Gregor Dill, Moabit
Von Erkältung, Medizin und dem langen Weg eines Wirkstoffs

Ich bin krank. Nicht dramatisch.
Erkältet. Müde. Hals. Nase. Kopf.
Der Körper ist beschäftigt. Das merkt man.

Und ziemlich schnell taucht diese vertraute gesellschaftliche Frage auf:
Wie werde ich möglichst schnell wieder funktionstüchtig?
Nicht unbedingt gesund.
Funktionstüchtig.
Das ist ein Unterschied.
Ich kenne diesen Moment.

Ich könnte jetzt ein pharmazeutisches Präparat nehmen.
Etwas gegen Schmerzen.
Etwas gegen Fieber.
Etwas gegen Husten.
Etwas gegen die Nase.
Manchmal ist das sinnvoll. Manchmal auch nicht.

Bei mir beginnt vorher ein anderer Weg:
Salbei.
Lindenblüte.
Thymian.
Ingwer.
Meerrettich.
Honig.
Nelke.
Rosmarin.
Hagebutte.
Nicht als romantische Gegenwelt zur Pharmazie, sondern als etwas Vertrautes.

Ich kenne diese Pflanzen.
Ich kenne ihren Geschmack.
Ich kenne ihre Wärme, ihre Schärfe, ihre Bitterkeit, ihren Duft.
Und ich kenne meinen Körper inzwischen gut genug, um zu merken, wann er Ruhe und wann er aktive Unterstützung braucht.
Das ist etwas anderes, als einen Zustand zu überdecken.

Der Körper ist kein Durchgangsrohr.
Wenn wir ein Medikament nehmen, passiert sehr viel in uns.
Der Wirkstoff wird aufgenommen und verteilt. Er bindet an Rezeptoren an und verändert Prozesse.
Manches hilft genau dort, wo es soll.
Manches wirkt zusätzlich an anderen Stellen.
Und irgendwann verlässt ein Teil dieser Substanzen den Körper wieder.
Nicht als feste Tablette, sondern gelöst.
Durch die natürliche Entleerung.
Und gelangt damit in das Abwasser.
Viele Arzneistoffe landen nicht als achtlos entsorgte Tabletten im Abfluss – sie nehmen den Weg durch uns hindurch, wandern über Urin und Kot in die Toilette und von dort aus weiter in den Wasserkreislauf.

Das macht die Sache für mich interessant. Denn damit endet eine Medikamenteneinnahme nicht – sie läuft weiter.
In einen Kanal. In eine Kläranlage. In Gewässer.
Möglicherweise in das Grundwasser. Möglicherweise von dort in die Trinkwasseraufbereitung.
Ein Wirkstoff, der für meinen Körper gedacht war, taucht plötzlich in einem völlig anderen Gefüge auf.
Dort ist er nicht mehr Medizin, sondern Spurenstoff, Belastung, Aufbereitungsaufwand.
Und plötzlich liegt da eine sehr einfache Linie – nicht moralisch, nicht kompliziert. Nur sichtbar.

Was ich einnehme, bleibt nicht nur bei mir.
Das gilt für Medikamente.
Aber auch für Nahrung, Chemikalien, vieles anderes, was wir benutzen.

Das Wasser trägt weiter, was wir ihm übergeben.
Darum beginnt Gewässerschutz früher, als viele denken.
Nicht erst im Klärwerk. Nicht erst mit der vierten Reinigungsstufe. Nicht erst mit Aktivkohle und Ozon. Vielleicht beginnt er schon in dem Moment, in dem ich mich frage:
Brauche ich dieses Pharmaprodukt wirklich? Oder etwas anderes?
Eine starke Intervention?
Zeit?
Wärme?
Flüssigkeit?
Schlaf?
Ruhe?
Ein Kraut?
Ein Wurzelstück?
Etwas, das meinen Hals beruhigt?
Etwas, das den Schleim löst?
Etwas, das mich dazu bringt, langsamer zu werden?

Ich bin kein Gegner der sogenannten Schulmedizin. Überhaupt nicht. Wenn ich sie brauche, bin ich froh, dass sie da ist. Sehr sogar. Aber mein persönlicher Schwellenwert liegt weit hinten.
Nicht weil moderne Medizin nichts kann, sondern weil der Körper auch sehr viel kann. Und weil ich möglichst lange behutsam mit ihm arbeiten möchte, bevor ich durch pharmazeutische Produkte stärker in seine Prozesse eingreife.

Antibiotika sind dafür ein gutes Beispiel.
Sie können notwendig sein. Sie können Leben retten.
Und trotzdem wurden sie über Jahrzehnte zu breit eingesetzt. Zu oft. Zu selbstverständlich. Auch dort, wo sie gar nicht helfen konnten – bei viralen Erkältungen zum Beispiel.
Die Folge ist bekannt: Resistenzen. Also weniger wirksame Antibiotika.
Und wieder entsteht in mir derselbe Gedanke:
Wenn wir zu früh zu stark eingreifen, kann der spätere Handlungskorridor eng werden.
Das betrifft nicht nur den einzelnen Menschen, es betrifft uns alle.

Und dann ist da das Mikrobiom – Milliarden kleiner Mitbewohner.
Auf der Haut. Im Mund. Im Darm. In den Schleimhäuten.
Sie leben mit uns.
Bakterien, Viren, Pilze.
Protozoen und Archaeen aus der Urzeit.
Sie beeinflussen Verdauung, Immunreaktionen, Stoffwechsel und viele andere Prozesse.
Und darum will ich zunehmend weniger Krankheit bekämpfen, sondern ein gestörtes Gefüge wieder in Bewegung bringen.
Nicht alles muss beseitigt werden – manches eher beruhigt, manches gestärkt. Anderes darf einfach Zeit zur Selbstheilung bekommen.

Heute bleibe ich bei Tee.

