Helko Reschitzki, Moabit

Soeben habe ich Kai Donners Reiseberichte „Bei den Samojeden in Sibirien“ aus den Jahren 1911 bis 1914 beendet. Neben vielen anderen Beobachtungen des finnischen Linguisten und Ethnologen fand ich diese über den dortigen Umgang mit Epidemien besonders interessant:
„Das, was so erschütternd tragisch wirkte, waren die Verheerungen, die die Pocken unter den Samojeden angerichtet hatten. Schon in der ersten Jurte, die wir besuchten, herrschte die Seuche, und die ganze Familie lag krank. In der zweiten war nur noch ein Mitglied von einer früher zahlreichen Familie am Leben, und in der nächsten Rindenhütte lagen Tote und Sterbende nebeneinander. Die Sterbenden waren so entkräftet, daß sie sich selbst kein Essen verschaffen konnten und ich ihnen meinen Brotvorrat dalassen mußte. So war es auf dem ganzen Wege; in der einen Jurte gingen die noch bei Kräften waren mit schwarzem Schorf auf den Gesichtern herum, in der anderen lagen sie halb bewußtlos und warteten auf den befreienden Tod. Sie waren massenweise gestorben, und noch mehr sollten ohne Hilfe desselben Weges gehen. Denn Ärzte gab es nicht und hat es nie in diesen Landstrichen gegeben; Medizin war unmöglich zu erlangen, und Impfung kam gar nicht in Frage.
Es war schauerlich, all dies Elend zu sehen, aber noch schauerlicher, zu fühlen, daß man nicht helfen konnte. Meine erste Mahlzeit unter all diesen Pockenkranken konnte ich nur mühsam hinunterwürgen, aber nach und nach ging es besser; ich verließ mich darauf, daß die Impfung mich schützen würde, und kümmerte mich nicht um die Krankheit, selbst wenn ich mit den Kranken aus einer Schüssel essen mußte.
Am schlimmsten war, daß die Samojeden keine Ahnung zu haben schienen, daß die Krankheit ansteckend sei. Gesunde und Kranke kamen und gingen und besuchten sich gegenseitig. Daraus erklärt sich, wie sich die Pocken in diesen spärlich bewohnten Gegenden so verbreiten konnten, daß ganz sicher nicht viele die Epidemie überlebt haben.
Die Tungusen scheinen die Sache richtiger aufzufassen, da sie die Pocken wie die Pest scheuen. Auch in diesem Landstrich hatten welche gelebt, sie waren aber schon geflohen und hatten, ihrer Gewohnheit getreu, hinter sich den Wald angesteckt, um noch sicherer zu sein. Und um sich vollständig zu schützen, waren sie mit ihren Renttieren und all ihrer Habe durch Pforten aus Ebereschen gezogen, da sie diese Baumart für besonders reinigend halten, wie es ja auch bei anderen Völkern der Fall ist.“
Aktueller Nachtrag dazu: Weder der komplett naive Umgang mit der Seuche noch die strikte Isolation hatten langfristig Auswirkungen auf die jeweiligen Populationen. Seit Donners teilnehmenden Beobachtungen haben beide Völker ihre Bevölkerungszahlen mehr als verdoppelt bzw. verdreifacht – die Zahl der Tungusen (in der UdSSR wurde ab 1931 ihre Eigenbezeichnung Ewenken verwendet) stieg von ca. 38.000 auf 73.000 und die der Samojeden (ab 1931 Nenzen) von 16.000 auf knapp 50.000.
Donner, der sich während einer der Expeditionen ein nicht näher diagnostiziertes Fieber zuzog, bekam dieses zwar mittels seiner Reiseapotheke in den Griff, litt aber fortan unter einer chronischen Schwächung, die ein schweres Nierenleiden begünstigte. All das, die Strapazen und weitere nicht auskurierte Krankheiten waren wohl die Ursache dafür, dass er 1935 im Alter von nur 46 Jahren verstarb.
Im Buchanhang finden sich sehr schöne Zeichnungen einiger Nenzen:

Drei Tage nachdem ich mich auf einer Feier mit zwei IT-Experten über mögliche Einsatzfelder von KI im medizinischen Bereich unterhalten habe, höre ich in der Radiosendung „SWR1 Leute“ den Wissenschaftler und Arzt Dr. André T. Nemat darüber sprechen, dass es in naher Zukunft für Patienten einen virtuellen Doppelgänger geben könnte. In diesen speist man kontinuierlich Live-Daten wie Smartwatch-Messungen, Bewegungsprofile und die Feinstaub- oder Lärmbelastung am Wohnort ein, ergänzt durch Befunde aus Blutbildern, Mikrobiom- und Erbgut-Analysen, MRTs, CTs usw. So soll der Körper zu einem berechenbaren System werden, in dem man Krankheiten vorhersagt und Therapien oder OPs vorab am Dummy testet. Was der Doc als Utopie verkauft, klingt für mich nach Dystopie. Passend dazu erzählt meine achtzigjährige Mutter ein paar Stunden später am Telefon, dass ihr Kardiologe gerade zur Erneuerung ihres Schrittmachers geraten habe, sie aber stark dazu tendiere, den alten nicht mehr zu ersetzen. Sie befürchtet, dass sie „über ihre Zeit“ leben würde, weil ihr Herz einfach nicht aufhört zu schlagen. Es sind schwierige Entscheidungen, die wir treffen müssen, wenn die Technik zunehmend die biologischen Grenzen verschiebt. Aber immerhin haben wir im reichen Westen ja zumeist eine Wahl.

In der Schlachtenseebucht ist am Donnerstag das erste Mal seit einer Woche die junge Stockente nicht da. Dafür aber die Sachsen, die gerade mitsamt Gepäck („voller ausländischer Pfandflaschen“) aus dem Urlaub kommen. Da sie keine Badesachen mithaben, sitzen sie einfach nur auf der Bank. Punktgenau in dem Moment, als ich die Ringbahn verlasse, kommen von überall her sich überlagernde elektronische Signale – zum Glück hatte ich irgendwie mitbekommen, dass um 11 Uhr bundesweit die Alarmsysteme getestet werden. Im Prinzip die akustische Entsprechung der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, nur diesmal vom Staat ausgehend. In einer der Tischtennispausen erzählt die Serbin von ihrer dementen Nachbarin, deren rechtliche Betreuerin sich kaum mal kümmert. Leider hat sie als Außenstehende wenige Möglichkeiten, einzugreifen, wie ihr auch der Pflegedienst der Dame bestätigt. Dieses durch erodierende Sozialgefüge und zerschlagene Familienverbände verursachte Vakuum der Einsamkeit wird mit den geburtenstarken Jahrgängen zunehmen.

Am Freitag fällt mir auf, dass die im Uferwald liegenden, entästeten Baumstämme wie eine Sau in der Säugezeit aussehen – den ganzen Tag spukt mir das Wort Totholzzitzen durch den Kopf. Es ist ein unwirklich ruhiger Seemorgen. Selbst nachdem vier Stockenten in das Revier der wieder in der Bucht aufgetauchten Artgenossin eingeflogen sind – was normalerweise für reichlich Geschnatter sorgen würde –, dümpeln alle fünf still vor sich hin. Ab und an ploppt eine Eichel ins Wasser, am Ufer verrotten die an den Rand gespülten Schilfhalme. Auf dem Rückweg kaufe ich im Antiquariat „Hennwack“ zwei Bücher von Bohumil Hrabal.

Bei der Hausarbeit höre ich die neue Folge des Pandemia-Podcasts, in der es um die aktuelle Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo geht. Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt gehen der Frage nach, warum sich das Virus monatelang ausbreiten konnte, ohne dass die Behörden Alarm schlugen. Im Zentrum des Ausbruchs befindet sich die Goldminenstadt Mongbwalu – wer dort arbeitet, achtet kaum auf Symptome der zahlreichen Krankheiten, die hier ständig zirkulieren. Dazu komme ein riesiges, wegen vieler Vergehen oft begründetes Misstrauen gegenüber den lokalen und internationalen Institutionen und medizinischen Einrichtungen, ein tief verwurzelter Aberglaube sowie traditionelle Totenwaschungen, die eine Verbreitung des Erregers forcieren. Die beiden Hosts und deren Gesprächspartner wägen ethische Fragen ab, zum Beispiel ob man den für einen anderen Virusstamm zugelassenen Impfstoff einsetzen sollte. Unauflösliche Pro- und Contra-Positionen werden benannt und akzeptiert, Dunkelfelder beleuchtet. Die oftmals moralisierende, überhebliche Sicht des Westens bleibt bei alledem außen vor. Genau so sollte man immer darüber reden.

Die Handwerker haben nun auch meinen Balkon entkernt, was den Lärm in der Wohnung tagelang potenzierte. Umso mehr genieße ich die Ruhe am Samstag. Die Hausverwaltung hat uns jüngst mitgeteilt, dass die Baumaßnahmen gut einen Monat später als angekündigt beendet sein werden, aber solche Angaben nehme ich grundsätzlich nicht ernst. Ich frage mich auch nicht, wozu die Sanierung überhaupt notwendig ist oder wie effizient hierzulande gearbeitet wird. Da ich keinerlei Einfluss auf den Fortgang des Ganzen habe, schone ich lieber meine Nerven. Wie heißt es so schön: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

In der Bucht sind wieder die vier Enten vom Vortag sowie ein Blässhuhn; die einzelne Stockente fehlt. Auch heute sind die Vögel unheimlich still und nahezu regungslos. Als ich ins Wasser gehe, machen sie aber den Weg frei. Als ich nachmittags auf der Turmstraße einkaufe, sehe ich im Fenster der „Galerie Nord“ ein Schild, auf dem „Welche Unterstützung willst Du?“ steht. Davor liegt auf einer Bank ein Obdachloser und schläft. Drinnen werden Videos von Alicja Rogalska gezeigt, in denen Berliner Fahrradkuriere von ihrer Arbeit und ihren Zukunftsvisionen erzählen. Im Nebenraum spielen sich ein paar vietnamesische Musikerinnen warm, die kurz darauf eine „hybride Literaturperformance“ begleiten werden.

Da immer mehr Leute um mich herum husten und schniefen, mische ich in meinen Tee neben Ingwer, Wermutkraut und abwechselnden grünen Sorten nun auch Lindenblüten und Thymian. Das RKI hat aktuell 3,8 Millionen Atemwegserkrankte für Deutschland modelliert. Mein innerer Kongolese hält diese Zahlen aber für nur bedingt aussagefähig, sodass ich mich lieber weiter auf meine Beobachtung und Erfahrung verlasse.

Pandemia-Podcastfolge „Ebola. Der Faktor Mensch.“: https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/pandemia/ebola-der-faktor-mensch_10661690/
„SWR1 Leute“ mit Dr. Nemat: ardmediathek.de/video/swr1-leute/dr-andre-t-nemat-oder-mediziner-oder-so-hilft-kuenstliche-intelligenz-in-der-medizin/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIzNDgyMDQ
