Tagesbeginn mit hohen Wölkchen, die vor der aufgehenden Sonne wie eine rosa Steppdecke wirken. Die Teenie-Girls mit ihrer Klasse nach Frankfurt – entsprechend hoch ist der Schminkaufwand et al. Die duftenden Zimmer beleben noch nach Stunden das Haus.
Im DLF werden Features zu Putin-Spionen in der Nachbarschaft beworben. Meine Dörfler sagen: Die Russen sind die besten Nachbarn; die leihen sich untereinander Sachen und sind zu allen hilfsbereit. Das Kriegsframing geht mir gehörig auf den Sack. Stop the bullshit, 1941 ist vorbei!
Weiter in der von Mackerras und dem Prager Kammerorchester flott aber warm strahlend aufgeführten Jupiter-Sinfonie.
Von einem Radfreund Interessantes zum Tag der Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche im Mittleren Osten, einem der ältesten Feste der Welt, das auf den Propheten Zarathustra zurückgeht und von Afghanen, Kurden, Persern gefeiert wird. Wichtigstes Element ist der Nouruz-Tisch mit seinen sieben symbolischen Bestandteilen, dem haft sin:
Sib (Apfel) steht für Schönheit und Gesundheit, Sir (Knoblauch) für Schutz, Sabze (Sprossen) für Leben und Munterkeit, Serkeh (Essig) für Fröhlichkeit und Geduld, Samanak (Getreidebrei) für Wohltat und Segen, Sumach (Gewürz aus der Frucht des Färberbaums) für den Geschmack des Lebens, Sendsched (Mehlbeere) für die Saat und den Keim des Lebens. Zu diesen können weitere Gaben kommen, die für anderes stehen: bemalte Eier für Fruchtbarkeit, eine Münze für Wohlstand, die Wasserschüssel mit dem Goldfisch für Glücklichkeit usw. Die Nouruz-Feierlichkeiten dauern dreizehn Tage. Am letzten Tag verlässt man gemeinsam das Haus, übergibt der Natur den haft sin und picknickt. Der Radfreund lebte einige Zeit in der Region und begeht das Fest bis heute mit der Familie.
Aus Angst vor Gegenwehr wird zur Schuldenaufnahme noch die alte Mehrheit missbraucht. Mehr Verachtung und Respektlosigkeit Volk und Amt gegenüber geht kaum. Schamlose Machtspiele vor offenem Vorhang. DER OSTEN wird eindeutig als eine politische Problemzone definiert. So befeuerst du Reaktanz, Dissidenz und das Errichten von Misstrauensmauern. Im Westen wird man die Politikwiderlichkeiten schnell beiseitewischen, man ist sie bereits gewohnt – solange der Arbeitsplatz, der minutiös geplante Fernurlaub und das Eigeneim nicht wackeln, geht alles weiterhin seinen Gang. Für mich sind da immer mehr Spannungsrisse erkennbar.
Für die Generation meiner Kinder wird die Genderfrage zu einer neuen Möglichkeit, gegen das eigene Sein zu protestieren, die Erwachsenenwelt inbegriffen. Punk 2020 – dazu noch medial als hochinteressantes Ereignis mit eigenen Fahnen, Wimpeln und neuen Toilettengrafiken. Auch da: wie sie gleich ausgeschlachtet werden und missbraucht, die Sensiblen, die Ratlosen, die Verzweifelten …
Es ist März. Trotz kalter Nächte mit Frost zeigt sich frisches Grün. Die ersten Frühblüher sind bereits verblüht, die Schneeglöckchen weichen den Narzissen und auch die jungen Tulpen strecken ihre Blätter der Sonne entgegen.
Vor fast genau fünf Jahren besuchte ich mit meinem Sohn die letzte Großveranstaltung für Monate – das Champions-League-Spiel von RB Leipzig gegen Tottenham. Das Leipzig gewann. Was für eine Stimmung im ausverkauften Stadion! Einzug ins Viertelfinale. Nur Stunden später lag alles still. Spaziergänge waren die neue Party, bis uns auch das untersagt worden war. Wie erklärt man das den Kindern?
Fünf Jahre später habe ich eine Tochter, die mit Depressionen kämpft und auch ein Sohn sein möchte. Und ich habe einen männlich geborenen Sohn, der sich fragt, ob er jetzt für Deutschland in den Krieg ziehen muss. Das macht ihm sogar noch mehr Sorgen als die beschlossene gigantische Neuverschuldung.
Was passiert mit uns?
Die Krähen hocken auf den Straßen wie the king of the road und picken die Essensreste. Erst wenn die Krähen weg sind, kommen die Tauben dran. Spatzen, Meisen, Spechte jubilieren und verkünden ihre Partnergesuche. Bioterror, nennt es meine Frau, wenn es morgens um vier durch das offene Fenster ins Schlafzimmer tönt. Gegen halb sechs ist dann Anzeigenschluss auf der Partnerbörse der Singvögel.
Und mein einer Sohn hat Angst vor dem Wehrdienst. Und mein anderer ritzt sich aus Angst vor dem Leben. Wann sind wir falsch abgebogen?
Und der Bärlauch wächst im Auwald, bedeckt den gesamten Waldboden. Erst die Kräuter, dann die Sträucher und zuletzt die Bäume, sagt meine Frau. Wenn jeder seine Zeit hat, bekommt jeder ausreichend Sonnenlicht.
Minus sechs Grad – ich liess den guten alten Diesel zehn Minuten vor Abfahrt an. Solche Motoren quittieren den panischen Gasfuß mit vorzeitigem Verschleiß – wir aber wollen die 500.000 Kilometer knacken. Den Trupp vollzählig in die Lernanstalt gebracht. Merke, dass die Politsituation so langsam persönlich belastend wird, weil ich in diesem ganzen Nebel eine Zukunft meiner Kinder erkennen möchte. Die brauchen nämlich eine.
Im Autoradio ein Häppchen Mozart – kurzer Satz aus einem der vielen Divertimenti, gespielt von einem Kleinorchester. Dargereicht im hessischen Kultursender. Das totale Tantenprogramm. Macht mich genauso wütend wie Krimiserien namens „Achtsam Morden.“
Sedativa überall.
Um den Mozartbrei loszuwerden, beim Überstreifen des Trikots die mittleren Symphonien in den absolut gelungenen Einspielungen mit Harnoncourt. Und vorher ein wenig Orangenmarmelade.
Ganz gemütlich auf den Hügelrist. Der Schäfer trainiert seine Hunde: mal linksaussen eingrenzen, mal rechtsaussen, danach gibt es Lob. Mit zwei Tieren bekommt man drei Fußballfelder voller Schafe unter Kontrolle. Schon eindrucksvoll. Weitere Untersuchungen der Gattung Phylloscopus. Das Licht bringt überall neue Farbtupfen zur Geltung.
Das 45 Jahre alte Hinterrad spult unerschütterlich Meter um Meter im kleinsten der sechs Gänge ab. Sauge gleichmäßig und tief die Bergluft ein. Wie lang wird das Hoch halten? Die Onlinewahrschauer melden Absatzbewegungen zum Balkan, während von Süd ein Biskaya-Tief anrückt. Im Westen und Südwesten soll es dann zu einem 10-Grad-Sprung kommen. Und hier wirds interessant: Der Westen – wo endet der eigentlich meteorologisch? Am Samstag wartet der 200-Kilometer-Brevet Gießen auf mich – Edersee und retour. Das ist definitiv nicht mehr der Westen, der endet knapp hinterm Rhein. Dann kommt die große Mitte. Der Südwesten geht bis zum Taunus, dem Riegel nördlich des Mains. Die Römer waren klug und setzten ihre Wachtürme zehn Kilometer Luftlinie hinter diese Landmarken. Ein Frühwarnsystem. So verhinderten sie dann zwei, drei Jahrhunderte die unangenehmen Überfälle der Germanen und konnten sich Mosel- und Rheinwein sichern.
Die nächste Wäscheorgie erledigt. Girls n Boys in der Pubertät. Und ein Hobbyradler. Kartoffeln entschalt, der Bioblattspinat vom Aldi kommt roh dazu. Butter, ein wenig Salbei, Schnittlauch … und dann Hähnchenbrust aus der Region, was ausnahmsweise wirklich zutrifft.
Alles unter Dach und Fach. Und neben den „Messias“ (Händel) setze ich „Die Schöpfung“ (Haydn).
Eiskalter Tagesbeginn mit Frost und scharfem Ost. Morgenkonzert ab 5:30 Uhr. Klarer blauer Himmel. Hochdruckwetter. Warmer Mittag. Wind ribbelt die Wasserfläche auf. Das Paar Laubsänger weiterhin am Uferrand aktiv. Bewegen sich unentwegt und schnell. Flattern kurz in der Luft auf, hüpfen von Zweig zu Zweig. Es müssen also schon winzige Fliegen da sein, denen sie nachstellen. Den Taucher sah ich nicht wieder, auch keinen Eisvogel. Dafür kürzlich meinen Lieblingsvogel: den Kolkraben. Ein schweres, älteres Exemplar. Saß gleich neben der Landstraße auf einem Baum. Da wir etliche Basaltkuppen haben, sind die hier nicht so selten. Gut erkennbar am Flug und gutturalen Klang ihres Rufs.
„Das Ende vom Ende der Welt“: Penetrante Vogelverschwinden-Essays von Jonathan Franzen. Dieser Stil! Man riecht die kreative Schreibschule. Dieser Inhalt! Wenn Du missionieren willst, wird die gesamte Welt zum Vogelkiller. Das ist dieser Eifer, der komplett die Grundlagen verlässt. Thus quoth the raven: nevermore.
Mit der kommenden Regierung ist wohl Schluss mit lustig, da wirds heißen: Das Dienstjahr waret auf Dich, tu was für deinen Staat. Die ganzen armen Schweine in die Kaserne, die übrigen kommen als Roboterbewacher in die Pflege oder Krankenhäuser. Diesmal sind auch die Damen dabei. Hurra, Gleichberechtigung. Habe dem Sohn dringend empfohlen, sich ein gutes anerkanntes Dienstjahr (FSJ) zu suchen, welches nicht zu demütigend ist, bevor die neuen Presser Big Brother und DienstjahresApp auf dem Smartphone klingeln. (Ich wünsche, ich bekomme Unrecht.)
Nicht nur in Sachen Alter und Migration sind wir eine Gesellschaft in Schieflage, bei der nun die hässlichen Kräfte der Ständegesellschaft wieder aufschimmern – uns fehlen insgesamt integrative Ideen. Man hält sich an irgendwelchen Retrotopien und Verklärungsformeln fest, sichert Besitzstände und schaut ansonsten weg. Die vielfältigen Möglichkeiten der Parallelwelten der Freizeitgesellschaft (ich lebe in einer!) vermindern den Realitätsdruck zusätzlich. Nebenschauplatz: Das allgegenwärtige, schrille Moralisieren, das mich fatal an die Ausschlusstechniken der philantropischen Kreise von Rotariern und Lions Clubs erinnert – die Guten wollen vor allem eines: unter sich bleiben.
Ich habe von Ahnsorge Stiefmütterchen mitgebracht, damit kommt ein wenig der Frühling ins Haus, obwohl es immer noch sehr kalt ist. Ich bin froh, dass mich die Fensterscheibe vom Balkon trennt. Wenn es dunkel wird, hole ich die Blumen in die warme Küche. Erst wenn der Frost weg ist, wird gepflanzt! Aber ich konnte bereits voll Freude entdecken, dass die Birkenzweige ganz kleines Grün zeigen!
Ich regiere angenehm über einen Raum voll trocknender Wäsche und freue mich, daß die Sonne nun doch durchkommt. Verhaltene Moves im Garten – auch denen gefällt dieses Verharren an der Null-Linie nicht. Weiter Neugier auf Kracht (könnte ein richtig gutes Buch sein) und weiter in der dichten Sprache von Toni Morrisons „Jazz“. Wichtig, Übersetzung und Original parallel zu halten. Übersetzer müssen sich beeilen und stehen in der Unseld-Welt ganz unten.
Den Sohn zum Zug gebracht. Wir reden über Powi, ein Pflichtfach, in dem brav alle Vorgaben und Handreichungen abgearbeitet werden, während in der Politwirklichkeit gerade die irrsten Tricks ablaufen. Unser Sohn ist Teil der ersten Generation, für die dieser Unterricht von Relevanz ist. Faktisch hatte sich hier im Westen ja 30 Jahre oder mehr null verändert – nun wird gewendet und getäuscht, dass sich die Balken biegen. Von Corona und den Eingriffen in die Biographien dieser Kids reden wir mal besser nicht.
An der Bahnbrücke über die Lahn einen großen schwarzen Vogel beobachtet – wahrscheinlich ein Prachttaucher. Hielt ihn vom Flug her zunächst für einen Kormoran, ist aber wohl keiner, die kenne ich. Muss mal mein kleines Fernglas einstecken. Ein Schwan beschwerte sich lautstark, so dass der „Taucher“ wieder wegflog. Neue Graffitis am Tonzug. Die jungen Ukrainer, die jetzt langsam erwachsen sind und bei Aldi mit ihren Freundinnen einkaufen. Aus der Nachbarschaft russische Pfannkuchen für die jungen Damen, die sich bestens verstehen. Auf der Sonnenwiese Aufbau eines kleinen Pferdestalls: das erste Mal in diesem Jahr draussen spielen. Sternanisblüte und Prunus im Lahntal. Die UV-Intensität ist gewaltig. Ultratransparente Farben. Die Weiden übernehmen. Es geht voran.
Lanz und Precht mit sehr guten Ausführungen zur Bürokratie. Im SWR ein interessanter Beitrag über die „Datenkolonie Europa“. Die Kampfgruppen des Guten mit ihrem Alarmismus um den möglichen neuen Agrarminister peinlich. Sie übersehen, dass BMEL-Vorsteher vor allem durch Unsichtbarkeit auffallen und klar die Leitplanken ihrer Behörde kennen. Beim Fressen hört die Moral eben auf. Ich biete da gern eine kleine Führung durch die Kauflandabteilungen an.
Sonne unten, eiskalter Ostwind. Bettwärts mit Toni Morrison und „Dichterliebe“ – Schumann braucht gute Rhythmik, Romantik wirkt bei präzisem Metrum und genauer Akzentuierung.
Vor der Eisernen Lunge im Medizinhistorisches Museum wurde ich daran erinnert, dass ich aus einem anderen Jahrhundert komme – in den Erzählungen meiner Eltern und sogar im Bild einer mäkelborger Kleinstadt waren sie noch bis in die Achtziger präsent: humpelnde und „verwachsene“ Opfer der Kinderlähmung, dieser grausamen Krankheit, die Gelenke und Knochen Heranwachsender zerstört, zu Muskelschwund führt, im schlimmsten Fall zur Lähmung. Bis heute unheilbar. Dank erdumspannender Impfkampagnen konnte 1990 der letzte deutsche Fall vermeldet werden; seit 1994 gilt Amerika als poliofrei, 2000 folgten der West-Pazifik, 2002 Europa, 2020 dann Afrika. Lokal, meist in Pakistan und Afghanistan, taucht die Krankheit immer mal auf, der große Schrecken scheint aber gebannt – bzw. schien: Vieles von dem Vertrauen, das da mühsam über Jahrzehnte aufgebaut wurde, ist durch die teils haarsträubenden Maßnahmen gegen Covid-19 ziemlich zerstört – durch Angstpapiere, Nudging und Nötigungen mag man vielleicht kurzfristig etwas „erreichen“, macht aber langfristig unendlich viel kaputt. Der üble Umgang mit den Impfgeschädigten kommt erschwerend hinzu. So wie es gerade aussieht, werden wir uns an die Wiederkehr so mancher Krankheit gewöhnen müssen. Näheres entnehmen Sie bitte der Tagespresse.
Die Sonderausstellung „Erfindungswahn! Das Segelluftschiff des ‚Ingenieur von Tarden’“ sehr lohnend – anhand einer Krankenakte aus dem Archiv der Charité wird die Geschichte des Patienten A.R. erzählt, der dort 1909 mit der Diagnose „Erfindungswahn“ in die psychiatrische Abteilung eingeliefert wird. Ein Tüftler, der unter falschem Adelsnamen Patente für Luftschiffe an den Mann bringen will und dafür dann für verrückt erklärt wird. Schlüsselsatz dabei: „Es gibt erfolgreiche und erfolglose Erfinder. Die erfolglosen nennt man Paranoiker.“ (Ernst Kretschmer) – selbst Graf Zeppelin wurde bis zur Jungfernfahrt seines Luftschiffs als „Narr vom Bodensee“ verspottet. Bedrückende Einblicke in die Unterlagen A.R.s – man spürt, dass da ein Mensch mit sich und gegen ein mächtiges System kämpft, was ja bis heute vorkommen kann.
In allen Abteilungen des dreistöckigen Museums beeindruckende Exponate: ein historischer Krankensaal, Operationsinstrumente, die Präparatesammlung Virchows oder die Wachsmodellierungen von kranken Körperregionen aus dem 19. Jahrhundert – ein lang schon vergessenes Handwerk …
Es versteht sich von selbst, dass anschließend im Museumsladen der Rucksack mit gebundenem Wissen alter Zeiten befüllt wurde.
Sonniger Morgen – Flutlicht! Tauben auf den Wipfeln in Stereo, nur ganz sanfter Nordwest, die Rauchsäulen über den Schornsteinchen sind kaum aus der Ruhe zu bringen.
Gestern Trip nach Gießen, was über drei Stunden im Wind bedeutet. Sehr gutes Training, aber zu wenig Sonne. Keine nennenswerten Klassikfunde. Die Kunden durchstreiften mit Preis-Apps den Laden auf der Suche nach Rock und Pop, während der Altrocker hinter der Theke leicht missmutig auf die Szene blickt und Ware sortierte. Die Gartenmesse schien gut besucht gewesen zu sein – ich sah volle Autos davonfahren und letzte Taschenträger hinausgehen.
Parallel zu meiner Route verläuft die vierspurige B49, von der wohl ein Teil gesperrt war – plötzlich schossen Wagenkolonnen an mir vorbei; wo sonst ländliche Ruhe herrscht, wurde ich angehupt wie nie; nach 5 Kilometern war der Spuk vorbei. Entlang der Strecke am Waldrand bunte Rohre: Das Glasfasernetz wird in die rückständigen Regionen gezogen. In der Umgebung nach wie vor riesige Mengen Holz, die davongebracht werden – manche Kommune scheint sich beeilt zu haben, kaum zwanzigährige Bäume zu fällen. Am Abend grüßte mich, bepudert von dünnen Schleierwolken, der Vollmond, am Morgen zuvor sah ich ihn noch angeschnittenen untergehen.
Gut erholt mit klarem grünen Sencha.
Heute ein durchsonnter Spaziergang mit der gestern eingetroffenen Austauschschülerin. Im Wald sehr entspannt mit den beiden Girls auf D, E und F alles Wichtige geklärt: Morgens Matcha mit Milch – ich bin instruiert. Ein WK-II-Jäger mit US-Stern überfliegt uns. Die Traktoren durchkämmen mit ihren riesigen Harken die Wiesen. Am Rand blüht gelb das Scharbockskraut.
Das Radio meldet, dass eine weitere Variante der Vogelgrippe auf das us-amerikanische Milchvieh übergesprungen ist. Die Türkei hilft nun mit Exporten in die Staaten aus. An der Stelle wirds brenzlig, da vermutlich die Verbraucherpreise steigen werden. 40 Prozent soll der Anteil „illegaler Migranten“ unter den Farmarbeitern betragen.
Juli Zeh im Schweizer Fernsehen gut – man merkt den juristisch geschulten Verstand. Das ist etwas, womit ein Erregungsjournalist selten konfrontiert wird, was auch daran liegt, dass es ausserhalb des klassischen Erzählsystems liegt.
Nachtgruß eines pappsatten Besuchers des Sushirestaurants „Rubi“ in Limburg. Unser Gastkind zufrieden, mein Girls-Triple zufrieden und ich auch. Roher Thunfisch ist eine absolute Delikatesse! Sehr zartes Fleisch, ganz dünn geschält, ebenso der Ingwer. Zu unseren Köpfen ein künstlicher Herbstahornbaum. Geschmackvolles, japanisches Geschirr. Wir kamen zum Glück später als die Masse. Ein wunderbarer Sternenhimmel – es wird also wieder unter die Nullmarke gehen. Nun bettwärts. Wasabi reinigt die Bronchien. Morgen das weiße Rad bei blauer Frische.
Wenden wir uns heute den Todesursachen unserer Vorfahren zu. Dafür wurden die Kirchenbuchduplikate der evangelischen Parochie Meseritz in den Jahren 1824-1835 ausgewertet. 1793 fiel Meseritz mit der zweiten polnischen Teilung an Preußen; 1818 entstand dann durch eine Neugliederung der Kreis Meseritz im Regierungsbezirk Posen in der gleichnamigen Provinz. Zu diesem gehörten Meseritz, Meseritz Vorstadt, Schloß Vorwerk, Georgsdorf, Winnitze, Kaintsch, Nipter, Sorge, Kupfermühle, Sorge sowie Heidemühle, die bis 1945 allesamt deutsch waren. Aus Meseritz wurde dann das polnische Międzyrzecz, heute eine Stadt in der Woiwodschaft Lebus.
In der Stadt Meseritz erblickte ich 1936 das Licht der Welt – wie bereits meine Brüder Karl und Hans-Joachim als Hausgeburt in der Kirchstraße 16 und mit Hilfe einer Hebamme, was damals üblich war.
In den Kirchenbüchern wurden die Begriffe „Todesursache“ und „Krankheit“ synonym verwendet. Manche Bezeichnung mag für zeitgenössische Ohren mitunter etwas eigenwillig und schrullig klingen, wobei nicht nachvollziehen war, ob die eine oder andere Diagnose von den Pastoren und Küstern anders aufgeschrieben wurde, als von den Ärzten benannt. In Klammern ist der jeweilige heute gebräuchliche Begriff angeführt, so dieser zu eruieren war.
Todesursachen der Einwohner von Meseritz1824-1835
Abzährung, Auszährung, Brustkrankheit (Krankheitsbilder mit Kräfteverfall und starkem Untergewicht durch z.B. Tuberkulose, Krebs oder Schwindsucht)
Abzährungsfieber (Tuberkulose mit Fieber)
Altersschwäche und Alterswegen (Altersschwäche)
am Ausbleiben der Natur(könnte sich auf unterschiedfliche gesundheitliche Zustände beziehen, die damals nicht genau diagnostiziert werden konnten, z.B. hormonelle Störungen, schwere Mangelernährung, Krankheiten im Zusammenhang mit der Menstruation und den Wechseljahren)
an den Folgen des Harnzwanges (Harnwegsinfektion)
Ausschlag (Symptom, mehrere Krankheiten möglich)
Ausschweifung im Trinken (Äthylismus, Dipsomanie, Potomanie, Alkoholismus)
Auswuchs am Halse (evtl. Tumor und Schilddrüsenerkrankung)
Auszährung(Krankheitsbilder mit Kräfteverfall und starkem Untergewicht, z. B. Tuberkulose, Krebs oder Schwindsucht)
Nervenschlag, an einem erhaltenen Schlag und an Schlages (wahrscheinlich Schlaganfall)
Ohrengeschwür(Furunkel im Ohr)
Rose(Entzündung mit Hautrötung)
Röteln
Rückenmarkdorn(unklar)
Ruhr
Scharlach
Schlagfluß(in alten Quellen: plötzliche, teilweise oder vollständige Lähmung; Schlaganfall, Gehirnblutung etc.)
Schleichendes Fieber (Rezidivierendes Fieber)
Schnupfenfieber(Influenza)
Schwachgeboren(nicht lebensfähiger Säugling)
Schwachheit(nicht zu spezifizieren)
Schwindsucht (Tuberkulose)
Schwulst (wahrscheinlich Geschwulst, Tumor)
Selbstmord(Suizid)
Stickfluß (Bronchitis, Asthma oder Lungenödem)
Unterleibsentzündung und Unterleibserkrankung(Entzündung der Gebärmutter, Eierstöcke oder Eileiter)
Verstopfung(Symptom, mehrere Krankheiten möglich)
Wasserbruch (Hydrozele)
Wassergeschwulst(unklar)
Wassersucht(Ödem, Hydrops, Akasaka)
Zahndurchbruch, Zahnen, Zähnen
Zähnenfieber
Zahnkrämpfe
Die exakte Einwohnerzahl Meseritz‘ in den Jahren 1824-1835 lässt sich nicht feststellen; 1800 waren 3100 Kreisansässige notiert, 1849 dann 4853. Im Betrachtungszeitraum starben 1351 Menschen. Als häufigste Todesursache ist die Choleraepidemie von 1831 (mit 189 Fällen) erfasst, es folgen Krämpfe, die als Oberbegriff für mehrere Diagnosen stehen (184), Altersschwäche (96) und Abzährung (84).
Als singuläre Todesursachen sind beispielsweise der Ochsenangriff verzeichnet, der den Kuhhirten Andreas Bloch zu Tode brachte, das Feuer in der Mühle, das den Tuchmachermeister Johann Behnisch tötete, der Pferdeschlag, dem der Kutscher Christian Janisch erlag oder die rutschende Kiste, die Beata Luise Kramm erschlug.
Die Säuglings- und Kindersterblichkeit bewegte sich in der zu jener Zeit üblichen Größenordnung – so starben in den elf Jahren 256 Säuglinge (0 bis 1 Jahr) und 299 Kinder (1 bis 10 Jahre).
Als älteste Bewohnerin ist die Tuchmacherwitwe Anna Maria Günther aufgeführt, die mit 90 Jahren dahinschied. 39 Personen erreichten das 75. Lebensjahr, wovon 23 Frauen waren, woraus man schließen kann, dass das weibliche Geschlecht bereits damals eine höhere Lebenserwartung hatte – worauf auch der hohe Anteil an Witwen hinweist.
Die allgemeine Lebenserwartung wurde erst mit Veröffentlichung der Ersten allgemeinen Sterbetafel von 1871-1881 für das damalige Reichsgebiet erfasst – sie betrug in der ersten Dekade nach der Reichsgründung bei Geburt für Frauen 38,4 Jahre und für Männer 35,6 Jahre, niedrige Werte, die durch die hohe Säuglinssterblichkeit bedingt sind. Das 60. Lebensjahr erreichten in dieser Zeit rund 36% der Frauen und 31% der Männer. Heutzutage liegt die durchnittliche Lebenserwartung bei Geburt bei den Frauen hierzulande bei 83 Jahren und bei den Männern bei 78,2 Jahren.
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
Auf der Eisenbahnbrücke über die Lahn nach dem Rechten gesehen. Deutliche ornithologische Regung in der Ufervegetation. Drosseln, Häher, Meisen, ein Laubsängerpaar. Die Amseln wechseln die Ufer. Und plötzlich schwirrt auch er vorbei, so wie vor vier Jahren, als ich ihn zufällig entdeckte – der metallicblaue Pfeil: Mein Eisvogel! Flog über die Brücke und nicht darunter hindurch: interessant. Sehr kühle Nordwestströmung. Wolkig mit Unterbrechungen. Feucht.
Hegemann machts richtig, bleibt bei ihren Leisten. Ihre Spekulation über das Zuschütten unserer Abgründe anregend (ZEIT-Interview). Am eigenen Tesla das Logo abzukleben, gehört dazu. Mit diesen Abgründen könnten auch die kognitiven Dissonanzen gemeint sein, in denen wir uns alle prächtig eingerichtet haben. Unsere Jüngste war als eine von zweien ihres Jahrgangs noch nicht im berühmten FOC Montabaur zwecks Beschuhung und Bekleidung. Solche Outlet-Scheinstädte werden tatsächlich als Ausflugszielefür die ganze Familie begriffen. Was bedeutet Gender pay gap, wenn man von Kinderarbeit profitiert? Der Mechansimus ist immer derselbe: Gebt mir den Pauschalurlaub und ich bin ruhig, denn ich will Abschalten. Wohlstandsverwahrlosung ist das Prinzip, mit dem die Dissonanz überwunden wird; jeglicher Protest verstummt, solange der Lutscher im Hals steckt. Wortfetzen unter den Müttern beim Abschieben ihrer Kleinkinder gegenüber: „Oh, du warst im Urlaub … schön braun!“ Ich kenne diese Sätze, seitdem ich Deutsch verstehe. Konditionierung wirkt, das muss strafmildernd anerkannt werden. Hinter blickdichten Zäunen mähen Roboter das Gras millimeterkurz, rund um den 6000-Liter-Pool mit chloriertem Trinkwasser. Die Beispiele: zahllos. Die Gefahr, die über allem schwebt, wird ignoriert, die Natur labiler Gleichgewichte. Wir befinden uns in einer Strömungsdynamik, die wir weiter und weiter Richtung gasförmig optimieren. Geringe Lecks reichen und das System kann sich kaum mehr selbst reparieren. Altern und Krankheit: werden verdrängt. Reproduktion als natürliche Reparationsmöglichkeit, ja, als Urzelle unserer Gesellschaft: wird verweigert. Wir ahnen die Folgen und fahren noch schnell eine Runde Kreuzfahrt, wir hassen Ausländer, lassen uns aber gern von ihnen bedienen. Die Elche im Naturpark Weilburg wirds kaum jucken.
Zum Abendbrot das große Risotto mit Feldsalat. Satt und zufrieden. Ich verneige mich vor der Pflückerin des klaren Grünen Senchas. Weiter mit Toni Morrisons „Jazz“ in die Epoche nach dem Ersten Weltkrieg. Die Schwarzen verlassen ihre Dörfer, ihre Farmen, die immer weniger Personal brauchen. Eine Bruchlinie. Metamorphose und Heimweh.
Die Sonne zart verhangen. Ein grauer Tag. Die Singdrossel in Aktion. Das Training gut. Brachte neue Delikatessen für die Familie mit. Sah den Güterzug wieder, der Steinefrenzer Ton vom Westerwald nach Italien bringt. Dort machen sich die einheimischen Sprayer über die Wagons her. Ulkig, dass dann alles so bleibt, die Eisenbahner juckts anscheinend nicht. Vor ein paar Wochen das große Graffiti: I soldati leggono Tolstoj. – auf Deutsch: Die Soldaten lesen Tolstoi.
Bericht aus einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge: Familien bekommen keine Windeln mehr und auch kein Geld. Wir züchten uns da neue Sklaven, die in unseren Uranbergwerken und Testlaboren verheizt werden – ohne jegliche fundierte Diskussion. Der Zynismus der härteren Gangart gegen Migration live. Aber wohin kommen nun die ganzen Nichtabschiebbaren und deren Kinder? Keiner weiß es.
Gehe meine Mozart-Sinfonien durch. Ganz wunderbar Jupiter mit Bruno Walter. Die ’68er Eterna-Pressung sehr viel besser als das zehn Jahre ältere Philips-Original, vor allem die Bässe und Pauken deutlich hörbar. Walter hat eine unglaubliche Lyrik und Gelassenheit. Werde die LP also – auch auf Anraten meiner Jüngsten – behalten. Es ist immer gut, ein paar Einspielungen zu haben.
Trüber und grauer Morgen bei einstelligen Temperaturen. Beginn mit einem klaren, hellgrünen Sencha. Im Rasselsteinwerk sind jetzt die ersten tausend Meter Feinblech gewalzt. Gleichzeitig höre ich, wie überall das komplexe Geschäft mit Rechenclouds und Datencentern anläuft. Die werden demnächst die Lastwagen über die Autobahnen führen und am Ende uns selbst, wenn sie es nicht schon längst mit den unzähligen Apps tun, die wir allmorgendlich sorgsam öffnen. Dann lieber kurz den Vögeln zuhören, vielleicht ist eine neue Stimme dabei. Die Feldlärche neulich setzte gerade zu ersten Trillern an, als ich sie mit dem Rad aufscheuchte. Warm anziehen – gestern hab ich mich beinahe erkältet!
Am Straßenrand an einem Strauss Narzissen gestoppt. Die lagen an einem Kreuz und einer Tafel, die von zwei Soldatengräbern künden. Überrachender Fund. Sicher dreihundertmal dran vorbeigefahren. Daraufhin nochmals den Lageplan Bobruisk vom 22.-28. Juni 1944 studiert und weitere Vermutungen angestellt. Für das, was dort nur in dieser einen Woche geschah, wäre ein eigenes Echolot möglich.
Feldsalat mit Bratkartoffeln, Paprika und Hummus-Broten. Die Kinder wollen gerufen sein. Wieder Mahlers Titan, diesmal Abbado und die Wiener – elastischer und schöner als Bernsteins NYC.
Nun allmählich Nachtruhe und weiter mit Toni Morrisons sehr dichter Sprache. So viel wichtiger als die ganzen aktuellen Regelungen und (vorgetäuschten!) Rücksichtnahmen auf Hautfarbe, Geschlecht und Gleichheit. Dieses Reich des Guten (Philippe Muray), ein ganz kleiner, widerlicher Sozialhierarchietrick.
Aber wir dürfen nicht zornig werden, allenfalls wie Bernhard!
Im Museum für asiatische Kunst großartige Tuschezeichnungen von u.a. Kano Sansetsum und Yokuyama Kakei. Haben Titel wie „Vogel auf dem Ast eines schneebedeckten Pflaumenbaums“, „Gelehrter und jugendlicher Begleiter betrachten einen Baum“ oder „Erdnüsse knabbernde Pallashörnchen“. Ebenso klasse: Das Album mit den zwölf Originalblättern zu Waka-Gedichten aus der Edo-Zeit (17. Jh.)
Neben dem eigens fürs Museum gebauten Teehaus Bōki-an schaue ich einen Film über eine japanische Teezeremonie („Der Teeweg“). Bōki heißt „die alltäglichen Angelegenheiten vergessen“. Erscheint mir in der Form zu umständlich und unterwürfig. Anderer Kulturkreis. Westler, die einen auf asiatische Gelassenheit machen, sind eh oft ziemlich unangenehm – besser weiterhin den eigenen Weg gehen, der sich irgendwo in der Mitte von diesen ständigen hierarchischen Verbeugungen und all den To-go-Cup-Gehetzten um mich herum befindet. (Trotzdem mal mit Teepinseln beschäftigen.)
Stoße auf die persische „Lichtreligion“ Manichäismus (ca. 220 n.Ch. ff.) Werde meinen iranischen Nachbarn danach fragen, der ist ein ganzheitlich arbeitender Physiotherapeut, Licht einer der wichtigen Pfeiler seiner Arbeit.
Die abgebrochenen Teile der kleinen Buddhaskulpturen im anderen Raum rührend. Beim Betrachten einer Querbalkenstützfigur in Form eines Löwen löse ich wie so oft Alarm aus. (Unsere Museen sind viel zu empfindlich!) Spreche im Aufzug mit einem älteren Wachmann, der sagt, dass er froh sei, dass die Zeit der Fahrstuhlführer vorbei ist und jetzt „die Technik“ solche Arbeit übernimmt. Er sieht alt genug aus, dass er wohl nicht mehr durch eine Minidrohne ersetzt werden wird. Wenn die demnächst an solchen Orten herumfliegen und mit Zentralrechnern verbunden sind, hab ich schnell überall Hausverbot. (Das dann aber das kleinste Problem dabei.)
Viel Volk auf den Wiesen vor dem Dom und Alten Museum, obwohl unter 10° und der Himmel graumilchig verhangen. Ein Violinist, der in Unter-den-Linden-Abgasen Schreckliches zum Muzak-Playback aus dem Ghettoblaster fidelt. Die CDs im Geigenkoffer je 10 Euro. Nehme aus dem Antiquariat bei „Walther König“ den Briefwechsel zwischen Hermann Borchardt und Grosz mit – es gibt ja durchaus Künstler, die einen mit ihren Gedanken nicht zu Tode langweilen. („Von solchen Zeugnissen amerikanischer Dekadanz wie Closetpapier sind wir hier in Minsk entfernt.“) Die hochinteressanten Architekturtheoriebücher zum Glück allesamt viel zu teuer. (Da jetzt bloß nicht mit anfangen!)
In den zwei, drei Tagen nach unserer Müllsammelaktion immer noch nette Rückmeldungen. Staune, wer das alles wahrnimmt: So schickte z.B. eine mir ubekannte Bezirksabgeordnete eine sehr sympathische Nachricht. Nun kann ich über deren Partei auch mal etwas Positives sagen – es geht doch nichts über den persönlichen Kontakt!!! Der Mann vom Grünflächenamt ooch zufrieden.
Zum Mittag Schmorkohl – im Winter gibts meist Winteressen. Klar.
Milde, milchige Luft, sehr angenehm, da seit Wochen der erste Tag ohne Frost. Alles wächst, Indianer würden es unter den Mokassins spüren. Morgens eine erste Singdrossel. Die Vögel ziehen, wann sie wollen. Heute wie gestern auffallend ruhig draußen dank Flugstreik – was sich auf meine Gehörnerven sehr positiv auswirkt. Wahnsinn, wenn man überlegt, dass es sich hierbei um eine 90%ige LUXUS-Industrie handelt, etwas, auf das wir in der überwiegenden Menge getrost bis Mitte der 90er verzichten konnten. Unter Radsportlern ist das Thema Ostern nach Mallorca ein äußerst sensibles – die all-inklusiv-Inselrunde mit vierzigtausend Mitfahrerinnen und Mitfahrern gehört ganz ganz fest zum rituellen Glücksprogramm vieler.
Weiter in Robert Graves‘ Buch: Caligula veranstaltet Festspiele, die acht Tage dauern. Auf den Tribünen lässt er für die sechzigtausend Zuschauer gratis Kuchen, Obst und anderes Essen verteilen. Bevor ein tausendjähriges Reich von Friede und Glück anbricht, möchte er, dass noch einmal das Blut bis an die Deckenbalken spritzt. Caligua ist sehr zorning und Freund ausufernder Gewalt. Er lässt Senatoren foltern, manchen auch hinrichten. So kommt es zur Verschwörung gegen ihn – nach der großen letzten Theateraufführung wird er in Stücke gehauen. Was dann Tumulte auslöst. Einem der Schauspieler gelingt es, die Massen zu beruhigen, vor allem aber die germanische Leibwache des Ermordeten. Dessen alter Onkel Claudius wird von den Verschwörern auf dem Studierzimmer aufgesucht. Vor Angst schlottert und stotternd, fleht dieser um sein Leben – dabei ist er als der neue Kaiser auserkoren und wird wenig später inthronisiert. Claudius hat einen Gehfehler – das französische „claudiquer“ weist bis heute auf sein Humpeln hin.
Ein komplett grauer und diesiger Tag mit Nieselregen, abends dann ein schwaches Sonnenschimmern. Jochums Siebente von Bruckner zu müde. Mahler weiter mitTableaus. Mozarts C-Moll-Messe mit Gönnewein: Sehr gut! Champions League mit dem Sohn. Epische erste Halbzeit Liverpool – PSG. Die Stimmung im Stadion. Die Mimik des holländischen Trainers. Liverpool zu ungeschickt. Posaunen und wogende Streicher nach verlorenem Elfmeterschießen. Passt.
Auf der großen Baustelle für die Siedlung in der Regimentsvorstadt werden jetzt die Leitungen und Rohre verlegt und weitere Flächen geebnet. Nach und nach kommen neue Gehwege und Straßen dazu, manche sind bereits komplett befahrbar.
Es sind viele Baufahrzeuge vor Ort, unter anderem ein Bagger und ein Kran. Und für die Arbeiter ein Bauwagen, in dem sie etwas essen und sich aufwärmen können. Es ist wieder kälter geworden, es ist aber ja auch erst März; früher haben wir manchmal sogar noch die Maibäume in die Scheunen stellen müssen, damit sie etwas Wärme abbekommen. Die Schule soll zum Beginn des neuen Schuljahrs fertiggestellt werden, mal sehen, ob die das schaffen. Sie sagen ja. Die Eigenheime sind alle noch leer, aber im Kindergarten ist Leben!
Abendstunde. Wieder auferstanden. Fahren bis zur Erschöpfung, Essen und Baden, danach brauchte der Körper die Horizontale. Bin froh, gut und ausbelastet zurück zu sein.
Zwei Stunden mit meinem jüngsten Bruder, der neuerdings in den Diätsport geht. Er ist Tierarzt und kocht sehr gern. Das Wiedtal wäre wundervoll, wenn es nicht so verkehrsgünstig läge. Mehrfach wurden wir darauf hingewiesen, hintereinander zu fahren – von Motorrädern herab, die den ganzen Winter in der Garage standen.
Auf dem Rückweg ein riesenhafter Flohmarkt. Die größten Stände sind Neuware ungeklärter Herkunft, garantiert ohne Prüfsiegel. Viel Handwerkerzubehör, alt und neu. Low Profis, die Ramsch anbieten, der nicht einmal bei Kleinanzeigen läuft, die armen Patchworkmütter, deren Kinderzimmersachen auch keiner will. Warum wird immer ein überflüssiger Überfluss angeboten? Ein Marktwagen mit russischen Delikatessen. Drei gut besuchte Stände mit orientalischen Parfüms – da gibt es, wie in der Küche, ganz eigene Geschmacksrichtungen. Leider kaum CDs.
Müde.
Den Vormittag weiter im Ruhemodus. Die Muskeln ziehen leicht – Zeichen für ein wirkungsvolles Training. Kein Muskelkater. Immer noch Ost, Morgenfrost und dann rasch steigende Temperaturen – der Ostafrikaner stand um 8:30 Uhr im T-Shirt an der Hauptstraße. Der Sohn hat Sportprüfung und verzweifelt, da er immer noch nicht richtig fit ist. Angst um die Note im Leistungskurs. Puls unter 50. Ich nenne das okay. Kleinere Hausarbeiten: Fahrräder ausbessern, hier und da Holz imprägnieren, momentan trocknet es gut durch. Der alte Russe schiebt sein rosa Damenrad mit Einkaufstasche stoisch den Berg hinauf.
Gestern an den Wegrändern der Waldpassagen die Kornelkirsche. Ein Alleestrauch mit gelbgrünen kleinen Blüten, der gerade überall aufkommt. Die Wipfel vieler Bäume treiben farbig aus, man sieht das aus der Ferne viel besser, weil sich die Baumgruppen verdichten und staffeln – orange bis violette Säume, sehr dezent.
Arbeite gerade an der besten Bolognese seit langem: Die Zwiebeln werden in einem 83er Mosel Spätlese Riesling abgekocht, der dann fast zu Sherry wird. Findet man immer wieder beim Trödler – eine Wundertüte in Flaschenform. Dazu Tomaten, passierte Tomaten und Tomatenmark, Möhren, Auberginen, Pastinaken, Zwiebeln, ein paar Oliven, trockenen Basilikum und das gute Rinderhack, welches cross in Sonnenblumenöl anzubraten ist.
Eine letzte Runde durch die Kinderzimmer, die Bolognese hat sie alle glücklich und satt gemacht. Jetzt nur noch Schönbergs „Verklärte Nacht“. Großes Orchester, gestriger Flohmarktkauf. Viel besser als Mahler, den ich weiter einen Sentimentalisten schimpfe – sucht ein großes Gefühl und ist nicht bereit, den Eintrittspreis dafür zu zahlen.
Ich war in Quedlinburg auch joggen. Vorsichtig, da man ja weiß, dass mit einer Influenza nicht zu spaßen ist. Erst durch die Altstadt – schönes altes Pflaster, aber sehr unschön zum Laufen. Nach einem Kilometer in den Stadtpark. Die Wiesen waren mit Rauhreif bedeckt, ein Eichhörnchen rannte mir über den Weg, die Winterlinge hatten die Blüten noch geschlossen. Über den Abteigarten unterhalb vom Schloss ging es dann zurück.
Was eine Stadtführerin sagte, wollte ich nicht glauben: Erst in den 1970er Jahren sei für die Altstadt eine Kanalisation gebaut worden. Vorher mussten viele noch aufs Plumpsklo und Wasser mit Eimern herbeischaffen. Ab den 80er Jahren setzten Facharbeiter aus Polen dann die ersten Häuser instand, wofür sie wohl auch teilweise in Forumschecks bezahlt wurden. Die DDR hätte den alten Kram am liebsten abgerissen. Die Betonneubauten, die man außerhalb des Zentrums sieht, waren damals himmlisch, die Altstadt die Hölle. Es ist nicht nur die Wende, welche den Stadtkern gerettet hat, sondern auch der Kapitalismus. Denn um solche Häuser zu sanieren, muss man vernünftige Erlöse aus Mieten realisieren. Die waren in der DDR auf extrem niedrigem Niveau festgeschrieben und erlaubten nicht einmal die Instandhaltung, geschweige denn eine Modernisierung.
Ein anderes spannendes Problem, auf das uns die Führerin hinwies, ist der Streit zwischen Denkmalschutz und Architekten auf der einen sowie Bauherren auf der anderen Seite. Sie zeigte uns ein teilweise saniertes Haus, wo der Ausbau seit zwei Jahren stockt. Ein Grund: der Bauherr würde im Erdgeschoss gerne die Deckenhöhe von 1,70 Meter anheben. Nach oben darf er nicht, nach unten kann er nicht, weil es keinen Keller gibt. Und sobald er anfängt zu graben, kommen die Archäologen. Ein eher seltener Fall, aber es stehen wohl noch ein paar solcher Gebäude leer, in denen niemand wohnen kann – das Mittelalter ist ja vorbei. In vielen der krummen Häuser leben jedoch wieder Menschen und haben sich mit den Tücken der engen Straßen und schiefen Wände arrangiert.
Sonntag, 10 Uhr, Treff auf der moabiter Rodelbahn zur Müllsammelaktion im Fritz-Schloss-Park. Nachdem wir zu Beginn 35 Leute sind, die zu Müllsack, Zange, Besen, Eimerchen und Handschuhen greifen, werde es am Ende um die 70 gewesen sein. Anwohner, die über verschiedene Kanäle davon erfahren haben – erstaunlich viele wurden durch Plakate darauf aufmerksam, hat sich das Aufhängen also gelohnt. Die Stimmung prächtig, alle Altersstufen vertreten. Die Sonne scheint. Nach ner kurzen Einführung legen wir in kleinen Grüppchen los. Ich sammel am Scheitel des Bergs und weise die ein, die nach und nach dazukommen, sogar ein Joggerpaar macht spontan mit.
Viele wundern sich, dass wir kein Verein sind und das vollkommen ohne Fördergeld organisiert haben – scheint wohl inzwischen ne Seltenheit zu sein. (Alles, was man in den letzten Jahren unter „Maßnahmen gegen den Klimawandel“ labeln konnte, hatte sehr gute Chance auf staatliche Kohle, so etwas verführt dann, ist ja klar.) Wobei es heute durchaus eine Kooperation gab: die Berliner Stadtreinigung stellte Geräte, Handschuhe Westen und Mülläcke und holt diese auch wieder von den vereinbarten Plätzen ab (alles unkompliziert organisiert – nennt sich Kehrenbürger).
Obwohl das Ganze nur auf zwei Stunden angelegt war, sind einige fast doppelt so lange da. Da der Wunsch nach weiteren solcher Aktionen besteht, wird sich nun vernetzt. Der Gemeinschaftssinn lebt also – so wie er immer lebte: Von den Nebenplätzen des Poststadions hörte man die sonntagsüblichen Geräusche. Ohne die hierzulande über 2 Millionen echten Ehrenamtler im Fußball könnte kein einziges Kinder-, Jugend- oder Amateurspiel angepfiffen werden – und das zieht sich in nahezu alle Bereiche unserer Gesellschaft. Darauf lässt sich doch weiterhin aufbauen. Wir sollten uns nicht gegeneinander aufhetzen lassen.
Ins Leben gerufen wurde das alles vor drei Jahren von einem Moabiter, der dort mit seiner Frau und vier Kindern um die Ecke wohnt und vom Müll genervt war. Der hat dann einfach mal losgelegt. Ich lernte ihn im vergangenen Jahr beim Bäumepflanzen kennen und traf ihn bei einem Ökogruppenvernetzungstreffen wieder, wo wir viele Dinge besprachen, die anscheinend eher ökotruppuntypisch sind. Seitdem sehen wir uns öfter und machen dann etwas zusammen.
Ein Wochenende in Quedlinburg. Wie uns der einheimische Führer auf dem Kirchturm verriet, hat nur die Wende und 1994 der Status als UNESCO-Weltkulturerbe das mittelalterliche Städtchen gerettet. Die Bausubstanz war marode, Plattenbauten zu errichten, hätte die DDR weniger gekostet als die Sanierung. Aber so verliebten sich Westdeutsche in die Stadt und brachten Geld mit.
Übrigens: Nicht nur wegen der Fachwerkhäuser, der Kirchen, dem Schloss und dem Domschatz ist Quedlinburg berühmt, sondern auch für die Herstellung von Saatgut. Im 18. und 19. Jahrhundert verdiente man soviel Geld mit den Samen von Futter- und Zuckerrüben, dass einer der Firmeninhaber seinen Angestellten um 1900 eine eigene Kirche und sogar eine Rentenversicherung spendiert habe, erzählte der alte Quedlinburger. Inzwischen sei die Kirche aber entweiht und ihr imposanter Kronleuchter hänge jetzt hier in der Marktkirche. Auf dem Dachboden zeigte er uns stolz die Aufhängung. Wir sahen dann später auch noch die Häuser, die besagter Saatgutfabrikant ebenso für seine Arbeiter bauen ließ: Geräumig und mit Wasserleitungen, drumherum große Grünflächen.
Ansonsten: Enge Straßen, viel Fachwerk, einzelne Blumentöpfe mit Frühblühern und am Lauf der Bode Winterlinge, Krokusse und die ersten Spitzen vom Bärlauch.
Der Hornruf von Bruckners Vierter geht durchs Zimmer. Null Grad um 8:00. Der Teenie sitzt im Lokalzug nach Limburg und macht die Erste-Hilfe-Prüfung - Führerschein mit 17, einen E-Roller fahren, das ist der Plan. Auf dem Weg zum Bahnhof am Waldrand ein Afrikaner (Äthiopien oder Somalia), offenbar auf etwas wartend. Ob es dort eine Mitfahrgelegenheit für Arbeitshelfer gibt? Als ich zurückkomme, ist er immer noch da. Die ersten Trupps auf ihrem Weg zur Baustelle bereits unterwegs, erkennbar an den anonymen, leicht ramponierten Lieferwagen. Ein Leben abseits von Statistik und Zinspolitik.
Kleine, gleißende Westerwaldrunde in die Provinzfeste Hachenburg. Die Müdigkeit der letzten Tage ist davongeflogen, die merkwürdigen Muskelschmerzen nicht. Überall, wo ich langfahre, werden Autos und Motorräder gewaschen – Letztere sind jetzt wieder in ihren Rudeln unterwegs. Ein Zitronenfalter, der einsam durch den Wald tanzt – wo noch keine Blätter sind, fällt Farbe schnell auf. Durch die konstanten Nachtfröste nur ganz schwaches, kaum merkliches Wachsum der Triebe.
Passend zum Weltfrauentag bringe ich der Teenagertochter „Anna Karenina“ mit – dtv-Dünndruck, gute Übersetzung, frage mich, ob es noch eine Aufbau-Ausgabe gibt, die das übertrifft. Tolstoi beschreibt darin Probleme, über die unsere Mittelschicht und auch Shirin David Zirkeldiskussionen führen. (Der Teenie sendet mir umgehend Rap-Lyrik-Analysen.) Ich gratuliere ihr zum bestandenen Erste-Hilfe-Kurs, der drei Jahre auf den Führerschein angerechnet werden kann. Sie überlegt, mit einem russischen Mädchen aus der Nachbarschaft Car-Sharing zu machen. Deren Vater möbelt Autos auf und vertickt die dann im Dorf: Selbsthilfe und Autonomie. Den Ostafrikaner von heute früh am Nachmittag bei uns um die Ecke mit einer großen Action-Tüte gesehen. Die hat er in Hadamar bekommen, da gibts den Actionmarkt. Ich kaufte bei Aldi einen kleinen roten Jaguar Mk1 – ein Tourenwagen aus großer Zeit.
Abends Champignons in Gorgonzola, Bio-Penne mit Pesto und ein Hard-Bop-Sampler von Bluenote. Morgen ein längerer Ausritt nach Linz am Rhein, wo ich meinen jüngsten Bro treffen werde.
Nach vier Wochen Reifung der erste Probeschluck. Ein leckeres, schönes Red Ale mit Buchenchips gestopft. Knapp unter 5%. Im Kühlschrank 3-6 Monate haltbar – aber so alt wird es garantiert nicht. Darf nur nicht vergessen, dass Ende Februar Verkostungstag in unserem Brauzirkel ist, da muss ich noch etwas davon mitbringen.
(siehe Blogeintrag vom 27/01, 29/01, 09/02, 10/02 und 12/02/2025)
Der erste Zitornenfalter des Jahres! Grünlich, also ein Weibchen. Wir sind Mitte März im biologischen Plan. Am Vormittag auf dem Rad ins Kreisstädtchen zur neuen, inzwischen einzigen, Bibliothek – ich will mir Dieter Bänschs „Bobruisk“ bestellen. Vor Ort teilt man mir etwas betreten mit, dass man nun keine Fernleihe mehr anbietet. Vor fünf Jahren gabs in Limburg eine städtische und die Dom-Bibliothek, die neue befindet sich in einem ehemaligen Geschäftshaus und ist das Konglomerat aus den Trümmern der beiden. Früher gab es noch eine dritte im alten Hildegardis-Krankenhaus – das war die Zeit vor den Fernsehern auf den Zimmern.
Schwere Beine und Müdigkeit, trotz absolut strahlender Sonne und angenehmster Temperatur. Muss irgendwas im System sein, denn unser Teenie klagte gestern auch über diese unbegründete Form von Muskelkater. Nenn es Covid, nenn es sonstwie – wir werden es nie erfahren. Gesundheit ist neben Bildung das zweite große Privatvergnügen des Landes.
Mahlers Neunte mit Solti sehr kraftvoll und energisch interpretiert – trockener Klang. Ganz andere Welt als die Erste, aber auch hier dieser für mich unangenehme Hang Gefühlswelten und Heiterkeit fast parodistisch auszustellen. Aber dolle Fimmusik, finde ich. Bleibt natürlich im Repertoire – das ist ein Ansatz für sich.
Will mich wieder fitter fühlen, also früh zu Bett. Mit der Winkler-Ausgabe von Stifters „Bunte Steine“ – eine wunderbare Sprache, die mich sogleich in eine andere, vor-bernhardsche Welt transportiert.
Die Nacht hat noch Restfrühlingswärme. Ist klar. Schatten schön scharf, nur an den Rändern etwas verlaufend oder liegts an meinen Augen? Was Emma wohl sehen mag? Jedenfalls scheint ihr das Licht zu gefallen. Unermüdlich tippeln ihre kleinen Füßchen auf dem Weg. Es raschelt im Laub. Emma wackelt dahin, die Nase am Waldboden. Rascheln entfernt sich. Vom alte-Männer-Schniefgestöhn her, würd ich sagen, war es n früher Igel, aber der fängt ja bekanntlich die späte Beute, heute. Es ist so trocken hier, dass es beinahe schon staubt. Langsam wirds kühl. Ich rauche und labe mich an der Stille. Ein einzelnes Feierfeuerwerk rumst in der Ferne, ein Hund beschwert sich. Emma spurt ruhig auf ihrer Umlaufbahn und 1, 2mal ist ihr ne Marke ne Erwiderung wert.
Wir feiern jetzt in den Frauentag rein, mit guter Musik und Grappa. Ohne großen Wind darum zu machen, kommt die Kälte.
Vereister, strahlender Morgen, die Sonne kriecht schräg ins Holz. Der Zaunkönig unterwegs auf Zaunlatten und lässt mich zusehen - ich darf gerade noch die Teetasse zum Mund führen. Bald wird sein lautes Zwitschern die Amseln übertönen. Die Strahlen erreichen den Rennradsattel und befreien ihn vom Reif. Als Mitglied des Teams Pausenbrote seh ich dem Sohn nach, wie er mit dem roten Rucksack zum Bus läuft. Im Dorf hat im letzten Winter ein Wolfsrudel ein paar Strauße gerissen, danach wurden überall Zäune verstärkt (den Rest dürfte jagdliche Selbstjustiz erledigt haben).
Habe mich bei 15 Grad auf den Dornenwuchs gestürzt – mit ganz heißen Ohren, irgendwie muss der Kreislauf ja die Temperaturstufe verwursteln. Danach eine sogenannte Essensverabredung „beim Italiener“ in Limburg. Was ich zuhause hinbekomme, ist um Längen besser. Aber es zählt das Setting und die Sozialtheatralik, da bin ich ganz bei Stucki, dessen „Auch Deutsche unter den Opfern“ ich gerade lese. Ein großartiger Reporter des Zeitgenössichen. Wie schnell die Namen verfallen, die Hits and Misses. Oft kann ich mich gerade so entsinnen. Aber eines bleibt: Zidanes Abschied.
Trotz Pollen und der latenten Angst vor einem Neo-Coronainfekt nach dem Restuarantbesuch ein wunderbarer Vorfrühlingsabend. Passend dazu eine Schönberg-Fantasie in der Kooperation von Gould und Menuhin – das ist eine seltene Perle.
Es wird später Frühling als in den vergangenen Jahren in Leipzig. Ich sehe das am Bärlauch. Sonst hat er um den 5. März herum schon große kräftige Blätter, jetzt gucken zumeist gerade mal die Spitzen raus. Vermutlich werden Klimatologen feststellen, dass es erneut der wärmste Winter seit langem war, aber die Natur spricht eine andere Sprache. Gestern früh mussten hier noch Autoscheiben freigekratzt werden. Der Bärlauch spürt den Nachtfrost ebenso und lässt sich daher Zeit in diesem Jahr.
Apropos: Auch in diesem Winter gehen bei uns die Bärlauchddiebe um. Damit sind nicht die Privatpersonen gemeint, die sich einen Handstrauß voll Blätter holen (was trotz der Tatsache, dass der Auwald unter Naturschutz steht, erlaubt ist). Es sind professionelle Banden, die laut Polizei säckeweise Zwiebeln ausgraben – einzelne Diebe wurden von der Polizei mit bis zu 100 Kilogramm aufgegriffen. Manchmal wurden nur die vollen Säcke beschlagnahmt, die im Wald lagen, aber noch nicht abgeholt worden waren.
Man liest, dass die Bärlauchzwiebeln insbesondere im russischen Raum sehr begehrt sind, was das Ausgraben wohl recht lukrativ macht. Was ich mich frage: Über welche Mengen reden wir? Eine Bärlauchzwiebel ist sicher kleiner als die Gemüsezwiebel. Nehmen wir mal an, sie wiegt 25 Gramm. Dann wären 40 Zwiebeln ein Kilo, und 4.000 Zwiebeln wären 100 Kilo. Der Bärlauch wächst im Auwald ziemlich eng beieinander, ich schätze es auf 25 bis 50 Pflanzen je Quadratmeter. Sagen wir mal, es sind 20, weil ja oft auch Bäume oder Baumstümpfe den Platz begrenzen. Dann wären für 4.000 Zwiebeln 200 Quadratmeter zu beräumen – das sind grob 14 mal 14 Meter. Okay, der Auwald hat eine Fläche von 5.900 ha (590.000 m²) – und bestimmt die Hälfte ist im Frühjahr mit Bärlauch bedeckt.
So schlimm der Vandalismus der Diebe für die Natur auch ist – ich glaube, in diesem Jahr muss ich mir noch keine Sorgen um ein paar Blätter für Salat, Pesto oder Bärlauchbutter machen. Und notfalls haben wir ja auch ein paar Pflanzen in unserem kleinen Garten.
Kalter Saum, sieben oder acht kleine Krähen treffen sich an der Kirchturmspitze für den Choral, mit dem sie die aufgehende Sonne begrüßen. Nach Sitzflächenlackierung des Fundstückstuhls in "cremeweiß" den Berg hinauf: Out of body experience mit Oklou-Vibes - Megabässe und Vorstadt, bin definitiv beeindruckt. (Das Video mit dem gelben Marienkäfer!) Kurzdusche vor dem bitteren Salat, darin warme Kartoffeln.
Später Mahlers Fünfte (mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra Of Venezuela) - viel besser als die Erste in meinen Ohren. Vor dem Einschlafen Robert von Ranke Graves grandioser Roman "Ich, Claudius, Kaiser und Gott", in dem die Willkürherrschft des Caligula beschrieben ist: Ein absoluter Borderliner, der Truppen ins Meer waten lässt, weil Neptun gegen ihn sein soll; Claudius landet in der Rhone, weil sich der Pferdetross verspätet - Macht ohne Kontrolle, so sieht sie aus.
Träumte heute Nacht, ich spräche mit meinem Vater über Bobruisk, wo sein Vater Ende Juni 1944 als vermisst gemeldet wurde ...
Ein Thema, das mich in der Wirklichkeit beschäftigt: Anhand einiger Internetforen konnte ich schon das Strafbataillon meines Großvaters finden, das dort unterging. Habe dabei eine Preußische Allgemeine Zeitung von 1952 durchforstet, in der neben den Todesanzeigen auch Versorgungsansprüche und Versicherungsleistungen Thema sind, dazu Vermisste, Vermisste, Vermisste ... Letztes Jahr durfte der Volksbund weitere über 800 deutsche Kriegsgräber rund um die Stadt umbetten und hat dabei 275 Erkennungsmarken gefunden. Vielleicht taucht ja der Name meines Großvaters eines fernen Tages dort auch noch auf. Mit meinen Nachforschungen kann ich ein wenig meinem Onkel Trost spenden, der seinen Vater für tot erklären ließ, damit die Familie von der Witwenrente überleben konnte - was ihn bis heute bewegt. Inzwischen 90 Jahre alt, war mit 12 "der Mann im Haus". Die Zentrale Gedenkstätte für die Gefallenen befindet sich nahe der Autobahn nach Minsk, das ist die Rollbahn, die Lorenzen in "Alles andere als ein Held" verewigt hat, wo seiner (autobiografisch gefärbten) Hauptfigur der Durchbruch aus dem Bobruisker West-Kessel glückt - im Gegensatz zu Zehntausenden anderen. Was wir nie vergessen sollten: Man hätte dort weiß Gott wenig Grund, deutschen Soldaten Kriegsgräberstätten zu errichten und macht es trotzdem.
Zwei Briefe vom Länderzentrum für Niederdeutsch aus Bremen in der Post, sehr nett und, logo: op Plattdütsch. Beiliegend Exemplare des Büchleins „Waldtiere op Platt“, das dort in Zusammenarbeit mit einem Waldpädagogikzentrum herausgegeben wurde. Voss, Haas, Aadboor und Muulworp in der Sprache meiner Mutter und deren Mutter sind mir noch vetraut (dito Swienegel als Schimpfwort), andere wie Stummelsteertmoort oder Holtuul neu für mich, auch wenn man viel erschließen kann (Holtuul = Holzeule = Waldkauz). Die Erwachsenen auf dem Volkseigenen Gut, wo Oma und Opa lebten, sprachen allesamt Platt. Das lernte wir Kinder nebenher zu verstehen, Hochdeutsch sprach da niemand mit uns.
Nachmittags Tischtennis mit der typischen berliner Mischung: BVG- und Müllmann, Kindergärtner, ein Ex-Karatekämpfer aus Dagestan, geheimnisvolle Frauen, die uns nichts verraten außer ihren Namen und den Spielstand, ein Violinist der Berliner Symphoniker und ein Fischkoch, der unter Motorradrockern aufwuchs; der wohnte auf Westseite direkt an der Mauer und hat aus seinem Küchenfenster auf dem Grenzstreifen jemanden sterben sehen – abgeknallt, weil er in den anderen Teil des Landes wollte. Noch gar nicht so lange her.
Jetzt auch das Ersatzmittel eines in Asien nicht mehr produzierten und für mich essenziellen Medikaments ab sofort vom Markt – vielleicht wird solcherart Infrastruktur im Rahmen der Herstellung der allgemeinen Kriechsstüchtichkeit ja wieder ins Inland verlegt. Gutes, d.h. realistisches Gespräch mit dem Apotheker – ich bin froh, wenn mal jemand nicht rumdüst, sondern klar die Fakten benennt.
Anders erfreulich der längere Schnack mit dem Antiquar auf dem kleinen Ökomarkt in der Tusnelda-Allee – der ist tatsächlich, wie er es bei unserer letzten Begnung im Herbst angekündigt hatte, den Winter im Schlachtensee (im N-Anzug) durchgeschwommen. Wir tauschten Tiererlebnisse und Stallmistdüngetipps aus und räumten kurz die Weltlage ab. Guter Typ, sieht und hört viel im real life – das ja der brauchbare Gegenpol zu all den Medienhysterien. Freut sich, wenn man anderer Meinung ist als er – so lernt man voneinander.
Flora und Fauna in ständiger Aktion – die einen nicht hörbar, dafür mit Farbexplosionen, die anderen ziemlich lautstark. Verteile Plakate für eine Müllsammelaktion am moabiter Weltkriegsschuttberg (im Fritz-Schloss-Park) – am Sonntag werden wir dort, bevor das große Brüten beginnt, ein wenig saubermachen. Temperaturen zwischen Gefrierpunkt und 14° C, momentan ein blauer Linnentuchhimmel.
Sonniger Tag, nach dem Mittag ein Wärmeschub. Ich sah zum Hahn hinauf, der aber bei Nordost verharrte. Innenlager von zwei Rädern umgebaut. Einen gestern aufgegriffenen Holzstuhl gewaschen und geschmirgelt. Ein gewöhnliches Modell mit sanft geschwungenen Beinen, drei senkrechten Streben an der Lehne, klassisch verleimt. Wunderbar, sich durch Lackschichten und Altersringe zu arbeiten. Ganz behutsam. Das Holz duftet nach Schwamm und Schmirgel und trocknet in der Sonne durch. Morgen kommt eine dünne Schicht weißer Lack drauf. Deutsche Gebrauchsmöbel, circa achtzig bis hundert Jahre alt. Darauf hoffen, dass eine neue Generation sich dafür interessiert.
18h35 mit dem Doppelglas einen Abschiedsgruß an Merkur. Dieser fast am gleichen Ort – die Überrschung stand in der Nähe des Zenits Südsüdost: ein weiterer Planet. Für Sterne ist es noch zu hell. Mars über dem Turmhahn, Jupiter links neben dem spitzen Dach. Mars im Vergleich deutlich kleiner und eindeutig orange – also Neptun oder Saturn.
Kokoschka wieder sehr gut, wenn er schildert, wie er sich täglich in Brennnesseln wälzt, um sein Rheuma loszuwerden, wie er eine Art schlaue Beziehung zu den Modellen herstellt. Coole Masaryk- und Pragbeschreibung. Ihm und seiner Frau Olda ist klar, dass sie, als sie 1938 ins Flugzeug nach London steigen, gerade das kosmopolitische Prag und alte Europa untergehen sehen. Seherische Sätze, wenn er die Technostruktur als das größte Problem der Gegenwart sieht: der Mensch unterwirft sich ihr, eine Erziehung findet immer mehr zur Verwertbarkeit und nicht zur Mündigkeit hin statt, ja, der Mensch traut der Maschine mehr zu als sich selbst und gibt damit seine Würde aus der Hand.
Riccardo Muti mit Schuberts Dritter und Füfter. So angenehm und schön und völlig ohne Prätention. Dieses weiche Schwingen der Wiener Philharmoniker 1989 …
Jeder braucht Orte, wo er entspannen und zu sich kommen kann, Tiere beobachtet, Wolken hinterhersinnt, die Gedanken sortiert und Energie tankt. Ich habe ein paar solcher Orte, zum Beispiel diesen. Wenns zeitlich passt, gehe ich hier einmal die Woche meine große Runde. Meist ab halb 8, wenn man noch weitesgehend allein ist …
Obwohl man ja nie ganz allein ist – im Gegensatz zu uns Menschen sind Tiere immer vor Ort. So sah ich hier u.a. schon Nutrias, Gänse, Graureiher, Stockenten, Feldhasen, Karpfen und Schmetterlinge.
Die Insekten haben sogar ein eigenes Hotel. Allen soll es gut gehen.
Weswegen bestimmte Bereiche auch als Biotope ausgewiesen sind. Respektvoll miteinander umgehen. Leben und leben lassen.
Meist bin ich für drei, vier Stunden hier – hier, das ist der Golfplatz in Adendorf. Kooperationsparter vom NABU, der Allianz für Wildbienen und der Deutschen Wildtierstiftung. (Die Mitgliedschaft kostet mich pro Jahr übrigens weniger als die Musikschule für unsere Tochter -oder manch Dauerkarte für die Fußball- und Eishockeybundesliga …)
Die Gesamtfläche der Golfplätze in Deutschland wird auf etwa 48.000 Hektar geschätzt. Wobei auf vielen Anlagen bestimmte Bereiche unbespielt bleiben, da sie als naturnahe Lebensräume – etwa Blühwiesen – ausgewiesen sind. Um Wasser zu sparen, setzt man zunehmend auf resistente Grassorten. Betreiber übernehmen immer öfter Verantwortung für den Schutz der Biodiversität – ein Potenzial, das künftig noch stärker ausgeschöpft werden sollte.
Klares Wetter, erste Cirrus bei minus drei. Kohlmeisen mit Revierruf. Überflug eines Drosselgeschwaders. Ein Hähertrupp verfolgt sich gegenseitig in den Bäumen. Lebbe geht weider. Gestern die vier Planeten als Schauspiel vor dem Nachtprogramm - das wirkt nach.
Ein Familienausflug in die Eifel mit blendender Sonne, während der Boden in den Schattenpartien noch gefroren war. Der Nichte vor den Eispfützen erklären, dass Stiefel nicht endlos wasserdicht sind, auch wenns draufsteht. Maarwanderung in über 600 Metern Höhe – wie unglaublich blau der Himmel wird und wie hell die Kontraststreifen. Eine gewaltige Tanne. Baumstämme am Wegesrand. Am Gipfel süße kleine Stempel mit Trodat-Kissen zum Nachweis. Auf der Rückfahrt versperren uns mehrere Dorfkarnevalsumzüge den Weg. So kamen wir der Hohen Acht nahe, dem Kulminationspunkt der Eifel. Auf dem Nürburgring nichts los. Dann „L‘ Italiano“ in Kempenich: Während vier Smartphones ergebnislos nach Essbarem suchen, entdecke ich beim Rundgang durch das Kaff zufällig eine Mischung aus Pizzeria und Dorfkneipe. Wir essen am Brunnen davor, mitten in der Sonne. Zurück über den flammorangenen rheinischen Westerwald. Der Abendhimmel entwickelt einen starken roten Saum überm Horizont und geht, einem Regenbogen ähnlich, in türkisgrüne Töne und ein immer tieferes Hellblau über. Um 18h55 Merkur deutlich auf einer Senkrechten mit Venus.
Zum Tagesausklang Schuberts Erste: eine weiche, ganz liebliche Symphonie. Noch sehr klassisch, eher bei Haydn als bei Beethoven. Muti und die Wiener – das passt dazu.
Im Jahre 1703/04 waren auf Befehl des Herzogs Friedrich Wilhelm im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin die Pastoren aufgefordert worden, über ihre Gemeinden zu berichten. Diese Aufzeichnungen über das Kirchspiel (die „Beichtkinderverzeichnisse“) geben ein ziemlich gutes Bild der Bevölkerung zwei Generationen nach dem Dreißigjährigen Krieg ab, sagen uns etwas über die Altersstruktur, führen Berufe und andere Gegebenheiten an. Im Zentrum unserer Aufmerksankeit stehen hierbei jene Aussagen, die sich auf den Wald und Naturschutz beziehen und für das Verständnis der Entstehung unserer heutigen Kulturlandschaft unerlässlich sind. Es hing vom jeweiligen Pastor ab, wie umfassend und sorgfältig er berichtete, die Angaben sind daher als Minimum zu betrachten. Wir konzentrieren uns exemplarisch auf die Aufzeichnungen aus dem Städtedreieck Neustadt/Glewe, Parchim, Lübz in Südmecklenburg.
Kommen wir zunächst zu den Hudewäldern, also den Wäldern, die zur Viehhaltung genutzt wurden. Als es die Stallfütterung noch nicht gab, wurden das Vieh teilweise in den Wald getrieben, insbesondere zur Herbstzeit die Schweine, die vor allem Eicheln und Bucheckern fraßen. Diese „Feistung“ betrug etwa 70 Tage, jedes Tier verzehrte täglich ungefähr 16 Liter Bucheckern oder 12 Liter Eicheln. In den Unterlagen sind Mastschweine recht oft erwähnt, so schrieb zum Beispiel der Pastor aus Lancken: „Noch habe auf hiesigem Felde eine Pfarrhöltzung, daraus mein nothdürftiges Brennholtz und freye Mast, so viel Schweine darinnen fett gemacht werden können, bey voller Eichenmast 12, bey voller Buchenmast aber, welches doch selten ist, woll 29 a 30 Stück.“ Ähnliches wird aus Grebbin berichtet: „Wenn Mastung ist, soll der Pastor ins Grabauer Holtz 6 Schweine frey jagen.“ Nicht nur dem Pfarrer, sondern auch anderen Berufen stand das Recht der Hude zu; dazu vermeldete der Pastor aus Lübz: „Der Rector Scholae, der Organist, so auch Schulcollega, die beyden Vorsteher item ein jeder ein Mastschwein.“ In dem Zusammenhang werden auch Berufe mitgeteilt: Kuhhirte, Schweinehirtsche und Schäfer gibt es fast in jedem Dorf; aber auch in mancher Stadt, z.B. in Lübz eine Gänsehirtin. Wobei die letzten beiden natürlich nicht im Wald hüteten. Gefahrlos muss das alles nicht gewesen sein, denn zu jener Zeit kamen noch Wölfe in der beschriebenen Gegend vor.
Notizen über den Wolf im von uns betrachteten Gebiet sind rar, auch wenn zwei Dorfnamen auf ihn verweisen: Wulfsahl (Wolfshöhle) und Welzin (Wolfsgrube). Interessant, was der Barkower Pastor am 23. Mai 1701 über den Bauern Johann Brockmann aus Broock schreibt: „Dieser Mann ist dieses Vorjahr sehr unglücklich worden, da die Frau eine gebrechliche Krankheit bekomen, er selbst Schaden am Bein gekriegt und der Wolf ihm drey Pferde tot gebißen.“ Dies ist die einzige bekannte Mitteilung über Wölfe in der Lübzer Gegend. Ähnliches berichtet der Pfarrer aus Dobbin bei Karow, der 1663 notiert, er „wohne von Dieben, Wölfen und Hunden ganz unsicher.“
In einem Zeitungsartikel wird „eine Wolfs-Jagd bei Parchim“ erwähnt – Hintergrund ist eine Netztreibjagd im Sonnenberg. Am 12.02. 1672 teilten der Küchenmeister Hermann Hertel und der Forstmeister Wolf Conrad Hyso zu Neustadt dem Parchimer Rat mit, dass sie in der laufenden Woche in fürstlichem Auftrag eine Wolfsjagd abhalten wollen. Die Netze sollen oberhalb des Steinbecker Feldes aufgestellt werden, zum Durchtreiben des Sonnenberges möge die Stadt 100 oder mehr Treiber stellen. Nach einigen Querelen, was die Zahl der Treiber anging, fand die Jagd dann wie geplant am 16. Februar statt.
Zudem kann man den Pfarrberichten entnehmen, dass zwischen Hude und anderer Weide unterschieden wurde – so schrieb der Pastor aus Benthen: „Dazu habe in der Mast 4 Schweine frei zu Weisin, zu Passau 2 und eines zu Benthen. Vieh haben Hude und Weyde frei, so viel ich halten und ausfuttern kann. Bin auch nicht gehalten meine Schafe, wiewoll deswegen öfters harte Anfechtung gehabt in die Hürte zu treiben.“
Desöfteren wird genau aufgeschlüsselt, wer wieviel Brennholz zu bekommen hatte. Offenbar war der Lübzer Pastor nicht mit seiner Zuteilung zufrieden, denn er schrieb: „Nothdürftig Brennholtz wird uns vom Holtzvogt angewiesen.“ Maß für das Brennholz war ein Baum: „Ein jeder Provisor 1 Baum Brennholtz. Provisores: Derer sind 2, so aus der Gemeine dazu verordnet, die auch solvendo seyn und als Jurat die Zinsen jährlich auf Martini einheben.“ Für den Transport des Holzes hatte in vielen Fällen der Pastor etwas auszugeben, als Beispiel sei Grebbin gewählt: „Wenn der Pastor Holtz fahren läßt, gibt er denen Arbeitern Eßen und Trinken. Die Koßebader fahren jeder 1 Fuder Holtz aus dem Grabauer Holtze und 1 Fuder Sträuche. Bey jedem Wagen wird ein Pott Bier gegeben. Die Wötener fahren auch aus dem Grabauer Holtz ein Fuder und ein Fuder Sträuche, kriegen auch bei jedem Wagen ein Pott Bier. Die Grabbinschen fahren aus dem Grabbinschen Holtze, daraus kriegt der Pastor eine Eiche zu Pfahlholtz; denn weil der Pastor alle seine Zäune, sowoll im Felde als ümb die Wedeme, selber halten muß, so wird ihm das Pfahlholtz dazu gegeben.“ Zur Ehre der Altvorderen muss gesagt werden, dass das Bier damals ein Kräuterbier war und wahrlich nur zum Löschen des Durstes benutzt wurde.
Neben Brennholz sind auch andere Verwendungsmöglichkeiten angeführt: „Von jeder Stätte zu Spornitz und Dutschau 3 Stiegen Hoppen-Stacken“ (an Abgaben). Den Hopfen, den wir heute finden, ist sicher oft nur als verwilderte Kulturpflanze anzusprechen. Die Humusschicht aus den Nadelwäldern wurde als Einstreu genutzt, wozu die Heide geplaggt wurde: „Zudem gibt in Slawe, Groß und Lüden Godems ein Höfener von jedem Hof jährlich 6 Ostereyer, so auch ein jeder Höfener in beiden Godemsen von seinem Hof 1 Fuder Holz und 1 Fuder Heideplaggen, welches aus Poltnitz vor Zeiten auch gegeben ist, itzo aber die Domini nicht wollen geben laßen.“
In verschiedenen Berichten wird der Beruf des „Wildschützen“ und des „Holtzvogt“ erwähnt, aus Neustadt/Glewe z.B. „1 Wildschütz, 3 Holzflößer und 2 Holzhauer.“
Ehe der Weg zu einer geregelten Forstwirtschaft beschritten wurde, hatte der Wald noch die Holzentnahme für die Glashütten und der Teerschwelereien zu überstehen, beide Produktionsmaßnahmen brauchten sehr viel Holz. Eine Glashütte, die auf 8 Jahre Produktion angelegt war, benötigte 28 000 Raummeter! Wir können uns gut vorstellen, wie darunter der Wald litt. Insbesondere die Buche war ein begehrtes Objekt, da aus ihrer Asche Chemikalien gewonnen wurden, die man zur Glasherstellung benötigte. Das Holz lieferte eine hohe und gleichmäßige Wärme, Buchenasche vertrug zudem die größte Sandbeimengung. Die holzintensive Glasherstellung ist eine der Ursachen für die späteren Kiefernmonokulturen.
Dass eine Glashütte nur eine gewisse Zeit betrieben wurde, kann man ebenfalls aus den Pfarrakten entnehmen. Nach Marnitz waren auch die Leute aus der Griebower Glashütte eingepfarrt, dazu hieß es: „Hieher gehöret auch die Gribowsche Glashütte, worauf die Leute mir noch nicht insgesamt bekannt, weyl sie erst angeleget, doch schätze ich sie präter propter auf 30 Personen.“ Sehr genau berichtete der Pastor aus Slate : „Auf der Poltnizzer Glasehütten sind zuweilen, nachdem sie im Gange ist oder stille lieget, viele oder wenige; kommen überdem auch gar selten anhero zur Kirchen. Itzo sollen dem Vernehmen nach sich daselbst aufhalten 1 Glasemeister, 2 Kesseljungen, 2 Aufbläser 2 Werker, 2 Strecker, 2 Hollgläser, 2 Scheurer, 1 Holzfahrer, 1 Kistenmacher, 2 Holzhacker.“ Der Begriff des Teerofens hat sich sogar in einem Ortsnamen niedergeschlagen: Wooster Teerofen am herrlich gelegenen Paschen See in der Schwinzer Heide nordöstlich von Goldberg.
1837 gab es in den Großherzogtümern Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz insgesamt 35 Teeröfen. Ein Ofen konnte bis zu 45 Raummeter Holz aufnehmen, weitere 25 Raummeter Abfallholz wurden zum Anheizen und Feuern benutzt. Von Mitte April bis zum Herbst schaffte der Teerschweler drei bis vier Brände. Nicht weit von Wooster Teerofen stand bei Hahnenhorst auch eine Glashütte. So veränderte der Mensch in einem langen Prozeß der Entnahme organischen Materials die Wooster Heide. Zunächst war sie eine Kiefernheide, die horstweise mit Eichen und Buchen durchstanden war, danach folgte die Monokultur mit den bekannten Kalamitäten: 1900 Kahlfraß durch den Kiefernspanner, 1907 starkes Auftreten der Nonne, 1917/18 Vernichtung großer Teile durch Spannerfraß, der 1929 wiederum auftrat. Übrigens versuchte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Revieren Jellen und Schwinz eine biologische Schädlingsbekämpfung, indem man wieder Schweine in den Wald trieb, um dadurch die Larven des Kiefernspanners zu vernichten.
Ausgangspunkt der Betrachtungen waren jene Pfarrberichte aus den Jahren 1703/1704, die für die Landschaftsforschung von Bedeutung sind. Rund 50 Jahre später hatten die Pastoren wieder zu berichten, wiederum aufschlussreich – doch davon einmal später.
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
Matter Mensch - strahlender Morgen. Ich sage nur Bruckner 4 Wand Berliner: die letzte Aufnahme ist die mächtigste. Werde gleich ein wenig in der Natur herumlaufen, die jetzt den Schnellgang einlegt.
Erfolgreiche Planetenjagd: Merkur und Venus auf circa 240 Grad, Jupiter bei 110, Mars viel höher auf 120 – wenn man Nord als Null nimmt und dann Ost 90, Süd 180, West 270. Völlig freier Himmel, die Kondesstreifen der Föderierten Ferienflotte changieren von weiß zu schwarz, je nach Winkel der Sonne. Fasching/Karneval bedeutet im geprägten Westen bis zu fünf Tagen Auszeit. Das ist ein „langes Wochenende“ irgendwo im Süden oder weiter weg. Man bemerkt diese Tendenzen immer an den eingespielten Diät-Botschaften und Artikeln wie: „Wie benimmt man sich als Deutscher in XYZ“. (Usw.) Wir sind ein Land der Pauschalreisen, der faulen Convenience und der Schnäppchenjagd (was für ein erbärmlicher Ausdruck).
Wunderbare Biokartoffeln gekocht: „Belana“, 1,5kg zum Preis von 200g Gummibärchen. Jetzt Klaviertrios von Shost und Tschaiko – groß denkende Russen! Dann die Bettkurve mit Toni Morrison.
Kurze Vier-Stunden-Runde mit Schwächemomenten und stechendem Kopfschmerz. Am Rad lags nicht. Vom Hometeam gut verpackter, d.h. noch warmer Marmorkuchen.
Merkurbeobachtung wieder geglückt, auch wenn der Zwergplanet nur kurz zu sehen war. Umso schöner der Sichelneumond unter Venus, während die Ferienflieger mit den Faschingskurzurlaubern beständig ihre Streifen zogen. An denen konnte man prima das Glas scharfstellen. Nun Suitner mit den Dresdnern, Mozarts letzte drei Symphonien. Der fantastische Nachhall der Lukaskirche, die hattens drauf. Die Digitalisierung der 2006er-Ausgabe hörbar besser – bissl was geht immer. Langsam einschlummern und Infekt wegschlafen.
Auf vielen Reklametafeln quer durch die Stadt die Nachricht, dass der Alpenschneehase von der Deutschen Wildtierstiftung zum „Tier des Jahres 2025“ gewählt wurde. Ein Tier, das stark gefährdet ist, weil es aufgrund der Erderwärmung Lebensraum einbüßt und wir es durch Jagd, Wintersport und Tourismus ausrotten. Neben dieser Meldung großflächige Plakatwerbung für Reiseunternehmen.
Im „Russischen Haus“, dem Kulturzentrum in der Friedrichstraße, die Fotoausstellung „Mach dir ein Bild von Wissenschaft!“. Mir gefallen besonders die beiden Vulkanbilder von Ilia Bolshakov, Dmitry Utkins „Rußflut“, Valentin Yakovlenkos “ Mensch und Element“, Anastasia Vyatkinas „Neugieriger Rabe“. Vor Ort viele Kinder, die sich für eine Feier schick gemacht haben, ein paar Frauen, die Schleifchen fest- und Scheitel nachziehen. Ein fröhliches, aufgeregtes Gewusel, die ребя́тки naschen nebenher Gurkenstückchen. (Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt vorfreudig aufgedrehte Kinder Gurken essen sah. Oder ob überhaupt jemals.)
Kevin Kostners „Horizon“ gesehen. Wann fingen wir eigentlich damit an, auf die Toten Kalk zu werfen – und wo wird das heute noch so gemacht außerhalb von Epidemie- und Kriegsgebieten?
Lese in der Zeitung, dass der Tierpark Berlin als Neuzugang ein 26jähriges Aye Aye-Weibchen vermeldet – Primat der Gruppe der Lemuren, beheimatet in Madagaskar, vom Aussterben bedroht. Bevor diese Fingertiere Insekten aus Baumritzen holen, erwärmen sie ihren Pul- und Kratzfinger um 6 Grad. Wissenschaftler vermuten, dass dadurch die Nervenzellen besser durchblutet werden und sich der Tastsinn erhöht. In derselben Zeitung die Nachricht, dass wieder ein Elektrorollerakku explodiert und in Brand geraten ist. Vielleicht sollten die Hersteller mal mit einem Fingertier-Forscher telefonieren.
Im Tagesspiegel vom 19.02.: „Verglühende Teile einer Raketenstufe sind in der Nacht auf Mittwoch über Deutschland zu sehen gewesen. Wie ein Sprecher des Weltraumkommandos der Bundeswehr im nordrhein-westfälischen Uedem mitteilte, habe es sich um einen unkontrollierten Wiedereintritt des Objekts Falcon 9 R/B, ein Stück einer Raketenstufe, in die Atmosphäre gehandelt. Die Trümmerteile seien in einer Höhe von 80 bis 100 Kilometern über Deutschland geflogen. Es gebe keine Erkenntnisse, dass Trümmerteile auf Deutschland fallen könnten.“ Ich mag diese Expertensprache.
Aus einem südkoreanischen U-Boot- und Bombenentschärferfilm lerne ich das schöne Wort Täuschkörper. Wer weiß, wozu ich das noch gebrauchen kann.
Der Obdachlose auf dem U-Bahnhof Turmstraße, der „Fisherman’s Blues“ von den Waterboys hört. Er könnte ungefähr mein Alter sein, aber das kann man oft nicht mal auf zwanzig Jahre genau schätzen.
Im Kaufland in der Ollenhauer Straße in Reinickendorf, einer eher ärmlichen Gegend der Stadt, zähle ich 65 Sorten Senf im Regal.
„Männer, und Frauen, und Kinder sitzen um die Tische. Sie essen Brot, und Brot, und Brot. Um arbeiten zu können im Wald und im Schacht, essen die Männer Brot. Um Wäsche in den Fluß zu tauchen oder am Fließband zu stehn, essen die Frauen Brot. Um auf der Hängebrücke zu schaukeln oder über den Bauschutt zu laufen, essen die Kinder Brot. Und um später einmal Brot zu essen, essen die Kinder Brot. Und wenn sie dreimal Brot gegessen haben, ist ein Tag vorbei. Es ist Sommer. Es wird Winter sein.“ Die im rumänischen Teil des Banat geborene Herta Müller in ihrem Erzählband „Der barfüßige Februar“, Rotbuch Verlag, West-Berlin, 1987.
Freitag, 28.02. 25, Himmelsbeobachtung zwischen 18h45 und 19h. Gute Bedingungen. Venus befindet sich fast senkrecht über Merkur, leicht nach links/süd versetzt. Merkur erscheint links oberhalb der schattenrissigen Schornsteinstummel, ein Stückchen unterhalb der Wolkenflocken im rosigen Teil des Sonneungtergangs, während Venus vor graublauem Hintergrund zu sehen ist. Die Distanz am ausgestreckten Arm eine gute Handbreit.
Das Zeitfenster für die Beobachtung mit bloßem Auge ungefähr 10 Minuten. Merkur entdeckte ich zuerst mit dem Fernglas, was auch an den alten Augen liegt – meine Jüngste sah ihn sofort. Der Himmel war günstig. Halb so groß wie die Erde dieser Nachbar der Sonne.
19h03 verschwand Merkur unter unserem Horizont. Lage: WSW. Das größte Beobachtungsproblem der kommenden Tage wird das immer hellere Restleuchten des Sonnenuntergangs in der Umgebung von Merkur, während die Venus hoch und südlich genug steht, um dem Handicap zu entgehen.
Letzter Tag und die cranes are back in town. Ich mag die Farbe des Himmels graugrau nennen. Es tröpfelt, egal ob unter freiem Himmel oder in der Schonung. Es ist nicht warm, die Fingerspitzen frösteln. Der Boden scheint bis aufs grüngrüne Moos überhaupt nicht, liegt nur so graubraun rum und hat mit Emma bloß die Färbung gemein. Die ist heut guter Dinge, galoppiert meist voraus, stoppt dann und wann abrupt, liest die Nachrichten und antwortet ab und zu. Alle Wunderbäume werden ohne viel federlesens abgeräumt und dann richtet sie ihre trüben Augen in meine Richtung, um zu bedeuten, dass das ja wohl nicht alles gewesen sein kann. Tiefer im Wald verliert sie mitunter die Orientierung, hält die Bäume für mich, also muss ich hinterher und sie rausscouten. Zwischen den Krähen hört man jetzt öfter Meisen, Zilpzalpe und Stare hab ich auch schon gesehn … und dann was ganz anderes weiter oben weiter weg mit nem guten Hall. Sie kommen zurück.
Wunderbarer Morgenhimmel, leicht frisch, aber alles mit deutlichem Frühlingsdrall. Die Birken bereiten sich gerade vor. Eine letzte lilane Hyazinthe auf ihrem Weg zur Sonne, die Tulpen in den Startlöchern der Supermarktkassen. Papier sortiert, Briefe in den P-Korb.
Nochmal Bruckners Vierte, Jochum, die Dresdner: Mehr Akzente auf Holzbläser und Streicher, Kontraste, die Hörner diskreter. Dabei der Gedanke an die riesigen Donaubögen bis Persenbeug und Ybbs. In Linz standen dann die Hermann-Göring-Reichswerke, später VÖEST, nun Voestalpine. Von dort kamen die zugespielten Fabriksounds für Klaus Schulzes Stahlwerksinfonie im Bruckner-Haus, die ich als Schüler1980 im Fernsehen gesehen habe.
Ganz schlapp auf dem blauen Rad ohne Schutzbleche, vermutlich einer der vielen Infekte als U-Boot (und Folge der Jahre, die man mitschleppt). Also nur die Minimalstrecke. Sonnig, frisch. Was für ein Himmel!
Höre ein sehr langes Gespräch mit einem Landwirt und Hofbesitzer aus dem Weserbergland – ein interessanter Verfechter seiner Zunft. Das pikante Detail der aus der Ukraine importierten Eier, die zwei Drittel unseres Supermarktangebots ausmachen, komisch, dass Cem nie davon erzählt hat. Die Herkunftskennzeichnung der wichtige Punkt, auch wenn am Kassenband meist der Preis entscheidend ist – du kannst immer mit der Armut, der Dummheit, der Verführbarkeit der Endverbraucher rechnen. Seine Ausführungen zur Behandlung und Stellung der Landwirte decken sich mit dem, was mein Agro-Behörden-Bruder sagt. Die Entfremdung von der bäuerlichen Arbeit seit der Industrialisierung ein Thema, nur hat sich jetzt noch eine Verklärung des „Landlebens“ darüber geschoben. (All die schönen Bilder auf den Ramabüchsen und Milchtüten.) Ein Paradox, das kaum zu lösen ist, zu viel hängt daran, es aufrechtzuerhalten, gerade von Seiten der der Großkunden mit ihren Regionalprodukten und der computerimitierten Kreiseschrift auf simulierten Holztafeln. Die Wut des Weserberglandbauern über Trittbrettfahrer, die vieles zugunsten der Ideologie verworfen haben, denen oft Grundlagenwissen fehlt, das du aber eben brauchst, umdie Welt zu retten.
18h40 ist Merkur-Time!
Sichtung fällt aus – eine graue Wolkenwand hat sich vorgeschoben und verdichtet. Kleines Abendbrot. Der große Teenie noch nicht ganz fit, ansonsten sorglos.
Nach dem Mittag kurz zum Zeiss-Großplanetarium am Thälmann-Park. Wollte herausfinden, ob ich dieser Tage von dort den Merkur bekieken kann. Wusste keiner. Werde mich durchfragen. Der Himmel heute aber auch ohne Teleskop schwer beeindruckend. Zunächst trocken, am Nachmittag dann sehr feiner Regen. Aus dem Trödel in der Senefelder „Briefe aus den Wäldern Kanadas“ von Botanikerin Catharine Parr Traill mitgenommen, geschrieben 1832-1835. Schlug irgendeine Seite auf und las dort (wie meist in solcherart Büchern) sofort etwas über einen schweren Infekt – das zu der Zeit natürlich viel bedrohlicher als heute. Für mich dabei die Heilmittel und das Verhalten der Kranken und deren Umfeld interessant – aus der Prä-Antibiotika- für die Post-Antibiotika-Zeit lernen (und fürs Heute – gibt ja auch noch Viren, und krankmachenden Bakterien kann man oft ohne Pharmaprodukt beikommen. Doch, doch.)
Auf dem Rückweg Schlenker in den Brüsseler Kiez in Wedding, wo ich aus einem der letzten Secondhand-CD-Läden schnell Straussens „Eine Alpensinfonie“ holen wollte. Ich war fast schon raus, als ich eine 1-Euro-Kiste voller Schätze entdecke – Feldaufnahmen aus Louisiana (1934-42), Armenisches aus dem Mittelalter, Gesänge der Melkiten, byzantinische Nonnen. Mit den Jahrhunderten verbinden.
Zuhause eine E-Mail: Ich mach Mitte März bei einer Ausstellung in Schöneberg mit, gute Galerie, bislang kein persönlicher Kontakt, ist Mailart, also schickte ich denen einfach ne bemalte Postkarte mit ein paar Zeilen plus Unterschrift. Daraufhin haben die mich im Internet gesucht, aber nüscht gefunden, außer eine mir kaum erinnerliche Gruppenausstellung. Über deren Galeristen bekamen sie Kontakt zu einem befreundeten Zeitschriftenredakteur, der ihnen dann meine Mailadresse gab. An diese schrieben sie nun, dass sie an meiner „subversiven Haltung gegenüber dem Verwertungsdruck aus dem Kunstmarkt“ interessiert seien. Nur weil du nicht im www. zu finden bist, biste subversiv – so einfach geht das heutzutage.
Schauriges Wetter, muss gut über meine Montur nachdenken. Mit geflicktem Schlauch und neu aufgezogenen Reifen aufs Rad – die Winterstiefel sind vom Samstagsritt getrocknet. Sehe auf dem Feld eine Gruppe Elstern. Rabenvögel sind Aasfresser, nur widerwillig lassen sie vom Rehkadaver.
Man beharkt sich jetzt mit kleinen Tritten in die Wespennester der geschmeidigen NGO-Querfinanzierungen. Interessant das untere Ende jener Grauzonen leistungsloser Meinungsapparate: Sie tun nichts mehr ohne Entgeld, die bloße gesellschaftliche Anerkennung reicht ihnen nicht. Was aus deren Sicht ökonomisch vollkommen nachvollziehbar und in dieser semikapitalistischen Welt auch absolut normal ist, aber im Grunde genommen krankt daran dann alles, da so jeder Gesellschaft die Basis fehlt.
Wieder im Mahler unterwegs: Das ist wie das Abschreiten einer Promenade voller Bilder, die sehr gut gemalt sind. Mir fehlt hier einfach die Kunst. Das Können ist da, aber auf den Effekt hin gearbeitet. Man ist NULL überrascht, kann fast schon die nächsten drei Takte vorhersagen … Danach Grieg und Sibelius als Erfrischung: Gefühle werden in Musik gefasst, nicht ausgestellt.
Überarbeite Texte. Ärgere mich über die Formschwankungen darin. Wenn du abends Morrison liest und dann morgens Dein schlechtes Handwerk betrachten musst …
MERKUR GESICHTET. 18h40 ziemlich genau West, eine Handbreit über dem Horizont. Ganz schwaches Funkeln. Winzig im Vergleich zur fußballgroßen, maximal sichtbaren Venus, die ein Stück höher (so 40 Grad über Null) süwestlich strahlt. Nun abwarten, ob sich noch eine Lücke auftut, bevor die echten Sterne aufs Tapet kommen.
Ab 19h14 der Himmel bewölkt – das wars dann für heute. Aber selbst bei optimaler Sicht wird der sensationelle Merkur nur ein mit Mühe zu erkennender Punkt am Firmament bleiben.
Wenn so eine Himmelskörpersichtung in den Nachrichten kommt, fällt mir immer wieder auf, wie unpräzise die Lagebeschreibungen sind: keine Karten, keine Koordinaten. Jedenfalls nicht in den Standardmedien. Man soll halt über irgendwas reden.
Völlig vernebelt, mit Tendenz zur Aufhellung. Amseln singen schon vor Morgengrauen los, sie haben einen inneren Wecker. Dem Teenie gehts besser. Übelkeit auch durch die Tabletten besiegt – darum 12 Stunden Schlaf. Hauptsache, Mineralien und Wasser bleiben drin. Thymian/Salbei/Ingwer-Tee. Der Vater als Pfleger. Dinkelzwieback von Rossmann schmeckt mir sehr. Der Vater als Vorkoster. Mir selbst gegen 3 Uhr leicht flau, was sich nicht steigerte. Frau und Sohn nur leicht betroffen – keine Atempause, Schule wird gemacht. Wie schön dass man so etwas wie frische Mandarine und Grapefruit an jeder Ecke bekommmt, genau wie Weizenkleie oder Reisflocken für die Schonkost. Wenn der Nebel sich etwas lichtet, noch kurz hinauf für Besorgungen.
Alles in Mahlers Erster ist total überzeichnet: Leise ist extraleise, Spannungsverlängerung, dann das lockere Tänzchen, jetzt schallern triumphierend die Zimbeln, Pauken und Trompeten. Symphonik, die um sich selbt kreist, Mustervorlagen für ein Kurorchester. (Aber Abwarten! Und nochmals hören). Schönes Gespräch mit meinem Bruder aus der Agro-Behörde, der mir die Handlungsmechanik von politischer Aktion und Priorität exemplierte. Im Radio ein kluger (d.h. realistischer) Korrespondent über die Aufteilung der Bodenschätze im Donbass – „Frieden und Sicherheit“ sind die Krümel, die dabei abfallen. Die im Ostkongo, dem Land des Kupfers, festgesetzten dreihundert rumänischen Söldner wurden nun wohl freigelassen.
Im Feld ein Lärchenpaar entdeckt, das davonflatterte. Die Äcker sind frisch gepfügt, die ersten Sommergäste wieder da. Die feuchte Atlantikluft wird den Frühling beschleunigen. Gehölz zerkleinert, einen Trieb der Eberesche mit der Axt gefällt, so gelingt mit dem Tulpenbaum eine bessere Koexistenz. Tippt man die Kätzchen der Erle an, gibt es ein kleines, chromgelbes Wölkchen. Der Teenie hat die erste Banane bei sich behalten, es war verdammt hart. Mit dem Sohn den Sieg des Drittligisten Bielefeld gesehen. Fußball wie früher: schwerer Boden, Kraftakte, Fans ganz dicht am Geschehen – die Bielefelder Alm.
Die Luft seit Sonnabend irritierend mild, Temperaturen über 10° C. Vor der Seniorenresidenz neben dem Volkspark Wilmersdorf sind die Krokusse und Schneeglöckchen aufgegangen, Letztere auch im Park selbst. Suche nach dem Mittag in Kreuzberg die geografische Mitte Berlins. Die entsprechende Granitplatte muss man erst einmal finden im Hochhäusernirwana um die Alexandrinenstraße, zwischen Flächenentsiegelungsbaustelle, Sportanlage und Schule. Eigentlich liegt der Punkt 200 Meter weiter nordöstlich auf dem Gelände des BFC Südring, da man dort aber nicht so leicht raufkommt, wurde er einfach verlegt. So fängt das an – und am Ende schreibst du die Historie und Karten ganzer Länder um. (Immer alles nachmessen!)
Danach sehe ich mir im kleinen, netten Kinoraum der Berlinischen Galerie eine usbekische Variation der Aschenputtel-Geschichte an: „Bibi Seshanbe Ona“ von Saodat Ismailova, einer 1981 in Taschkent geborenen Künstlerin. Obwohl ihr Spielfilm nur 52 Minuten lang ist, bin ich der einzige der ca. 15 Zuschauer, der bis zum Ende dableibt. Vielleicht ist er den anderen „zu langsam“ oder „zu experimentell“ – keine Ahnung. (Bei den 24/7-Smartphonenutzern in meinem Umfeld beobachte ich, dass deren Aufmerksamkeitsspannen Jahr um Jahr kürzer werden und die Erschöpfung groß ist, wenn sie sich mal mit Ungewohntem = „Anstrengendem“ auseinandersetzen müssen.)
Bibi Seshanbe Ona ist ein altes zentralasiatisches Segensritual, das im kleinen Kreis von Frauen durchgeführt wird und sich dabei einiger Elemente des Animalismus und Zoroastrismus bedient. Es werden spezielle traditionelle Speisen zubereitet und Kerzen angezündet, eine der Anwesenden liest aus Mehl die Zukunft. Im Film wird diese Zeremonie mit einer modernen Variante des Aschenputtelstoffes verknüpft. Das Ganze ist herausragend ( = sehr natürlich) gespielt, Ausstattung und Kostüme sind toll. Und genau in den Momenten, in denen man es sich mit einem wohligen Seufzer behaglich machen könnte („Ach, da ist die Welt noch in Ordnung, leben Mensch und Tier harmonisch als Teil der Natur – ist das nicht alles zauberhaft!“), gibt es einen kurzen Ortswechsel in ein (reelles) Gebäude, in dem Frauen ärztlich untersucht und behandelt werden – das „Zentrum für verstoßene Frauen“. Dessen Gründerin Bibisora Aripova ist in dem Film als sie selbst zu sehen – im Märchen wäre sie Die gute Fee. Realität und Fantasie verschmelzen hierbei auf sehr poetische und horizonterweiternde Weise – eine lohnende knappe Stunde. Der Blick nach Osten schärft den Blick auf die eigene Welt.
Ein ganz normaler Wochenbeginn. Tochter mit Magen-Darmgrippe aus Dachau zurück: leergekotzt. Sohn mit Halskratzen - drei Viertel der Schule hat schon am Freitag vor sich hingeschnieft. Meine Frau weiterhin gesund, sie kommt mit dem Schulvolk kaum in Berührung. Ich selbst glaube nach wie vor fest an die heilsame Wirkung von Sauerstoff und Bewegung und werde gleich aufs Rad steigen. Aber vorher koche ich Heiltees für Magen/Darm/Hals/Nase/Ohr - Salbei und Thymian haben den Winter großartig überstanden. Ein Bussard stößt gegen 7 seinen Revierruf aus.
Bin gespannt, was jetzt für ein Politpokern abläuft. Immerhin ist es gelungen, die Zahl der Sitze zu verringern. Das ist ein Erfolg. Und sehen wir den Tatsachen ins Auge: „Der Wähler“ interessiert sich viel mehr für den Benzinpreis. Man muss mal den Ansturm an einer holländischen Grenztankstelle erlebt haben, vermutlich gibt es in Polen Vergleichbares. Das sind die strategischen Interessen der Mehrheit. Das Einkaufsdorf Maasmechelen Village, das auf ein paar hundert Metern die heile, überschaubare Welt eines synthetischen Flanderns mit ein paar historisierenden Elementen als potemkinsche Kulisse für verbilligte Klamotten, Schuhe und Nonfood-Markenartikel hinstellt, ist der Renner. Weil das Autobahnnetz so gut ist, strömen die Kunden aus einem 100-km-Radius an. So wird im Westen der erfolgreiche Samstag begangen. Gratifikation im Alltag – das ist es, was die meisten umtreibt. Wir haben diese Kompensationstechnik eine Generation lang eingeübt.
Der Tag zog sich grau und grauer zu, sanfter Regen bei Plusgraden. Schneeglöckchen verstreut und in Blüte. Auf dem Rad die Müdigkeit spürbar. Unterwegs an meiner alten Kaserne vorbei, an den beiden Flughäfen, von denen teilweise hundert Starts pro Tag liefen, an den geheimen Raketenstellungen im Wald. Auch der kalte Krieg ist eine erprobte Methode. Der Teenie kotzkrank im Bett, kann so gut wie nichts außer Wasser und ein paar Mineralien zu sich nehmen. Hoffentlich ist die Sache bis morgen durch. Gerade helfen Tabletten.
Toni Morrisons Sprache sehr dicht und interessant – das ist schwer zu treffen in der Übersetzung. Dieses verwobene Übergleiten von Handlung, Denken, Erinnern und Dialog hat etwas von Nabokov. Leute, die NYC-Rap kennen, haben auch den Sound drauf.
Gut zurück vom Maastricht 200, dem Auftaktbrevet der Saison.Bin reichlich platt - der Unterschied von bummeligen zu sportlichen 200 Kilometern. Ein unerklärter Wettkampf zwischen einer Gruppe junger Holländer und junger Flamen. Die Holländer hatten die Nase vorn. Start und Ziel in Maastricht, über Zuid-Limburg Richtung Kerkrade, an der Grenze entlang der Wurm nach Geilenkirchen. Wendepunkt in Venlo. Dann längs der Maas gegen den Wind nach Maaseik und schließlich an endlosen Kanälen zurück zum Ausgangspunkt.
Holland? Abseits gewisser grüner Nischen ein ziemlich ödes Land. Dazwischen kleine, alte Städte, manchmal ein schöner Kirchturm. Agrobusiness auf den Feldern: Champignons, Erdbeeren und andere Unterglaspflanzungen, die große Tanks und Silos erfordern. Der Geruch von Schweinezucht. Zwischen den Überlaufpoldern der Maas und diversen Kieswerken hat sich eine kleine Einkaufsstadt angesiedelt, die sich euphemistisch Maasmechelen Village nennt. Ein potemkinsches Musterdorf von einigen hundert Metern Länge, gebaut aus Fertigteilen, vermietet an Markenartikler. Man kommt nicht per Fahrrad hin, so blieb mir der nähere Anblick erspart. Die Altstadt von Maastricht dagegen wie Champagner: Pflasterstein, Sandstein, Backstein, Radfahrer, Fußgänger, bunt, wuselig, jung. Deutschlands westlicher Rand seit Jahren unverändert: die mühsam konvertierten Kohlebergbaustädtchen, in denen auffallend viele auf den Bus warteten, die suburbaniserten Dörfer. Lebende Ruinen.
Rennrad duschen, Wäsche trocknen, in den blauen Himmel sehen, wo Kraniche rufen.
Sonntagmorgenmusik: Gustav Holst mit seiner siebenteiligen Suite „The Planets“. Bestehend aus den Sätzen: Mars, der Kriegsbringer – Venus, die Friedensbringerin – Merkur, der geflügelte Bote – Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit – Saturn, der Bringer hohen Alters – Uranus, der Magier – Neptun, der Mystiker. Bei der Uraufführung im September 1918 dachten nicht wenige, dass Mars ein Kommentar zum (in seinen letzten Zügen liegenden) Großen Krieg sei – jedoch wurde dieser Satz bereits vor dessen Ausbruch komponiert. Interessant, dass sich Holst aller Planeten unseres Sonnensystems annimmt, jedoch einen auslässt: Die Erde. Bei mir lief die Aufnahme mit dem St. Louis Symphony Orchestra, The Ronald Arnatt Chorale und den Missouri Singers unter Walter Susskind aus dem Jahr 1974.
Nach dem Frühstück katapultierte ich mich aus der sinfonischen Umlaufbahn und ging gemessenen Schrittes zur Wahlurne. Zum Mittag schlonzte ich gedämpfte Kohlrabiblätter nebst Strünken mit mildgesäuerter Genossenschaftsbutter in einen Kartoffelberg, in den zudem gebratener Räuchertofu, Muskatnuss, Sambal Olek, Salz und frisch geriebener Meerrettich kamen = planetarisches Entzücken. (Das war der bei Holst fehlende Teil: Die Erde, unsere Ernährerin.)
Die Temperaturen bewegten sich innerhalb einer Woche zwischen minus 9 und plus 12° Celsius. Der Schnee im Karree nun komplett geschmolzen. Der Himmel zunächst von einem hellgrauen Schleier bedeckt, dann zartblau. Die Vogelwelt sortiert sich lautsark neu. Während auf vielen Gehwegen letzte Weihnachtsbäume liegen, im Hof die erste Kinderkreidezeichnung des Jahres. Von Nachbarn holte ich mein 1,5-Kilo-Päckchen Wermutkraut ab – Bitterstoff für ungefähr anderthalb Jahre. Die Musik im Tageslauf immer weniger orchestral: Bach-Choräle, Monteverdis Madrigale, Bettellieder aus Apulien, Giovanni Gabrielis Stücke zum St.-Rochus-Fest – Rochus von Montpellier (ca. 1295-1379) war Schutzheiliger der Pestkranken, maladen Haustiere und Patron der Siechenhäuser.
Abends weiter in Dominik Grafs knapp dreistündiger Dokumentation „Jeder schreibt für sich allein“, die vom gleichnamigen Buch Anatol Regniers, der im Film ausführlich zu Wort kommt, angeregt wurde. Es geht um Schriftsteller, die in der Nazizeit nicht emigrierten: Hans Fallada, Ina Seidel, Hanns Johst, Will Versper, Jochen Klepper. Für mich viel Neues über Kästner und Benn. Hochinteressant! Die Flucht aufs Land und die Flucht aus dem Land, der Kampfbegriff „innere Emigration“, die Auseinandersetzungen mit Thomas Mann. Die feine Unterscheidung von Patriot, Nationalist, Nationalsozialist und Nazi. Die nicht oft genug zu wiederholende Erkenntnis, dass sich niemand seiner selbst sicher sein kann, weil in jedemvon uns ein Unmensch schlummert, der unter gewissen Umständen zum Vorschein kommt. Wie nahezu alles von Graf ist das packend und differenziert erzählt und erweitert die Wahrnehmungs- und Denkhorizonte ungemein.
Im Pleißemühlgraben, einem künstlich angelegten Nebenarm der Pleiße, der bereits seit dem 10. Jahrhundert durch die Leipziger Innenstadt fließt, ruht unter einer Art schwimmenden Pergola ein Stockentenpärchen. Womit sich die folgenden Fragen stellen: Wer hat da eigentlich die Zweige verflochten? Wer baut so eine Insel? Gibt es in unserem städtischen Gewässeramt gar eine Arbeitsgruppe Wasservogelpergolabau?
In den Jahren nach der DDR-Gründung hatten die industrieellen Abwässer aus den Braunkohletagebauen den Mühlgraben in eine stinkende Kloake verwandelt. Und was machen die Mächtigen, wenn sie ein Problem nicht lösen können oder wollen? Sie decken es zu. Also wurde das Flüsschen ab 1953 überwölbt und geriet so zunächst aus dem Blickfeld und später auch dem Bewusstsein der Einwohner. Erst die Stilllegung ganzer Industriezweige und die härteren Umweltschutzbestimmungen nach der Wende gaben dem Wasser eine annehmbare Qualität ohne stinkende Schaumkronen zurück.
Als in dem Abschnitt, wo heute das Entenpaar sitzt, im Frühjahr 1997 der erste Spatenstich erfolgte, um den Graben wieder freizulegen, war ich als freier Radioredakteur vor Ort. Der Bürgermeister sprach. Eine Kapelle spielte. Es war ein kurzer, großer Moment, denn zu diesem Zeitpunkt war das Gewässer beinahe 50 Jahre lang aus dem Stadtbild verschwunden, was sich nun ändern sollte.
Die Freilegung ist noch nicht abgeschlossen – aus städtebaulichen und finanziellen Gründen verläuft der Graben nicht immer exakt in seinem alten Bett. Zudem wurde die anfängliche Idee, ihn schiffbar zu machen, fallengelassen, denn dazu hätten mehrere Brücken um- bzw. neugebaut werden müssen. Und so ist er an einigen Stellen nach wie vor in die alten unterirdischen Gewölbe eingezwängt.
Nun, das Entenpärchen stört es nicht – kann es nicht unter den Straßen hindurchschwimmen, kann es immer noch drüber weg fliegen. Oder bleibt einfach liegen und lässt sich von der Sonne wärmen, die mittags direkt auf die Flechtpergola scheint.