Frank Schott, Leipzig
Wie anders die Stadt wirkt, wenn man zehn Minuten früher als sonst unterwegs ist! Noch hasten keine Kinder an der Hand gestresster Eltern in Richtung Schule. Keine Mütter und Väter donnern mit stahlverstärkten Lastenrädern über die Radwege. Die Busse und Bahnen spucken noch keine Barbarenhorden aus, welche die Lehrer in den folgenden Stunden zur Verzweiflung oder Weißglut bringen werden.
Dafür vernimmt man den Gesang der Werkzeuge. Das Röhren einer Kreissäge, den Brunstschrei eines Betonbohrers, die Stampede der Rüttelplatten, das Bleib-weg-aus-meinem-Revier-Brüllen von Motorsägen. Ein Urwald voller mechanischer Geräusche, ein Jurassic Park der Maschinen.

Wo ich schon einmal draußen bin, kann ich auch gleich eine große Runde drehen. Ich entscheide mich, zunächst den Auenwald zu durchqueren und dann dem Karl-Heine-Kanal in Richtung Plagwitz zu folgen. Der Berufsverkehr ist durch, nur wenige Fußgänger und Radfahrer begegnen mir entlang des Flusses. Vögel kreisen vor einer der zu Lofts und Büros umgebauten ehemaligen Fabriken. Die schräg stehende Sonne wirft riesige Silhouetten an die Wand – Tauben, die einen Schatten groß wie Kondore hinterlassen.

Rechterhand taucht eine Treppe auf, die ich kurzentschlossen nutze, um in Plagwitz einzutauchen. Wenige Meter weiter stehen vor dem Gebäude einer dieser unzähligen privaten Einrichtungen, die sich von Bildungsgutscheinen ernähren, zwangsverpflichtete Zöglinge aller Altersklassen und rauchen. Lernpause. Ein kleines Stück weiter links liegt eine Kirche, die ich nicht kenne. Spontan prüfe ich, ob die Tür sich öffnen lässt.

Sie gibt nach, und sofort höre ich Musik – live gespielt, keine Aufzeichnung. Hinter den Glastüren, die den Vorraum vom Schiff trennen, hat sich ein klassisches Orchester versammelt. Es ertönen Sängerstimmen. Ich gehe hinein und bin inmitten einer Probe. Auf den Stühlen sitzen die Souffleure, Dramaturgen, Regisseure und geben Anweisungen. Ein paar weitere Zuhörer scheinen wie ich spontan angelockt worden zu sein.

Einer der Sänger hält ein Steuerrad, während ein weiterer, offenbar ein Kapitän, Fragen stellt. Kurz nachdem die Musik einsetzt, unterbricht ein Mann aus dem hinteren Teil des Orchesters und sagt, dass es so nicht funktioniere. Da möchte ich nicht stören. Mit mir bricht ein weiterer Zuschauer auf; wir schlüpfen beide schnell durch die Tür, die ich vorsichtig schließe. Draußen frage ich ihn, ob er zufällig wisse, welches Stück hier geprobt wird. – „Der fliegende Holländer.“ – „Logisch“, sage ich mit einem Grinsen: „Hätte ich auch selbst drauf kommen können, wegen Steuerrad und Käpt’n und so.“

Ich spaziere weiter durch Plagwitz – und wecke sprichwörtlich einen schlafenden Hund, der mich durch eine Fensterscheibe ein wenig traurig anschaut. Auf dem Gelände der Kleinmesse bauen Schausteller ihre Fahrgeschäfte, Attraktionen und Verkaufsstände auf. Alles ist endzeitmäßig leer und leblos – weil der Jahrmarkt erst am Freitag eröffnet wird, sind noch keine Rummelzombies da.

Beim Schlendern bevorzuge ich Strecken, auf denen ich Ampeln vermeide und gleichzeitig viel Grün um mich herum habe. Manchmal sind das Nebenstraßen und Waldwege, oft genug jedoch stark befahrene Trassen, die den Auenwald durchschneiden. Der Lärm der Pkws, Transporter und Lkw ist fast unerträglich.

Schließlich gelange ich ins Rosental. Vor mir läuft eine Mutter mit Kleinkind, das plötzlich laut „соба́ка“ ruft – das bedeutet Hund, wie ich mich aus meinem Schulrussisch erinnere. Später werden die beiden genau wie ich durch die sogenannten Zoofenster auf der Rasenfläche Giraffen und Nashörner sehen – aber deren russische Bezeichnungen würde ich wohl nicht erkennen.

Um die finalen Seiten des Romans über die kurze Herrschaft von Pippin IV. zu lesen, möchte ich auf einer der Bänke Platz nehmen. Aber alle sonnenbeschienenen sind bereits besetzt; die letzte freie schnappt sich vor mir ein asiatisches Touristenpärchen. Da es mir im Schatten zu kalt ist, gehe ich weiter in die Innenstadt. Auch vor dem Alten Rathaus werden Sitzbänke, eine Bühne und Verkaufsstände aufgebaut – die Herbstmarkttage stehen in den Startlöchern.

Hier habe ich Glück und nehme auf einer der leeren Sonnenbänke Platz. Ich beende das Buch vom Herrscher wider Willen, der von der französischen Politik zum Symbol erkoren, aber sofort verstoßen wird, als er eine echte, unabhängige Entscheidung für das Land treffen will. Dieser Pippin erinnert mich an Bundespräsident Horst Köhler – auch er wollte sein Amt ernst nehmen und scheiterte an der politischen Realität. Insofern ist John Steinbecks kleine „Fabrikation“ (so der Untertitel der Originalausgabe) eine erstaunlich aktuelle Geschichte.

Während ich das Buch in meinem Rucksack verstaue, ärgere ich mich ein letztes Mal über den lieblosen und irreführenden Titel der deutschen Übersetzung – „Laßt uns König spielen. Ein fabriziertes Märchen.“ Ehrlich, wer denkt sich so etwas aus? Das nächste, was ich lese, wird wieder psychologisch. Beim Ausmisten habe ich ein weiteres Werk von Erich Fromm in meiner Bibliothek entdeckt – „Die Kunst zu lieben“. Ich bin gespannt.
