Christoph Sanders, Thalheim
Von Montag auf Dienstag eine ruhige Nacht mit Dauerregen. Viel frisches Grün rund um das Haus. Während ich in buddhistischer Regungslosigkeit meinen Tee schlürfe, pirscht die Amsel Stück für Stück an ihr Nest – das Fiepen der Brut ist ganz leise zu vernehmen. Von rechts kommt das Männchen und macht Warnrufe. Selig segeln die Schwalben in der insektenschweren Luft. Die Tauben grüßen einander. Der Krach bei den Elstern ist schnell vorbei. Langsam wird es schwül, und auch um halb neun ist noch völlige Ruhe im Haus. Adam Tooze im Zeit-Interview gewohnt gut – er ist eben Historiker mit Fachkenntnissen in Wirtschaft und Technik, der politische Entscheidungen hinter reinen Zahlen sichtbar macht, weshalb er auch immer den Wertekanon und die Dogmen der Parteien mitdenkt.

Fahrt ins Gewerbegebiet, um eine Rabattmatratze zu kaufen, die online noch mal 20 Euro billiger zu haben wäre – aber mein Sohn kann nicht warten. Die 140 Zentimeter Breite sind ein Idiotenmaß, da für eine Person zu groß und für zwei zu schmal. Anschließend 400 Kilometer nach Aachen zur Begutachtung einer Wohngemeinschaft.

Nachdem ich eine halbe Stunde lang eine Straßenecke in Aachen beobachtet hatte – ich las in einem dünnen Insel-Band russischer Märchen, gedruckt auf steifem Papier, was die Illustrationen eines gewissen Ivan Jakovlevič Bilibin noch besser zur Geltung brachte – und bereits nach wenigen Minuten hörte, wie das repetitive Aufsummen eines Elektroantriebs allmählich die luftige Platanenallee näherkam – es war der Amazon-Prime-Laster, der alle 30 Meter stoppte –, und dann, ab 18 Uhr, in lockeren, aber immer häufigeren Abständen Fertigessenslieferanten auf massiven Elektrorädern in die Straße einbogen und sich eine Muslima im wallenden Gewand kaum mehr die Mühe gab, in die Pedale ihres E-Bikes zu treten – da wusste ich: Die Zukunft ist elektrisch. An den Abstandsrohren der Parkplätze und Bauminseln lehnen zum Teil hochwertige Fahrräder, von denen man der Hälfte ansieht, dass sie kaum einmal in Gebrauch waren; an einigen von ihnen kleben leuchtgelbe Papiere des Ordnungsamts: „… im Sinne der Sauberkeit und Sicherheit sei das Rad bis zum XXX zu entfernen …“ Nach 19 Uhr sehe ich immer mehr Laufgruppen, die sich aus verschiedenen Richtungen in Richtung Universitätspark bewegen – die Gegenströmung zu den Touristen und anderen Studenten, die mit Rollkoffern unterwegs sind. Die wunderlichen Russenmärchen (die sich ab dem dritten eigenartig glichen) habe ich bald zu Ende gelesen; die auf das Jahr 1901 datierten Illustrationen erinnern mich an Ubbelohde und Vogeler. Die starke Farbigkeit gibt mir Aufschluss darüber, warum russische Händler mit dem Ankauf fauvistischer Werke wenige Berührungsängste haben.

Am Mittwoch Ausfall aller Regionalzüge nach 21 Uhr, sodass ich meinen Teenager am Frankfurter Hauptbahnhof abholen muss. Leider bewirken die Vollsperrungen der A3 (Nachtbaustellen zum Flicken des Asphalts), dass dies zu einer Tortur wird – sich in Dreierreihen von LKW-Kolonnen behaupten zu müssen, ist kein Spaß. Die kühlende Taunusluft auf den Nebenstraßen ist dann die reinste Erholung. Allein am Hauptumschlagsplatz der Drogen herumzustehen, während die Geschäfte geschlossen sind, ist gerade für eine Siebzehnjährige kein Zuckerschlecken. Aber nun ist sie wieder daheim und kann ausschlafen. Ich bin gespannt zu hören, was sie morgen aus der französischen Provinz erzählen wird.

Am Donnerstag warmes, luftiges Wetter, angenehm sommerlich, nicht mehr so subtropisch wie am Vortag. Während die anderen noch ruhen, lüfte ich das Haus, gieße die Pflanzen und richte die Küche. Später schenke ich der Nachbarin ein kleines Mountainbike – sie ist ganz erstaunt, dass um sie herum alle auf E-Bikes umstellen und keiner mehr ein „herkömmliches Rad“ fahren möchte. In allen Medien die Drohnengeschichte aus Leipzig. Unsere Bedrohung wächst von allen Seiten – vor allem die Bedrohung durch Tralalala-Stories. Auch ich sichte heute eine Drohne – einen Quadrocopter! Der stand direkt neben einem Maisfeld, daneben ein US-Pickup, in dem zwei infiltrierte Rednecks sitzen. Zuhause weiter mit Nabokov – ein Zimmer kann das Universum sein. Ein Stück Zwieback, starker Oolong, Salat und Rührei ebenso. Mit der Rückkehr unseres Teenies kommt wieder der french Touch ins Haus – gut! Pflaumen und Brombeeren gibt es in Fülle und Fülle – ich habe unterwegs meine Hecken und Bäume, die ich anfahre. Wildbienen und Wespen sind aber kaum mehr zu sehen. Sichtung eines neuen Graffitis am Güterzug aus Norditalien: „Der Soldat, der schreibt … Rückzug“.

