten Schwimmer haben nun schlagartig ihre Badesaison beendet – wie jeden Herbst liegt die magische Grenze dafür bei einer Wassertemperatur von 16 Grad.

Auch am Sonntag fahre ich wieder über den Bahnhof Zoo. Auf der Treppe vor McDonald’s lassen ein paar übrig gebliebene Kids und junge Erwachsene die Partynacht ausklingen. In den U-Bahnen wird seit zwei Wochen derart geheizt, dass es kaum auszuhalten ist – selbst diejenigen, die keinen Infekt mitbringen, husten wegen der trockenen Luft vor sich hin. Alle Fenster sind aufgeklappt, der Fahrtwind fegt durch die Waggons – Erkältungsbrutstätte trifft auf Energieschleuder. Es ist Jahr für Jahr dasselbe, und das vollkommen wetterunabhängig – Winterbefehl ist Winterbefehl. Die S-Bahn, die nicht von den Berliner Verkehrsbetrieben, sondern von der Deutschen Bahn betrieben wird, ist vernünftiger. Ich bin froh, dass ich von der U9 in die S3 umsteigen kann.

Die alte Eiche auf der Rehwiese ist inzwischen fast kahl. Krähen unter wolkigem Himmel. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Am See ist es angenehm windstill.

Mittags berichtet meine Mutter vom Nächsten, der in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis aufgrund eines multiresistenten Erregers in einem Krankenhaus gestorben ist. Infektionen, bei denen keine Antibiotika mehr anschlagen, sind in Deutschland eine wachsende Gefahr – laut RKI sterben hierzulande jährlich circa 46.000 Menschen daran. Ursachen sind die mangelnde Hygiene in Kliniken, der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung sowie Fehlverschreibungen. Dass sich ein Großteil dieser Todesfälle vermeiden ließe, zeigen Länder wie die Niederlande, Dänemark und Schweden, wo jeder Patient bei der Einlieferung in ein Spital standardmäßig auf resistente Erreger getestet und bis zum negativen Befund isoliert wird. In Arztpraxen wird per Schnelltest ermittelt, ob eine Infektion viral oder bakteriell ist, und, wenn Letzteres der Fall ist, per Laboranalyse der genaue Bakterienstamm bestimmt, sodass gezielt das wirksamste Mittel gewählt werden kann. Hierzulande scheitern diese Tests, die zwischen 3 und 8 Euro kosten, an den Vergütungsstrukturen der gesetzlichen Krankenkassen – da die Erstattungspauschale den Einkaufspreis nicht deckt, sind sie für Praxen unwirtschaftlich, weshalb weiterhin meist auf Verdacht Antibiotika verschrieben werden. Zukunftsweisend rückbesinnend gehen Belgien und Portugal vor, die inzwischen Phagen, ein über einhundert Jahre bewährtes körper- und ressourcenschonendes Mittel gegen bakterielle Infektionen, zugelassen haben. Auch deren Einsatz scheitert bei uns am regulatorischen Willen – und so müssen weiterhin Zigtausende pro Jahr sterben. Man hätte aus der DDR nicht das Ampelmännchen, sondern die Bakteriophagentherapie in die Bundesrepublik hinüberretten sollen.

Am Nachmittag besucht mich mein alter Freund Christoph. Obwohl er am Vortag am Zeitfahren von Hamburg nach Berlin teilgenommen hat, schafft er es mitsamt Rad die vier Stockwerke hoch. Er berichtet von seinem Familienumzug vom Dorf in das 11.000-Seelen-Städtchen Diez. Seine Kids freuen sich über die Gleichaltrigen, er sich über die Rehe am nahen Waldrand und über jedes einzelne Stück aus seinen diversen Sammlungen, das er unbeschadet in das neue Haus bringen konnte. Ich hoffe, dass ich niemals mehr umziehen muss, zumindest nicht lebend.

Auch am Montag bestaune ich das allmorgendliche, sich niemals abnutzende Schauspiel, von der Putlitzbrücke linkerhand den noch nächtlichen Himmel und rechterhand den des beginnenden Morgens zu sehen. In der Ringbahn ein etwa Neunjähriger, der wie Harry Potter aussieht und dessen Augen über die Seiten eines dicken, abgegriffenen Bibliotheks-Taschenbuchs kriechen – auch Jungs lesen! Meine Freude darüber wird noch größer, als ich erkenne, was er da liest – es ist „Harry Potter“! Fasziniert switche ich zwischen der Coverillustration und seinem Kopf hin und her. In der Anschlussbahn bin ich gezwungen, ein Telefonat mitanzuhören, das nur dadurch erträglicher wird, weil banalste Firmendinge wie Kopierernutzung „mit Marseille“ abgesprochen werden müssen. Leider höre ich dann genauer hin – die Telefoniererin sagte die ganze Zeit „Marcel“ statt „Marseille“. Am See ist es kühl, aber wieder windstill – das ist der entscheidende Faktor für das Wohlbefinden. Kontemplative Betrachtung eines Rotkehlchens – ohne sein Lautzeichen hätte ich es inmitten der gleichfarbigen Herbstblätter kaum entdeckt.

Auf dem Rückweg kommt auf Höhe der Birkenbucht die Sonne durch – ich stelle mich ans Wasser und halte mein Gesicht in die Strahlen. An der Westseite des Sees erhebt sich vor dem Klocontainer ein Reiher.

Das morgendliche Energietanken war wichtig – am Abend habe ich einen Termin zur Blutbildauswertung. Ein Wert macht dem Arzt Sorgen – leider hat er als Antwort darauf nur symptombekämpfende Mittel auf dem Schirm. Für Ursachenforschung ist im Maschinenmedizinreich weder Zeit noch Geld da – so etwas wie die Ernährungs-Docs gibt es nur im Fernsehen oder für Selbstzahler. Ich werde einmal mehr meinen eigenen Genesungsweg finden müssen. Positiv ist, dass ich der neuen, etwas mürrischen Empfangsnurse zufällig die Lieblingskekse mitgebracht habe – als ich sie ihr überreiche, gehen drei Sonnen auf. (Grundregel Nr. 1: Schwestern und Pfleger sind jederzeit zu verwöhnen.)

Am Dienstag ein Morgenhimmel, der allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Auf der Südseite des Sees steht ein Mann oberschenkeltief im Wasser – regungslos, den Kopf leicht nach vorn geneigt, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Er ist von Nebel umhüllt. In einem ähnlichen Moment wird einstmals das Beten auf die Erde gekommen sein.

Blogbeitrag zu Bakteriophagen: https://botaniktrommel.de/ignorierte-phagenforschung/
Guter Einstieg in den Themkomplex Phagenzulassung in der BRD: https://www.doccheck.com/de/detail/articles/43813-statt-antibiotika-einfach-mal-was-phagen
Die Abgeordneten im Bundestagsfachausschuss wissen Bescheid: https://dserver.bundestag.de/btd/20/076/2007600.pdf
Die Opposition fragt nach: https://dserver.bundestag.de/btd/21/065/2106556.pdf
Die Regierung versteckt sich hinter Regularien: https://dserver.bundestag.de/btd/21/070/2107086.pdf
Trotzdem gibt es aktuell einen wichtigen Zwischenschritt: https://www.dzif.de/de/gemeinsame-standards-fuer-den-einsatz-von-phagen-gegen-schwer-behandelbare-infektionen
Oskar Werner spricht Rilke:
