Gregor Dill, Moabit

Es ist ein frischer Donnerstagmorgen mitten im September. Auf meinem Weg zur Bahn, die mich in Richtung Büro im Norden Berlins bringen wird, folge ich lieber dem Ruf der Flora als dem Lärm des Verkehrs. Also ab hinter unsere Mauer und hin zum Döberitzer Grünzug.

Ich passiere meinen Lieblingsplatz unter dem Olivenbaum, der mit seiner trockenen Krone und den dürren Leittrieben vom Sommer gezeichnet ist – und doch steht er da, in all seiner erhabenen Schönheit.

Gleich rechts daneben blüht ein Topinambur. Die Pflanze, die zu den Sonnenblumen gehört, hat irrwitzig viele Blütenstände, die sich dicht an dicht dem Himmelshell entgegenstrecken und -recken und -winden.

Das Bündel Sonnenanbeter ist inzwischen über meinen Kopf gewachsen – ich fühle mich fast schon ein wenig klein, obgleich ich es nicht bin. Das Gelb zeigt an, dass heute ein schöner Tag wird – was ich mit einem Blick gen Himmel überprüfe: Ich erkenne Lücken im Wolkenband, durch die ein Blau lockt. Ja, ich glaube, dass es ein schöner Tag wird.

Mich an die vergehende Zeit und mein Ziel erinnernd, strebe ich weiter der Haltestelle entgegen. Und doch ziehen mich immer wieder die vielen Farben und Blüten links und rechts in ihren Bann – Wegwarte hier, Schafgarbe da, Wolfsmilch, Rainfarn, Schwarzer Nachtschatten …

Ich erkenne die Spuren, die der Sommer hinterlassen hat. Je länger ich hinschaue, desto mehr offenbaren sie sich mir. Samenkapseln über Samenkapseln stehen von den trocken werdenden Stielen ab und strecken sich noch einmal empor, um bald schon dem Boden entgegenzusinken. Das frühherbstliche Braun kündigt an, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis es so weit ist.

Doch einige Blumen blühen gerade ein weiteres Mal – die nächste Generation Knospen und Blüten kommt in die Welt. Manchmal, wenn der Sommer heiß ist und die Pflanzen zu wenig Wasser bekommen, passiert so etwas. Die Natur geht dabei ein Risiko ein, da schnell die frostigen Nächte nahen.
