Frank Schott, Leipzig
Dramatischer Dienstag: Nachrichten auf WhatsApp, Anrufe, weitere Nachrichten. Unser sechsundachtzigjähriger Vater musste ins Parchimer Krankenhaus. Lungenentzündung, wieder einmal, möchte man sagen, weil ihn die Erkrankung inzwischen ein- bis zweimal jährlich zu befallen scheint. Doch heute ist es dramatischer, da hohes Fieber dazukam. Große Sorge der Ärzte: Es besteht der Verdacht auf eine Sepsis – ich solle schnell kommen, wer weiß, ob der Vater diese Krise bewältigen wird.
Schnell geht mit der Bahn schon mal gar nicht. Bis Halle komme ich zwar reibungslos, doch dann warte ich dort auf den ICE nach Hamburg. Der hat mittlerweile dreißig Minuten Verspätung „aus vorheriger Fahrt“ angesammelt. Diese Informationen zur Verspätung, die nichts erklären und nichts beschleunigen, können sie auch weglassen. Und stattdessen einfach ehrlich sein und die Hosen runterlassen: „Sie wissen ja … marodes Schienennetz, veraltete Technik, überstrapazierte Fahrzeuge, zu wenig Personal … Nehmen Sie beim nächsten Mal lieber das Auto.“

In Halle erwische ich einen BahnComfort-Platz, auf dem ich nicht online einchecken darf. Zum Glück kommt kein Fahrgast, der mich vertreibt. Dafür sagt mir die App der Deutschen Bahn, dass der Zug außerplanmäßig in Berlin enden wird. Ich erzähle das meinem Nachbarn, der bis Wismar will. Er schaut nach – bei ihm erscheint der gleiche Hinweis. Wir zucken mit den Schultern und hoffen darauf, dass uns das Zugpersonal Genaueres mitteilen wird.
Die Zugbegleiter wissen natürlich von nichts. In Berlin Südkreuz kommt dann über den Bordlautsprecher, dass Reisende nach Kiel bis Hamburg im Zug bleiben und von dort aus einen Regionalexpress nehmen sollen. Der Zug fährt weiter. Plötzlich die hektische Durchsage: „Bitte alle in Berlin Hauptbahnhof aussteigen. Dieser Zug endet hier außerplanmäßig. Es wird ein Ersatzzug nach Hamburg bereitgestellt, der vermutlich vom Gleis gegenüber abfährt. Nochmal der Hinweis: Alle Passagiere steigen bitte in Berlin Hauptbahnhof aus, der Zug endet dort.“

Besagtes Nachbargleis ist bereits voller Menschen. Deren Zug ist wohl jener, der uns mitnehmen soll; doch auch der hat Verspätung – „mindestens fünfzig Minuten“. Zwanzig davon liegen noch vor uns. Als die Bahn schließlich kommt, ist sie überraschenderweise komplett leer. Jeder sucht sich einen freien Platz, wobei wir feststellen, dass fast alles als reserviert angezeigt wird. Als wir losfahren, erkennen wir, dass offenbar die Sitzplatzzuordnungen aus den vorherigen Zügen übernommen wurden. Ich sitze natürlich im falschen Wagen.
Ich lehne mich aus dem Abteil, um die Wagennummer zu erkennen, damit ich mich einchecken kann. Draußen auf dem Gang ist es noch voll, man sortiert sich. Ein südländisch aussehender Mann beugt sich über mich, deutet einen Kuss auf meine kahle Kopfstelle an, grinst entwaffnend und sagt: „Ich wollte Sie küssen.“ Ich erwidere: „Wenn die Bahn uns schon nicht mehr mag, dann müssen wenigstens wir Passagiere uns liebhaben“. Seine Partnerin und er lachen.
Der Platz, den ich mir ausgesucht habe und der eben noch als „frei“ angezeigt wurde, ist plötzlich auch „reserviert“, sodass ich nicht einchecken kann. Ich bleibe sitzen.. Es ist bereits nach 19 Uhr. Eigentlich sollte ich 19:16 Uhr in Ludwigslust ankommen, wo man mich abholen will.
Mir gegenüber sitzt eine Frau im Businesskostüm. Ich schätze sie auf Mitte dreißig; sie arbeitet am Laptop. Mir wird bewusst, dass ich genau das – nach einem langen Arbeitstag auf dem Heimweg weiter auf einem Laptop einzutippen – auf keinen Fall mehr machen möchte. Sie wirkt merklich erschöpft. Erst als sie ihr Handy herausholt und ein Video abspielt, das ein junges Mädchen, vielleicht ihre Tochter, zeigt, beginnt sie zu lächeln und schließt den Computer.

In Ludwigslust hat sich die Verspätung auf eine Stunde summiert. Der letzte Zug nach Parchim ist bereits weg – aber zum Glück werde ich ja abgeholt. Meine Cousine fährt direkt zum Krankenhaus. Über den Noteingang dürfen wir noch ins Haus. Freundliches Personal weist uns den Weg zum Zimmer.
Mein Vater schläft tief und fest. Er hat einen Beatmungsschlauch in der Nase; ein Infusionsbeutel hängt am Tropf. Ich halte seine Hand, die erfreulich kühl ist. „Das Fieber ist zum Glück gesunken“, bestätigt eine Pflegerin. „Zuletzt waren es 37,8 Grad.“ Heute Mittag sollen es über 40 gewesen sein. Ich wische mir verstohlen Tränen aus den Augen, sage ein paar Worte und höre ansonsten meinem Vater beim Schlafen zu.

Dann bringt mich meine Cousine ins Elternhaus, wo meine aufgelöste Mutter auf mich wartet. Der Vater ist nicht das erste Mal mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus, doch dieses Mal scheint alles viel dramatischer zu verlaufen.
Wir freuen uns beide, dass diese Krise auch etwas Gutes mit sich bringt – meine heillos zerstrittenen Geschwister kommunizieren wieder miteinander. Per WhatsApp und Telefon teilen sie Infos und stimmen sich ab, wer wann im Krankenhaus ist. Wir schauen „Wer wird Millionär“ und meine Mutter kuschelt sich an mich. Das hat sie noch nie getan.

Am Vormittag gehe ich in die Klinik. Das sind knapp dreißig Minuten Fußweg – der Marsch tut mir gut. Auf der Station scherzt ein Pfleger, der einen Kollegen mit einem feuchten Bettlaken zum Wäschekarren gehen sieht: „Ich habe ein bisschen mehr Glück gehabt.“ Er spielt offensichtlich auf den Inhalt seines gehaltvolleren Lakens an, das er gerade entsorgt hat.
Mein Vate ist müde, aber wach. Wir reden immer mal für Momente miteinander, wobei er unregelmäßig wegdämmert und zwischendurch Pausen benötigt. Einmal sagt er verwundet: „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.“ Ein anderes Mal bittet er mich, das Fenster weit zu öffnen, um mehr frische Luft hereinzulassen. Ich teile alles über die WhatsApp-Gruppe mit der Familie und warte auf die Visite, die sich über den Flur zu den einzelnen Zimmern vorarbeitet.
Da die Visite auf sich warten lässt, frage ich bei den Pflegern nach. „Die kommt noch“, erfahre ich. Sie bestätigen mir, dass auch sie beobachtet hätten, dass mein Vater besser drauf ist als am Vortag: „Wir können mit ihm kommunizieren, das war gestern nicht möglich.“ Darüber hinaus wird mir mitgeteilt, dass die Antibiotika von Tabletten auf Infusion umgestellt worden seien.
Immer wieder gebe ich meinem Vater zu trinken – weil er so geschwächt ist, kann er den Schnabelbecher nicht selbstständig erreichen. Er fragt nach seiner Uhr – ich informiere die Familie über WhatsApp, diese am Nachmittag bitte mitzubringen. Inzwischen sind fast neunzig Minuten vergangen. Eine Pflegerin erscheint und bietet einen Pudding an, den er komplett aufisst – ein weiteres hoffnungsvolles Zeichen.

Weitere Zeit vergeht, mittlerweile ist es zwölf Uhr. Ich sehe auf dem Flur nach und finde die Ärztin. Als ich nach der Visite frage, antwortet sie, dass sie bereits bei meinem Vater gewesen sei: „Gleich als erstes, weil es ihm am Vortag doch so schlecht ging.“ Ich entgegne, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne, und frage, ob es ihr etwas ausmachen würde, noch einmal vorbeizuschauen. Das ist kein Problem für sie – fünf Minuten später kommt sie mit ihrer Assistenzärztin ins Zimmer. „Na, Herr Schott, wie geht es Ihnen? Ich war doch heute früh schon bei Ihnen!“ Mein Vater erinnert sich: „Ja, das stimmt. Ich hatte Sie für eine Pflegerin gehalten.“ Sie gibt uns ein kurzes Update – unter anderem, dass er bereits am nächsten Tag Brot zu essen bekommen solle. Ich meine: „Wenn er jetzt auch noch anfängt, mit Ihnen zu flirten, dann ist er über dem Berg.“ Mein Vater und die Ärztinnen lachen. Im Nachgang erfahre ich noch, dass die folgenden zwei Tage kritisch seien und die Familie weiterhin mit allem rechnen müsse. Doch zumindest für diesen Tag bin ich hoffnungsvoll. Und außerdem haben mein Vater und ich geredet. Das war mir wichtig.
Ich verlasse meinen Vater: „Das wird schon. Du bist ein Kämpfer. Es braucht nur Zeit. Also, lass es ruhig angehen. Oder hast du etwas vor?“ Als ich gehe, lächelt er und winkt mir nach. Auf dem Rückweg durch die Parchimer Altstadt begegnet mir ein älterer Herr in kurzen Hosen, der seinen Rollator vor sich herschiebt. Da ich zügig ausschreite, ruft er: „Junger Mann, nicht so schnell, hier sind dreißig!“ Er bezieht sich auf die Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich erwidere: „Betrifft mich nicht, ich bin schon deutlich über dreißig.“ Er hustet und lacht: „Dann ist ja Hopfen und Malz sowieso verloren.“
Bei meiner Mutter ist inzwischen meine Schwester da. Wir essen etwas Schnelles aus dem Imbiss und besprechen, was sie dem Vater am Nachmittag noch alles mitbringen müssen. Dann gehe ich zum Bahnhof; Mutter und Schwester fahren ins Krankenhaus.

In der Regionalbahn begrüßt mich eine frühere Klassenkameradin, die als Zugbegleitung arbeitet, mit meinem Namen. Ich hätte sie nicht so rasch erkannt wie sie mich.
Wir unterhalten uns über die Verspätungen vom Vortag. Sie erzählt, dass das inzwischen normal ist. Noch immer wird viel gebaut; die Strecken sind überlastet. Außerdem sagt sie mir, dass sie fürchtet, dass gerade die Technik auf Verschleiß gefahren wird, weil insbesondere die kleinen Pendelzüge der Regionalbahnen fast ununterbrochen im Einsatz sind. Wir erreichen Ludwigslust. Auch dieser Bahnhof ist seit vielen Jahren eine Baustelle. Aber der IC nach Leipzig ist pünktlich. Immerhin.
