Christoph Sanders, Thalheim

Der Samstag beginnt frisch. Ich bringe mit den Kindern Pakete zur DHL, danach Einkäufe. Später Sortierung von dreihundert Schwarz-Weiß-Abzügen. Fast alle Bilder zeigen Berlin um die Jahrtausendwende: der Neubau der Perleberger Brücke mit den ersten Stelzen der Trasse für eine neue S-Bahnlinie; der Lehrter Bahnhof vor der Rodung – das gesamte Speditionsareal war ja im Grunde ein Naturreservat, inklusive des Tiergartenteils mit dem Kanzleramt. Vorbei, vorbei … Ansonsten Vorbereitungen für den 200-Kilometer-Ritt am Sonntag. Es geht mit dem wackeren Tino aus Hoyerswerda (der heute in Freudenstadt lebt) und meinem jüngsten Bruder in die schwer umkämpften Braunkohlereviere West, wo sich seit den 1980er-Jahren die schweren Abbaugeräte tief durch die grandios fruchtbare Lößkrume fraßen. Wir werden sicher „den Hambi“ streifen, dessen Loch demnächst geflutet wird. Der Baggersee ist dann mit einer Fläche von ungefähr 42 Quadratkilometern und seinen 365 Metern Tiefe vom Volumen her der zweitgrößte See Deutschlands. Sollte ich ein Protestgestell mit einer bunten, flatternden Fahne oder einen Wolf entdecken, werde ich Fotos machen. Um 22 Uhr zu Bette.

Am Sonntag Punkt 6:20 Uhr gesattelt und gespornt zur Abfahrt. 209 Kilometer rund um die Tagebaue. Der Gipfel ist die im Bau befindliche Leitung aus gewaltigen Stahlröhren, durch die Rheinwasser in die ausgebaggerten Riesenlöcher gepumpt werden soll – war da nicht gerade etwas mit Rhein, Dürre und historischem Pegeltiefstand?

Ein interessantes Detail am Streckenrand ist der Zustand der Rüben: Dort, wo RWE den Bauern Ersatzwasser auf die Felder pumpen muss, weil das Unternehmen ihnen sonst das Grundwasser abgräbt (etwa bei Grevenbroich), wird die Ernte prachtvoll. Dort, wo sie dazu nicht verpflichtet sind (wie in der Nähe unseres Zielortes), sieht man nur kümmerlichen Wuchs. Und das bei einer Luftlinie von zwanzig Kilometern … Auf der Autobahn viele Pkw (die meisten davon E-Autos), die mit 110 km/h auf der Lkw-Spur fahren. Andere (Dienstwagen?) drängen dich mit Lichthupe und 200 km/h von der Strecke. Erschöpft.

Am Montag müde, aber zufrieden. Ruhetag mit Ausmisten. Der Wind dreht auf West. Am Dienstag wolkig, windig und tropisch schwül – der Altweibersommer. Die Wäsche trocknet im Sauseschritt. Eine einsame Krähe genießt das erste Morgenlicht hoch oben auf einer Birke. Im Sicherheitsabstand gesellen sich Tauben dazu. Ich habe schwere Beine – trotzdem wird der routinemäßige Chauffeurdienst zum Ballett erledigt.

Mittwochmorgen mit Kaffee und Miles Davis’ „Sorcerer“ – Musik, die irgendwie nicht altert. Was mich im Zuge der gerade veröffentlichten Pisa-Studie beunruhigt (sehr beunruhigt!), ist, dass die Appelle zur Suchtkontrolle der Smartphonenutzung nur kursorisch aufgenommen und schnell wieder vergessen werden. Und wie wenig man das Thema „Lesen-Schreiben-Rechnen“ ernst nimmt. Lesen, das darf man eben auch nicht vergessen, wird und wurde immer auch als eine Technik der sozialen Flucht wahrgenommen – heutzutage beobachte ich es eher als eine exotische, wenig anschlussfähige Form des Medienkonsums. Wer als Kind oder Jugendlicher liest, findet doch kaum einen Gleichaltrigen, mit dem er darüber reden kann. Als ich beim Elternabend durch das Deutschbuch der 8. Klasse blätterte, fielen mir der breite Zeilenabstand, das dürre Textmaterial und die drittklassigen Illustrationen auf, mit denen das Gymnasial-Kind „abgeholt“ werden soll. Ich vergleiche das mal nicht mit meinen Deutschbüchern von 1976 aus dem Klett-Verlag …

Ich nutze eine Darminfekt-Zwangspause zur Sortierung von Abzügen. Es wäre klug gewesen, hätte ich in der Vergangenheit alles beschriftet, aber noch reicht meine Erinnerung aus. Kiloweise Papier wandert in den Eimer. Der Rücken schmerzt – Darjeeling und Robert Schumanns „Davidsbündlertänze“ mit Claudio Arrau. Ich werde die LP behalten.

Am Donnerstag in den Radladen zur Feinjustage. Ich berichte von der Sonntagstour. Wir unterhalten uns über die Gigaleitungen zur Befüllung der Tagebaulöcher; irgendwann werden das gewaltige Rückhaltebecken sein, eine Dürrezeitenreserve. Der Kampf ums Wasser hat schleichend begonnen. Mühelos komme ich den Berg hoch, der Infekt ist also durch.

Der Sohn unseres Hausbesitzers hat seinen rechtlichen Anspruch auf Bedarfskündigung geltend gemacht, da er eine Familie gründen will.
Am 25. geht die einwöchige Schlepperei los, jetzt schon die Packerei. Wir ziehen in die kleine Stadt Diez, die wir bestens kennen. Heute war unser serbokroatischer Freund aus der Nachbarschaft da, hat Augenmaß genommen und die Transporterfahrten kalkuliert. Er kennt sich aus im Dorf, hat hier mit dem Abstandsgeld seiner Weinkneipe in Mainz ein Haus gekauft und eigenhändig saniert. Vor der Flucht war er Bauingenieur, nun ist er Hausmeister bei der Caritas. Dann ein Gespräch mit dem Altbauern, der gegenüber von seinem Hof einen Gemüsegarten betreibt. Er hatte Glück beim Tornado – kein Windbruch, keine größeren Ausfälle. Er sagt, dass inzwischen alles einen Monat früher geerntet werde – vor zwanzig Jahren sei man kaum zur Mannebacher Kirmes fertig gewesen, die am ersten Septemberwochenende stattfindet. Jetzt ist das Getreide bereits Mitte August unter Dach und Fach. Dann hört er die Kirchturmglocke und ruft: „Zwölf! Meine Frau wartet mit dem Essen.“

Am Freitag leichte, unaufgeregte Vogelbewegung. Im Ahorn die erste Herbstfärbung. In Diez zwei Archivkartons losgeworden – gerade die Langspielplatten finden regen Absatz. Wegen meiner Mittagsdusche nach dem Radsport Schnupfen. Ingwer, Salbei, Thymian ist meine Teemischung. Ein Bekannter aus dem Dorf, der im Nebenerwerb Holz spaltet, hat sich gerade für 10.000 Euro einen kleinen Lastkraftwagen und für 80.000 eine vollautomatische Spalt- und Schälmaschine angeschafft. Er geht in seinem Industriejob nun auf vier Tage pro Woche runter, weil die Aufträge zunehmen. „Die Leute haben Angst“, sagt er.

