Frank Schott, Leipzig
„Worte sind wichtig“, sagt unser Montagstherapeut immer. „Denn in der Psychotherapie haben wir nichts anderes als Worte, um zu heilen.“

Wie komme ich gerade jetzt darauf?
Die Phase zwischen dem bisherigen Job und dem danach Kommenden (was immer das auch sein wird) fülle ich unter anderem mit Lesen. Ich beschäftige mich in dieser Dazwischenzeit mit Büchern, die mich weiterbringen können. Aktuell ist das Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“, das nach „Haben oder Sein“ das zweite Werk von ihm ist, dem ich mich widme. Mir wird bewusst, wie tief seine Texte von Liebe und Vertrauen in den Menschen durchdrungen sind.
Ich sitze mit einem großen schwarzen Kaffee und einer Salzbrezel im Café und bin so in die Lektüre vertieft, dass die Welt um mich herum versinkt. Eben noch beherrschten ein bockendes Kind mit seinem Geschrei und ein Mitarbeiter im Hintergrund, der meine Bestellung „ein schwarzer Kaffee ohne alles“ wie einen köstlichen Witz pausenlos wiederholte, die Geräuschkulisse – jetzt ist alles ausgeblendet.
Manche Passagen muss ich zweimal lesen, um sie zu erfassen. Verlerne auch ich allmählich das verstehende Lesen? Vielleicht war es aber schon immer so, dass manche Worte mehrfach gelesen werden müssen, um das Gesagte aufzunehmen. Das ist wie der Unterschied zwischen „Ich verstehe dich“ (ich habe deine Worte gehört) und „Ich habe dich verstanden“ (ich habe den Sinn deiner Worte erfasst).
Fromm erörtert verschiedene Formen der Liebe. Ich bin gerade im Abschnitt, in dem es um die „Liebe zu Gott“ geht. Angesichts meiner vielen Besichtigungen von Kirchen und der stillen Bitten um Kraft trifft er einen Nerv bei mir. Für ihn entspringt die Gottesliebe „dem Bedürfnis, das Getrenntsein zu überwinden und Einheit zu erlangen“. In den frühen animistischen Glaubensvorstellungen war dies die Einheit mit der Natur. Diese Naturverbundenheit wich dem matriarchalischen Bild eines Gottes, der bedingungslos wie eine Mutter liebt, und dem patriarchalischen Gott, dessen Liebe man sich durch braven Gehorsam verdienen muss. Schließlich führte die Entwicklung zu einem transzendenten, paradoxen Gott, den man weder rational erkennen noch im Inneren erfahren kann.
Der Philosoph und Psychoanalytiker erkennt darin eine Übereinstimmung mit den östlichen Religionen, die nicht das richtige Denken oder Wissen in den Vordergrund rücken, sondern das richtige Handeln. Und so landet er überraschenderweise bei Karl Marx und dessen Ausspruch: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Beladen und erfrischt mit diesen Gedanken, beende ich mein Frühstück.
Für den Moment ist mir leicht ums Herz – auch ich möchte viel mehr vom Grübeln ins Tun kommen.

Ich durchquere spontan eine der weniger repräsentativen historischen Einkaufspassagen. Dort begegne ich meinem Nachbarn. Schon von Weitem erkennen wir einander; je näher wir uns kommen, desto größer werden das Grinsen und die Freude.
Obwohl wir nebeneinander wohnen, haben wir uns seit Tagen nicht gesehen. Da ist ein Funken, ein Licht, eine Wärme, die mehr sind als wir selbst. Mir wird bewusst, dass ich dasselbe empfinde, wenn ich die anderen gefallenen Engel der Montagsrunde wiedersehe.

Die vergangene Woche hatte mich mental sehr erschöpft und in eine tiefe Leere gestoßen. (Womit auch die Frage beantwortet ist, ob man einen depressiven Menschen deprimieren kann – man kann.) Wieder Zuhause sehe ich endlich auch das Schöne, das in dieser Zeit passierte.

Zunächst waren das unsere zwei Kater, an denen ich den Wechsel der Jahreszeiten beobachten kann. Morgens, wenn die Wecker klingeln, ist es draußen herbstlich dunkel. Und die beiden liegen zusammengerollt an ihren Lieblingsplätzen und schlafen – es ist noch nicht die Zeit für Erledigungen.

Außerdem war es der Nebel am Wochenende. Ich erinnere mich an meine Überraschung auf der Terrasse, als ich merkte, dass Wäsche in dieser hohen Luftfeuchtigkeit und ohne Wind nicht trocknet. Natürlich hätte ich auch vorab zu dieser Erkenntnis kommen können, aber durch das Erfahren entfaltet dieses Wissen eine ganz andere Wirkung. Stellenweise hielt sich der Nebel bis zum Nachmittag, dann vertrieb die Sonne die restlichen Traumgespinste und ergoss ihr warmes Licht.

Und dann war ich auch noch in einem Gotteshaus. Wieder einmal. In der Peterskirche geriet ich mitten in eine Chorprobe der Thomaner. Was für ein Klang! Das Herz ging mir über vor Freude. Dieses gemeinsame Singen der Knaben und fast ausgewachsenen Jugendlichen, nur begleitet von einer kaum vernehmbaren Orgel und einem Kontrabass, berührte etwas in mir, das viel größer ist als ich. Ein Urvertrauen in die Menschheit und, dass – mir fällt kein besseres Wort ein – Erlösung für uns Menschen möglich ist.

Aber zurück im Hier und Jetzt ist mein Transkind gerade voller Wut. Los geht es, weil es ein Zeichenlehrbuch erwerben will, dieses aber über 100 Euro kostet. „Wie kann etwas so teuer sein? Wie kann man an Wissen verdienen wollen?“ Ich versuche es zu erklären – mit der Arbeit des Autors und der Wertschöpfungskette danach, vom Papier über die Druckerei und den Verlag bis zum Buchhändler, sowie den Marktregeln für kleine Mengen sehr spezieller Güter.
Von da aus landen wir bei Grundsätzlichem: Dass es den Menschen bessergehen solle. Dass man anderen etwas abgeben müsse, wenn man zu viel besäße. Dass es nicht strafbar sein dürfe, wenn man etwas stehle, das man sich sonst nicht leisten könne.
Mein Kind kommt mit jener Inbrunst einer revolutionären Wut daher, die aktuell viele Jugendliche erfüllt. Und ich erzähle von der Bibel. Von Fromms „Haben oder Sein?“, von der Notwendigkeit, den Menschen und die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Ich sage: „Wir beide sind uns beim Ziel sogar einig. Worin wir uns unterscheiden, das ist der Weg dorthin.“
Am Ende ist da keine Wut mehr. Zumindest für diesen schönen kleinen Moment.

Der schöne Moment wird noch viel schöner, als die Sonne hervorkommt. Wie immer mache ich einen Spaziergang – und noch einen und noch einen. Überraschend viele Paare und Familien, die mir begegnen, sprechen Russisch. In den Cafés und Freisitzen spricht man dagegen Deutsch. Vereinzelt donnert arabische Musik aus Autofenstern. Ich gehe zum Springbrunnen im Clara-Zetkin-Park, der mit fast viermonatiger Verspätung nun doch noch rechtzeitig vor dem Winter in Betrieb genommen werden konnte. Und auch hier: Das Licht! Das Licht!

