Christoph Sanders, Thalheim

Am Sonntag Ausruhen von der Koblenz-Sayntal-Runde und weiteres Aussortieren. Meine Kids sehen mir über die Schulter, weil sie dann doch nicht allzu viele der schönen Kunst- und Fotobände missen wollen. Ich selbst trauere der schieren Papier- und Druckqualität vergangener Jahrzehnte nach – und den gut bezahlten Autoren, die richtig was auf dem Kasten hatten. Dadurch, dass jetzt überall alles verramscht wird, verklappe auch ich mit zunehmend leichter Hand Dinge – was den Effekt hat, dass ich nicht mehr weiß, was ich letzte Woche weggegeben oder weggeschmissen habe. Eine klare Trennung von Sachen, die man einfach nicht mehr haben will – und dann sind sie vergessen. Behalten werde ich so etwas wie Inge Moraths „Iran“ aus der goldenen Ära des Fotojournalismus. Aus solchen Büchern kann man viel besser als aus der tagespolitischen Berichterstattung historische Entwicklungen ablesen und Adam Toozes Kernfrage „Wie kam es dazu?“ beantworten. Zwischendurch gibt es selbstgemachte Waffeln mit Pflaumenkompott.

Am Montag lese ich noch einmal die hervorragenden Schlusskapitel von Hararis „SAPIENS“ über Industrialisierung und Kapitalismus. Das Schlimmste, was unserem System zustoßen kann, ist ein massiver Vertrauensverlust in die Zukunft. Ist dieses Fundament weg, kollabiert alles: Es wird nicht mehr reinvestiert, der gesamte Kreislauf aus Krediten und Wertpapieren bricht zusammen. Und nichts beschädigt eine Zukunftserzählung nachhaltiger als kaum noch zu stemmende Kosten für Grundbedürfnisse wie Wohnen, Heizen oder Essen, ohne dass dem eine plausible Fortschrittsvision gegenübersteht. Hararis Ausführungen zur permanenten Neuerschließung von Energiequellen zeigen, dass alles unschön wie eh und je ist, wenn es um so etwas wie Landnahme, Schürfrechte und Seewege geht. Von dieser globalen Härte sollten unsere moralisch auftretenden Vorgartenökoaktivisten eigentlich wissen – aber ich denke, wir haben es in jener Community mit einer kollektiven Flucht in sorgsam gepflegte Idyllisierungsbezirke zu tun. Mein Sohn hingegen verdiente sich dank irgendeiner Tipico-Aktion 80 Euro mit einer Barca-Wette. Er sagt, dass das Geld in zwei Tagen auf seinem Konto ist und dass ihm natürlich klar sei, dass die wollen, dass man damit weiter wettet. Gewitter mit fünfzehn Minuten Starkschauern.

Nachdem ich Dienstagfrüh ein wenig den Autoreifen zugehört habe, erfreut mich wie gewohnt SWR Kultur mit lieblichen Tönen. Seit ein paar Tagen streut das regionale Minderheitenprogramm immer mal wieder MDR-produzierte Berichte aus Sachsen-Anhalt ein – es kommt einem so vor, als entdecke man gerade, dass der Dritte Stand wählen darf und außer Kontrolle zu geraten droht. Per Rad den nächsten Schwung Familienkalorien besorgt. Grauer, nebliger Herbsttag mit leichtem Wind und Schauern – und auf einmal redet niemand mehr über Missernten.

Am Mittwoch im SWR ein sehr schönes Feature über Nina Simone. Am Donnerstag nach einem langen Elternabend sehr erschöpft zu Bette. Am Freitag Kameras mitsamt Zubehör vom Speicher geholt. Ab und an bekomme ich etwas von dem ausgemisteten Zeug verkauft, doch das Meiste ist inzwischen leider wertlos. Zwei weitere Verschenkkisten gefüllt und eine aufschlussreiche Studie zum Alterstraining verarbeitet: Eine zweiwöchige Pause wirkt sich auf die Sauerstoffaufnahmefähigkeit eines (trainierten) Sechzigjährigen wie zehn Jahre Alterung aus! Da die anabole Verarbeitungsfähigkeit unseres Stoffwechsels abnimmt, müssen mehr Proteine aufgenommen werden. Alles wertvolle Anreize, trotzdem gibt es schon wieder Tiefkühlpizza. Wie jeden Tag aufs Rad. Im Netto eine Schülerinvasion, die Durstlöscher und Aufbackteig kauft – das ist ihr Mittagessen oder der Snack vor dem Heimweg; ich zeigte ihnen eine Banane. Neben mir an der Kasse ein im Rollstuhl sitzender Mann meines Alters. Zuerst bemerke ich seine krebsroten Füße, deren Zehennägel nicht beschrieben werden können. Als ich den Urinbeutel an der Seite sehe, bekomme ich Mitleid. Aus der Büchertelefonzelle fische ich die Perle „Nie wieder Höhenluft“ von Octave Mirbeau.

Die Natur riecht jetzt ganz anders, üppiger, krautiger. Unser Trompetenblumenbaum stößt letzte Fanfaren aus. Geweckt werde ich aber meist von den Klängen der Kirche gegenüber. Mindestens drei Ebenen überlagern sich dabei: Obertöne, das helle Singen der Klöppel und der Hauptschlag; das Ganze wird verstärkt durch den Dachstuhl des Turms. Bei Harari las ich, dass die BBC im Zweiten Weltkrieg ihre Radionachrichten zunächst wie all die Jahre zuvor mit der Live-Ausstrahlung des Stundengeläuts von Big Ben übertrug. Irgendwann fiel den Nazis auf, dass das bei Nebel anders klingt als bei Hochdruck, was sie dann als Wetterbericht für ihre Luftwache nutzten. Als die Briten das mitbekamen, sendeten sie nur noch eine Tonkonserve. Seit Anfang dieser Woche erhellen große rote Kerzen unser Haus. Bei grandiosem, mildem Frühherbstwetter geht das Leben seinen unauffälligen Gang.

