Frank Schott, Leipzig

Da es Probleme mit den Terrassenabflüssen gibt, sind in unseren Reihenhäusern aktuell die Dachdecker unterwegs. Pro Tag bewältigen sie ein Haus. Beim Bau, so die Handwerker, sei gepfuscht worden. Sie (ja, das war damals dieselbe Firma, aber – natürlich! – andere Kollegen) hätten auf Wunsch des Bauträgers einfach ein Rohr in die Wand gesteckt, weil professionelle Metallgullys seinerzeit nicht lieferbar waren. Der Auftraggeber wollte, dass sie schnell fertig werden, damit er ohne Verzögerung die Ratenzahlungen von den künftigen Besitzern (also uns) bekommt.

Gebaut wird momentan auch auf unserem kleinen Rasen – irgendjemand hebt dort in der Nacht größere Gruben aus. Nachdem unsere Kater am Sonntagabend Alarm schlugen, entdeckten wir auch den Übeltäter und konnten mit dem Handy sogar ein Fahndungsfoto machen. Die Katzen hatten wir sicherheitshalber drinnen gelassen, was sich als richtig erwies – beim Kampf Katze gegen Waschbär würde ich nicht auf die Katze setzen. Vielleicht sollten wir uns eine Wildkamera besorgen – Igel und Fuchs waren schließlich auch schon gesichtet worden.

Apropos sichten: Am Sonntagvormittag nutzten wir eine Regenpause, um im Auenwald nach Pilzen zu suchen. Wir wollten nichts Essbares für uns, sondern einfach möglichst viele unterschiedliche Sorten aufspüren und fotografieren. Die klassischen Waldbodenbewohner fanden wir kaum – vielleicht brauchen sie noch einige feuchte Tage. Dafür ließen sich besonders auf oder in der unmittelbaren Nähe von Totholz Arten in verschiedensten Größen, Formen und Farben entdecken – als da wären:

Die Dreifarbige Koralle, die tatsächlich an die gleichnamigen Meerestiere erinnert. Sie ist zwar giftig, aber laut unserer Informationsquelle nicht lebensbedrohlich.

Besonders farbenfroh und auffällig groß ist eine Art, die wir an einem Baumstamm entdeckten und bei der es sich um den Gemeinen Schwefelporling handeln soll, dessen junge Fruchtkörper essbar sind und gegart nach Hühnchen schmecken.

Andere Sichtungen erinnerten an Schnecken, die die Bäume hochwandern, oder präsentierten sich als klassische Vertreter mit Hut.


Da wir keinerlei Pilzwissen haben, verblieben alle Fundstücke im Wald.

Auch am Montag sind die Dachdecker wieder unterwegs. Obwohl sie bei uns schon am Freitag fertig geworden waren, müssen sie erneut vorbeischauen, weil sie auf unserer Dachterrasse und im Garten über das Wochenende ihr Equipment geparkt haben. Da sie sich für den frühen Morgen ankündigten, verkürze ich die Runde mit meiner Frau und kehre eher um als gewohnt. Aber wie das in solchen Fällen immer ist: Die Handwerker erscheinen nicht gegen 7.45 Uhr, sondern erst um 9.30 Uhr. Die Kosten für die professionelle Erneuerung der Abflüsse bleiben übrigens an uns Hauseigentümern hängen, weil die Gewährleistung und die Verjährungsfrist längst abgelaufen sind.

Zurück von der Morgenrunde springt mir daheim eine depressive Anwandlung direkt ins Gesicht. Schlagartig ist alles grau und leer. Ein kleines Frühstück hilft, die Lebensgeister zu wecken und etwas Farbe ins Gemüt zu bringen. Und bessere Stimmung brauche ich, denn Montag ist Bewerbungstag. Abgesehen von Hilfs-, Assistenz- und Verkaufsjobs ist die Lage düster. Nur zwei Stellenangebote passen halbwegs. Meine Erwartungen sind gering – über die wohl kommende Absage werde ich mich dennoch ärgern.

Gegen 11 Uhr sind die Dachdecker so weit vorangekommen, dass sie meine Hilfe oder den Zugang ins Haus nicht mehr benötigen. Also schnüre ich die Laufschuhe und ziehe ab in den Auwald. Es ist kühl, zudem weht ein kräftiger Wind, dennoch friere ich nicht. Souverän jogge ich acht Kilometer, zwischen Pfützen, die für den Rest des Herbstes vermutlich nicht mehr vollständig von meinen Laufwegen verschwinden werden. Vereinzelt scheint sogar die Sonne. Das ist genau das, was ich jetzt brauche: Leben und Lebendigkeit um mich herum.

