Frank Schott, Leipzig
Ich erinnere mich an den Hinweis, mir schöne Momente zu schaffen. Der Dienstag verspricht angenehmes Spätsommerwetter – also warum nicht mal wieder aufs Fahrrad steigen? Am Montagabend puzzle ich mir mit der App eine Route zusammen: Ich will von Leipzig nach Grimma, dann an der Mulde entlang nach Colditz, von dort nach Bad Lausick und über die Braunkohleseen wieder zurück. Das Programm beziffert die Entfernung auf rund 96 Kilometer mit 5 ½ Stunden Fahrzeit. Na, das mit den 5 ½ Stunden, das glaube ich ja nicht, ich rechne eher mit vier.

Als ich gegen 9 Uhr aufbreche, ist es noch frisch, aber bereits sonnig. Ich fahre auf Nebenstraßen in die eingemeindeten Dörfer am Stadtrand Leipzigs, über Radwege und weitere Nebenstraßen in das Städtchen Naunhof und weiter nach Grimma. An jedem Dorfteich, egal ob mit oder ohne Enten, halte ich für ein Foto. Kurz vor Grimma stoppe ich am Münchteich. Ein Angler sitzt am Ufer. Der Campingplatz ein Stück weiter scheint nur noch auf Reserve zu laufen, der Zugang zu den acht Dixieklos ist bereits abgesperrt. Ein Mann nimmt zum Gebüsch Zuflucht. Wat mutt, dat mutt.

Ich fühle mich frei, beschwingt und sorglos wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Warum habe ich eigentlich so lange darauf verzichtet, aufs Rad zu steigen – zumal ich als Botaniktrommel-Blogleser regelmäßig durch Mitautor Christoph inspiriert werde?

Die Altstadt von Grimma ist bezaubernd schön. Ich drehe eine Ehrenrunde um den Markt und biege danach wieder auf den Mulderadweg. Dieser ist die kleine, unbeachtete Schwester des Elbradwegs, doch unbedingt sehenswert.

Am Kloster Nimbschen mache ich heute keinen Zwischenhalt, dafür stoppe ich am Schloss Kössern – fast wäre ich daran vorbeigefahren, aber das Hinweisschild „Schlosscafé“ weckte mein Interesse. Der Umweg ist ebenso marginal wie lohnend. Weiter geht es. Von einer Brücke aus sehe ich fünf oder sechs Reiher, die in der Mulde auf Beutesuche sind.

Dann erreiche ich Colditz. Auf einem Felsen direkt über der Mulde thront das Schloss. Der Bau ist riesig. Kein Wunder, dass die Deutschen hier zu Hitlers Zeiten ein berühmt-berüchtigtes Kriegsgefangenenlager unterhielten. Heute befindet sich darin größtenteils eine Jugendherberge. Beim Bäcker am Markt hole ich mir eine Rosinenschnecke, oder wie die Verkäuferin sagt: „eine Rosi“.

Der Weg nach Bad Lausick führt überwiegend bergauf und durch ein Naturschutzgebiet. Der Untergrund ist zumeist mit Schotter bedeckt. In den Spurrinnen ist dieser festgefahren, an den Rändern aber locker und rutschig. Auf weiter Flur begegnen mir zwei Menschen – ein erschöpft aussehender Jogger etwa meines Alters, der mir entgegenkommt, und eine Frau, die vielleicht zehn, fünfzehn Jahre jünger ist und mit energischen Wanderschritten in dieselbe Richtung wie ich unterwegs ist. Ich grüße beide, was ihnen neue Kraft zu geben scheint.

Auch dem Zentrum von Bad Lausick statte ich einen Besuch ab. Es ist die am wenigsten belebte Innenstadt auf meiner Tour, obwohl man in einem Kurort etwas mehr Menschen erwarten könnte. Aber vielleicht machen ja alle Gäste gerade auf ihren Zimmern ein Mittagsschläfchen?

Vor dem Rathaus sehe ich ein Brautpaar, wobei ich nicht recht beurteilen kann, wer gerade wen heiratet – in der Verlosung sind zwei festlich gekleidete Frauen und ein Mann im Anzug, der Fotos macht. Ein Radfahrer hält neben mir: „Wenigstens ein bisschen was los hier“, meint er. „Es ist doch schön, dass auch heute noch ganz altmodisch geheiratet wird“, sage ich. Dann klären wir, ein wenig angeberisch, wer woher kommt und wohin will. Er ist aus Oschatz – und hätte jetzt Lust auf ein Bier, aber hier scheint nichts offen zu sein, wie wir beide feststellen.

Hinter Bad Lausick Radwege sind Mangelware, sodass ich längere Zeit direkt auf der Straße fahren muss. Ich komme an einem Acker vorbei, auf dem zwei Männer, die ich auf Ende dreißig schätze, Kartoffeln sammeln. „Das ist ja wie früher“, sage ich. Vermutlich ist den beiden das, was sie tun, selbst nicht ganz geheuer. „Na ja, die sind halt liegen geblieben“, meint einer entschuldigend, „wäre doch schade drum.“

Hinter dem Dorf folgt der nächste Acker. Auf dem ist eine Sämaschine im Einsatz – sehr zur Freude der Möwen; noch nie habe ich abseits von Wasserflächen so viele auf einem Haufen gesehen. Mehrere hundert Vögel inspizieren den frisch bearbeiteten Boden. Sie feiern ihr persönliches Erntedankfest mit Regenwürmern und Insekten, die aus dem Erdreich gewühlt wurden.

Ich bin bei gut achtzig Kilometern, als ich merke, wie verspannt mein Nacken ist. Das passiert mir immer, wenn ich mich ein paar Wochen nicht über den Rennradlenker gebeugt habe. Doch die Heimat ist nahe! Ich passiere den Störmthaler und den Markkleeberger See, dann geht’s an der Pleiße entlang nach Leipzig zurück. Am Ende sind es 101 Kilometer, die ich in gut vier Stunden zurücklege. Mit den Pausen für die Schlosskurzbesuche, „Rosi“ und Fotos bin ich 5:04 Stunden unterwegs.

Für eine oder zwei Übernachtungen wäre das auch ein schöner Ausflug für die Familie, denke ich. Ich werde es ihnen mal vorschlagen.

