Christoph Sanders, Thalheim

Freitagmorgen mit Bohuslav Martinůs tonaler und richtig guter „Sinfonie Nr. 1“. Zukunftsläufe in der Stratosphäre: Der privaten chinesischen Firma LandSpace ist der Launch ihrer zweistufigen, sechsundsechzig Meter langen Rakete gelungen, deren erste Stufe heil gelandet ist und wiederverwendet werden kann. Ins All gebracht wurden Satelliten für Breitband-Internet und Erdbeobachtung. Grandioses Spätsommerwetter mit milden Temperaturen; luftig, wolkig und bewegt. Um zehn aufs Rad.

Am Samstag Papier, Papier, Papier, das heißt Prospekte, Noten, Fotos – schnell datieren, bevor alles untergeht. Das heutige Schauerwetter ist dafür perfekt geeignet. Später beim Rangieren, Wuchten, Wegschieben der Fernseh-Podcast mit Stefan Schulz und Mick Klöcker über die „Sehgewohnheit Ostdeutschland“. Ein gutes Correctiv zu ARD und ZDF, die wie die Politik eiskalt auf die eingeschliffenen Gewohnheiten und das Kurzzeitgedächtnis der Bürger spekulieren. Meinen Sohn mit dem Auto zum 23:40-Uhr-Zug gebracht. Fünf Minuten vor Abfahrt die Anzeige, dass ein umgestürzter Baum für zwanzig Minuten Verspätung sorgt – Dorfschicksale an der Kleinbahn. Überall Feuerwehrfeste wie das in Herschbach – man stößt auf die geräumten Orkanbäume an, die nun zum neuen Brennholz werden. Neben den Alten sind die Dorfboys und Dorfgirls zahlreich vertreten – sie wissen, was sie daran haben.

Sonntagsblau am Himmel; 9 Grad, frisch und feucht. Ein Herbstmorgen. Orange leuchten die reifen Früchte der Eberesche – noch brauchen die Vögel sie nicht. Beim weiteren LP-Sortieren ein interessanter DLF-Radio-Essay zu den Hygiene- und Reinheitslogiken unserer Zeit. Am Nachmittag trotz leichter Erkältung eine gelungene Trainingsfahrt im Gelbachtal. Unterwegs bei einem Fotografen angeklopft, dessen Geschäftsmodell Bildungsurlaub ist, eine vom Arbeitgeber bezahlte Freistellung. Er hat sich auf (öde) Hotel- und Architekturfotografie spezialisiert. Holte mir von ihm kurz Tipps zur Datensicherung; er muss ja viele Terabyte verwalten. Zuhause online digitalisierte alte Ausgaben des Leica-Fotomagazins „durchgeblättert“. Ein Traum! Für die nächsten Generationen werden diese Zeitschriften eine untergegangene Kultur sein, die sie auch nicht in Netzarchiven finden – wie soll man nach etwas suchen, von dem man nicht weiß, dass es überhaupt existiert?

Am Montag schwere Beine von der Fahrt mit den längeren Kurbeln. Der leichte Infekt ist durch. Milder Spätsommertag. Windrichtungswechsel, die Ostströmung wird wohl weiteren Regen bringen – der Mais bleibt einstweilen stehen. Aus dem politischen Spielfeld hört man noch ein wenig Nachhall von den Hitzewochen, aber das wird sich umgehend legen – denn nichts vergessen die Menschen so schnell wie das Wetter. Weitere Ausmüllungen. Insbesondere im Keller wartet noch einiges – wovor mir graust. Eine Stunde in der Online-Präsenz der Sächsischen Landesbibliothek einen Hamburg-Bildband von Albert Renger-Patzsch gesichtet – die Seiten laden zwar mühsam, aber es geht. Perfekt.

Am Dienstag leichte Bewölkung nach orangenem Erstlicht. Hoch fliegende Schwalben. Meisen signalisieren einander mit Morsezeichen neue Samen in den Büschen. Alltag. Die Radionachrichten inszenieren „das Ende der politischen Sommerpause“ als Ereignis – als ob in den letzten Wochen nichts passiert ist. Meine Frau berichtet von einer Schülerin, deren Sozialisation in einem Gemeinschaftshaus erfolgte. Hochintelligente Abiturientin aber sozial sehr auffällig – kennt keine Grenzen, hat keine Struktur, im Grunde Kindergartenverhalten. Nabokov beendet. Ein eigenartiges Werk, diese verballhornte Autobiographie, bei der die Hauptfigur zwar ähnliche Werke verfasst hat, sonst aber kaum seinem Schöpfer gleicht. Obwohl es wie eine Selbstparodie wirkt, gefällt mir seine Sprache, seine Kunst, interessante Assoziationen zu wecken.
