Frank Schott, Leipzig
Wir haben uns kurzfristig entschieden, doch die Fliesen aufhacken zu lassen, damit ein Glasfaseranschluss gelegt werden kann – denn jetzt ist es für uns noch kostenlos. Was an jenem Mittwochvormittag passierte, beschreibe ich aus der Sicht des Vorarbeiters, der mit seinem Team für die Telekom jene Rohre verlegt, durch die später die Leitungen geblasen werden.

„Oh, Sie haben schon Kaffee bereitgestellt? Das ist aber lieb. Fünf Tassen – die brauchen wir heute nicht, wir sind nur zu zweit. Aber danke! Die Akkus sind geladen? Dann machen wir jetzt die Bohrung durch den Bordstein, damit wir mit dem Kabel in Ihren Vorgarten kommen. Anschließend müssen wir noch das Rohr mit den Zuleitungen suchen, das haben wir gestern nicht geschafft. Wenn das genauso liegt wie bei Ihren Nachbarn, geht das ganz schnell.“

Das Bohren stellt sich als Problem heraus. In der Grube hockend versucht mein Partner, schräg nach oben in den Bordstein zu gelangen. Er kommt nicht durch. Stattdessen verkantet die Krone und steckt fest. Mit Zangen und Hämmern versuchen wir das Ding freizukriegen. Später holen wir eine große Metallstange und einen Fäustel und hauen auf das festsitzende Gestänge und die noch nicht durchbrochene Seite ein. Wir schwitzen wie die Schweine.
„Das Mistding steckt fest. Da bewegt sich nix. Das ist Wahnsinn, ich habe keinen Bock mehr auf diesen Scheiß.“ Der dritte Kollege bringt mit dem Transporter die Rüttelplatte. Der Jungspund kommt mir gerade recht: „Hey Fritzi, Du musst mal herkommen. Nee nix, Du musst wieder zurück. Du musst uns hier mit dem Bohrer helfen. Der steckt fest. Probier‘ Du mal, ob Du den locker kriegst.“
Nicht zu glauben, aber er schafft es tatsächlich. Er schließt die Maschine wieder an, wackelt, drückt, stößt und durchbricht den Beton. Wir sind durch, die Krone ist frei und wir haben unser Loch. Aber das ist nur die eine Baustelle, wir müssen ja noch das Kabel ins Haus bringen. Zum Glück brauchen wir nur eine Fliese zu entfernen und das mit Styropor und etwas Gips verschlossene Zugangsrohr freizulegen. Alles auf den Knien – was für eine Drecksarbeit.

Das Zugangsrohr ist voller Strom- und Telefonleitungen. Ich schiebe das Einziehkabel in die Öffnung. Manchmal muss ich etwas wackeln, damit es den Winkel überwindet, wo der Kanal nicht mehr senkrecht, sondern waagerecht unterhalb des Fundaments in den Vorgarten führt. Doch plötzlich sitzt das Ding fest. Ich brülle zu meinem Kollegen draußen: „Siehst das Kabel? Wie, Du siehst nichts, das muss da sein! Hier geht es nicht weiter. Soll ich mal wackeln? Du musst dann sagen, ob Du was hörst. Hörst du was? Hä? Ich hab‘ gefragt, ob Du was hörst? Du hörst es? Okay. Siehst Du es auch? Das muss da sein! Bei mir geht es nicht weiter. Das ist Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn!“
Die haben beim Bau offenbar gepfuscht und eine der beiden Führungen beschädigt. Nun geht alles durch ein Rohr und das Scheißding steckt fest. Ich habe die Schnauze voll. „Hörst Du das Kabel? Warum siehst Du es nicht? Es muss doch da sein! Ich komme hier nicht weiter.“ Wir versuchen es vom Vorgarten und dann mehrmals vom Haus aus. Der Hausbesitzer hält eine Taschenlampe, mit der er ins Zugangsrohr leuchtet. Mir tut vom Hocken der Rücken weh, aber das Ding will einfach nicht durch.

Ich bin so verzweifelt, dass ich dem Kunden das Einziehkabel für einen Versuch überlasse. Er steckt es an einer anderen Stelle, dort, wo die Telefonleitung verläuft, in das Rohr. Und hol’s der Teufel, das Scheißding geht tatsächlich durch. „Es ist da!“, ruft mein Partner. Mit Panzertape kleben wir unseren Speedpipe daran fest und ziehen ihn entspannt in den Hausanschlussraum. Drei Stunden sind wir jetzt hier und ich habe gestern noch gesagt, wir bräuchten maximal eine Stunde. Ein bisschen tut mir die Leute leid, weil sie nun ein Loch im Fußboden haben. Aber der Hausherr sagt, kein Problem, das kriege er hin. Guter Mann!
Jetzt müssen wir noch das Loch im Vorgarten auffüllen, den Gehweg neu pflastern, die Steine festrütteln, Sand einkehren und unseren Krempel aufladen. Der Hausherr hatte uns Brötchen geschmiert, die ich zuerst ablehne. Aber nach der Plackerei sind wir echt dankbar dafür. Mein Partner gönnt sich sogar eines der bereitgestellten Biere.

Der Hausherr steht neben mir, als ich Dampf ablasse: „Ich bin 60. Warum tu ich mir das überhaupt noch an? So ein Scheiß. Mit 62 höre ich auf, das sage ich Ihnen. Notfalls geh ich stempeln. Das ist einfach nur Wahnsinn. Was jetzt ansteht? Hier ist unsere Mängelliste. Sieh selbst, mehr als zwanzig Stationen über ganz Leipzig verteilt. Die müssen wir abarbeiten. Die Telekom sagt nur, dass sie ihr Kabel nicht durchblasen kann – und wir müssen dann buddeln und schauen, wo der Fehler liegt.
Das kann auch bei Euch passieren. Wenn unser Mikrorohr irgendwo geknickt ist, können die ihr Kabel nicht durchblasen. Dann müssen wir hier alles noch mal aufgraben. Weißt Du, was mich ankotzt? Überall diese ausländischen Firmen, diese Albaner und so, die schmeißen das alles irgendwie rein und wir müssen dann hin und die Fehler suchen. Das ist einfach nur Wahnsinn!
Und oft gelangen wir gar nicht mehr in die Anschlussräume im Keller. Wenn wir sagen, wir kommen von der Telekom, lässt uns einfach keiner rein. Kein Wunder wegen all der Diebstähle. Die geben sich als Telekommitarbeiter aus und klauen die Fahrräder. Und wir stehen vor verschlossenen Türen. Einfach nur Wahnsinn.
Und weißt Du, was noch Wahnsinn ist? Wir dürfen nicht mal mehr ein Bier trinken bei all der Plackerei. Bei Euch ist das anders, Ihr sagt ja nichts. Und neuerdings müssen wir auf dem Handy so eine komische App benutzen und uns anmelden, wenn wir arbeiten. Und dann sind wir noch die ganze Woche unterwegs. Ja, klar, in ganz Deutschland, wo die Telekom uns eben hinschickt. Ich habe so die Schnauze voll. Zwei Jahre noch. Maximal. Dann ist Schluss.“

Nachtrag des Hausherrn: Die Gespräche zwischen den Arbeitern wurden stellenweise im heftigsten Bayerisch geführt, von dem ich kein Wort verstanden habe. Je genervter sie waren, desto schlimmer wurde der Dialekt. Aber vielleicht ist auch ganz gut, dass ich manches nicht mitbekommen habe. So bleibt es quasi ungesagt.
