Helko Reschitzki, Moabit

Die aufgehende Sonne lässt den Himmel wie eine Variante des Plakats zu Coppolas „Apocalypse Now“ aussehen. Dies ist jedoch nicht The End, my friend, sondern der Anfang der neuen Woche – und nicht Saigon, sondern Berlin. Um mir nicht ins Bild zu laufen, huscht eine junge Frau gebückt unter meinem Kameraausschnitt durch – eine etwas absurde Situation, über die wir beide lachen müssen. Das ist der Auftakt einer Reihe netter Begegnungen an diesem Montagmorgen – um 10:30 Uhr habe ich deren neun gezählt, die meisten davon mit Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Aus meiner Sicht kann ich immer wieder nur sagen, dass die Bewohner dieser Stadt mehrheitlich freundlich sind – ansonsten würden wir uns ja auch kaputt machen.

Die Wassertemperatur in der Schlachtenseebucht beträgt 16 Grad. Dem Sachsenpaar, das mit mir hineingeht und bei den ersten Schwimmzügen scharf die Luft einzieht, rufe ich zu: „Nur noch acht Monate, dann ist es schon wieder Sommer!“ Sie amüsiert sich – und er überlegt wohl für eine Sekunde, ob er umdrehen und mich im Schilfgürtel ertränken soll.

Auf dem Rückweg sehe ich vier Buchten weiter die Schwanenfamilie mit ihren verbliebenen zwei Jungen. Ich komme mit einer älteren Dame und einem älteren Herrn ins Gespräch, die die Putzstunde der Tiere von einer Bank aus beobachten. Wir spekulieren, was wohl mit den drei verschwundenen Geschwistern passiert ist. Irgendwann landen wir bei im Wald hausenden Menschen, die sich Wasservögel braten – und beim sechs Meter langen Wels. Die beiden erzählen, dass ihnen ein Angler von einem anderen Angler berichtet hat, der im Nachbarsee einen Riesenwels gefangen haben soll, in dessen Magen sich eine noch unverdaute Ente befand. Wir müssen herzlich lachen. Urbane Legenden.

Am Nachmittag gehe ich zum Proktologen, dessen Praxis sich in einem Gründerzeitbau mit hohen Decken befindet. Die Rezeptionsdame stellt nach dem Einlesen der Krankenkassenkarte fest, dass ich zuletzt vor achtzehn Jahren zur Blinddarmentfernung dort war. Es ist immer gut, wenn man sich bereits im Patienten-System befindet. Ich bekomme den obligatorischen Ausfüllbogen, der zum Glück nur zwei Seiten hat – der beim Gastroenterologen letzte Woche hatte siebenunddreißig. Ich bin noch nicht ganz fertig mit meinen Angaben, da werde ich schon ins Behandlungszimmer gerufen – und das, obwohl die anderen Patienten vor mir da waren. Vielleicht gab es da noch einen Appendix-Bonus, den die Schwester eingelöst hat. Der Assistent ist gerade dabei, mit mir die offenen Punkte zu ergänzen, da kommt der Chefarzt hereingeweht. Ultraknappe Begrüßung, kurzer Blick auf den PC-Monitor, dann werde ich auf den Behandlungsstuhl gebeten. Das geht alles so schnell, dass mir überhaupt keine Zeit zur Besinnung bleibt – was in dem Setting nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, denn schwupps! befindet sich schon ein Gerät zur Betrachtung meines Rektums im Anus. Der Doc murmelt nur kurz etwas von „die Entzündung rausziehen“ und keine drei Minuten später wird mir hinter dem Empfangstresen das Rezept für lokal im Enddarm wirkende Zäpfchen (für die die Krankenkasse die Kosten übernimmt) sowie eine Salbe gegen die Blutungen (auf eigene Kosten) ausgedruckt – ich bin froh, dass ich vorher noch die Gelegenheit bekam, mich wieder anzuziehen. Der Kontrolltermin ist in anderthalb Wochen.

Vom Arzt geht es direkt zur Apotheke. Da die dort fachlich auf Zack sind, sich selbst bei großem Andrang Zeit für ihre Kunden nehmen und auch meine anderen Medikamente in der Datei haben, also ein Auge auf Inkompatibilitäten werfen, bitte ich um Aufklärung zu den Zäpfchen. Das kennt der Pharmazeut, der mich bedient, als Morbus-Crohn-Mittel, hat aber grundsätzlich keinerlei Einwände gegen meine Einnahme. Auf dem Beipackzettel lese ich zuhause von den möglichen Nebenwirkungen „Kopfschmerzen, Schwindel, Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen, Übelkeit, Erbrechen, erhöhte Empfindlichkeit der Haut gegenüber Sonnenlicht und UV-Licht, Hautausschlag, Nesselsucht, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen, Verengungen der Atemwege, Veränderungen des Blutbildes, Nierenentzündungen, Nierenfunktionsstörungen, Entzündung des Herzmuskels oder Herzbeutels, schwere anhaltende Entzündungen des Dickdarms, allergische Reaktionen der Lunge, akute Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Haarausfall, Veränderungen der Leberwerte, Leberentzündungen sowie lokale Reaktionen wie Brennen, Juckreiz oder vermehrter Stuhldrang im Enddarm“. Als Geschädigter eines anderen Medikaments nehme ich diese Statistiken sehr ernst – und schlafe erstmal eine Nacht darüber, ob ich das Risiko einer der aufgelisteten etwaigen, teils schweren Schädigungen eingehen möchte.

Am Dienstag kommen unabhängig voneinander gleich zwei Hunde zu meiner Buchtbank und schnüffeln dort sichtlich aufgeregt herum. Die beiden Gassigeherinnen mutmaßen, dass es an meinem Tee liegen könnte; ich weise auf das zerbrochene Ei hin, das sie nicht sehen können. Eine der Frauen fragt nach meiner Kräutermischung und meint zum Wermutkraut, dass sie das nur als Mittel gegen Parasiten kenne. Dass ich keinen Honig oder Zucker beimische, findet sie ziemlich verrückt, ergänzt aber, dass sie gerade eine ihrer „süßen Phasen“ habe, die sie am liebsten sofort beenden würde. Als ich meine, dass sie das langsam angehen sollte, sagt sie: „Es wird schon seinen Grund haben, warum wir uns begegnet sind und du die Bitterstoffe erwähnt hast.“

Beim Tischtennis fragt mich eine Mitspielerin, mit der ich mich ab und an über Privatdinge unterhalte, ob ich im Anschluss Zeit für sie hätte, sie würde gern mal wieder mit mir quatschen. Wir gehen etwas früher – sie schlägt einen Spaziergang zu einem (mir noch unbekannten) nahen Park vor; ich hole dafür eine Runde Kuchen vom Biobäcker – eine ausgezeichnete Idee, wie wir beide später feststellen! Sie spricht die Coronazeit an und sagt, dass ihr die Dimension des Ganzen erst jetzt richtig bewusst wird. Sie hat alles geglaubt, was die Medien sagten: „Euch Maßnahmenkritiker habe ich echt für Nazis gehalten; so verpeilt war ich.“ Wir reden über psychische Manipulationstechniken, die sie aus ihrer eigenen, oft sehr traurigen Lebensgeschichte gut kennt, das aber bisher nie auf unsere Gesellschaft übertragen hat. Wie ich hat sie extrem schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht, galt jahrelang als Psychosomatikerin und hysterisch – bis ihr dann endlich eine Ärztin richtig zuhörte, sie gründlich untersuchte und dadurch die physische Ursache für ihr Leiden fand. Wir sind uns einig, dass zugewandte Menschen, gerade im medizinischen und psychologischen Bereich, wie ein Sechser im Lotto sind. Sie schildert aus ihrem persönlichen Alltag Beispiele von Sexismus, von wo aus wir auf allgemeine Übergriffigkeiten und die dadurch notwendigen Abgrenzungen kommen. Da sie Linke und Feministin und fünfundzwanzig Jahre jünger als ich ist, hat sie oft einen völlig anderen Blickwinkel (so wie ich auch aus ihrer Sicht) – das macht unseren Austausch jedes Mal spannend; manchmal müssen wir sogar bestimmte Begrifflichkeiten klären, was ich interessant finde. Nach zwei teils heftigen, aber oft auch lustigen Stunden verabschieden wir uns.

Die Entscheidung ist getroffen – abends nehme ich das erste Zäpfchen. Ausschlaggebend war die gute Erfahrung, die ich bei der Blinddarm-OP mit dem Arzt machte – ab irgendeinem Punkt muss man ja vertrauen. Das Risiko einer Medikamentenschädigung bleibt natürlich bestehen.

Am Mittwoch wieder einmal Nebel – das surreale, beglückende Gefühl, auf der Rehwiese unter den dichten Schwaden hindurchzugehen, nutzt sich einfach nicht ab. Da ich später in Schlachtensee einkaufen will, gehe ich am Südufer ins Wasser. Während ich meinen Aufwärmtee trinke, kommt eine junge Frau in die kleine Bucht und fragt, ob es mich stören würde, wenn sie kurz schwimmen geht – das nenne ich mal höflich! Noch während sie drinnen ist, kommen wir ins Gespräch – Aufhänger ist das, wie sie sagt, „zwickende Wasser“. Ich erzähle ein wenig vom Winterbaden, womit sie sich, obwohl sie es noch nie selbst ausprobiert hat, gut auskennt. Sie erwähnt das Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus, das dafür sorgt, dass man gelassener auf psychischen oder physischen Stress reagiert, was ich vollumfänglich bestätige. Sie hat eine ziemlich lange An- und Rückfahrt zu ihrer Arbeitsstelle, lässt es sich aber nicht nehmen, in den warmen Monaten auf halber Strecke kurz baden zu gehen; der Energieschub hält über Stunden an. Dann muss sie leider weiter – und macht dabei noch einen Schlenker zu mir herüber, um zu sagen, dass das eine wirklich schöne Begegnung war. Was ich selbstverständlich zurückgeben kann.

Wo ich aktuell an die Grenzen meiner Widerstandskraft komme, sind die Kontakte mit dem Gesundheitssystem. Die Anamnesen verdienen ihren Namen nicht, die Fachärzte haben keine Zeit, kaum jemand hört genau zu. Alles ist auf Normmenschen ausgerichtet, die mit normierten Behandlungen schnell in die Spur gebracht werden sollen; Schäden sind eingepreist. Meine Furcht vor dem Mahlwerk der Maschinenmedizin, die ich ja seit Jahren weitestgehend meide, schlägt sich auch auf meinen Körper nieder – ich merke richtig, wie das Immunsystem herunterfährt. Da gilt es, besonders achtsam zu sein, also koche ich mit dem Rest der TCM-Kraftbrühe aus der letzten Woche eine köstliche Tom-Yum-Suppe. Und ich lasse, um Energie zu sparen, die Hatha-Yogastunde ausfallen.

Grauer Donnerstag. Ruhige Seerunde, nur oben vom Bahndamm bellt ein Hund – er erinnert mich an eine stumpfe Säge. Dazu das in Richtung meiner Bucht zunehmend leiser werdende Rauschen der AVUS und vom anderen Ufer die 8-Uhr-Glocke der Johanniskirche sowie ab und an eine verhuschte Lautsprecherdurchsage, die dem metallenen Rhythmus der nahenden S-Bahn vorausgeht. Das Sachsenpaar, das monatelang seine Klamotten in Schwimmsäcke packte und damit ans Ostende des Sees schwamm, um sich dort wiederanzuziehen, hat nun die „Einwegsaison“ beendet – da es inzwischen ziemlich kalt ist, braucht man so viel Kleidung, dass die Bojenbeutel untergehen würden. In Moabit blasen die Schornsteine schwarze Vogelschwärme in den düsteren Himmel.

Es bleibt ein rundum dunkler Tag – beim Tischtennis rutscht eine der Mitspielerinnen aus und schlägt mit dem Kopf gegen die Wand. Sie verliert dabei zwei Zähne – geistesgegenwärtig bringt jemand aus der Kochgruppe ein Schraubglas voller Milch, in das wir diese packen; dadurch kann mit etwas Glück die Zahnwurzelhaut überleben, sodass sie wieder erfolgreich eingesetzt werden und anwachsen können. Der sehr schnell eingetroffene Rettungsdienst bringt die Verunglückte in eine Notaufnahme mit Kieferchirurgie – diese kurzen Wege und (bei aller Kritik) letztlich dann doch immer noch gute medizinische Infrastruktur sind zwei der vielen Vorteile des Lebens in einer deutschen Großstadt.

Am Freitag wache ich bereits um kurz nach drei auf – wahrscheinlich hatte mein Gehirn keine Lust mehr, das zugemölte Unterbewusstsein aufzuräumen. In Westkreuz sehe ich einen herrlichen Sonnenaufgang – in den pastellfarbigen Wolken kreisen schreiend zwei Raubvögel. Der neben mir sitzende, junge Radfahrer in der S3 liest „Die schönsten Gedichte von Kurt Tucholsky“ – oh Freunde, es besteht noch Hoffnung! Der See sieht aus, als ob er mit rot-brauner Tusche überschüttet wurde.

Eine halbe Stunde darauf wird es ungemütlich – kalter Wind peitscht Regenschauer durch die Stadt. Der Obdachlosenzeitungsverkäufer vor dem Moa-Bogen-Center hat keinen Hals mehr, so sehr zieht er bibbernd die Schultern hoch – ich spendiere ihm ein warmes Getränk. Und er reißt seinen Mund weit auf und sagt zu mir voller Stolz: „Guck mal, ich hab seit gestern neue Zähne! Nach vier Jahren kann ich endlich wieder Festes essen!“ Seine Freude darüber strahlt aus jeder Pore. Ich freue mich aus ganzem Herzen mit ihm: „Glückwunsch – das ist wirklich toll! Neue Zähne sind ein neues Leben.“ – „Genau. Ich bin so happy, das glaubst du gar nicht.“ Und so stehen wir beide im saukalten Regen, der glücklichste Mensch Berlins und ich, und freuen uns gemeinsam über diese wirklich schöne Wendung in seinem definitiv nicht leichten Leben.

