Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstag mit meinen Radfreunden die Rundfahrt durch den Spessart. Die Straßen alle einwandfrei, auch im kleinsten Dorf. Diskret schlängelt sich der ICE von Frankfurt nach Würzburg. Um Aschaffenburg ist bayerisches Staatsgebiet, grüner geht es kaum. Ich freue mich über meine ansteigende Form an der Bergwertung, was ich am Abstand zu zwei zufälligen Sportskameraden feststellen kann. Als ich mich zwei Kilometer vor Lohr zu einem Mitfahrer umdrehe, um ihn auf einen MB-trac 1800 intercooler hinzuweisen, komme ich von der Fahrbahn ab und stürze. Nach Kopftreffer leichte Gehirnerschütterung und Doppelbilder, Schürfwunden. Erst im Telefonat mit dem langen Mannheimer am Tag später kann ich vieles rekapitulieren: null Erinnerung an die Gespräche mit den besorgten Mitfahrern; ich stellte offenbar immer wieder dieselben Fragen. Die anderen wollten mich in den Zug setzen, was ich ablehnte. Am Ende bin ich dann doch mit der Bahn nach Hause gefahren. Das alles ist natürlich hochpeinlich – ich agierte wie ein angeschlagener Boxer. Der wird aber bewundert, wenn er die Runde übersteht und weitermacht; dito der Profiradrennfahrer, der bei ganz anderen Geschwindigkeiten abgeschossen wird. Aber eine private Radreisegruppe will verständlicherweise so ein Risiko nicht mittragen. Vermutlich hätte ich die Rücktour sogar geschafft, ohne weiteren Schaden zu nehmen; ich hatte ja nur leichte Verletzungen. Ich sage es nur ungern, aber im Risiko und im (temporären) Extrem fühle ich mich erst richtig „da“, bin froh, wieder in diesem Grenzbereich unterwegs zu sein. Die Schürfungen wurden auch daheim unbegeistert begrüßt. Es ist aber die Nicht-OP-Seite und keine einzige schwere Prellung zu spüren.

Sonntagmorgenruhe nach dem Sturm. Auf SWR Kultur ein exzellentes Interview mit dem Moosforscher Ralf Reski, der in diesen Pflanzen hohe pharmazeutische Potenziale sieht, von den positiven Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen. Er empfiehlt eindringlichst, Moos nicht mehr aus den Fugen und Gärten zu kratzen. Am Nachmittag verfolge ich die anspruchsvolle Tour-de-France-Etappe, die mich mehr lockt als das WM-Finale. Pogačar, der Übermensch aus Slowenien, lässt erstmals seine unglaubliche Spritzigkeit vermissen. Das belgische Talent Remco Evenepoel entwickelt sich zum Rivalen im Hochgebirge – was selbst ihn zu überraschen scheint. Der dänische Herausforderer Vingegaard schmiert in einer Kurve ab (ein Millimeter zu viel Seitenneigung reicht da) und muss die Tour vorzeitig aufgeben. Meine Brevetgruppe entlässt mich via WhatsApp wegen der „gefährlichen Fahrweise“ gestern. Mit der Tochter Nachbarshunde ausführen, Vögel im Felde beobachten. Deutlich kühlerer Wind, angenehm. Leichte Sturzfolgen zu spüren – aber völlig harmlos, Bewegung tut gut. Das Dorf in totaler Ruhe, nur ein Mähroboter poltert ungelenk über die frisch gefallenen Sommeräpfel. Das von Taktik geprägte WM-Finale halte ich nicht lange durch, sehe den Anfang nur als Bild-in-Bild. Am Ende hat mit Spanien die jüngere Mannschaft gewonnen. Nun können wir die Fahnen wieder einrollen.

Guter frischer Montagmorgen, knapp 12 Grad. Die ersten Geräusche des Tages kommen von der Landstraße: das Rauschen der Reifen auf dem Weg zur Erwerbstätigkeit. Vereinzelt Vogelrufe, kein Gesang. Auf die Waldtaube antworten gegen 5:30 die Türkentauben an unserem Haus, die jüngeren mit helleren Lauten. Dieses Jahr hatten sie zwei Gelege – eines ist im Sturm gekentert. Spatzen tanzen in der Eberesche. Beim Müsli die Presseschau im DLF. Der ehrgeizige Spahn geräuschlos abgetaucht. Der Kerosinpreis geht ab. Irgendwie kehrt diesen Sommer keine Ruhe ein. Gartenarbeiten. Beendigung der Berlin-Fotovorauslese. Die Stadt vor dem Jahr 2000. Die Themen sind gesetzt. Sehr gute Radrunde – trotz des Sturzes ein spürbarer Trainingseffekt der 100 Kilometer aus dem Spessart. Von einer Nachbarin gefragt worden, ob mir schon die Frau über vierzig mit dem großen Hund aufgefallen sei – wir sahen sie tatsächlich schon im Feld. Diese Frau lebe mit dem Hund in ihrem Auto. Den Wagen hatte ich schon vor Monaten bemerkt, ein brauner MItsubishi Spacestar. In unserem Dorf stehen seit längerem mindestens drei Häuser leer. Mit der Tochter eine weitere Terrierrunde.

Sonniger Dienstag mit wunderbar leichter Luft. Sehr früh reifende Brombeeren, auch die wilden sind ein paar Wochen vor der gewohnten Zeit. 2026 wird Europas Marmaladenjahr. Angenehme Kurzfahrt mit gutem Gespräch in der Radwerkstatt , wo ich mir Flicken besorge. Dort arbeitet nun ein Downhill-Mountain-Biker, der früher im deutschen U23-Nationalteam fuhr. Was der von seinen Stürzen und seiner Einstellung zum Risiko erzählt! Weiteres Nachdenken über den Ausschluss aus der Radgruppe. Ich mag den Ton nicht, mit dem kommuniziert wird – vor allem nach sieben Jahren gemeinsamer Fahrten. Sozioethnologische Erkenntnis: Social-Media-Gruppierungen sind allenfalls lose Kopplungen von Interessengemeinschaften – unverbindlich und inhärent vergänglich. Ein perfektes Produkt für den Erfinder: Es wird dauernd nachgefragt und hat eine geringe Halbwertszeit. Ihr reeller zwischenmenschlicher Wert steht in umgekehrter Proportion zur Zeit, die sie fressen. Nicht ohne Grund haben Korporationen Aufnahmerituale und bindende Regeln, bei WhatsApp-Gruppen dagegen ist Willkür das Fundament. Ich finde es interessant, wie ein allgemeiner, globaler Druck und die damit verbundenen Verunsicherungen ganz perfide in den kleinsten Alltag diffundieren; die Sprache der Versicherungen und Verträge zieht in das Privatleben ein, und die des stummen, gegenseitigen Misstrauens. Mittlerweile geht man überall vom größten anzunehmenden Unfall aus, von der maximalen Unverbindlichkeit. (Wie sagte auf der erzwungenen Rückfahrt ein Mitreisender zu mir: „Mein Vater hätte gesagt: Jod drauf und weiterfahren.“) Schöne Gespräche mit meinen klugen Töchtern, die die soziale Dynamik und Semantik von Chatgruppen-Ausschlüssen viel besser und eindeutiger als ich zu bewerten wissen: Das Verweigern einer Debatte ist die soziale Höchststrafe. Dort ist keiner mehr an dir interessiert; es hat dich offenbar niemand verteidigt oder opponiert. Schlauer Rat meines Teenagers: „If they go low, don’t go lower.“ Sie sagt, wie gut sie sich immer nach einem Spaziergang durch die Felder fühlt – das sind alte Wege, sehr alte Wege zum Glück. Ich stelle bei Kleinanzeigen.de ein älteres, aber noch völlig intaktes Mountainbike ein.

