Frank Schott, Leipzig
Zum Indoorsport für Rücken und Bauch höre ich jetzt manchmal Podcasts. Aktuell ist es Paul Ronzheimer, der mit dem Psychiater Manfred Lütz spricht. Es geht um die AfD, natürlich, um Friedrich Merz, natürlich, und um Politik – worum auch sonst. Aber eines bleibt hängen: Lütz sagt sinngemäß, wenn man depressiv sei, solle man nicht darüber grübeln, was die Ursache dafür ist. Damit würde man die negative Stimmung nur verstärken. Man solle sich stattdessen an Dinge erinnern und an dem festhalten, was einem Freude bereitet hat und schön war. Und das solle man dann nutzen, um mehr solcher Momente zu schaffen.

Am Donnerstag werde ich von meinen Übungsleiterkollegen bei Turbine gefragt, ob ich am Samstag beim Heimturnier der Bambini (G-Jugend) aushelfen könne. Es seien zwar zwei Trainer da (einer für jedes Team), aber für die Organisation, insbesondere den Aufbau der Minifelder mit jeweils vier Toren sowie die Zeitmessung der siebenminütigen Spiele, wäre ein dritter Mann gut. Also bin ich dabei.

Es treten dann nur acht statt der ursprünglich avisierten zehn Mannschaften an – zwei Vereine wollten mit mehreren Teams dabei sein, erhielten dann aber von ihren Spielern nicht genügend Rückmeldungen.

Wir spielen im sogenannten Champions-League-Modus, was bedeutet, dass der Sieger ein Feld höher geht und der Verlierer ein Feld tiefer. Weil die anderen deutlich stärker sind, treffen am unteren Ende leider wie immer die beiden Turbine-Teams aufeinander. Das Gute daran ist, dass immerhin eine unserer Mannschaften gewinnt und somit Selbstbewusstsein tankt.

Am Sonntag kommt der lange erwartete Regen. Für unsere Kater bietet das einen Vorgeschmack auf Herbst und Winter. Sie kuscheln sich in ihre Lieblingsecken und schlafen. Vermutlich schlafen sie, wenn sie stundenlang unterwegs sind, auch mal draußen – aber solange es regnet, bevorzugen sie das warme, trockene Plätzchen.

Unser Fußballturnier brachte noch etwas Gutes für mich: Einer der Kollegen hatte eine Karte für das Bundesligaspiel von RB gegen den HSV übrig, und so durfte ich am Nachmittag mit ihm ins Stadion – ich spendierte im Gegenzug zwei Bier. Phasenweise halten die Hamburger mit, doch am Ende gibt es eine 0:5-Klatsche. Wir Trainer sind uns einig, dass man als HSV-Fan (die reichlich vor Ort sind) leidensfähig sein muss. Später lese ich den Kommentar eines Hamburgers: „Könnten wir bitte jetzt schon absteigen? Dann müssten wir die restlichen 31 Spiele nicht mehr ertragen.“ Des einen Freud ist des anderen Leid.

Am Abend sammle ich ein weiteres schönes Erlebnis: Ich gehe mit meiner Frau in ein Konzert. Am Freitag hatte ich bei einem meiner Streifzüge ein Plakat gesehen – der bosnische Musiker Goran Bregović sei am Sonntag in Leipzig zu Gast. Es gab sogar noch Tickets – und so fahren wir mit dem Bus durch die regengraue Stadt zum Felsenkeller.

Ich war der Meinung, dass Bregović die Filmmusik zur wilden Komödie „Schwarze Katze, weißer Kater“ komponiert hätte, lag damit jedoch falsch. Aber für „Arizona Dream“ stammt der Soundtrack definitiv aus seiner Feder. Und tatsächlich ist der von dem von mir sehr geschätzten Album stammende Song „In the deathcar“ das einzige Stück, das ich bei seinem Auftritt erkenne.

Das Publikum ist überwiegend gesetzt. „Das sind bestimmt 50 Prozent Lehrer“, sage ich zu meiner Frau. „Die jetzt mal so richtig die Sau rauslassen können, weil sich keiner ihrer Schüler hierher verirrt.“ Tatsächlich werden ab dem ersten Lied die Hüften geschwenkt und Arme in die Luft gereckt. Mit jedem Song wird die Musik wilder und mitreißender, abgesehen vom besagten, eher lyrischen „In the deathcar“, bei dem man Bregović schon anhört, dass seine Stimme erschöpft ist.

Zwei Stunden spielt der Meister mit seinem Wedding and Funeral Orchestra, das ihn heute mit nur neun Musikern und Sängerinnen begleitet, da für mehr Leute die Bühne einfach zu klein ist. Am Ende steht der Sechsundsiebzigjährige völlig durchgeschwitzt neben seinen Kollegen und holt sich den verdienten Applaus. Und ich muss an den Satz aus dem Ronzheimer-Podcast denken: Lass dich nicht entmutigen, sondern suche dir schöne Momente.

Paul Ronzheimer im Gespräch mit dem Psychiater Manfred Lütz: https://ronzheimer.podigee.io/831-der-grosse-afd-fehler-der-deutschen-mit-manfred-lutz
