Helko Reschitzki, Moabit

Grauwolkiger Samstagmorgen. Die Bäumchenskelette auf der vermüllten Fläche vor dem Heizkraftwerk Moabit gäben eine passende Kulisse für eine Endzeitserie her. Nebelkrähen knarzen wie eine hastig geöffnete Kerkertür, hinter der ein vergessener Gefangener liegt. Tauben pressen leise Rolllaute durch ihre Luftröhren – „This is what it sounds like when doves cry …“ Silberstreif am Horizont ist der Silberstreif am Horizont. Die gegen den Uhrzeigersinn fahrende Ringbahn ist voller Billiglöhner.

Nach Wochen sichte ich im Schlachtensee mal wieder Mandarinenten. In der Bucht trinkt eine Frau Wein aus einer in einem Beutel versteckten Flasche – eine Lehrerin, angeschickert, im Laberflash, sehr amüsant. Sie springt übergangslos von Thema zu Thema, lallt dabei aber nicht – das macht wahrscheinlich die Übung. Von mir inspiriert, geht sie baden. Ich bin froh, dass sie zurückkommt. Als ich mich auf den Weg mache, ruft sie mir nach, ich dürfe nicht vergessen zu wählen. Ich verspreche es ihr.

An der Biomarktkasse komme ich mit dem Mann hinter mir ins Gespräch – ein Berliner, der in Stralsund lebt und in der Bauwirtschaft arbeitet. Und schon sprechen wir über unsere quasi Doppelwahl am Sonntag. Er hat null Hoffnung für seine Branche, egal, wer wo an die Macht kommt, denkt, dass nur noch ein Neustart des Politsystems etwas ändern kann. Erstaunlich, wie offen die Leute gerade mit Fremden über Politik reden.

Dann ist er endlich da, der Wahlsonntag in meiner alten und in meiner neuen Heimat. Bald hat die Pathologisierung als die Demokratie nicht begreifender Dummfascho respektive Latte schlürfender, links-grün-versiffter, veganer Shithole-Woki ein Ende. Am Buchtrand schwimmt etwas, das äußerst seltsam aussieht. Ich gehe näher und erkenne eine Schwimmblase. Ich finde sie wunderschön und gleichzeitig etwas eklig.

Auf dem Rückweg mache ich einen Schlenker zum Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni. Aus einem der letzten überhaupt aufgestellten CD-Kartons fische ich Purcells Begräbnismusik für Königin Maria II., inmitten des Dreißigjährigen Kriegs geschriebene Madrigale von Heinrich Schütz und Marc-Antoine Charpentiers „Lektionen der Finsternis“ – das scheint mir, so oder so, der geeignete Soundtrack für den Abend zu sein.

Nach dem Mittag ziehe ich, der allerletzte Fan der parlamentarischen Demokratie, mein bestes Hemd an und gehe ins Wahllokal. Das befindet sich gleich um die Ecke im mir bislang nicht aufgefallenen Deutschen Muslimischen Zentrum. Ich mache die drei Kreuze und bedanke mich beim Urneneinwurf bei den Helfern. Auf unserem Hof treffe ich eine Nachbarin, die kurz vor mir wählen war. Sie weist mich darauf hin, dass in den Räumlichkeiten auch ein Jüdisch-Muslimischer Salon veranstaltet wird. Ich sage, dass so etwas bei der zu vermutenden neuen Regierung wichtiger denn je werden könnte – wir lachen bitter auf. Sie hat früher selbst für die Kommune gearbeitet, es dann dort aber nicht mehr ausgehalten bei all der Bräsigkeit und Bürgerverachtung. Nachdem sie den Vater im Heim dahinsiechen sah, pflegt sie im Wechsel mit ihrer Schwester die Mutter. Sie fühlen sich von der kommenden Pflegereform verarscht – das Einzige, was sie der Politik noch zutrauen, ist, dass sich bei weiteren Kürzungen in dem Bereich die Selbstmordrate erhöht.

Um die Zeit bis zur ersten Hochrechnung zu überbrücken, schreibe ich ein Gedichtchen: „Der Schlachtensee, der glitzert schön / auch nach der Schlacht / trotz alledem / Ob links ob rechts, ob null Ideen / es funkeln die Berliner Seen“. 18 Uhr – Jörg Schönenborn und icke sind ready to rumble. Die Prognosen bestätigen meine Erwartungen (die Beerdigung der Landes-CDU in Mecklenburg-Vorpommern soll sich erst später manifestieren). Abendbrot und ab 20:15 Uhr in den Live-Stream des rbb. Es gibt nach jeder Wahl ungefähr anderthalb Stunden, wo die dritten Programme nur ehemalige Top-Politiker vor die Kamera bekommen – das sind die raren Momente, wo sich kurz die Luke zum Maschinenraum der Macht öffnet. Und so ist es auch heute: Unser Ex-Bürgermeister Müller sagt wenig Schmeichelhaftes über seine Partei. Renate Künast, Petra Pau und Monika Grütters reden ebenso Klartext – die CDU-Frau mit einem auch rhythmisch gelungenen Monolog in Richtung eines Pankower AfD-Bundestagsabgeordneten. Dessen Nase ist schwarz-blau und sieht aus, als ob sie gebrochen ist – ich dachte zuerst, ich habe „Babylon Berlin“ eingeschaltet. Moderator Volker Wieprecht ist zu allen kritisch-fair und moderiert die Sendung schlagfertig souverän runter.

Am Montag ist mein S-Bahn-Waggon auf dem Rückweg vom See sehr voll. Ein Jugendlicher, der in einer großen Gruppe mit viel Gepäck unterwegs ist, schiebt seine Koffer zur Seite und macht mir Platz. Ich bedanke mich und sage zu seinem Kumpel, der uns gegenüber sitzt: „Hi.“ Man sieht ihm an, dass er etwas Cooles antworten will – was ihm auf die Schnelle einfällt, ist: „Und, wie heißen Sie?“ Damit habe ich nun nicht gerechnet. Ich beantworte die Frage, meinen Vornamen haben sie noch nie gehört. Ich frage nach ihren Namen und wohin sie unterwegs seien. – „Klassenfahrt nach Usedom.“ Ich: „Klingt gut. Da ist es wirklich schön – und ihr könnt in der Ostsee baden!“ Beide wie aus einem Mund: „Never!!!“ Ich: „Wieso?“ – „Viel zu kalt.“ – „Und außerdem haben wir keine Badehosen mit!“ Ich: „Das macht nichts. Das ist der Osten, da baden alle nackt.“ Sie rufen gespielt empört, warum ihnen das keiner gesagt hätte. Sie fragen, wo ich gerade herkomme. Ich erzähle ein wenig vom See. Einer der Jungs ist Angler und schwärmt uns von Eisvögeln vor, die er wunderschön findet. Sein Klassenkamerad staunt. Sie wohnen in Caputh, einem 5000-Seelen-Kaff bei Potsdam: „Ein Supermarkt, vierzehn Bushaltestellen. Mehr ist da nicht.“ – „Werden die Haltestellen noch befahren?“ – „Ja.“ – „Da habt ihr Glück.“ Ich schildere ein wenig das mecklenburger Hinterland, wo das teilweise nicht mehr passiert. Der Eine erzählt, dass er mal an der Müritz war und es dort toll fand. Es folgt eine kleine Abschweifung zum unterklassigen Fußball – der Caputher SV spielt „gar nicht mal schlecht“ in der Kreisliga. Als wir in Grunewald einfahren, meint mein Gegenüber: „So langsam wird es spannend!“ Ich frage nach. Er gesteht, dass ihn Berlin immer etwas nervös mache. Ich sage, dass es in der Stadt vielleicht nur zehn wirklich gefährliche Orte gibt, aber unsere S-Bahnlinie sehr entspannt sei, „da wäre die U8 schon etwas anderes …“ Darauf der andere: „Ja, krass! Damit bin ich einmal gefahren – nie wieder!!!“ Nun müssen wir von der U8 berichten – sie hat jetzt einen potenziellen Passagier weniger. So geht es eine gute Viertelstunde hin und her. Wir fragen uns einfach auf sehr nette Art und Weise gegenseitig aus. Zum Abschied wünsche ich ihnen viel Spaß auf der Insel und sage, sie sollten sich das mit dem Baden noch einmal überlegen. Und beide wieder: „Nie im Leben!“ Zwei coole Kids aus dem Brandenburgischen, vielleicht fünfzehn Jahre alt.

Auf meinem Umsteigebahnhof Westkreuz holt ein Mitarbeiter des rbb in Personalunion als Kameramann, Tontechniker und Reporter ein paar Stimmen zur Wahl ein. Er spricht nicht jeden an – Zeit ist Geld als Angehöriger des Medienprekariats. Ich hoffe, dass er schnell jemanden findet, der sagt, dass er froh sei, dass durch das gestrige Ergebnis der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk erhalten bleibt. Im Laufe des Tages trudelt das vorläufige Endergebnis rein: Die von mir gewählte Direktkandidatin hat es nicht ins Abgeordnetenhaus geschafft. Sie schien mir als Lehramtsstudentin, die sich ihr Studium als Lehrerin für Deutsch als Fremdsparche finanziert, von meinerListe die Einzige zu sein, die persönliche Einblicke in die etwas rauere Seite der Realität hat. Ihre Partei ist ebenso nicht im AGH vertreten, aber wegen der 3%-Hürde mit zwei Abgeordneten in der Bezirksverordnetenversammlung. Diese wird nun nach den Grünen von den Linken dominiert – ich werde das beobachten. Was ich außerordentlich schade finde, ist, dass Bernd Siggelkow (anderer Wahlkreis) nicht ins Rote Rathaus kam. Der Pastor gründete 1995 in Berlin das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“, das mittlerweile bundesweit fünfunddreißig Ableger hat. Dort bekommen Kids aus armen Familien nach der Schule ein kostenloses warmes Mittag- oder Abendessen, mancherorts auch ein Frühstück. Es gibt hier Nachhilfeunterricht, Hausaufgaben- und Bewerbungshilfen, Spiel- und Erholungsräume und eine Kleiderkammer, außerdem werden Ferienlager und Ausflüge organisiert. Die Arche bekommt keinerlei staatliche Unterstützung. Pastor Siggelkow benennt seit Jahrzehnten, was in unserer Gesellschaft schiefläuft – seine Bücher sollte jeder lesen, dem dieses Land am Herzen liegt. Vielleicht trifft sich Elif Eralp ja mal mit ihm. Diese mit einer guten ersten Rede als Wahlsiegerin – mal kieken, ob sie nun Bürgermeisterin wird oder das ein perspektivischer Kollektivselbstmord von SPD, CDU und den Grünen verhindert.

Am Dienstag die Entdeckung, dass ein weiteres Schwanenjunges tot ist. Ich werde auf der Buchtbank wie schon in der Woche zuvor von einem Elternteil angegangen. Nachdem ich zweimal mit dem Handtuch wedele, beruhigt sich die Lage. Die beiden alten Umweltschützer haben an den lokalen Wildtierbeauftragten eine E-Mail geschickt, in der sie ihn fragen, ob der Näheres über das Sterben weiß. Seine Antwort steht noch aus.

Dadurch, dass der See um die 16 Grad warm, die Luft aber wesentlich kühler ist, hat sich am Mittwoch Seerauch gebildet. Ich bin noch ganz in meiner kontemplativen Schwimmstimmung, als die beiden Sachsen ankommen. Der Mann füttert wie immer die Enten mit Haferflocken. Da sich in der Bucht heute statt des üblichen maximalen Halbdutzends sechzehn Vögel versammelt haben, kommt es zum Riesengedränge, das zur Wasserhatz ausartet. Die Seepogospritzer machen mich wach.

Am Donnerstag präsentiert sich der westliche Teil Moabits von der Putlitzbrücke aus wie ein Alpenort – jeden Tag etwas Neues für das Auge. In Nikolassee sehe ich eine gehetzte Frau im Businessoutfit, die mit Blick auf die Bahnhofsuhr „Scheiße“ sagt, dann aber kurz innehält und dem Faktotum, das immer auf einem Stuhl vor dem Eingang des Bäckerstandes sitzt, freundlich „einen wunderschönen guten Morgen“ wünscht. Am Rande vom Tischtennis wie auch schon am Dienstag Auswertung der Wahl. Alle sind angenehm differenziert und an anderen Bewertungen und Ideen interessiert, trotz unseres wahrlich breiten Spektrums an politischen Präferenzen. Die Illusion, dass sich jetzt grundlegend etwas ändert, hat niemand. Später ein langes Gespräch mit der Bundeswehrkrankenschwester über Migräne, Panikattacken, die oft unterschätzte Rolle der Psyche beim Krank- und Gesundwerden, ihre und meine Enttäuschung, dass niemand etwas aus der Coronazeit gelernt hat, nicht einmal, wie man inmitten von Menschen richtig niest. Über Politik muss man der gebürtigen Anhaltinerin bei dem Arbeitgeber und Großclans in der Notaufnahme natürlich nüscht erzählen – sie weiß da weitaus mehr, als sich der Normalbürger gemeinhin vorstellen mag.

Wenn es wie am Freitag nach dem Aufwachen draußen noch lange tiefschwarz ist und eine der Baugerüstplanen mal lauter und mal leiser im Regen an die Stahlrohre schlappt, kostet es mich schon etwas Überwindung, Richtung See zu fahren. Als ich dann aber im Wasser bin, ist es wie immer schön und angenehm. Auf dem Rückweg liegen über allem ganz feine Wasserperlen, es tröpfelt und tropft, Spinnweben glänzen im fahlen Morgenlicht. Wer losgeht, wird belohnt. Immer wieder.

