Frank Schott, Leipzig

Als in unserer Montagsrunde ein Mann sagt, dass er eine Auszeit bräuchte, kommt von zwei Personen der Tipp: „Geh doch für eine Zeit ins Kloster!“ Er selbst meint, er würde sich gerne mal für eine Weile in eine Kirche setzen. Einfach nur dort verweilen und den Raum auf sich einwirken lassen.

Kloster, Kirche – was ist es, das uns trotz der Säkularisierung so stark berührt, dass diese Stätten für uns zu Sehnsuchtsorten werden? Fehlt uns die Spiritualität? Oder die Klarheit und Einfachheit des Glaubens? Das blinde Vertrauen, dass es mehr gibt, als wir mit unserem Verstand zu erfassen vermögen?

Bei meinem Spaziergang komme ich an der Lutherkirche vorbei und bin verwirrt, als ich sie betrete: Die Kirche hat zwar noch eine Kanzel, aber ansonsten ist sie fast leer – ein blanker Fußboden ohne Bänke oder Stuhlreihen. Mitten in dem riesigen Raum scheinen ein Mann und eine Frau einen Altar-Tisch für eine Andacht herzurichten; Kerzen werden aufgestellt, ein Kreuz. Eine Messe im Stehen? Für die Eiligen? Sozusagen Jesus-to-go? Später klärt mich Wikipedia auf, dass die 1884 erbaute Kirche nun zum „musischen Bildungscampus Forum Thomanum“ gehört und nach einer Sanierung seit 2024 für Sondergottesdienste, Taufen und Trauungen sowie Konzerte genutzt wird. Vielleicht haben die Stühle Urlaub?

Ohnehin begegnet mir dieser Tage oft das Religiöse: Auf dem Augustusplatz steht eine Bühne. Junge Menschen verteilen Flyer für einen Gottesdienst im Freien, der die gesamte Woche jeden Abend um 18 Uhr stattfindet. Das Ganze läuft unter dem Label „Völlig neu“-Festival. Auch hier recherchiere ich, weil mich interessiert, wer diese Art von Christsein betreibt. Die katholische Kirche? Eher nicht – zu modern. Die evangelische Kirche? Wohl auch nicht – ich sehe keine Regenbogenfahnen oder andere politische Statements. Ich finde heraus, dass eine junge freikirchliche Gemeinde aus Leipzig dahintersteckt. Das Engagement überrascht mich, denn ein solches Event mit Bühne, Platzmiete und Strom ist trotz vieler Freiwilliger sicherlich ein beträchtliches Investment. Andererseits – wenn es um die Seele des Menschen geht, ist vermutlich kein Aufwand zu groß.

Meine nächste Begegnung mit dem Glauben bringt ein Besuch des Südfriedhofs mit sich. Jahrelang war ich nicht mehr hier. Jetzt treibt mich ein spontanes Verlangen dorthin. Die Anlage ist die größte ihrer Art in Leipzig. Es gibt überraschend wenige klassische Gräberreihen; stattdessen hat das Areal den Charme eines verwunschenen Parks – überall verbergen sich Pavillons, Gruften oder Statuen. Mich erinnert die Szenerie ein wenig an die verlassenen Gefilde der Elben in den „Der Herr der Ringe“-Filmen.

Vor mir geht eine ältere Frau mit einer Krücke in der linken und einem Beutel mit Pflanzen in der anderen Hand. Ich überlege kurz, ihr Hilfe beim Tragen anzubieten. Doch ich bin mir nicht sicher, ob dieser Gang, diese Beschwerlichkeit, nicht vielleicht Teil ihres persönlichen Rituals des Abschiednehmens ist. Ich lasse sie ihren Weg gehen – in ihrer Zeit, mit ihrem Tempo.

Die markante Anlage aus Kapelle, Urnenstätte und Krematorium im Zentrum des Friedhofsparks zieht die Blicke auf sich. Ich meine in einem Zeitungsartikel gelesen zu haben, dass die 1909 in Betrieb genommene Feuerbestattungsanlage nach ihrer Grunderneuerung 1998/99 zu einer der modernsten ihrer Zeit zählte und von weit her Fachleute anzog. Ein Zyniker würde sagen: Wenn sich die Deutschen mit etwas auskennen, dann mit dem Einäschern von Menschen.

Hinter dem Urnenhain liegt eine Teichanlage, die das Ensemble nahezu unwirklich, wie nicht von dieser Welt, erscheinen lässt. Überhaupt hat der Park etwas Magisches an sich: Das Grün lässt den Lärm der Stadt verstummen, und hinter Büschen und Bäumen tauchen immer wieder versteckte alte Grabmäler auf. Sogar eine Pyramide steht abseits der Wege.

Dutzende Vogelarten sollen hier brüten, etliche ungewöhnliche Pflanzen heimisch geworden sein. Und es gibt Eichhörnchen. Eines entdecke ich beim Nagen an einem Zapfen. Genau kann ich es nicht erkennen, denn als ich mich nähere, ergreift es die Flucht.

Zurück bleibt das Gefühl, mit dem Südfriedhof einen wahren Ort der Besinnung wiedergefunden zu haben.



