Etappe 4. Morgenstund hat Gold im Mund – also steige ich wieder kurz nach 8 Uhr aufs Rad. Über den Magdeburger Hafen geht es nordwärts. Nur wenig ist so trostlos wie ein abgewirtschaftetes Industriegebiet – abgesehen von einem Schiff auf dem Trockenen.
Über die Elbwiesen verlasse ich die Stadt. An einer Weggabelung halte ich neben einem älteren Ehepaar, das wie ich den Elberadweg sucht. Sie haben das Handbuch dabei – ich die App. Der Mann wirft einen Blick auf mein Smartphone und vertraut ihr: „Es geht rechts rum, der andere Weg ist eine Sackgasse.“ Wir fahren nach rechts.
Ich lasse die beiden rasch hinter mir. Dann muss ich halten. Es ist empfindlich kalt und das liegt nicht nur am Westwind. Ich hole mein Untershirt raus und ziehe es inmitten von Kühen und Krähen an.
Ich glaube, der Elberadweg ist ein Mythos. Wie Fairplay im Fußball oder Sockenpaare, die solange zusammen bleiben, bis die Löcher sie scheiden. Manchmal ist der Weg da, manchmal umgeleitet, manchmal weg und manchmal allgegenwärtig – das heißt, es gibt Kreuzungen, wo in jede Richtung ein Elberadweg führt. Vermutlich wollte jeder Bürgermeister oder Gemeinderat ein Stück des Ruhmes.
Ab und an kommt es einem dann wieder so vor, als hätten sich die Stadtoberen und Gemeinderäte kurz daran erinnert, dass es nicht um ihre Orte, sondern um die Elbe geht, so dass der Elberadweg einen Schlenker zurück zum Fluss macht.
Ich fahre durch Städte, wo lediglich die Post, der Amazon-Fahrer oder durchziehende Radtouristen die Stille durchbrechen. In den Dörfern sind nicht einmal Hunde oder Hühner zu hören. Sämtliche Gasthäuser sind verriegelt. Deutschlandfahnen knattern im Wind.
Teilweise ist der Radweg in schlechterem Zustand als die Straße daneben. Wurzeln haben den Asphalt aufbrechen lassen, Gras nagt an den Rändern. Einige Stellen sind geflickt, viele nicht.
Bei Rogätz nehme ich heute zum ersten Mal die Fähre. Gleich am Ortsrand ist ein Bäcker. Ich darf am Glücksrad drehen und gewinne 10% Rabatt – im Endeffekt die Differenz zwischen „essen im Café“ (19% Mehrwertsteuer) und „mitnehmen“ (7%). Ich entscheide mich für ein belegtes Brötchen und einen großen Kaffee zum Aufwärmen.
Rückenwind bei Tangermünde! Und das Beste: Ich entdecke eine riesige Kolonie von Wildgänsen. Alle schnattern wild durcheinander – wie der Bundestag bei der Rede eines Oppositionspolitikers.
In Arneburg folgt die zweite Flussquerung per Fähre. Überhaupt steht die Etappe im Zeichen des Wassers: Bei Hohenwarte fahre ich unter der Kanalbrücke durch, die den Mittellandkanal über die Elbe führt. Eine unglaubliche ingenieurtechnische Leistung.
Hinter Arneburg wechsel ich vom Radweg auf den menschenleeren Damm. Die Schwalben tanzen im Wind wie die Mücken über einen sommerlichen Weiher. Ich sehe Schafe und Kühe. Ein Polizeiauto kommt mir entgegen. Es erinnert mich an die Krimiserien in ARD und ZDF, deren Namen ich nicht kenne, weil ich sie nicht gucke.
Der kräftige Wind bläst meist von der Seite oder leicht von hinten, so dass ich trotz der gerade erreichten 100 Kilometer in den Beinen mühelos eine Geschwindigkeit von 27 km/h erreiche. Auf dem Damm blühen Wiesenkräuter in allen möglichen Farben.
In Havelberg mache ich Schluss. Das Hotel ist perfekt ausgestattet. Nicht nur gibt es eine Fahrradgarage, diese hat auch einen Ständer und Werkzeug für Reparaturen, große Luftpumpen sowieso.
Die Ordnung muss gewahrt werden, weshalb ich zuerst die Taschen säubere und erst danach unter die Dusche springe. Ich beschließe den heutigen Etappentag beim Griechen – die 3.000 verbrauchten Kalorien wollen aufgefüllt werden.
Etappe 3. Kurz nach 8 Uhr geht es von Wittenberg aus Richtung Magdeburg. Der Elberadweg führt nach Norden, Osten und Westen, manchmal auch nach Süden, grundsätzlich aber nordwärts – von der Quelle im tschechischen Teil des Riesengebirges bis zur Mündung in die Nordsee. Meine Mission: Die Antwort auf die Frage eines Freundes: Wohin verschwinden eigentlich die ganzen Radwege?
Wenn ein Banker mit dir über deine Verluste spricht, heißt es: Dein Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer. Das gleiche gilt für die Radwege. Sie sind nicht weg, sondern halt irgendwo anders, sprich: du hast eines der kleinen Schilder übersehen oder von einer der zahlreichen, oft verwirrenden Umleitungen nicht zurückgefunden.
Obwohl ich extra langsam und hoch konzentriert fahre, komme ich auch heute immer wieder von meiner Strecke ab oder muss bei einer Gabelung rätseln, welche der Geradeausspuren denn nun gemeint ist. So verliere ich im Dessauer Straßengewirr komplett die Richtung – und als ich endlich wieder ein Elberadwegschild mitsamt Pfeil entdecke, weiß ich nicht, ob der mich ins Stadtzentrum, zurück nach Wittenberg oder, wo ich ja hin möchte, gen Norden schicken wird.
Ich mache das Naheliegende und orientiere mich an der Elbe. Zwar ist hier nicht die offizielle Strecke, aber ein Wald- und Feldweg verläuft parallel zum Fluss. Besser geht es nicht. Ich werde auch nur einmal aufgehalten – von einer querenden Schafherde, die auf dem Weg zur neuen Weide ist. Ein einziger Hütehund sorgt für Ordnung.
In Stadt an der Elbe mir vier Buchstaben, der erste ist ein A finde ich dann zum Elberadweg zurück. Die Ausweichstrecke war staubiger, aber malerischer. Nach Coswig nehme ich in Aken (= der gesuchte Kreuzworträtselbegriff) zum zweiten, in Barby dann zum dritten Mal die Fähre. Ich sehe zauberhafte Dorf- und Stadtkirchen und wieder jede Menge Tiere, unter anderem zwei Störche, Ponys, Großpferde und anderes Nutzvieh – und selbstverständlich Vögel aller Art.
In Priesteritz trifft man auf das, was einige Leute gerade am liebsten für immer zerstören würden: große Industriebetriebe. Mindestens zwei der Unternehmen, die ich dort sehe, betreiben vor Ort eigene Kindergärten. Ohne diese Arbeitgeber bräche hier nahezu alles zusammen – es gibt in der Region kaum andere Arbeitsplätze. Bei Werksschließung würden die Gemeinden die fehlenden Einnahmen äußerst schmerzlich zu spüren bekommen. Aus den Schornsteinen steigt ein so feiner, sauberer Rauch, dass ich ihn beinahe übersehe.
Was aus den in Betrieb befindlichen Fabriken eines Tages werden könnte, sehe ich dann an riesigen leerstehenden Industriekomplexen inmitten der Wildnis: Stillgelegt und verfallen – möglicherweise ja ein Ausblick auf eine gar nicht allzu ferne Zukunft? Ebenso unvermittelt wie die korrodierenden Fabriksruinen tauchen zig Kilometer weiter grellweiße Statuen auf, die den Radweg ins Nirgendwo flankieren.
Kurz vor 17 Uhr erreiche ich Magdeburg. Gut 120 Kilometer an einem Tag – das reicht. Die Herberge nahe des Bahnhofs ist eher rustikal, alles läuft über PIN-Codes. Einen für uns Gäste zugänglichen Keller oder ähnliches gibt es nicht, also übernachtet mein Rad im Zimmer. Rad und Gepäck sind komplett eingestaubt – da ist Putzen angesagt. Dank der im Bad bereitgelegten Einwegwaschlappen geht das gut von der Hand. Danach springe auch ich unter die Dusche.
Tag 2. Um 8 Uhr verlasse ich Riesa, Ziel ist Lutherstadt Wittenberg. Zunächst geht es links der Elbe Richtung Torgau. Vor Belgern ist der Radweg gesperrt, die Ausweichfahrt über die Dörfer verlängert die Strecke um 7 bis 8 Kilometer. Bei Torgau zieht sich der Himmel zu, es wird windig. Neben einer grasenden Kuhherde steigt ein Pärchen auf einen Damm und sucht die Elbe. Sie werden nicht fündig.
Plötzlich geht es auch hier nicht weiter. Der Navi rät mir nach links auf die Bundesstraße zu fahren. Die hat leider keine Radwege – aber was bleibt mir übrig. Die Dörfer, die ich passiere, sind eine Mischung aus verfallen und schick. Irgendwann kommt wieder die Sonne raus.
Der letzte Apfel hat nur kurz vorgehalten. Ich bin auch schon wieder durstig. Aber hier ist alles tot. Gasthäuser: geschlossen. Bäcker: stillgelegt. Einkaufsmärkte: Ruinen mit zerstörter Außenwerbung. Schließlich sehe ich in einem Dorf zwei Verkaufswagen: Backwaren und Fleisch. Beide bieten keine Getränke an, nicht einmal Kaffee. Sie versorgen die immobilen Alten mit Brot, Gebäck, Fleisch und Wurst.
Kurz vor Wittenberg dann ein Supermarkt, der noch in Betrieb ist. Ich bekomme endlich etwas zu trinken. Über Schleichwege gelange ich auf die Elbebrücke; kurz nach 14 Uhr bin ich in der Lutherstadt.
Die heutige Etappe stand im Zeichen der Tiere: Die erwähnten Kühe, ein paar Ziegen. Immer wieder kreuzten Katzen meinen Weg – eine war so winzig, dass ich im ersten Moment glaubte, mich verguckt zu haben und bremse. Ich sehe das Kätzchen zur Mutter zurück laufen – ihr Frühstück lockt. Neben Meisen oder Schwalben kreisten ab und an Raubvögel über mir. Größte Überraschung: eine Straußenfarm.
Beim Schlendern durch die Innentadt lese ich, dass am Abend in der Stadtkirche St. Marien ein Konzert mit einem gregorianischen Chor stattfindet. Ich beschließe, hinzugehen. Vorher gibt es noch ein deftiges Abendessen – und danach werde ich müde ins Bett fallen.
Der Tag nach einem Sturz ist immer der schwerste. Nach einer 600er Ibuprofen und zwei Stunden Anlauf beschränkt sich mein Radius auf das Haus und den Garten. Beste Position: sitzend vor dem Laptop, beide Arme auf den Tisch gelegt, dazu ab und an die Beine vertreten. Ich streame viel: Beigbeder, Biopics über Yves Saint Laurent, eine Doku übers Jazzfest in Montreux. (Der Blick von Nina Simone!) Frederic Beigbeder ist Gastgeber des Videopodcastes „Conversations chez Lapérouse“, in dem er sich jede Woche mit Kollegen unterhält, manchmal sind auch Verleger oder Philosophen zu Gast. Der beidseitige Respekt ist immer zu spüren. Das ist sehr agenehm, vor allem, weil das so anders ist als in den deutschen Literatursalons, die ja eher selbstreferenziellen Kuschelgruppen ähneln, in denen man die Fördergeldschläue der anderen observiert.
Beigbeder dans „Conversations chez Lapérouse“, une émission hébergée par Ausha.
Die Kartoffeln und Möhren köcheln. Warten auf die Jüngste, damit sie mir die Schnitzelmaschine vom Schrank holt – so schnell wird man zum Invaliden. Auf dem Sonnenstuhl sitzend lese ich Nabokovs Analyse von Kafkas „Die Verwandlung“. Er greift dabei auf Proust und Stevenson zurück, vergleicht anschaulich, macht klar, dass er über seinen persönlichen Standpunkt spricht. Ein herrlicher Tag.
Trotz des wieder einsetzenden Schmerzes konnte ich die Nacht ohne Tablette schlafen. Ich habe mich dann aber sogleich an der eigentlich superleichten Hausarbeit übernommen – verdammtes Schleudertrauma! Es ist gar nicht die Aufprallstelle, sondern das Randgebiet im Innern der Schulter, das weh tut – ein Bluterguss zwischen Bindegewebe und Zwerchfell. Gartenrunde: Die Morgen werden wieder kühler. Um mich herum hunderte Mehlschwalben im Tiefflug – was überhaupt nicht unangenehm ist, so wie das ja einige Rustikalpsychologen gern mal behaupten. Ich entdecke das neue Zebraspinnennetz. Ob es die vom Vorjahr ist – oder eines ihrer fünftausend Eier? Dann die allerletzte Erdbeere der Saison: 20. August – man könnte das Ende dieses Sommers exakt datieren.
Langsam gehts aufwärts. Die Schulter ist nun gelbgrün, im Rücken wandert der Bluterguss. Positionen die gestern ohne Einschränkung möglich waren, sind heute mühsam – aber es wird alles beweglicher. Da ich auf dem Rad keinerlei Schmerzen verspüre, wage ich eine winzige Besorgungsfahrt. Der Test ist erfolgreich. Schwüle Wärme, man sieht zum Taunus hin sehr schön die Wetterscheide – unsere Seite bleibt klar mit nördlichem Wind. Die Felder nehmen rasch die fahle, herbstliche Tönung an.
Nabokov seziert „Ulysses“ – Präzisionsarbeit.
Vladimir Nabokov „Lectures on Literature“, Harcourt Brace Jovanovich, New York, 1980
Unser Familienurlaub ist vorbei, für mich geht es nun solo weiter. Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker. Die zwei Fahrradtaschen sind prall gefüllt, vermutlich habe ich viel zu viel dabei, aber die elektronische Zahnbürste passt gerade so noch hinein – ein bisschen Komfort. Bevor meine Elbe-Tour richtig beginnt, muss ich zum Bahnhof.
Die Bahn macht Bahndinge: Auf der einstündigen Fahrt nach Dresden sammeln wir zwölf Minuten Verspätung. Umsteigen in Neustadt. Der Lokführer erlaubt sich wohl einen kleinen Scherz: Die Türen öffnen sich nicht. Blick in den Nachbarwagon – auch dort irritierte Gesichter. Dann fährt der IC etwa 20 Zentimeter und ist nun offenbar vorschriftsmäßig eingeparkt. Die Türen öffnen sich. Im letzten Moment reicht mir ein aufmerksamer Herr meine Trinkflasche zu – die hatte ich am Platz vergessen.
Es ist meine erste Reise dieser Art. Die Routine fehlt noch.
Im anderen Zug treffe ich zwei weitere Radtouristen. Sie wollen von Bad Schandau nach Roßlau, eine Zwei-Tage-Tour. Sie waren gerade in der Gegend um Hamburg unterwegs: „Fährt sich gut. Du darfst halt keinen Gegenwind haben.“ Der andere ergänzt: „Regen ist auch Scheiße.“ „Aber dafür gibt es viele Schafe.“ Drei E-Bikefahrer stoßen zu uns. Ihre Räder sind zu groß, um sie im Wagon einzuhängen, also sie lehnen sie diese ans Fenster. Wenn man mit solchen Vehikeln eine Treppe hoch muss, ist das bestimmt eine elende Schlepperei.
Bad Schandau. Endlich aufs Rad. Los gehts! Von meiner Elbseite aus habe ich einen großartigen Blick auf die Festung Königstein. Die Orte, die ich durchfahre, sind anheimelnd und kompakt.
Weil ich eine Abbiegung verpasse, stehe ich plötzlich mitten in einem Wald. Da es über Stock und Stein geht, muss ich das Rad mindestens die Hälfte der Strecke schieben oder gar tragen, was mit den beiden schweren Gepäcktaschen kein Vergnügen ist. Zwischen den Bäumen entdecke ich Hütten. Wenn diese bewohnt sein sollten, müsste man Lebensmittel und anderes mühsam herschleppen. Es sei denn, es gibt Schleichwege für Autos, die ich übersehen habe.
Nach zwanzig Minuten kann ich wieder regulär fahren. Wehlen, Pirna und schließlich wieder Dresden. Nun aber per Rad. Ich bin so ausgedörrt, dass die Flasche Wasser, die ich im Aldi kaufe und sofort trinke, umgehend verdampft. Wo einst die Carolabrücke die Elbe überquerte, stehen Baufahrzeuge. Es gibt viele Umleitungen.
Hinter Dresden sehe ich die beiden Radfahrer aus dem Zug wieder, kurz vor Meißen verlieren wir uns aus den Augen. Um 14:15 Uhr esse ich eine Kugel Eis und trinke ein Radler. An den Sandsteinfelsen am linken Elbufer wächst Wein. Ich fahre weiter Richtung Riesa. Das sind nur knapp 30 Kilometer – ich überlege, ob ich es heute noch bis Torgau schaffe. Daraus wird allerdings nichts – denn nun beginnt meine Pechsträne: Erst rutscht die Kette ab, dann bekommt das Schaltwerk einen Schlag. Die Folge: Der hintere Zahnkranz läuft nur auf dem kleinsten Rad. Ich muss permanent im höchsten Gang fahren. Zwar kann ich die beiden vorderen Zahnräder benutzen, aber das strapaziert die Kette. Der Navi sagt mir, dass die nächste Werkstatt in Riesa ist. 11 Kilometer – machbar. Ich fahre los. Bis auf einmal der Weg gesperrt ist. Ich muss hoch auf die Bundesstraße. Ich befrage nochmals das Internet: Im nur 2,5 Kilometer entfernten Nünchritz gibt es eine Zweiradwerkstatt, die geöffnet ist. Meine Rettung? Mal schauen. Denkste – geschlossen. Durch das Fenster sehe ich, dass dort sowieso nur Mopeds repariert werden. Weiter.
Im Ort sind zwei Supermärkte, die ich trotz meines mörderischen Dursts ignoriere. Ich muss einen Weg nach Riesa finden. Rauf auf die Bundesstraße. Das ist der kürzeste Weg. Der wird dann aber zur Schnellstraße – nichts für mich. Der Navi schlägt einen Feld- und Waldweg vor. Der ist total zugewachsen – kein Vergnügen mit defekter Gangschaltung. Irgenwann sehe ich andere Radfahrer – ich muss hier richtig sein! Schließlich bin ich in der Werkstatt. Innerhalb weniger Minuten wird alles gerichtet und neu eingestellt. Ich fülle in der Toilette zweimal meine Trinkflasche auf und leere sie sofort wieder. Am Ende ist der Service sogar gratis, was mich zusammen mit dem frischen Wasser Mut für die weitere Reise schöpfen lässt.
Doch für heute war es das. 116 Kilometer zeigt meine Fitnessuhr an. Übers Internet buche ich ein Zimmer, springe schnell unter die Dusche und gönne mir anschließend einen großen Döner-Teller.
Das Ziel für morgen lautet Lutherstadt Wittenberg.
Eigentlich ein klarer, super sunny, heiterer Montag – der dann aber eine herbe Note bekommt: Als ich im Vorbeifahren einen Traktor fotografieren will, übersehe ich den Poller direkt auf dem Feldweg – Überschlag! Schwere Schulterprellung, leichte Schürfungen (Kamera Totalschaden, Rad heile, Armbanduhr mit Kratzer). Das Schulterblatt hat die Rippe mitgeprellt – Wahnsinnsschmerzen, Atemprobleme. Zum Glück hatte ich den Rucksack voller Plastikpfandflaschen, die wie ein Protektor für die Wirbelsäule wirkten. Der Helm schützte den Kopf, der absolut klar ist. Der junge Bauer eilte mir sofort zur Hilfe, richtete den Lenker, zog die Kette auf. Zuhause Erstverarztung mit 400er Ibuprofen. Während langsam die Betäubung einsetzt, läuft lauwarmes Wasser in die Wanne. Ich werde vorsichtig hineinsteigen.
Das Bad grandios – im Wasser verflog aller Schmerz, ich döste vor mich hin. Dass ein gesetzter Herr wie ich noch Kurzarmhemden mit Knopfleiste besitzt, erwies sich als äußerst hilfreich – ein Shirt über den Kopf zu ziehen hätte eine Stunde gedauert. Nach ihrer Rückkehr aus der Schule salbte die Jüngste die betreffenden Stellen rund um die rechte Schulter mit Voltaren aus der Apotheke ein und berichtete von ihrem ersten Tag nach den Ferien: „Die Talahinas haben sich gleich in eine Reihe gesetzt.“ Dann pflückte sie unserem Garten ein paar Brombeeren und machte mit der fünfzig Jahre alten Krups-Aufsatzmixmaschine einen Bananen-Brombeer-Milch-Smoothie – was wurden damals für gute Geräte gebaut! Jetzt, wo auch ihre Schwestern da sind, übernehmen die Damen gemeinsam meine Pflege und die Essensversorgung. (Bald ist der Salat fertig.) Sie schimpfen mit mir wie mit einem kleinen Kind und lachen dabei.
Nach einer Erholungsrunde im Bett gabs die zweite Ibu 400. Bei mir war es das dritte Mal, dass der Kopfschutz Schlimmeres verhindert hat. Beim ersten Crash ist der Helm frontal geborsten, dieser hier hat nur Kratzer. Es kommt auf den entscheidenden Verzögerungseffekt an – früher nannte man das so schön Knautschzone. Trotz alledem ein wundervoller Abend, an dem ich Nabokovs Analysen zu Prousts Methodik inhaliere: Die Wirklichkeit ist eine Maske, und eine Person entsteht nur als Mehrfachbild der Betrachter, die sie beschreiben – dazu die Vor- und Rückblenden. Das ist schon klasse. Nabokov bewundert Flaubert und erkennt dessen Einfluss auf Proust und auch Tschechow. Vom Realismus hält er wenig – noch viel weniger vom Naturalismus. Alles sehr scharfsichtig.
Die Gegend rund um das Schloss Fleesensee sieht ein wenig aus wie Hobbingen im Auenland: Sanft gewellte Hügel, kleine Fähnchen im Wind, alles ist einladend grün – aber statt Gandalf auf seinem Pferdekarren sind hier Golfer mit ihren kleinen Elektrowägelchen unterwegs. Schilder warnen: Zutritt verboten. Lebensgefahr!
In Gefahr sind natürlich nur wir Zaungäste. Man solle vor Golfbällen auf der Hut sein. Wobei: Wie warnen sich die Golfer eigentlich gegenseitig vor herumfliegenden Bällen? Gilt rechts vor links? Oder wer zuerst kommt, mahlt zuerst? Rufen sie lauthals „Bahne frei, Kartoffelbrei?“ Fragen über Fragen.
Fraglos viel ist hier geregelt. Nachdem ich bewusst auf das häufig wiederkehrende Hinweisschild an den verschiedenen Plätzen achte, entdecke ich plötzlich überall Verbote und Gebote. Ohne aktiv gesucht zu haben, stoße ich schnell auf vierzehn verschiedene Anweisungen, welchen sich Anwohner und Gäste zu unterwerfen hätten. Da wundert man sich, dass Gott bei Moses mit nur zehn Geboten auskam.
Immerhin bieten die Schilder und Tafeln eine gewisse Vielfalt: Einige sind illustriert, andere schlicht im nüchternen Beamtendeutsch gehalten, manche wiederum gereimt – ob es da eine Arbeitsgruppe gab, die Knittelverse kreieren musste? Mitunter sind die Texte mit einem Augenzwinkern formuliert, meist aber bierernst: Tu dies nicht, tu das nicht. Geh hier nicht lang. Lass die Weidetiere in Ruh. Fass das nicht an. Respektiere die Natur und das Privateigentum.
Wobei man ja feststellen muss, dass sich immer mehr Menschen gedankenlos – um nicht zu sagen verantwortungslos – benehmen, gerade im Wald und gegenüber Tieren. Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass die oft schlecht erzogenen Hunde angeleint werden, man nur ausgewiesene Wege betritt und offenes Feuer vermeidet. Das Füttern der Nutztiere ist eine weitere Unsitte. Vielleicht hilft so ein Schild am Ende doch, um das eine oder andere Fehlverhalten zu verhindern. Meine persönlichen Favoriten waren übrigens: Gib Acht auf die Kätzchen! sowie Hör nicht auf Google!
Aufgefallen ist mir außerdem, dass die Schilder nur der Witterung, nicht aber dem in Großstädten alltäglichen Vandalismus zum Opfer fallen – keine mutwilligen Zerstörungen, kein Beschmieren mit Tags und Sprüchen, kein Zukleben mit Stickern. Da hebt sich die Provinz wohltuend von Leipzig ab, wo einige Verkehrsschilder vor lauter Aufklebern nicht mehr zu erkennen sind.
Ach ja, nur der Vollständigkeit halber erwähnt: Diverse Schilder zur Regelung des ruhenden und fließenden Verkehrs gibt es in einem so kleinen Örtchen wie Göhren-Lebbin auch reichlich.
Zurück von der Südseite des Taunus, wo ich zusammen mit meinem mannheimer Freund im Rhein-Main-Delta unterwegs war. Zwei Tage auf dem Rad bei 35 Grad – den Wert grüner Alleebäume kann man nicht hoch genug schätzen! Mit uns auf der Straße 90% Pendler, die jeden Morgen und Nachmittag in den PKW steigen und einfach ihren Job machen. Hinter Mainz die Weinlagen der Rheinpfalz voller reifer Reben. In Worms bereitet man sich auf die Nibelungenfestspiele vor. Im Nordteil der Stadt marode Arbeitersiedlungen aus den 1920ern und ehemalige Kasernen, die zu einer Fachhochschule umgewidmet wurden. Ein Geflecht aus alten Versorgungslinien und moderner Infrastruktur. Die weite Ebene bis zum Odenwald sonnenverwöhnt, trocken, fruchtbar – bestens geeignet für Gemüse und Feldfrüchte. In der Ferne sieht man die blassblaue Höhenlinie des Mittelgebirges. Kurzhalt an den ehemaligen Fissan-Werken in Zwingenberg – ich erinnere mich noch an deren Wundpulver auf Milcheiweißbasis.
Ankunft in Mannheim. Angenehme Gespräche bei Pizza und Pils im Stadtwald. Viele der Wege sind wegen der Schweinepest gesperrt. Die Stadt befindet sich vollständig in der Infizierten Zone (Zone II) – große Banner warnen. Das alte US-Army-Veranstaltungszentrum ist jetzt eine Boulderhalle. Über die Siedlungen ziehen grüne Papageien – ausgewilderte Halsbandsittiche. Das im 50 Kilometer entfernten Darmstadt ansässige Werkstoff- und Biotechnologieunternehmen Merck hat inzwischen eine nahezu mythische Strahlkraft – Ausbau in Zeiten des schrumpfenden Wandels, sichere Arbeitsplätze, während überall im Lande über Nacht ganze Berufszweige verschwinden.
Die brutalste Hitzephase des Freitags durchlebe ich unter heißem Gegenwind auf einer Art Radautobahn, die parallel zur Bahnlinie Darmstadt-Frankfurt verläuft. Pralle Sonne über dem asphaltierten, glatten Fahrstreifen, der dann in Langen in den Zickzack einer Stadtrandbebauung übergeht. Die Erschließung neuer Flächen ist dort im vollen Gange – Nachverdichtung für Wohnungen. Ganz in der Nähe befindet sich das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Die Gigatransportmaschine Fraport, 15 Kilometer weiter, wird getragen von den Alltagsfluchtbuchungen der oben erwähnten 90 Prozent.
Die Hitze laugt völlig aus. Schatten im Frankfurter Stadtwald. Gerade so entkomme ich dem Hungerast. Bin froh, dass der Körper die 200 Gramm Feta aufnimmt: tierische Fette gehen bei den Temperaturen kaum – die kann der Magen während der Fahrt nicht verarbeiten.
Am Samstag Regeneration von der Hitzereise mit erfrischendem Nordwind und vorüberfliegendem Gewölk. Der Temperaturknick von 10 Grad kommt mir fast unwirklich kühl vor. Ich kann wieder Büsche beschneiden, ohne zu zerfließen. Wilde Brombeeren dazwischen. Erst essen, dann beschneiden. Überschießende Rosensträucher, 3 Meter hoch. Für das Laub werden wir zwei Grüntonnen benötigen. Die ersten Hagebutten leuchten orangefarbig herüber – Pastoureau schreibt, dass es einige Zeit dauerte, bis diese Zwischenfarbe im europäischen Raum Fuß fasste. Das Wort bezeichnete zunächst nur die Südfrucht im Wappen der Oranier und ein Weihnachtsgeschenk für Kinder nördlich der Alpen. Das Reiserennrad ist abgerüstet, die Taschen lüften aus, die Waschmaschine läuft. Am Montag geht die Schule los. Meine Kinder haben sich jetzt digital mit ihren Klassen bekannt gemacht, auch das Menu des Caterers wurde studiert. Dieser ist neu und verspricht gleich einmal Wunder nach all den Gruselgerichten seines Vorgängers.
Den gesamten Mittwoch über zersäbeln Helikopterrotoren den moabiter Himmel – auch ohne Nachrichtencheck ist klar, dass der israelische, der us-amerikanische oder der ukrainische Präsident in der Stadt ist. (Es ist Letzterer.) Das heißt höchste Sicherheitsstufe – LKA, BKA und andere Dienste sind per Hubschrauber, Jetskis und Booten, zu Fuß und mit Scharfschützen auf Dächern präsent. Mitte und Tiergarten werden zum Teil abgesperrt, es kommt zu Störungen im Nahverkehr. Warum solche Treffen im Zentrum einer Großstadt abgehalten werden, verstehen zunehmend weniger Leute – genau dafür gibt es abgeschirmte Landresidenzen wie Schloss Meseberg. Aber so nervig diese Einschränkungen auch sein mögen, nach zwei, drei Tagen sind sie vorbei – im Gegensatz zur permanenten Gain-of-Function-Forschung: Im S4-Labor des RKI wird mitten in Berlin an Pocken-, Zika-, Corona-, Influenzaviren und Milzbranderregern experimentiert – ein kleiner Unfall und unsere 4-Millionen-Stadt ist das Epizentrum einer biologischen Katastrophe. Wofür haben wir eigentlich das Siegfried-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, das auf hochpathogene Viren, Bakterien und Parasiten spezialisiert ist und aus gutem Grund weit entfernt von menschlichen Siedlungen liegt?
Am Schlachtensee ist dann vom Drumherum des Staatsbesuchs nichts zu spüren. Ich treffe zwei meiner Lieblingsmitschwimmer: Ein nettes Ehepaar, das auf die 90 zugeht. Gebürtige Friedenauer, leben nun aber in Lichterfelde. Haben den Krieg und die Nachkriegszeit in Berlin erlebt, das Zerschneiden der Stadt und ihrer Familien: „Zum Glück wohnten wir so weit ab, dass wir die Mauer nicht auch noch jeden Tag sehen mussten.“ Der 9. November 1989 war auch für sie ein Tag der Befreiung. Beide sind Umweltschützer und besuchen regelmäßig die jeweiligen Stadtteilversammlungen. Kürzlich nahmen sie an einer Uferinspektion mit dem Bezirksbürgermeister teil, bei der es darum ging, wie weitere Hügelabgänge nach Starkregen verhindert werden können. Wir reden über tiefwurzelnde Pflanzen, Drainagen, Terrassierung und Wasserumleitungen – sie stehen voll im Stoff, lassen sich „immer alle Unterlagen schicken“. Wenn sie eine Frage oder Ideen haben, wenden sie sich an die entsprechende Stelle – ich habe den Eindruck, dass sie jeden Amtsleiter und Förster der letzten 60 Jahre namentlich kennen. Sind alle gesetzlichen Mittel ausgeschöpft, muss man sich „aber auch manchmal wie ein Partisan verhalten“, so der Mann. Wer wäre ich, dem zu widersprechen. In der Bucht haben sich nun vier Stockenten niedergelassen. Ab und an gesellt sich eine fünfte dazu, eine sechste sucht noch Anschluss.
Am Montagabend sitze ich fünf Stunden mit dem Guerillagärtner im Biergarten. Er berichtet, dass der Großteil der im Frühjahr geretteten Gehölze gut angewachsen ist. Wo die Sträucher nicht wurzelten, hat er Rosen gepflanzt. Weil Kinder und Betrunkene ihn an der einen oder anderen Stelle kaputt balanciert bzw. zu Boden geschlurft haben, muss der Flechtzaun repariert werden. Wir sprechen viel über Sprache – ein zentrales Thema in Zeiten, in denen Begriffe nicht mehr für alle dasselbe bedeuten, Verständigung zunehmend schwieriger wird. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen mit KI-Werkzeugen aus und gute Strategien, mit denen man Informationen filtert. Wir überlegen, wie man sich und die Seinen am besten vor all dem Psychomüll schützen kann, ohne dabei zum Außenseiter zu werden. Spannend ist der kleine Diskurs über das unterschiedliche Empfinden von Zeit in unterschiedlichen Kulturkreisen und Milieus, was sich bis ins eigene Umfeld zieht: Manche „haben“ einfach „nie Zeit“ – und das sind nicht unbedingt die Selbständigen mit den vier Kindern. Das Schöne an unseren raren Gesprächen ist, dass wir öfter mal komplett konträrer Ansicht sind, worüber sich dann trefflich streiten lässt. Es ist gut, jemanden zu treffen, der den Austausch von Argumenten, das Verlassen der eigenen Filterblase, das beidseitige Dazulernen zu schätzen weiß – und bei alledem Dissenz aushält.
Am Freitag 35 Grad im Schatten – als die letzten Schlüpfer auf dem Wäscheständer landen, sind die ersten Hemden bereits getrocknet. Über die Washington Post verbreitet sich die Meldung, dass vor kurzem in einer stillgelegten Atomwaffenfabrik in South Carolina radioaktive Wespennester gefunden wurden – exakt so fingen in den Fünfzigern und Sechzigern einige dieser fantastischen B-Movies an.
Räucherstäbchengroßkauf in der maoabiter Filiale der chinesischen Supermarktkette Go Asia – zu meiner Freude entdecke ich viele mir noch unbekannte Sorten. Die erste, die ich zuhause entglimme, heißt „Seven african powers“. Diese sieben Kräfte, so recherchiere ich, werden in Ritualen angerufen, um Schutz für die Familie, auf dem eigenen spirituellen und beruflichen Weg und in Zeiten des Wandels zu erbitten. Sie stehen für Führung, Gerechtigkeit, Weisheit, Liebe, innere Stärke, Heilung und Schutz.
Sieh mal, wie schön, die Blumen halten immer noch, stand gerade in einer Fotonachricht von Anne. Ich hatte sie vor drei Wochen besucht und ihr einen Blumenstrauß aus meinem Garten geschenkt. Ich freue mich über diese Rückmeldung.
Es gibt einen Satz, den ich nicht vergessen kann, weil er bis heute Auswirkungen auf mein Handeln hat: Ich stand vor vielen Jahren an einem Gartenzaun und fragte die Frau, die gerade in den Beeten arbeitete, ob sie mir ein paar ihrer Zinnien verkaufen würde. Es war 11:30 Uhr. Sie sah mich ernst an und schlug meine Bitte aus: Blumen schneidet man maximal bis 10 Uhr morgens! An diese Worte halte ich mich seitdem. Danke, denke im Stillen, während ich einen neuen Strauß binde. Dieser heute ist für eine kranke Freundin. Möge die Freude daran zu ihrer Genesung beitragen.
Der Donnerstag war ein sehr heißer Tag. Selbst die Enten, die sonst immer am Imbiss rumlungern und auf Krümel hoffen, hatten sich in den nahen Teich zurückgezogen.
Da es am frühen Morgen noch angenehm kühl war, schnürte ich die Laufschuhe. Zunächst ging es wieder durch den Wald, dann an den Nebenstraßen entlang. Die am Montag noch stoppeligen Felder waren umgegraben, die Bauern bereiten die Aussaat vor.
Was mich freute: die beiden Störche waren wieder da. Wir hatten im Ort zwei Nester entdeckt, eines dürfte ihr Zuhause sein. Die Rehe, die auf einer nahen Wiese nach Nahrung suchten, beäugten mich skeptisch und sprangen davon, als mich mit stampfenden Schritten und lauten Atemgeräuschen näherte.
Nach dem Frühstück schlug ich vor, Fahrräder auszuleihen und die Umgebung zu erkunden, aber der Familie war es dafür zu heiß. Sie wollten lieber kleine Spaziergänge machen oder die Hitze in der kühlen Ferienwohnung aussitzen.
Ich fuhr alleine. Zuerst nach Malchow, von dort weiter nach Lenz. Spontan umrundete ich auch noch den Plauer See. Ich hatte kein Proviant und nichts zu trinken dabei, also erntete ich Brombeeren, die in Hülle und Fülle am Wegesrand wuchsen.
Als Fremder muss man großes Vertrauen in die Navigationssoftware haben, die einen durchs unbekannte Gebiet lotst. Die Waldwege waren teilweise unbefestigt, dafür bekommt man dann die Natur in ihrer ganzen Fülle: Schmetterlinge, Vögel – und Mücken. Immer wieder tauchten kleine Ortschaften mit Villen direkt am Ufer auf.
An den Plauer Zeltplätzen vorbei ging es über die Elde auf der anderen Seite des Sees zurück. Das Wasser rund um die Stadt war fest in der Hand von Sportbooten aller Größen und Bauarten. Hausboote tuckerten gemächlich auf die Eldebrücke zu.
Der Rückweg führte stellenweise direkt an den Bundesstraßen entlang. Glücklicherweise gab es gut ausgebaute Radwege, so dass ich nicht gezwungen war, die dicht befahrenen Straßen zu nutzen. Aus der Ferne grüßten keine Kirchtürme, sondern Winräder, unsere Kathedralen des Fortschritts. Immerhin drehten sich die meisten, auch wenn an einem sonnigen Tag wie diesem der überschüssige Strom sicher wieder ins Ausland verschenkt wird. Der Mais stand üppig auf den Feldern.
Nach knapp vier Stunden war ich zurück in Göhren-Lebbin. Ein schöner Ausflug, auch wenn ein paar Grad weniger nett gewesen wären – die drei Radler, die ich nebenbei auf Campingplätzen getrunken hatte, waren sofort wieder ausgeschwitzt. Ich konnte es kaum erwarten, mich unter die Dusche zu stellen.
Von Dienstag auf Mittwoch Venus und Jupiter auf einer Senkrechten – um drei am nachtdunklen Horizont erheblich besser auszumachen als am zartblauen Morgenhimmel. Ich glaube, dass in der Bibliothek von Alexandria bereits ein Großteil des astronomischen Wissens versammelt war – so zum Beispiel die Erkenntnis, dass es sich bei Planeten um Kugeln handelt, die sich um Sonnen bewegen. Das geriet dann für einige Jahrhunderte in Vergessenheit. Die Idee, Sternenkonstellationen wären mit unseren Individualschicksalen verknüpft, kann nur einer haben, der die wahren Größenverhältnisse komplett verkennt. Schön ist, wie das Unbegreifliche, Unbekannte die Phantasie anregt und Mythen erzeugt. Castor und Pollux.
Um 8:30 Uhr im SWR eine gute Sendung aus der Reihe „Wissen. Nachgefragt“. Die Themen: Mikroplastik in Gewässern und unseren Körpern; die verschärften Tabakverbote in GB und Frankreich; der Kokainkonsum und -handel, unsere davon überforderten Kommunen. Erfurt spielt seit den Neunzigern eine bedeutende Rolle im Netzwerk der Mafiaorganisation ’Ndrangheta und ist eine große Drehscheibe für Geldwäsche und Koks. Der Deutsche Städte- und Gemeindetag hat das Thema immer noch nicht auf dem Schirm, dabei wird lange schon bis ins kleinste Dorf geliefert. Dass die Umwelt zunehmend von Mikroplastik durchsetzt ist, ist auch bei meinen Töchtern ein Thema – sie machen sich zurecht Sorgen um die eigene Gesundheit.
Schwül-heiß mit ein wenig Wind; zwei Wäscheladungen rapidissimo trocken. Rundum sind die Fenster beschattet, der Sonnenschirm ist aufgespannt. Die Hasen strecken sich in ihrer ganzen Länge aus. Die Jüngste überrascht uns mit einem sehr schönen Familienporträt – eine Filzstiftarbeit auf Papier. Der Mannheimer Freund hat sturmfrei und Zeit – wir planen spontan für Donnerstag und Freitag eine Tour. Spannend, wo dann die Wetterfront verlaufen wird – der Taunus ist die große Scheide, südlich beginnt das Klimakatastrophengebiet.
Das Radio meldet, dass in Frankreich wegen einer Qualleninvasion ein Atomkraftwerk abgeschaltet werden musste. Das Unbehagen über den Zustand der Deutschen Autobahnen wächst: Da die alten 20 Zentimeter dicken Betonprofile nicht mehr ausreichend der Hitze widerstehen, müssen jetzt 30 Zentimeter her, für den Asphalt werden polymere Beimischungen geprüft. Räder müssen rollen – meins auch.
Ausflug nach Ivenack. Dort stehen die Ivenacker Eichen, die ältesten Eichen Deutschlands, möglicherweise die ältesten in ganz Europa. Vom Fleesensee ist das Örtchen eine Stunde mit dem Auto entfernt.
Bereits die Romantiker oder der mecklenburgische Heimatdichter Fritz Reuter waren von den mächtigen Bäumen entzückt. Was diese Riesen wohl alles im Laufe ihres Lebens gesehen haben … Wobei – was sollen sie schon gesehen haben, hier im tiefsten Mecklenburg?
Zumindest einmal muss aber richtig was los gewesen sein: Einer Überlieferung zufolge sollen Napoleons Truppen während der Besetzung Mecklenburgs von einem adeligen Gestüt in Ivenack den berühmten Deckhengst Herodot beschlagnahmt haben. Es heißt, der französische Kaiser selbst habe den stattlichen Apfelschimmel eine Zeit lang geritten – bis schließlich General Blücher die Rückgabe veranlasste. Wenn die alten Bäume heute miteinander flüstern, mögen sie sich vielleicht fragen, ob das edle Pferd noch lebt.
Die älteste Eiche, Methusalem genannt, soll über eintausend Jahre alt sein. Sie ist 35,50 Meter hoch, hat am Stamm einen Durchmesser von 3,49 Metern und einen Umfang von 10,96 Metern.
Im 75 Hektar großen Park kann man freilaufendes Dammwild und in einem abgezäunten Areal Konik-Wildpferde beobachten. Auch von einer Streuobstwiese war die Rede – ob damit ironisch auf die riesigen und zahlreichen Haufen von Pferdeäpfeln angespielt wird, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.
Ebenfalls sehenswert ist der Baumwipfelpfad, der zwischen Eichen, Erlen und Buchen hindurchführt. Von dort oben hat man einen guten Blick auf den Ivenacker See und das Schloss. Am Ende haben wir sehr viele alte Eichen gesehen, darunter auch – verglichen mit Methusalem – einige Jungspunde von gerade mal 600 bis 800 Jahren. Und die sahen teilweise gerupfter aus als der große alte Mann des Waldes.
Montag der zweite Versuch, diesmal erfolgreich: Um 5:45 Uhr sehe ich auf Nordost deutlich die Planetenreihung: Jupiter nähert sich der Venus von links. Mit einem Teleskop ließen sich vermutlich auch die Monde gut erkennen – ich habe nur ein Zehnfach-Glas. Ich bin sehr gespannt, ob Venus morgen einen Schatten auf Jupiter werfen wird.
Der Dienstagmorgen diesiger. Allmählich nähert sich Jupiter von Norden her der Venus. Erste kleine Taugespinste im Gras, jetzt fehlt nur noch die Zebraspinne. Die verrät ihren Standort durch große, unübersehbare Netze. Aus der Nachbarschaft hört man das Jaulen des DHL-Elektroautos, Kinderrufe und Hauswerkergeräusche. Der Mirabellenberg, den wir geschenkt bekamen, wird rege abgetragen – ich befülle eine Schale nach der anderen; das äußerst schmackhafte Steinobst verschwindet wie von Zauberhand. Meine jungen Damen bereiten sich (und ihre Frisuren) auf einen Stadtbesuch vor. Dort werden sie Steingut bemalen und das dann glasieren lassen. Blauer Himmel, die Schwüle nimmt zu – gut, dass der Wind auf Ost steht.
Während die Teenies in der Stadt sind, länge ich sehr mühsam eine Kette. Dazu muss man zwei Nieten vorsichtig und nicht vollständig austreiben, dann die Verlängerungsglieder einsetzen und die Nieten wieder eintreiben. Das passende Werkzeug, ein Kettennieter, kostet 20 Euro. Zum Vergleich: Die „Inspektion“ eines E-Bikes schlägt mit rund 120 Euro zu Buche, Material und Ersatzteile nicht eingerechnet. Die Kundenbindung erfolgt durch sogenannte Garantien – was den Käufern entgegenkommt, da kaum noch jemand in der Lage ist, selbst Hand anzulegen. Kein einziges unserer Familienräder ist jünger als 25 Jahre – keines hatte je „Garantie“. Alle sind gepflegt, nur ab und an muss ein Verschleißteil ausgetauscht oder etwas geflickt werden. Es braucht sehr wenig, damit sie quasi ewig halten.
Im Laufe des Tages sehr heiß. Trotzdem gutes Training. Bringe der Familie vom Metzger fette Bratwürste mit. Eigene Schlachtung. Alle sagen: „Die riechen sehr gut!“ Und ratzfatz sind die Würste weg.
Kurzecks „Der vorige Sommer“ einfach nur wunderbar.
Am Mittwoch zwei scheinbar widersprüchliche Wettervorhersagen: Einerseits drei Schildkröten auf dem Sonnenbaum, andererseits sehr viele Schwalben direkt über dem Schlachtenseewasser. Letztendlich haben beide recht: Vormittags regnet es, am Nachmittag reißt die Wolkendecke auf. Am Donnerstag um 6 Uhr 12 Grad Lufttemperatur, um 7 Uhr 14°, um 8 Uhr 16°, um 9 Uhr 18°, um 10 Uhr 20°, um 11 Uhr 22° und um 12 Uhr 24° – zum Glück bin ich kein Zahlenmystiker. Ab da ist es nach einer langen, etwas kühlen, Regenzeit wieder trocken und sommerlich warm; am Samstag steigt das Thermometer auf 29°.
Es mag Zufall sein, doch seit dem Tod eines der Blässhuhnküken hat sich die Dynamik in unserer Bucht verändert. Über Tage hinweg ließen sich von den zuvor regelmäßig auftauchenden siebzehn Wasservögeln nur ein oder zwei, manchmal gar keine blicken. Erst am Sonntag wurde es wieder voller: Fünf Stockenten und zwei Schwäne gründelten und putzten sich. Von den Rallen bekam ich, aus der Ferne, nur noch ein Alttier zu Gesicht. Ornithologische Buchtkonstante sind die Schilfrohrsänger, die unermüdlich ihren Namen bestätigen und dabei sanft ihr Habitat hin und her wiegen.
Am Donnerstagnachmittag entdecke ich im wilmersdorfer Schoeler-Park inmitten der dort ansässigen, zahlreichen Wildkaninchen einen Rotfuchs. Die Tiere beachten einander nicht. Der Fuchs und ich schlagen zufällig denselben Weg ein. Nach kurzer gegenseitiger Einschätzung ignorieren dann auch wir uns weitgehend und trotten nebeneinander über das Pflaster der Wilhelmsaue. Mein Gefährte hebt zwischendurch das Bein, um sich an einem Fiat zu erleichtern – ich hatte zuvor im Urinal des Nachbarschaftshauses, in dem ich regelmäßig Tischtennis spiele, das Wasser abgeschlagen. Dortselbst erfreute mich ein Plakat neben dem Hofeingang, auf dem namentlich jedem Helfer gedankt wird, der zum Gelingen des Sommerfestes beitrug – eine kleine, feine Geste. Mit einem meiner Mitspieler rede ich über die Herkunft unserer Namen, die wir mit der Geburtsregion abgleichen. Mit einem anderen unterhalte ich mich über Chanelling.
Am Samstag kommen zeitgleich mit mir zwei andere Männer an der Buchtbank an, wir sind uns noch nie begegnet. Wir setzen uns hin, sagen kurz „Hallo“, dann weiter nichts, schauen aufs Wasser, atmen tief die Sommermorgenluft ein. Der ganz links fängt auf einmal an zu lachen: „Kiek ma, wir drei auf der Bank!“ Darauf der in der Mitte: „Herrlich, oder!“ Und ich: „Der beste Ort, an dem wir gerade sein können.“ Wir kommen ins Gespräch, lobpreisen den See und das Drumherum. Die beiden sind gebürtige Westberliner, der eine etwa so alt wie ich, der andere vielleicht 70. Sie erzählen vom Mauerfall, wie schön es ist, dass nun alle in Freiheit leben können und die Stadt wieder eins ist. Dabei ordnen sie sich und ihr Leben, bis hin zur Gegenwart, in den großen Jahrhundertbogen ein, jammern dabei nicht, sind demütig. Das begegnet mir sehr oft bei diesen alten Frontstadtbewohnern. Icke: „Ihr wart ja genauso eingemauert.“ Sie erzählen, garniert mit dem ortstypischen fatalistischen Humor, ein paar großartige Storys von damals. Dann muss der Jüngere los – herzliche Verabschiebung. Der Alte und ich bleiben noch ein wenig. Er sagt, dass er jeden Sonnabend um die Zeit da ist, da dann seine alte Laufgruppe ihre Seerunden dreht. Er selbst darf wegen seiner Herzerkrankungen leider keinen Sport mehr treiben, komme aber wie gewohnt zum Treffpunkt. Während die anderen joggen, geht er zur Bucht. Anschließend treffen sich alle in der „Fischerhütte“. So nähme er noch Anteil, kriege seinen Hintern hoch: „Watt willste machen, wenn dit Herz nich mehr mispielt … Aber die janze Zeit nur rumliejen jeht nich! Man muss sein Schicksal annehmen, so schwer es eenem ooch fallen mag.“ Ich berichte ein wenig von meinem Krankheitskram – wir sehen Parallelen. Auch wir verabschieden uns herzlich – wär schön, wenn man sich mal wieder sieht … Ich muss öfter an die junge Schönebergerin Rabea Rogge denken, die im April als erste Deutsche im Weltall war und auf dem Flug eine Kopie der Freiheitsglocke aus ihrem Rathaus mitnahm. Die Trümmerfrauen und Rosinenbomber, 17. Juni und 13. August, JFK, der 9. November 1989, Love Parade, Reichstagsverhüllung und das Sommermärchen – all das steckt ja ganz tief in der DNA der Stadt und ihrer Bewohner.
Seit Montag sind auch auf der Rehwiese die ersten Brombeeren reif. Sie schmecken ganz anders als die am Bahndamm; insgesamt sind viele verfault. Zwei Kilometer Luftlinie, andere Bedingungen. Das Gras taufrisch, ich lasse meine Socken auf der Buchtbank trocknen.
Morgendlicher Lauf in Mecklenburg. Wir sind in Göhren-Lebbin, einem 800-Seelen-Dorf mit einem Schloss, mehreren Golfplätzen, einem Feriendorf, einem Spaßbad und sicher über zweihundert Ferienwohnungen. Der Grund für all das: der Fleesensee und die nur zwölf Kilometer entfernte Müritz.
Kurz nach sieben Uhr laufe ich los. Rauhreif steht auf den Wiesen und den bereits abgeernteten, stoppeligen Feldern, auf denen sich Stare und Krähen um Körner und Regenwürmer balgen. Zwei Störche haben sich ebenfalls zum Frühstück eingefunden.
Ein Teil der Laufroute besteht aus diesem lockeren, weichen Sand, der auch Fahrräder ausbremst. Einige Stellen sind feucht und von tiefen Spurrillen durchzogen. Nach einem Regenguss ist das hier vermutlich eine einzige Schlammwüste. Weiter geht es über eine alte Pflasterstraße, wo ich versuche, auf dem schmalen Randstreifen zu laufen. Das letzte Stück ist wieder ein Feldweg, der hauptsächlich von Eichen gesäumt ist. Fast alle Blätter sind braun – vermutlich eine Folge der Rosskastanienminiermotte. Zwischendurch schimmert immer mal wieder das Schlossdach zwischen den Äckern und Bäumen hindurch. Auf der gesamten Strecke begegnet mir keine einzige Menschenseele.
Ich beende meine knapp 7,5 Kilometer lange Runde am Markt und kaufe frische Brötchen für die Familie. Mit Landluft in der Lunge und ein paar Kilometern in den Beinen sind die Brötchen der perfekte Start in den Tag.
Freitag vor dem Einschlafen Kurzeck gelesen – hypnotisch … Am Morgen darauf wundere ich mich, warum ich auf der Landstraße keine Fahrzeuggirlanden sehe. Es ist ja Samstag! Von der weiter entfernten Bundesstraße dringen aber wie gewohnt gedämpft Rollgeräusche herüber. Schwüle Gesamtwetterlage, die Kinder im Ferienmodus. Bevor die Wespenflut einsetzt, lesen wir die restlichen Äpfel von der Wiese. Dabei werden auch gleich die abgefallenen Äste entfernt, dann geht noch kurz der Mäher drüber. Letzte Arbeit am Wolfsburg-Text. Ich muss dabei unbedingt diesen inzwischen üblichen Katastrophenton vermeiden – der generiert zwar Klicks, ist aber ansonsten zu rein gar nichts zu gebrauchen. (Eine reelle Katastrophe ist, dass wir Reichen es nicht einmal schaffen, unsere Lebensmittelabfälle zu den Hungernden zu bringen – wo doch sonst jedes Schräubchen zielsicher den Globus umrundet.) Bevor es auf den Feldberg geht, teste ich meine neue Kamera; Fertigungsjahr 2014 – das waren die letzten, bevor das Smartphone übernahm.
Gelungene, aber sehr warme Feldbergrunde. Die Erntefahrzeuge auf Hochtouren – der Wind bläst das Korn trocken, da muss es ruckzuck gehen; an der Mühle stehen die vollen Anhänger Schlange. Auf der Strecke, besonders am Samstag, eine extrem hohe Rennraddichte – der sportliche Teil des Rhein-Main-Ballungsraums fährt dort seine Maschinen aus. Der Großteil der Geräte ist unter drei Jahre alt; auch die Trikotmode wechselt immer wieder mal. (Ich bin heute im weißen Négligé unterwegs.) Am Hang geben sich gebieterische Kradfahrer ebenfalls ein Stelldichein, präsentieren in Reih und Glied, was sie haben. Dann kommt der Sonntagsferrari und dreht die Ehrenrunde.
15 Kilometer vor dem Ziel der große Moment an der Brombeerhecke: Durch die unterschiedlichen Reifestadien variiert der Geschmack. Eine der Beeren ist so perfekt, dass mir wohlige Schauer durch das durchgeschwitzte Dress laufen. Nach Nummer 28 ist aber Schluss. (Eine Brombeer-Käsetorte – in Schichten! – mit meringuiertem Baiser obendrauf, dazu Darjeeling, das wärs …) Gegen den aufkommenden Nordwind beißend, fahre ich das letzte Stück nach hause. Durst!!!!!!
Sonntag um 5:45 wegen der Planeten-Konjunktion kurz hoch – trotz klaren Himmels ist nichts zu sehen. 8:30 Uhr Frühstück. Obwohl der Schachtelhalm zur Neige geht, werden die Hasen satt – es ist noch reichlich Löwenzahn vorhanden. Nordströmung mit einer unglaublich angenehmen Sonne, fast wie an der Ostsee. 9:30 Uhr steigen die ersten Sportflugzeuge auf. Am langsamen Motor erkennt man den Fallschirmspringertransporter. Der muss nun seine Passagiere punktgenau loswerden, was sich über den Tag ein dutzend Mal wiederholen wird. Von der Tour habe ich mich bestens erholt – kein Muskelschmerz, keine Müdigkeit, die Lunge ist frei. Dank meiner Tiefenatmung wurde jede Kapillare optimal mit Sauerstoff versorgt.
Als ich die Zwölfjährige von der Freundin abhole, neben der Straße stapelweise Quaderballen aus Stroh. Die kubische Form spart Platz – und doch haben sich die Rundballen durchgesetzt. Vermutlich, weil die Pressen günstiger, robuster und schneller arbeiten. Von einem Tag auf den anderen sieht man überall Stoppelfelder – teilweise fährt sofort die Egge darüber, danach folgt die Kalkung. Neue Kette an ein altes Rad, die Schaltungen mit Rostlösern und Feinöl besprühen. Wenn wieder alles gängig ist, ist eine neuerliche Laufleistung von bis zu 10.000 Kilometern möglich. Maschinen leiden durch Stillstand. Den Familienausflug ins Schwimmbad lasse ich zugunsten eines Ruhetags sausen. Auch in den schönsten Schwimmbädern fühle ich mich nie wohl. An Wildbadestellen eher – trotzdem bin ich kein Wassertier. (Ich kann aber schwimmen!) Ein schöner Sommertag.
Natürlich gemeinsame Zeit – Familienerlebnisse statt Dinge.
Wir waren in Slate in der Gaststätte „Zum Fährhaus“ essen, als wir entdeckten, dass die dort auch Floßboote verleihen. Dabei handelt es sich quasi um kleine Hausboote mit einer überdachten Holzhütte, einer Veranda mit Zäunen backbord und steuerbord sowie einer offenen Bugseite. Ein kleiner Dieselmotor sorgt für den Antrieb.
Spontan buchten wir so ein Floßboot. Es trug denselben Namen wie die Schwiegermutter meines Vaters: Lotte. Die Fahrt ging die Elde aufwärts bis nach Neuburg und von dort wieder zurück. Insgesamt waren wir zwei Stunden unterwegs.
Die Elde ist mit über 180 Kilometer der längste Fluss in Mecklenburg. Sie führt von der Elbe bis in die Müritz und kann durchgehend mit Sportbooten befahren werden. Unser Teilstück führte durch Wälder, vorbei an schilfbewachsenen Ufern, vereinzelt sahen wir Seerosen.
Mein Vater genoss es sichtlich, das Boot zu steuern. An den für ihn zu hohen Sitz gelehnt, lenkte er unseren Kahn entspannt über das Wasser – bis er sich wegen des aufkommenden Gegenverkehrs kurz ablösen ließ. Nachdem dieser vorbeigezogen war, kehrte er ans Steuerrad zurück. Zusammen mit der erholsamen Umgebung war es tatsächlich das perfekte Geschenk.
Und für mich gab es die Erkenntnis, dass ich die Elde unbedingt einmal mit einem Kanu befahren werde.
„Das ist des Jägers Ehrenschild, daß er beschützt und hegt sein Wild, waidmännisch jagd, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.“ (Oskar von Riesenthal, königlicher Oberförster)
Mein Mann, Jäger und Jagdhornbläser, hat eine Einladung von Kameraden eines benachbarten Reviers erhalten – und ich darf mit! In einem schönen Hof, mitten im Wald, ist eine waidmännisch dekorierte Tafel aufgebaut. Die Jägerinnen und Jäger, die daran sitzen, sind in Gespräche vertieft. Es ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Das Plätschern des kleinen, liebevoll gestalteten Teichs verstärkt die besondere Stimmung.
Unter einem Baum entdecke ich das in Eichenlaub platzierte Haupt des Hirsches, dem dieses feierliche Treffen gilt. Die Jägerin, die ihn erlegt hat, erzählt mir, er wäre ungefähr fünfzehn Jahre alt gewesen. Erste deutliche Altersmerkmale seien die starke Zurückbildung des Geweihes und die Nähe der Rosen zum Schädel. Um das genaue Alter festzustellen, müsste man den Kiefer in ein Labor einschicken und untersuchen lassen. Dafür wird dort ein Zahn aufgesägt.
Der Hirsch hatte sich mehrere Tage an der gleichen Stelle ihres Reviers gezeigt. Sie sah seine stark geschwollenen Gelenke und dass er einseitig erblindet war. Die einst aufrechte, stolze Haltung hatte er verloren. Er war krank – bald würde er sich niederlegen und langsam verenden. Diese Qual wollte sie ihm ersparen. Sie wartete eine ganze Nacht, bis sie ihn von seinem Leid erlösen konnte.
Ihm zu Ehren haben sich also die Jäger und Freunde versammelt. Für ihn blasen sie das letzte Mal die traditionellen Signale: „Jagd vorbei“, „Hirschtod“ und das „Halali“. Ein wunderschöner Brauch. Respektvoll und besinnlich. Für mich eine eindrucksvolle Erfahrung.
Als Stinsenpflanzen bezeichnet man krautige Arten, die ab dem 16. Jahrhundert in gärtnerischen Anlagen des nördlichen Mitteleuropas angesiedelt wurden. Dort verwilderten sie im Laufe der Zeit und breiteten sich nach und nach in benachbarte Bereiche wie Kirch- und Friedhöfe, Landsitze, Guts- und Pfarrgärten, Schlossparks, Burghügel oder Stadtwälle aus.
Der Begriff „Stinsenpflanzen“ stammt aus dem niederdeutschen Sprachraum und leitet sich von stins („steinernes“ oder „befestigtes Haus“) ab. Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit waren solche Häuser nur den reichen Schichten vorbehalten und stellten eher die Ausnahme dar. Zu ihnen zählten beispielsweise Kirchen, Pastorate, Klöster, Burgen, Gutshöfe, Adels- und Bischofssitze und Stadtvillen. Diese verfügten zumeist über Garten- oder Parkanlagen, in denen aus den unterschiedlichsten internationalen Regionen eingeführte Gewächse angesiedelt wurden – die heutigen Stinsenpflanzen. Obwohl die Anwesen oft längst verschwunden sind, haben sich die Arten bis in die Gegenwart erhalten. In meinem heimatlichen Altkreis Parchim findet man sie insbesondere auf Kirch- und Friedhöfen.
Elfenkrokus in Burow
Als lebendige Zeugnisse der Kulturgeschichte verweisen Stinsen auf die vielfältigen Verwendungen als Arznei-, Futter-, Gewürz-, Zier- oder Genusspflanze und als Nahrungsmittel. Allen gemeinsam ist, dass sie einst vom Menschen kultiviert wurden und nach ihrer Anpflanzung ohne weitere Pflege dauerhaft gedeihen, verwildern, sich verbreiten und ganz natürlich in die örtliche Flora einbürgern konnten. So entstanden Populationen, die zu einem Bestandteil der einheimischen Vegetation und unseres botanischen Erbes wurden.
„Deutsche Schul-Flora“ von Wilhelm Müller & Friedrich Otto Pilling, Verlag Theodor Hofmann, Gera, 1894
Ältere Stinsenpflanzen sind unter anderem:
Gewöhnliche Akelei (ursprünglich Heilpflanze, dann Zierpflanze, in Gartenkultur mindestens seit 1410), März-Veilchen (ursprünglich Heilpflanze, mindestens seit 1410), Nachtviole (mindestens seit 1542), – Weiße Narzisse (mindestens seit 1552), Garten-Tulpe (eingeführt 1554), Weiße Narzisse (mindestens seit 1552), Dolden-Milchstern (mindestens seit 1559), Frühlings-Krokus (mindestens seit 1561), Osterglocke (ursprünglich Heilpflanze, mindestens seit 1561), Kleines Schneeglöckchen (1568), Garten-Stiefmütterchen (erst Heilpflanze, mindestens seit 1588), Winterling (bereits 1588 kultiviert), Bastard-Aurikel (Zierpflanze, mindestens seit 1601), Orangerotes Habichtskraut (erst Heilpflanze, mindestens seit 1613).
Ohne genaueres Kultivierungsdatum sind der Weiße Mauerpfeffer (auch Weiße Fetthenne), der Gefingerte Lerchensporn, das Horn-Veilchen, das Großblütige Hornkraut, der Russische Blaustern, die Herbstzeitlose, die Kriechende Gämswurz, das Tausendschönchen, das Kaukasus-Mauerpfeffer (auch Speckkraut), der Elfenkrokus, die Kleine Traubenhyazinthe oder das Elwes-Schneeglöckchen – die bis ins 19. Jahrhundert eingeführt wurden.
Interessant ist der Gewöhnliche Schneestolz (Chionodoxa luciliae), der erstmals 1764 nach Deutschland gebracht wurde, dann jedoch wieder in Vergessenheit geriet. Erst 1877 gelang ein erneuter Import; seither ist er fest in der mitteleuropäischen Gartenkultur verwurzelt.
Schneestolz in Dütschow
Die Ritter und ihre Mannen brachten Stinsenpflanzen von den Feld- und Kreuzzügen aus Süd- und Südosteuropa mit. Auch Ärzte, die in Italien oder Südfrankreich studierten und dort botanische Gärten kennengelernt hatten, trugen zur Einführung mancher Art bei. Nicht wenige Kaufleute verbreiteten Gewürzpflanzen und andere seltene Gewächse als Freundschafts- oder Werbegeschenke.
Als türkische Stämme im Mittelalter aus ihrer zentralasiatischen Urheimat westwärts zogen, begegneten sie den blühenden Gartenkulturen jener Völker, die sie auf ihrem Weg unterwarfen. Als begeisterte Blumenfreunde übernahmen sie, etwa von den Arabern, Byzantinern oder Persern, zahlreiche der dort kultivierten Arten.
Besonders prägend für die mitteleuropäische Gartenkunst war die Orientalische Periode zwischen 1560 und 1620, in der viele, meist exotische, Zierpflanzen eingeführt wurden, welche die Parkanlagen und Gärten mit neuen Formen und Farben nachhaltig bereicherten.
Zahlreiche Arten wurden ursprünglich als Heil- oder Zauberpflanzen verwendet, etwa die Christrose oder die Dach-Hauswurz, welche der Volksglaube schützende Kräfte gegen Blitzeinschläge zuschrieb – vorausgesetzt, man pflanzte sie auf das Dach.
Elwes-Schneeglöckchen (auch Türkisches Schneeglöckchen) in Lübz
Heutzutage sind die meisten Stinsenpflanzen vor allem auf Kirch- und Friedhöfen zu finden. Wird ein solcher Standort entwidmet, führt die nachfolgende Vergrasung zu einem Rückgang der Vielfalt.
Im mecklenburgischen Altkreis Lübz fand die letzte systematische Zählung im Jahre 2015 statt – die am häufigsten anzutreffenden Arten waren: Kleines Schneeglöckchen, März-Veilchen, Frühlings-Krokus, Elfen-Krokus und Sibirischer Blaustern.
Erwähnenswert sind die Verbreitungsweisen einiger der dabei erfassten Stinsenpflanzen:
Selbstaussaat (Pflanzen werfen Samen selbstständig aus)
Regenschleuderausbreitung (Samen werden durch Regen an andere Orte geschleudert)
Gänseblümchen, Kleine Traubenhyazinthe, Weißer Mauerpfeffer, Winterling
Ameisenverbreitung (Ameisen transportieren den Nährkörper des Samens zu ihrem Bau)
Doldiger Milchstern, Gefingerter Lerchensporn, Gewöhnlicher und Wuchernder Schneestolz, Herbstzeitlose, Kleines und Großes Schneeglöckchen, Märzveilchen, Pfingstrose, Winterling
Windverbreitung (Samen werden vom Wind davongetragen)
Akelei, Dach-Hauswurz, Gänseblümchen, Herbstzeitlose, Hornkraut, Kleine Traubenhyazinthe, Nachtviole, Wolliger Ziest
Auf dem Kirchhof Granzin hat der Gärtner die Pfingstrosen vorbildlich vor dem Rasenmäher geschont.
Wie kann ich Stinsenpflanzen aktiv schützen?
Damit die Stinsenpflanzen uns auch in Zukunft erhalten bleiben, sind folgende praktische Maßnahmen empfehlenswert (diese beziehen sich nicht auf Grabstellen, Neuanlagen und Blumenrabatten):
Natürliche Verbreitung sichern
Die wichtigste Schutzmaßnahme auf Kirch- und Friedhöfen ist es, die natürliche Ausbreitung der Stinsenpflanzen zu fördern und nicht zu stören.
Wiedereinbürgerung früherer Arten
Arten, die früher vor Ort genutzt wurden, können durch gezielte Pflanzungen wieder angesiedelt werden.
Auf übertriebene Ordnung verzichten
Zu intensive Pflege- und Aufräumarbeiten sind zu vermeiden, da sie die Pflanzen und deren Standorte gefährden können.
Späte und portionsweise Mahd
Das Mähen sollte erst nach dem Abblühen der Frühblüher erfolgen. Ideal ist eine Portionsmahd, bei der nicht die gesamte Fläche auf einmal, sondern in Abschnitten gemäht wird – das schützt Tier- und Pflanzenvielfalt.
Verzicht auf Biozide und Dünger
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (Bioziden) und Düngemitteln ist vollständig zu unterlassen, da sie die empfindliche Flora stören.
Kein Schreddermaterial verwenden
Zerkleinertes Holz- oder Strauchmaterial sollte nicht als Mulch aufgebracht werden, da es die natürliche Vegetation unterdrückt.
Stockausschläge entfernen
Jungtriebe („Stockausschläge“) an den Baumstämmen sind zu entfernen, um den Lichtbedarf der Stinsenpflanzen zu sichern.
Lichtraum schaffen
Durch gezielten Rückschnitt kann ausreichend Licht für bodennahe Pflanzenarten wie Stinsenpflanzen gewährleistet werden.
Gezielte Narbenverletzung der Bodenvegetation
Leichte Bodenanritzungen wie zum Beispiel das Aufrauen der Grasnarbe können konkurrenzschwächeren Arten helfen, sich anzusiedeln.
Abfallhaufen pflanzlichen Materials vor Ort belassen
Pflanzliche Abfälle sollten nicht außerhalb des Friedhofs entsorgt werden, um die Ausbreitung von Samen vor Ort zu ermöglichen.
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
Ich wache mit Kopfweh auf und ein unerklärlicher Seelenschmerz lastet auf mir. Ist es die kranke Freundin oder sind es die toten Mandarinenten, über die ich gestern etwas las, oder, oder, oder …
Pico, unser Hund, unterbricht meine Gedanken. Er will mit mir draußen spielen. Okay. Er würde doch keine Ruhe geben. Beim Toben mit ihm wird meine Seele wieder ein bisschen lichter. Dann, per Anruf, eine spontane Einladung zum Frühstück bei Freunden.
Eine Baustelle stoppt meine Fahrt. Vier Arbeiter aus Magdeburg stehen mit drei großen Autos neben unserem Bahnübergang. Weil dort demnächst Gleisbauarbeiten durchgeführt werden sollen, errichten sie um das Überlaufbecken einen Froschschutzzaun. Wenn die Schienenerneuerung beendet ist, kommen sie wieder, um den Zaun abzubauen. Man darf über die Kosten, die der Steuerzahler trägt, nicht nachdenken, sagt einer der Arbeiter. Und manchmal, fügt er hinzu, sind nicht mal Frösche da.
Beim Frühstück blicken wir auf einen riesigen, idyllischen Garten. Die eine Freundin erzählt etwas Kompliziertes über Teflongiftstoffe, mit denen sie auf Arbeit zu tun hat; die andere sagt, dass die Russen nun kurz vor dem Einmarsch stehen. Aus der großen Politik gibt es derzeit wohl so gar nichts Positives zu berichten – aber auf die habe ich sowieso keinen Einfluss! Mir ist viel wichtiger, wie ich Brot ohne Zusatzstoffe backen kann, wo es wirklich gutes Getreide gibt und wie man das richtig lagert. Wir sprechen dann zum Glück noch über die aktuellen Phasen des Mondkalenders und vieles andere mehr, das unser Leben ausmacht und uns alle miteinander verbindet.
Nachmittags will mein Mann mit Pico in den Wald fahren. Ich möchte ihm schnell ein paar Wasserflaschen für die kleine Ulme befüllen, die wir vor ein paar Tagen eingesetzt haben. Die Plastikflaschen sind alle voll, also nehme ich welche aus Glas. Mein Mann, der Jäger, sagt: Glas gehört nicht in den Wald! Ich antworte: Aber das Bäumchen! Bitte, bitte, bitte. Nachdem er die Flaschen bruchsicher verstaut hat, macht er sich auf den Weg. Später sendet er mir ein Foto: Der Ulme ist ein neues Blatt gewachsen! Mein Herz hüpft vor Freude. Der Seelenschmerz ist nun verschwunden.
Milder, verschleierter Donnerstagsbeginn. Ab 5 Uhr unterwandert das Rollgeräusch der Landstraße meinen Schlaf. Bin jetzt wieder im 7-Stunden-Rhythmus, das heißt Dämmererwachen ab 6:30 Uhr. Der Grünschnitt wurde soeben piepend verklappt – die Tonne darf nun neu befüllt werden. Mit dem Rad gehts auf den Hügel – Stielkotelett oder Putenschnitzel, das ist hier die Frage. Im Vorbeifahren gehe ich mal das lokale Bevölkerungsample durch: Gieriger Kleinunternehmer – check. Entspannter Villenbesitzer mit Unternehmen in Frankfurt – check. Frühere Bauern als Land- und Immobilienbesitzer – check. Haus- und Grundeigentümer mit Sportpferden – check. Facharbeiter in leitender Funktion – check. Facharbeiter mit eigener Autowerkstatt zum Nebenverdienst – check. Bundeswehr- und andere Staatsdiener – check. Rumäne mit Schrott- und Lumpenhandel – check. Dorfprolls mit kleiner Mopedwerkstatt – check. Die scheinheiligen Moralapostel im Dienste der Kirche – check. Eine multiproblematische und sozial komplett desintegrierte Alkoholikerfamilie, wo die Kinder nicht mehr in die Schule gebracht werden – check. Türkische Kleinunternehmer – check. Ein kurdisch-türkischer Geldwäscher – check. Russische Autodealer – check. Der fahrende Händler Hassan mit Wohnmobil und Hühnerwiese – check. Zwei Asylantenheime – check. Integrierte Sri-Lanker – check. Nicht-integrierte, oft kriegstraumatisierte Syrer, Sudanesen, Afghanen – check. Gibt es größere Konflikte? Eigentlich nicht. Achtzig Prozent der Genannten bewegen sich morgens hurtig an ihre Wirkungsstätten im Umland der A3. Deutsches Hinterland.
Im Hintergrund gestalten größere Kräfte das Land. Es wird schriller, seitdem die chinesische und us-amerikanische Nachfrage nach deutschen Waren gekippt ist. Unser Wohlstand stammt aus den Exporten, nicht aus der Binnennachfrage. Alles verschärft sich, wird teurer und unsicherer, weil Billigenergielieferant Russland wegfiel. In der gesamten Mobilitätsbranche (inklusive Autoindustrie) gibt es nun zu große Produktionskapazitäten, also mehr Fabriken, Maschinen und Arbeiter, als benötigt werden. Die USA hatten diese Krise 1973 – in den zentralen Autostädten Detroit und Flint wurden massenhaft Mitarbeiter entlassen, die Werke geschlossen und Fertigungsstätten verlegt. Von diesem brutalen Niedergang haben sich die Regionen bis heute nicht erholt, sind Umwelt- und Sozialwüsten geblieben. Was Leute wie Poschardt oft übersehen: Schwere Armut führt häufig eben nicht zu mehr Eigeninitiative oder Mobilität, wirkt im Gegenteil lähmend und immobilisierend. Menschen in prekären Verhältnissen konzentrieren sich auf das unmittelbare Überleben, das Dach überm Kopf, die Handvoll Kartoffeln. Armut schränkt Handlungsspielräume massiv ein … Das alles kann man hierzulande in Ansätzen bereits in Orten wie Wolfsburg oder den großen Chemiedreiecken beobachten.
Die Hitzeglocke führte zu einem Schub warmer, angenehmer Luft. Die ersten Staubwolken steigen von den Kornfeldern auf – nun gehts mit der Ernte los. Unsere Eberesche steht kurz vor der Vollreife – die Amseln sind so wild nach den Beeren, dass sie fast zahm werden.
Ich sitze im uckermärkischen Garten unter einem Apfelbaum. Vier Schafe leisten mir Gesellschaft oder ich ihnen. Gundermann wächst um mich herum. Ein Holunderbaum. Hinten auf der Weide stehen Rinder.
Schätze, ich passe hier gut ins Bild. Warum wieder rauskommen aus einem Schafgarten?
Die Gastgeber schenken mir Mirabellen. Im Gemüsegarten wachsen so viele Ringelblumen, dass sie schon ausgedünnt wurden.
Hier ist wenig Netz. So gerade reicht es zum Radiohören übers Handy. Top 100 Reggaesongs, was sonst im Garten hören?
Eigentlich könnte ich hier sitzen und liegen bleiben und in zehn Jahren erfahre ich, ob die Welt inzwischen untergegangen ist.
Einen Tag später: Ein Schaf hat mich in den Zeh gebissen. Jetzt chillen die in der Sonne.
Ich fahre ein paar Dörfer weiter Freunde besuchen. Einige sind ausgezogen, andere ein. Es wird weiter gebaut und an Autos geschraubt. Man wartet auf den Weltuntergang, der sicher kommt, es ist nur noch nicht klar, wann. Wir fahren ein Auto zur Probe Richtung Dorfladen, Blick über die Felder gen Polen, alles beim Alten und doch nicht. Der Kuchen, Käse-Mohn und Apfel, ist zuverlässig gut wie eh und je. Wir essen ihn an den Bierzelttischen auf dem Hof, die soliden Bänke und Tische wurden dieses Jahr nicht aufgebaut.
Später fahre ich wieder zurück zu den Schafen, Abstecher zum See, wo ich nochmal Leute treffe, die wir vorhin auf der Fahrt zum Dorfladen schon getroffen haben:
Ich: Ihr schon wieder! Sie: Du schon wieder!
Ich tauche im See ab. Für ein paar Minuten gehe ich selbst unter.
Nachdem ich mich wieder von den Schafen verabschiedet hatte, aß ich noch am Angermünder Marktplatz indisch zu Mittag und machte ein Foto von der Umgebung. Für Aufnahmen von uckermärkischen Weidetieren wären wohl deren Persönlichkeitsrechte zu wahren und das Einverständnis der Besitzer einzuholen – das scheint mir zu kompliziert.
Mein Osteopath meint, es wäre das Beste für mich, für immer im Bauwagen auf einer Schafswiese zu leben.
Was am Dienstag wichtig ist: Swing Kitchen ist insolvent. Hertha hat ein gelbes Trikot. Atari spaltete in den 80ern die Computerwelt. KI soll keine Kriege führen. So die Zeitungsschau. Was wirklich wichtig ist: Es regnet, ist windstill und der Kindergarten hat wieder geöffnet. Mit dem Rad Besorgungen, wobei Tiefkühlschränke zu verweigern sind. Damit befinde ich mich zeitlebens in einer Minderheit. Die unverfälschte Realität des Kassenbandes: Nestlé-Dreck, Streichfett, Aufbackzeug. Überall blüht der blaue Hibiskus. Ich habe nun meine Traumbrombeerhecke gefunden. Nabokovs Einleitung zu Dickens ist genau mein Fall! Ulf Poschardt bei Hielscher gut, wenn er über den Urknall redet; der pseudo-objektive Habitus der DLF-Moderatoren perfekt getroffen. Bei der Ungleichheitserregung bin ich allerdings raus, auch ist er viel zu stark auf Klischees und Äußerlichkeiten fixiert. Er sollte sich mal morgens um 7 mit seinem Ferrari auf der A3 in den Stau einreihen … Gegen Abend kommt Wind auf – vermutlich der südliche Rand des atlantischen Sturmtiefs, das in Schottland für Stromausfälle gesorgt hat. Unsere Büsche sind jetzt alle beschnitten.
Am Mittwoch Arbeit am Wolfsburg-Text – entweder befindet sich dort das Auge im Zentrum des Hurrikans oder es ist der Ort, wo bereits jetzt die deutschen Gesellschaftsprobleme der nächsten zwanzig Jahre sichtbar sind. Wir träumen von der Altmark, müssen aber Wolfsburg verändern. Ein sommerlich angenehmer Augusttag: leicht bewölkt, Schräglicht, reifender Hafer. Ich komme mit dem Rennrad endlich wieder mühelos über die Hügel – da war zuletzt irgendetwas im System. Beim Trödler erkläre ich einer Kundin die Kaffeemühle mit Kegelmahlwerk. Sie kauft sie. Ich nehme das Feinstmechanik- und LP-Reinigungsmittel Isopropanol mit und ein Körperthermometer für die Grippesaison. Die Graffiti-Wagons aus Italien stehen weiterhin unter meiner persönlichen Beobachtung.
Kurz nach acht ist die Wassertemperatur bei 21 und die der Luft bei 13 Grad. Atemwölkchenmorgen im Schwalbensommer. Am Montag und Dienstag Schwimmen im Regen: einmal in ultrakurzen Schauern, das andere Mal im allerfeinsten Niesel. Meine Sitzunterlage für die Seebank trocknet gar nicht mehr richtig. Klamme Tage im August.
Pulli Fulicae atrae post imbrem
Eine Mitschwimmerin bestätigt meine Buchtbeobachtung der letzten Tage: Eines der beiden Blässhuhnküken aus der zweiten Brut hat nicht überlebt. Sie berichtet außerdem, dass alle acht Jungen der Mandarinente, die sich vor einer Weile an unserem Seefleckchen aufhielt, tot sind. Hauptursache des Frühtodes der Wasservögel am Schlachtensee sind Angriffe von nicht angeleinten Hunden. Zum Problem des Freiumherlaufens kommt hinzu, dass viele der Besitzer gar nicht mehr im Kontakt mit ihrem Tier und der Umgebung stehen, da sie die ganze Zeit auf ihr Phone starren. Wie andere Süchtige sind sie kaum noch empfänglich für Dinge, die nicht direkt mit der Droge zu tun haben. Dieses Phänomen zieht sich quer durch Dörfer und Städte, durch ziemlich alle Milieus und Altersstufen, und breitet sich wie ein Geschwür aus. Ich sehe Eltern, die ihr Kind wegen irgendwelcher Chats, TikToks, Pushs, Stories, Games oder Likes komplett ignorieren – das Dopamin-Level muss gehalten werden, Adrenalin und Endorphine den Körper fluten. Da setzen dann (wie bei anderen Abhängigen) uralte Instinkte aus. Einmal nahm mir eine Krankenschwester Blut ab und schrieb dabei Kurznachrichten …. Nachdem es zunehmend zu Unfällen kam, bei denen solcherart abgelenkte Fußgänger in den Fahrzeugverkehr liefen, hat man, um die Digital-Junkies besser zu schützen, in China bodennahe Ampeln mit zusätzlichen visuellen und akustischen Signalen eingeführt. Höchstwahrscheinlich werden es vermeintlich Rückständige wie die Amischen sein, die mal den Fortbestand der Menscheit sichern.
Anatina iuvenis se pennis exornans
Am Sonnabend trat bei unserem Hoffest ein Zauberer auf. Nachdem er die Vorstellung für die Kleinen beendet hatte, blieb er noch ein wenig bei uns Erwachsenen sitzen, zeigte weitere Tricks und sprach über seine Arbeit. Durch den Vortrag eines Kriminalbiologen hat er mitbekommen, dass manche Täter Zauberkunststücke nutzen, um Kinder in einen Hinterhalt zu locken – seitdem ist ihm die besondere Verantwortung seines Berufsstands bewusst, der schmale Grat zwischen der Herstellung einer Illusion und der Warnung vor der darin liegenden Gefahr. Auf einer Feier führte er einmal einen Trick vor, um den herum er die Geschichte erzählte, wie ein Finsterling alle Farben von der Erde verschwinden lässt. Als er mit seinem Auftritt fertig war, sagte ein Mädchen zu ihm, dass es gerade das erste Mal gewesen wäre, dass sie einen Zaubertrick gesehen hätte. Daraufhin er: Du warst noch nie vorher in einer Zaubervorstellung? Das Mädchen: Doch, ein paar mal schon, aber da habe ich den Trick nie gesehen – ich bin nämlich blind. Durch deine Geschichte mit den Farben konnte ich das aber vorhin alles ganz genau erkennen.
Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so traurig macht. Seit Pico, ein Kleiner Münsterländer und angehender Jagdhund, zu uns gehört, ist hier nichts mehr sicher.
Und nun das!
Vor einigen Tagen habe ich in Brieselang die Buchlesung bei meiner Freundin Anne besucht. Es war ein schöner Abend. Am Ende haben wir alle zusammen getanzt. Beim gemeinsamen Frühstück sah ich auf ihrem Balkon eine circa 1 Meter hohe Pflanze, die einen kleinen Stamm und zwei lange Zweige hatte. Hübsch! Wir wussten beide nicht genau, was das für ein Bäumchen ist. Meine Botanik-App verriet uns, dass es sich um eine Ulme handelt. Anne erzählte, dass sie den Sprössling vor einem Jahr auf der Müllhalde gefunden hat. Naturverbunden, wie sie ist, war es für sie selbstverständlich, ihn zu retten und zu pflegen. Weil er aber in der Zwischenzeit so groß geworden war, hatte sie Bedenken, ihn ein zweites Mal vor dem Frost schützen zu können. Könntest Du ihn nicht irgendwo bei Euch verpflanzen, bat sie mich. Ich nahm den Baum mit.
Der Sprössling stand nun schon eine Weile bei uns – ich hatte es noch nicht geschafft, eine schöne Stelle für ihn zu finden. Laut App braucht er einen sonnigen bis halbschattigen, trockenen bis feuchten Standort mit nährstoffreichem und kalkhaltigen Boden. Wäre eigentlich nicht schwer zu finden gewesen, hätten nicht andere Aufgaben Priorität gehabt.
Und von einem Moment auf den anderen steht die Ulme mit abgeknickten Zweigen und angeknabberter Rinde da.
Pico!!!
Unser junger Jagdhund hat ihn zerstört! Mir traten die Tränen in die Augen. Auch mein Mann war sichtlich betroffen und hat deswegen seinen Nachmittagstermin abgesagt. Anne wird der Anblick ebenso schmerzen. Wir wollten den Baum gemeinsam im Wald besuchen.
In der Hoffnung auf den starken Überlebensdrang aller Lebewesen, haben wir die kleine Ulme jetzt an eine hoffentlich passende Stelle gepflanzt. In den nächsten Tagen versorge ich sie mit Wasser.
Wochenstart mit dem Cellokonzert von Schostakowitsch an einem trüben, eingeregneten Morgen. Die frische Brise ist fort. Später passe ich meinen Radflüsterer ab – die Stadt, in der er lebt, ist sehr klein; ich kenne seine Wege. Er ist der Mensch im Landkreis, der die meisten Laufräder für Racer gebaut hat. Seit ungefähr drei Jahren bezieht er eine minimale Rente und bessert diese ab und an etwas auf. Er liest die Speichen meiner letzten Neuerwerbung, die einen merklichen Höhenschlag aufweist. Während das Laufrad auf dem Zentrierständer kreist und seine Schildkröte Freiübungen mit einem falschen Goldbarren macht bzw. vor einem Spiegel schattenboxt, übermittle ich ihm die neuesten Nachrichten aus seinem, sich rapide verändernden Gewerbe. Wir vergleichen die aktuellen technischen Entwicklungen mit der von ihm und mir bevorzugten Handarbeit. Nach zwanzig Minuten ist er fertig. So ein angenehmer Mensch.
Wieder zuhause. Das Bruchholz muss in ofengerechte Stücke geteilt werden. Meine Verbrennersäge erledigt in fünf Minuten, wofür ein geübter Holzarbeiter mit der Handsäge eine halbe Stunde benötigt. Nun können die Scheite lufttrocknen. Bei guter Witterung brauchen die Pflaumen bis zur Ernte noch mindestens eine Woche. Auf den unreifen Äpfeln tummeln sich bereits Wespenscharen – da darf man nicht mit der Wimper zucken. Bolognese mit Reis, roter Beete und Staudensellerie, und zum Nachtisch eine Nektarine – Halbzeitpause.
Am Nachmittag die Proberunde mit dem gerichteten Hinterrad – die Speichen müssen sich erst einmal setzen. Jetzt bleibt hoffentlich alles stabil. Hat man Fehler zu spät korrigiert, gibt es in der Felge einen Memory-Effekt – sie „will“ zurück in die alte Position. Ist halt keine Neuware.
Den Filius zum Zug gebracht – die Freunde und die Freundin warten.
Der Morgen ist kalt und grau. Aus den Wolken fällt ein Landregen. Kein flüchtiger Schauer, ein echter Landregen. Gleichmäßig und stetig wie die Bewässerungsanlage in einem Gewächshaus. Sofort fühle ich mich klamm.
Noch im April hatten die Wetterhysteriker vor einem Dürresommer gewarnt. Und jetzt laufe ich bei 13 Grad meine Runde und werde nass. Mir geht ein Kommentar durch den Kopf, den ich kürzlich las: Wir hätten aktuell zwar eine Nettohitze von 22 Grad, die Bruttohitze läge jedoch bei 42. Die Differenz zwischen Brutto und Netto seien die Steuern, Entgelte und Abgaben, die man in Deutschland auch als Wetter bestreiten müsse. Da bliebe am Ende halt nicht viel übrig.
Ich überlege kurz, ob ich den Lauf abbreche – ein Knie bereitet Probleme. Ich versuche es gemäß dem dummen Spruch, Schmerz sei Schwäche, die den Körper verlasse, und laufe weiter. Und in der Tat: Nach wenigen hundert Metern sind die Beschwerden passé. Dennoch beschränke ich mich auf eine kleine Runde in moderatem Tempo.
Die Radwege sind fast leer, obwohl wir mitten im Berufsverkehr sind. Die Schönwetterfahrer, wie ich sie nenne, sind heute auf das Auto oder den ÖPNV umgestiegen. Nur die Allwetterradler ziehen, in wasserabweisende Ponchos gehüllt, eisern ihrer Wege.
Durch den Regendunst verströmt das Bankensemble am Inselteich eine Stimmung zwischen Herbst und Spätwinter. Das schlägt aufs Gemüt. Nur das Grün der Blätter passt nicht. Es ist üppig und satt – ohne irgendein Anzeichen von Hitze- oder Dürrestress. Wovon auch.
Heute Abend steht Fußballtraining auf dem Programm. Ich habe mich entschieden, vorerst als Montagstrainer weiterzumachen. Ich werde aber keine eigene Mannschaft übernehmen, da ich diese am Wochenende zu Spielen oder Turnieren begleiten müsste. So eine Verantwortung will ich momentan nicht auf mich nehmen. Aber auf das Training freu ich mich schon sehr – jetzt, wo die Ferien zuende gehen, kommen wieder viele Jungs. Und bei einer Altersgruppe von fünf bis neun Jahren, mit ganz unterschiedlichen konditionellen und technischen Voraussetzungen, ist jede helfende Hand willkommen.
Am Samstag auf der Lahn-Koblenz-Runde ins Industriegebiet und dann zurück über den Rhein in die Wälder. Unterwegs eine vom Buschwerk befreite Heiligenfigur – St. Lubentius, der Schutzpatron der Lahnfischer. Seine Kirche ist älter als der Limburger Dom. Kurzer Halt in Bad Ems – beim Spezialisten für Kunsthandwerk und Design entdecke ich eine sehr schöne Teekiste; Fang beim Außentrödler: „Der Feuervogel“ mit Ernest Ansermet und dem New Philharmonia Orchestra. Das Ganze ist grandios aufgenommen: ich sitze im Saal.
Seitdem Koblenz Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz wurde, entwickelte es sich zu einem Zentrum für das Eisenbahnwesen und die Armee. Bis heute ist Stadt ein bedeutender militärische Standort. Hinter den endlosen Kasernenkomplexen erwischt mich ein starker Schauer. Ausgerechnet unter dem Vordach eines Radladens (der längst auf E-Bikes umgestellt hat) verbringe ich die nächste halbe Stunde. Der Inhaber erzählt, dass die Kunden seit Corona anders seien – anspruchsvoller, aggressiver. Bei bestimmten Modellen wurde die Produktion eingestellt, so dass einige Ersatzteile einfach nicht mehr lieferbar sind – worauf dann mit Wut und Drohungen reagiert wird. Seit der 2008er Krise und dem Siegeszug des Smartphones haben wir uns offenbar an einen Lebensmodus der ständigen Verfügbarkeit gewöhnt. Eine Internet-Plattform kann man nicht anschreien – den Radhändler und dessen Mitarbeiter schon …
Am Sonntag berichtet mein Sohn von einem Kumpel, der Celebrities folgt und dann online über deren aktuell getragene Kleidungsstücke referiert. Der hat tausende Follower und bekommt Geld von anderen, kleineren Promis, wenn er sie und ihre Klamotten erwähnt. Fand ich erst schwierig nachzuvollziehen, aber das könnten die neuen Broker und Agenten sein, was auch für den Bereich der Polit-News gilt. Wir sehen da gerade die totale Neugestaltung des „öffentlichen“ Raums, der Meinungsbildung, des Diskurses. Eine Verschiebung der realen Welt ins Internet. Die Grundlage des Politischen bilden dabei aber nach wie vor absolut materielle, irreversible Tatbestände wie Geburt und Tod, Altern, Krankheit, Bildung, sozialer Friede, Krieg …
Meine total zugestellte Fensterbank ist Sammelpunkt für Pflanzen, die zum jeweiligen Zeitpunkt nicht soviel Pflege brauchen, weil sie in der Ruhephase sind, wie zum Beispiel Orchideen oder Ableger von Teepflanzen, die ich später eventuell weitergeben möchte, oder abgebrochene Zweiglein oder Stengel, die vielleicht Wurzeln treiben und wieder in die Erde gesetzt werden können.
Heute habe ich alle Töpfchen und Vasen durchgesehen. Eine Schmetterlingsorchidee, deren Blüten an tropische Nachtfalter erinnern, hat es geschafft, von mir völlig unbemerkt einen Trieb auszubilden. Wie lange hatte ich keine Zeit mehr für diese Pflanze, denke ich. Und wofür verwende ich eigentlich meine täglichen 24 Stunden Lebenszeit? (Krass, diese Frage mal zu stellen.)
Ich stelle das Pflänzchen in eine Nährlösung. Später wird es einen Platz auf der Fensterbank bekommen. Dort kann ich in den nächsten vier Wochen das Aufblühen beobachten und mich täglich an seiner Pracht erfreuen. Ein Blütentrieb lässt mich innehalten und intensiv Freude verspüren – wie schön!
Beim Weiterdurchsehen entdecke ich noch etwas Kleines, Grünes, das die Freude auf ein Weiterleben der Yucca in mir weckt. Vor circa fünfzehn Jahren sollte sie, viel zu groß geworden, nicht in das neue Hortgebäude mitgenommen werden. Mir tat das leid! Wenigstens einen Teil wollte ich retten. Kurzerhand schnitt ich einen Trieb ab. Zu Hause teilte ich ihn in mehrere Stücke und stellte diese dann in eine dunkle Vase. Tatsächlich bildeten die Abschnitte Wurzeln, und die Yucca wuchs erneut in die Höhe. Aus dem längsten Trieb wollte ich neues Leben erwecken. Auch das hat funktioniert.
Dieses „Erwecken“ und die Freude daran sind mir einen Teil meiner Lebenszeit wert! Und ich kann diese Freude weitergeben, indem ich ab und an ein Töpfchen oder einen Blumenstrauß verschenke.
Am Donnerstag Chauffeursdienste vor 6 Uhr. Die A3 war bereits gut mit Urlaubsverkehr ausgelastet – es wird keine Sekunde verschenkt. 12 Grad und grau, ein ausgesprochen kühler Morgen für die Ende Juli. Selbst die Kaninchen bleiben lieber im Stall. Nun Bartpflege als Präludium für den Friseur. Ich gehe seit Jahren zu „C/B Frisuren“ in D., wo sich zwei vollausgebildete Damen liebevoll um die Kundschaft kümmern. Man kennt dort meinen Kopf. Ich bin immer zufrieden – meine Nachkommen nur zum Teil: Als mein Teenie noch auf allen Vieren ging, löste mein frisch frisierter Anblick ein großes Drama aus. Anfangs bezahlte ich für den Schnitt 20 Euro, jetzt sind wir bei 23,50 Euro – was ich für eine moderate Preispolitik halte.
Durchwachsener Tag mit Regengüssen und warmen Luftschüben. Weil ich so müde war, habe ich am Rad lediglich die Kette getauscht und die Probefahrt verschoben. Stifters Naturbeschreibungen zwischen Kutsche und Wanderung genau im Rhythmus seiner Zeit. Man muss nur in ein paar Seiten eintauchen und sieht das eigene Leben mit anderen Augen. Die Härte des Daseins der Bergbauern – eine Welt, in der nicht am Monatsletzten die Regale gefüllt werden, damit das frisch überwiesene Geld einen Gegenwert findet.
Der Freitag mit Sonne und Wolken, dazu leichter Atlantikwind. Nach Durchzug von Schauern etwas milder, was ich sehr angenehm finde. Bei meiner Gartenrunde habe ich neben dem Apfelbaum ein Loch voller Erdwespen entdeckt. Die buddeln da ganze Schächte – ich würde gern wissen, ob sie dabei die vorhandenen Mäuselöcher nutzen. Der Salbei unter den Rosen hat den Sommer nicht überlebt – so wie auch die Mikrowelle, die stinkend ihren Betrieb aufgab und leider nicht zu reparieren ist. Dafür hat der Bohnenkaffee durch die Melitta-Dreizonenfilterung doch tatsächlich an Qualität gewonnen!
Nachdem ich ein paar Tage ausgelaugt war, gings heute wieder aufs Rad – die übliche Besorgungsfahrt. Ein sehr informatives Gespräch mit dem Trödler über den Preisverfall in seiner Branche. Die neue Erbengeneration will weder bewahren noch anschaffen, sondern alles sofort zu Geld machen – da gehts nur um den nächten Urlaub, das schnellere Auto, den flotten Statuskonsum. Die Fernsehsendung „Bares für Rares“ nährt Illusionen beim Handeln. Ich kaufte etwas Hausrat und Werkzeug sowie spezielle Nägel, mit denen ich eine Sitzplatte am Stuhl fixieren will. Im Supermarkt sind nach ruhigen Tagen wieder Stimmen am Kassenband zu hören: Monatserster! Austausch der Kette von gestern, da diese ständig ruckelte.
Seltsam ist es, im Regen zu laufen. Ich sah die dunklen Wolken zwar von Südwesten her aufziehen, hoffte aber, rechtzeitig mit meiner Runde fertig zu sein. Daraus wurde nichts. Nach der Hälfte der Strecke öffnete der Himmel die Schleusen.
Radfahrer flüchteten unter die Bäume, ebenso Mütter, die ihre Kleinkinder im Kasten des Lastenrads vor sich sitzen hatten. Haben die Verschläge, die grundsätzlich oben offen sind, eigentlich einen Abfluss? Oder laufen sie wie Badewannen voll und drohen Kinder zu ertränken? Was für Fragen einem im Regen kommen.
Ein Paar setzte das Nordic Walking genauso unerschrocken fort, wie ich meinen Lauf. Ein Mann, deutlich älter als ich, gab ebenfalls nicht klein bei und lief weiter.
Eine Frau zog eine Plane über einen kleinen Wagen, in dem drei Kinder sitzen – eine Tagesmutter mit ihren Schützlingen. Die sieht man nicht mehr allzu oft. Noch Anfang der 2010er Jahre bildeten sie und ihre Kolleginnen das Rückgrat der Kinderbetreuung in Leipzig – glücklich, wer eine fand, die Krippenplätze waren rar. Mit maximal fünf Kindern boten sie zudem einen besseren Betreuungsschlüssel als Kitas. Aber ja, wenn die Tagesmutter mal krank war, hatten die Eltern ein Problem. Woran man sich im Regen so alles erinnert.
Meine Runde ist fast vorbei. Der Regen hat aufgehört. Nachdem ich im Wald über die größeren Pfützen gesprungen war, latsche ich auf dem Bürgersteig mitten rein. Nun sind die Schuhe doch nass.
Total verdreckt komme ich zuhause an. Der Lauf war überraschend angenehm. Wenig Menschen, nur das Rauschen des Wassers in den Blättern, das schmatzende Klatschen der Schuhe auf dem Waldweg, der Rhythmus meines lauten Atems.
Mein Enkelchen schläft. Möge sie sich gesund schlafen, bitte ich im Stillen. Trübe Kinderaugen drücken auf meine Seele.
Nun schnell den Abwasch und ein bisschen Haushalt erledigen …
Helles Sonnenlicht lässt meine Augen zur Terrassentür wandern. Im Gras entdecke ich etwas Kleines, Braunes. Neugierig geworden, gehe ich langsam an die Tür. Es ist ein Spatz. Ganz still sitzt er da und sonnt sich. Die im Wind schaukelnden Halme verdecken ihn fast. Vorsichtig trete ich noch etwas näher an die Tür und sehe fünf weitere Spatzen, die Grassamen, Spitzwegerichsamen und an den Kleeblättern picken, die vom vielen Regen besonders saftig sind.
Rund um die Sandkiste ist das Gras hoch. Lange hat dort niemand mehr gespielt. Jetzt verschwinden darin zwei der Vögel und nur ich weiß, dass sie dort sind. Weitere Sperlinge kommen hinzu. Sie entdecken das Bergbohnenkraut und tauchen in den mit unzähligen Blüten und Blättern bewachsenen Stengeln unter. Ich stehe ganz still und erfreue mich an dem Treiben auf der kleinen Wiese. Am starken Schaukeln kann man erkennen, wie sich das Leben darin tummelt.
Ein Spatz landet auf meiner selbstgetöpferten, neu aufgehängten Vogeltränke. Es sieht putzig aus, wie er trinkt.
Meine Freundin Netti hatte mich neulich ziemlich spontan zu einer Töpferstunde ins „Kunstpöttchen“ nach Matzlow eingeladen. Dort war eine ganz besondere Stimmung. Iris, die Keramikerin, muss man einfach mögen. Nach dem Töpfern saßen sie, Netti, ein paar andere und ich noch bei Kaffee und frisch gebackenem Kuchen auf ihrer Terrasse. Um uns herum, liebevoll dekoriert, zwischen Blumen und Sträuchen, die Arbeiten der Gastgeberin, die in den tollsten Farben leuchteten. Meine Enkelin würde hier sehr viel zu entdecken haben.
Die Erinnerung an diesen Nachmittag lässt mich lächeln.
Andere Spatzen hüpfen durch den Lavendel, den zu dieser Zeit viele Insekten umfliegen. Ob sie diese auch fangen, geht es mir durch den Kopf.* Am Ende zähle ich zwölf Sperlinge und denke, wie gut, dass das Mähen bei uns keine so große Priorität hat.
Urplötzlich fliegen die Spatzen auf und verschwinden aufgeregt zwitschernd in der angrenzenden Hecke. Nachbars Kater ist auf die Wiese gesprungen! Und von dort in die Hecke. Aber heute muss er mit dem Futter aus dem Supermarkt vorlieb nehmen, denn die Vögel sind sofort verschwunden. Und der Kater geht nun auch.
Draußen ist es wieder still.
Ach ja, der Abwasch …
Auf dem Weg zur Küche denke ich: Was für eine schöne, kleine Auszeit!
* Die Antwort ist Nein, denn später lese ich, dass die Spatzen nur ihre Jungen mit tierischer Nahrung füttern.
Am Dienstag kurz vor sechs erwacht, zwei kleine Krähen begrüßen sich am Kirchturm. Der Hahn schimmert mattgold im ersten Licht, dahinter die weiße Rune eines Airliners auf 4000 Metern. 18 Grad, leichter Wind, in loser Folge ziehen Wolken vorbei. Ein Tag ohne Schweißausbruch. Der Trompetenblumenbaum in voller Pracht – in zwei Wochen ist er fünfzig Zentimeter gewachsen. Die Fütterung blieb heute an mir hängen: Kaum haben die Kopfsalatblätter den Boden berührt, trotten auch schon die Kaninchen herbei. Geträumt, le Carré hätte einen neuen Roman veröffentlicht – keine Spionage.
Flashbacks von der Radreise durch die Mitte Deutschlands: Zwei Tage begleitete mich der intensive, angenehme Duft von reifem Korn – fein unterscheidbar von Luzerne, Mais und anderen Feldfpflanzen. Wo die Straße uneben ist, rieselt immer etwas von den Anhängern der gewaltigen Traktoren. Daneben die erdrückende Heimatschutz-Architektur Wolfsburgs, die endlosen Fluchten der niedrigstöckigen Zweckbauten mit ihren pseudotraditionellen Giebelvorsprüngen, die ein Gefühl von Geborgenheit suggerieren sollten … Grauenvoll.
Der Mittwochmorgen ruhig und frisch, Wolkenkulissse mit sonnigem Streiflicht. Die Zeit der Stachelbeeren ist nun langsam vorbei – die überreifen fallen Gras, die anderen kommen direkt vom Strauch ins Müsli. Das Piepen des Müllfahrzeugs meldet den Abtransport der Gelben Säcke. Zuhause knautscht und knautscht man – und die Verpackungen sind immer noch riesig. Glas ist wiederverwertbar, aber schwer, fragil und nimmt viel Platz weg. Verbundverpackungen sind besser. Eine wirkliche Lösung wäre allerdings nur die Reduktion des Pro-Kopf-Abfalls. In einem Europa der Single-Haushalte ist so etwas jedoch ambitioniert, wenn nicht sogar vollkommen illusorisch.
Ich stoße auf ein hervorragendes, etwas älteres Interview mit Hans-Eckardt Wenzel. Klare Ansichten eines Mannes, der analytische Schärfe als Handwerk bezeichnet. Die unterschiedliche Motivation eines DDR- und BRD-Germanisten. Das Verhältnis vom Lernen zum Leben; der Wissenshunger im Osten, und was zu jeder Zeit alles auf dem Spiel stand; die Allgegenwärtigkeit der Stasi, wie wichtig es ist, richtige Freunde zu haben. Im Westen hingegen: Man macht halt irgendwas mit Literatur, gründet schöngeistige Zirkel, vernetzt sich, kümmert sich um das eigene Fortkommen. Im Grunde gehts darum, den elegant unkörperlichen, materiell sorgenfreien Lebensstil einer imaginierten Geisteselite zu erreichen, z.B. durch Professuren. Man achtet darauf, nicht anzuecken, ist politisch korrekt. Die schmutzige Arbeit, den bösen Kapitalismus, machen dann andere. Darum diese, auch sprachliche, Überbeflissenheit. Die Studentinnen-WG meiner Ältesten ist voller aktivistischer Sprüche und Polit-Appelle. An der Küchenwand hängt der „feministische Kalender“ „365 vorbildliche Frauen“ – komischerweise ist keine von denen als Mutter definiert …
Unsere Älteste teilte uns mit, dass sie ihren Master nicht in Marburg machen will, weil die Stadt voller hessischer Studenten sei, „mit denen sie dann immer nach Hause fahren müsste“. Der Jüngsten „Die Meuterei auf der Bounty“ auf LP aufgelegt – sei rief mich, damit ich ihr die Platte umdrehe. Alte, analoge Welt. Sie war völlig gebannt und gleichzeitig amüsiert, weil sie die Sprecher bereits aus anderen Hörspielen kannte. Das gab der Geschichte eine weitere Dimension.
Nach sechs Jahren extrem fordernden und emotional auslaugenden Engagements in einer Werbeagentur steht bei mir eine berufliche Veränderung an. So wie zuletzt ging es nicht mehr weiter … Die Familie hatte es bereits länger gewusst, mir wurde es klar, als ich mit der PC-Tastatur auf meinen Schreibtisch eindrosch, weil mich die schlampige Software der Deutschen Bahn zur Weißglut brachte.
Kaum lässt man Blut, kreisen die Geier. Noch sind es fünf Wochen bis zur Arbeitslosigkeit – aber die Arbeitsagentur bestand schon auf den ersten telefonischen Gesprächstermin. Eine Mitarbeiterin geht mit mir den Fragebogen durch: Ja, ich bin alt. Ja, ich bin qualifiziert. Ja, selbstverständlich arbeite ich Vollzeit. Und nein, mit Jobs in meiner Profession sieht es aktuell nicht gut aus. Ich verkneife mir all die sarkastischen Worte, die mir durch den Kopf gehen. Ich werde per Mail und Brief Post bekommen – der Brief enthält das erste Vermittlungsangebot, auf das ich mich bitte bewerben und ihr dieses umgehend mitteilen soll. Na holla die Waldfee! Ich will mir gar nicht ausmalen, was für einem Druck Bürgergeld-Empfänger ausgesetzt sind, wenn schon mir, als Noch-nicht-mal-Arbeitslosen, der heiße Atem des Amts so in den Nacken bläst.
Am Nachmittag joggte ich mir das Amtselend aus dem Kopf. Es war vergleichsweise frisch; ein tolles Licht am Wolkenhimmel; ich fühlte mich ausgeruht – was soll ich sagen: Es lief. An der Pferderennbahn ließen zwei Mädchen die Passanten über eine Bluetooth-Box an ihrem Lieblingmusik-Mix teilhaben. Unweit des Glashaues gab ein Dudelsackspieler schottische Weisen zum Besten. Auf der Sachsenbrücke versuchte sich ein Pärchen mit Keyboard (er) und Gesang (sie) an einer Jazz-Version von „What a wonderful world“.
Ende der Strecke war dieses Mal nicht das eigene Zuhause, sondern der Konsum, ein lokaler Genossenschafts-Supermarkt. Ich musste Bohnen für die Suppe besorgen, die zu kochen ich versprochen hatte. Es gibt momentan nur Frosterware – aber die ist genauso gut wie frische. Noch einen Blick auf den strahlend wolkigen Himmel, dann unter die Dusche und anschließend Kartoffeln, Knoblauch und Suppengemüse schnippeln, die Bohnen dazu und das Ganze mit Brühe und weißem Pfeffer fein abschmecken … sehr lecker! Es blieb sogar noch eine Portion fürs Büro übrig.
Seit Sonntag gehts wieder in alten, rissfesten Klamotten an den See – die Brombeeren sind reif! Zwei Handvoll nach dem Schwimmen, am in den 1870ern aufgeschütteten Hochdamm, wo die Wetzlaer, die Stadt- und die Wannseebahn fahren; eine Viertelstunde von meiner Bucht entfernt. Der Weg führt steil hinauf, fällt ab, geht wieder rauf – 14,5 Meter Höhenunterschied. Die Hecken stehen auf dem Plateau der 15.000 bis 20.000 Jahre alten Hügel, die sich aufhäuften, als während der Weichsel-Eiszeit das Schmelzwasser abströmte und unter hohem Druck die Grunewaldrinne ins Gelände schnitt. Das alles erinnert mich – und ist ja auch – die Endmoränenlanschaft meiner Kindheit und Jugend in Mecklenburg. Ich bewege mich über die Hänge ohne zu überlegen – auch Füße haben ein Gedächtnis. Vorteil des vielen Regens zur Zeit: Die Brombeeren sind gewaschen. Die Früchte an den wildschweinumwühlten Büschen unten auf der Rehwiese sind noch grün-gelb – das streckt die Erntezeit. Sehr gut!
Strategien, mit den aggressiven Blässhühnern umzugehen: Die kaum betroffenen Schwäne zeigen ab und an das reale Kräfteverhältnis an, pesen kurz hinterher, hacken mit dem Schnabel. Die oft gejagten Stockenten halten vorsorglich Abstand oder fliehen im Notfall. Die Haubentaucher, die meist in Ruhe gelassen werden, ignorieren das Ganze. Außer eines der Jungen: Das hat justament herausgefunden, dass es die adulten Blässrallen unauffällig antauchen und dann von unten überrumpelnd anrempeln kann, was sofort mehrmals getestet wird. Das Blässhunhn wehrt sich, verfolgt den Angreifer. Diesem eilt ein Elternteil zur Hilfe, stupst den Nachwuchs aus der Kampfzone. Kurzer Tumult – schnelle Lageberuhigung. Das Jungtier brachte vorher schon die eigene Familie durcheinander. Es gibt solche Tage.
Buchtgespräche: Als ich den Sachsen frage, ob er heute ohne seine Frau da sei, wischt er weit über den See: „Die ist noch im Wasser.“ Er zeigt vor uns: „Aber die Rotfedern sind wieder da! Und hinten rechts, vielleicht 50 Meter weg, steht der Karpfen. Obwohl das Wasser klarer ist als hier. So groß ist der.“ Aus der Himmelstrübnis fallen Schwalben, schießen sofort wieder auf. „Am Schilfrand müssen die irgendwie Auftrieb bekommen, die steigen immer an derselben Stelle hoch. Da muss eine besondere Thermik sein.“ Mit einer Dame unterhalte ich mich über die Blässhühner und deren konfrontativen Revierabgrenzungen gegenüber den Stockenten: „Vielleicht fressen die das Gleiche?“ Die Schwärze der Muttererde erstaunt sie; sie hat Angst, dass vom Starkregen „Hundebakterien“ mitgeschwemmt worden sind. Die Leuchtköpfe und schon ziemlich großen Füße der zweiten Blässrallenbrut erfreuen alle. Entspannte Leute, die vor oder nach der Arbeit, in ihrer Pause, im Urlaub oder im Rentneralltag zum See gehen und dort miteinander über das reden, was sie mit eigenen Augen sehen, mit ihren Ohren hören, mit den Nasen riechen. Informationsbörse, Thesenabgleichsort. Was noch im Dunkeln liegt, wird gemeinsam erhellt. Rätsel bleiben. Wie schön.
Nach anderthalb Wochen Prignitz wieder daheim. Für mich gings mit dem Rad zurück. Am Freitag 210 Kilometer von Bad Wilsnack nach Hildesheim. Übernachtung und Ruhetag bei der ältesten Tochter. Wir genießen ein saftiges Schweinskottelett vom Bio-Bauern Schulze – der Wochenmarkt ist eine Oase. Am Sonntag dann von Hildesheim nach Thalheim – aufgrund des einsetzenden Starkregens das Stück von Kassel nach Treysa mit der Main-Weser Bahn. Gesamtstrecke Rad: 480 Kilometer. Die Familie war am Abend zuvor mit dem Auto eingetrudelt – man freut sich über den durchnässten Heimkehrer.
Fahrt durch ein sattes, alterndes Land, dessen Lücken und Brüche nicht zu übersehen sind. Kalbe – Wolfsburg – Hildesheim. Die ausgestorbene Altmark, die Heimatschutzarchitektur der Stadt des KdF-Wagens, der gesegnete Rückzugsort mit seinen vielen großen Kirchen. Üppige Weizen- und Rübenfelder stehen zur Ernte bereit.
In der Altmark sind die Trafotürme das letzte verbliebene Zeichen der Moderne. Am Stadtrand von Kalbe keine größeren Märkte, kein Schnellrestaurant, keine Plakatwerbung – die Marketing-Analysten sprechen eine deutliche Sprache. Auch der Rad-Tourismus findet woanders statt, es gäbe sonst mehr Eiscafés. Im Gegensatz zur Prignitz sieht man keine Glasfasernetz-Bagger. Wer hier als Bauer überleben will, braucht große Flächen. Proteste gegen Windräder, obwohl in dieser entvölkerten Gegend nur sehr wenige Anwohner belästigt würden – rund um Hildesheim sieht das schon anders aus.
Wolfsburg ist das Eisenhüttenstadt des Westens. Flieht, solange ihr noch könnt, rufe ich den Menschen an der Bushaltestelle zu. Die Monokultur des Automobils hat zu gewaltigen Siedlungsgebilden geführt. Wo weitergebaut wird, geschieht das in gleichförmiger Tristesse. Obwohl kaum eine Stadt so viele vierspurige Trassen hat, werde ich hier am häufigsten angehupt. Zentrale Achse ist die breite Porsche-Straße, die direkt am VW-Werk entlangführt. Schnell nach Braunschweig. Kaum ist man da, und wieder hindurch, spürt man die entspannte Ländlichkeit der Börde mit ihren kleinen Städten, Dörfern und Alleen. Auf der B1 bin ich auf einmal allein – ein großes Gefühl.
Den Abriss der alten Bundesrepublik sieht man am ehesten in den kleineren Mittelstädten wie Hann. Münden. Absolut trostloser Leer- und Stillstand; in den lang schon nicht mehr ausgebesserten Straßen steht das Regenwasser. Häugfigster Kulturfolger sind international betriebene Gebrauchtwagenplätze, alles andere rottet einfach vor sich hin. Die Tankstelle an der Ausfallstraße macht von ihrer Alleinstellung mit Fantasiepreisen Gebrauch – und wird von mir geschnitten. In Kurzeck-Nähe fallen Mirabellen und Kischpflaumen vom Baume – ich fülle mir für die letzte Wegstrecke die Taschen.
Deutschland war bereits vor der Teilung kulturell zersplittert – und ist es auch nach der Wiedervereinigung geblieben. Ein tatsächlicher Austausch zwischen den einzelnen, parallelen Gesellschaften findet wohl eher auf jeder x-beliebigen Straße Berlins als in Kalbe statt. Und wo die Wirklichkeit dermaßen heterogen und komplex ist, wird gern zu vereinfachten Erzählungen und Schlagworten gegriffen.
Nach Starkschauern ein windiger Montag. Im Garten sind die ersten Brombeeren reif. Die Heimatluft, sie riecht so gut. Regeneration. Ich lese Stifters „Der Nachsommer“, ein Buchfund aus Hildesheim:
„Ihr werdet wissen, daß Anzeichen bestehen, welche nur einer gewissen Gegend eigen sind und von den Eingeborenen verstanden werden, denen sie von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden sind. Ihr wißt, daß in Gegenden ein kleines Wölklein, an einer bestimmten Stelle des Himmels, der sonst rein ist, erscheinend und dort schweben bleibend, ein sicherer Gewitteranzeiger für diese Gegend ist, daß ein trüberer Ton an einer gewissen Stelle des Himmels, ein Windstoß aus einer gewissen Gegend her Vorboten eines Landregens sind und daß der Regen immer kömmt.“
Adalbert Stifter „Der Nachsommer. Eine Erzählung“, 1857
Spätlicht. Gehn wir also die grosse Runde. Emma hält mindestens mit, drängt zum beinahe Jogging. Ganz dünne Wolkendecke und die Sonne macht auf Spätsommer. Oder liegts an meiner Wahrnehmung? Klar, wir sind im letzten Tagesdrittel und Emma und ich nicht gerade jugendfrisch. Auch seh ich zwischen Bäumen Spinnennetz. Aber 1 Kreuzspinne macht noch keinen Altweibersommer.
Auf den Ameisenstrassen ist die Hölle los. Einige Stellen sind schon richtig ausgetreten. Vierundzwanzigsieben denk ich und frag mich, ob Ameisen nicht schlafen gehen, wenns dunkelt. Emma ist guter Dinge und räumt die Wunderbäume fast im Vorbeigehen ab. Durch den märkischen Waldsand schieben sich Himbeertriebe ans Licht. Waldwachtelweizen säumt hübsch und freundlich den Weg. Kein Mensch weit und breit. S-Bahn zuckelt vorbei.
Melampyrum sylvaticum
Wir kommen grad ausm Urlaub. Unter anderem aus der Lüneburger Heide. Haben dort die Schmidts in Bargfeld besucht, also Alice und Arno. An einem Tag, regnerisch und nicht kalt. Hätte dem Dichter gefallen, denk ich. Nicht unser Besuch – das Wetter. Emma durfte nicht ins Haus, aber dafür hat sie in den Garten gekackt und ich hab damit geliebäugelt ihr ne Bauchbinde mit dieser Heldentat zu basteln. Scheissen tun wa alle, aber vors Arbeitszimmerfenster von Arno Schmidt …? Vor der kleinen Veranda stehen immer Schüsselchen mit Wasser und Trockenfutter für die Katzen der Gegend. Testamentarisch von Frau Schmidt verfügt. Ein schrift- und schmuckloser Findling markiert die Grabstätte.
Ich sitze vor unserem Hauseingang und verschnaufe. Ich habe den Morgen für einen 12,5-Kilometer-Lauf genutzt. Auf der kühlen Stufe zu verweilen, hilft mir, zur Ruhe zu kommen.
Entlang meiner Strecke am Elsterflutbett wachsen die Brombeeren. Ich wundere mich, dass ich heute nur so wenige reife Früchte sehe. Kurz darauf die Aufklärung: Vor mir ist ein älterer Mann mit einem Plastikeimerchen unterwegs. Lust auf Brombeeren hätte ich auch, aber beim Laufen eine Pause zu machen, bringt den Atemrhythmus durcheinander. Das merke ich schon bei den kleinen Fotopausen.
Heute ist Sonntag. Das heißt, es gibt wenig Verkehr. Also kann ich über die Klingerbrücke in Richtung Stadion huschen. Ich laufe eine Runde um den Vorplatz. Der dortige 43 Meter hohe Glockenturm ist nach dem Ringer und Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder benannt, der 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde.
Das ursprüngliche, über einhunderttausend Besucher fassende, Zentralstadion wurde 1955-56 auf Bergen von Kriegsschutt errichtet. Es war die Heimstätte des 1. FC Lokomotive Leipzig. Noch heute schwärmen die Schlachtenbummler vom 1:1 im Europapokal gegen den SSC Neapel mit Sportskamerad Diego Maradona. Außerdem fanden hier 49 Länderspiele der DDR-Fußballnationalmannschaft, das Turn- und Sportfest sowie etliche Leichtathletik‑Wettkämpfe statt; mehrfach war es Zielort von Friedensfahrt-Etappen. Nach der Wiedervereinigung nutzte VfB Leipzig (ehemals Lok) das Stadion von 1992 bis 1995 für seine Bundesliga-Spiele, nach dessen Abstieg und Umzug blieb es leer und wurde immer baufälliger. Ab dem Jahr 2000 erfolgte der Abriss, lediglich der Zugangsbereich mitsamt dem Glockenturm wurde saniert. In die verbliebenen Wälle integrierte man das neue Stadion als Austragungsort der Fußball-WM 2006 – heute bekannt als Red Bull Arena und Spielstätte von RB Leipzig.
Die Wälle machen den Stadionzugang zu einer treppenstufenreichen Anstrengung. Ich habe sie nie gezählt, aber es geht bestimmt an die einhundert Stufen hoch auf den Wall – und noch einmal genau so viele hinunter, bis man dann endlich in den Sitzplatz-Bereich kommt. Einmal habe ich dort meinen am Fuß vergipsten Sohn hoch und runter und wieder hoch getragen. Zu allem Unglück saßen wir ausgerechnet an dem Nachmittag in einer der obersten Reihen des Oberrangs, was weiteres Treppensteigen bedeute. Momentan ist Sommerpause, aber in einer Woche kehrt hier wieder Leben ein: RB eröffnet die Saison mit einem Testspiel gegen Atalanta Bergamo.
Da ich noch keine Lust habe umzukehren, laufe ich am Elsterbecken weiter. Die kürzlich von Chemie-Fans grün-weiß überstrichenen Laternenmasten leuchten nun wieder im RB-gerechten Rot-Weiß. Auf einem Zaun sehe ich einen Vogel mit auffallend gesprenkelter Brust – eine Singdrossel. Meine Atem- und Laufgeräusche stören sie kein bisschen, ruhig und entspannt genießt sie weiterhin die Sonne.
Ich mag diese Route sehr, weil sie über die Landauer Brücke auf die andere Seite des Beckens führt. Dort erwartet mich eine traumhafte Trailrunning-Passage – ein kleines Wäldchen, das zwischen dem Elsterflutbett und dem RB-Trainingsgelände am Cottaweg liegt. Über schmale, gewundene, wurzelbedeckte Pfade geht es zwischen Brennnesseln und Büschen an umgestürzten Bäumen und vom Sturm abgerissenen Ästen vorbei. Einige Male muss ich gebückt laufen, um unter tiefhängenden Zweigen oder halb umgestürzten Bäumen durchzukommen. Der Weg ist vielleicht einen Kilometer lang. Manchmal sieht man Angler, aber in der Regel hat man die Strecke für sich allein. Heute kommt mir nur ein Mann mit Hund entgegen, den er an der Leine ganz eng an den Wegesrand führt, damit wir beide aneinander vorbeikommen.
So langsam werden mir die Beine schwer, auch die Sonne beginnt zunehmend zu drücken. Also laufe ich auf dem kürzesten Weg nach Hause. Durchschnaufen, ein paar Dehnungsübungen.
Und dann sitze ich ein paar Minuten auf der Treppenstufe.
Mein Blick aus dem Fenster fragt mittlerweile nicht mehr, ob es regnet, sondern wie stark. Wenn ich beim Schwimmen nach oben blicke, erscheinen die Wolkenfarben und die der Schwalbenbäuche im selben milchig-grauen Ton. Zwei Monate nach dem Schlüpfen hat der Haubentauchernachwuchs aus meiner Schlachtenseebucht nun die Größe der Altvögel erreicht. Auch das Jugendgefieder mit den typischen Gesichtsstreifen beginnt langsam zu verblassen. Immer öfter gehen die drei Jungen allein auf Beutezug – ich bestaune die zunehmende Ausdauer, das Tempo und ihre elegante Wendigkeit. Bislang ist das, womit sie auftauchen, rein pflanzlich. Ob die Eltern sie nach wie vor mit Fisch versorgen, kann ich nicht sicher sagen – ich habe in den vergangenen Tagen keine Fütterungszenen mehr beobachtet, auch wenn das dabei typische Fiepen noch zu hören ist.
Pullus Podicipis cristati et parens
Anders als die Haubentaucher, die ihre ersten Lebenswochen meist auf dem Rücken der Eltern verbringen, sind Blässhuhnküken schnell mobil. Bereits Stunden nach ihrem Schlupf verlassen sie das Nest, schwimmen eigenständig und beteiligen sich an der Nahrungssuche – wenngleich sie in den ersten Tagen noch auf die Fütterung durch Mutter und Vater angewiesen sind. Sie halten sich bevorzugt in der schilfreichen Uferzone auf – hier finden sie zu fressen und können bei drohender Gefahr in Deckung gehen.Von Anfang an besitzen sie diese arttypisch überproportional großen, gelappten Füße, die es ihnen ermöglichen, sich mühelos auf weichen und schlammigen Untergründen zu bewegen, schnell zu paddeln und zu tauchen.
Pullus Fulicae atrae et parens
Mich fasziniert der Widerspruch, dass Blässhühner einerseits ihr Territorium äußerst aggressiv großflächig gegenüber anderen Wasservögeln abgrenzen, andererseits ihre Jungen gleichzeitig in der Ferne alleine schwimmen lassen. Dabei behalten die Altvögel die leuchtend rot-orangenen Köpfchen der Kleinen aber stets im Blick. Am Freitag kam einer der Schwäne einem Küken etwas zu nahe, woraufhin ein Elternteil in irrer Geschwindigkeit dazu eilte – die Attacke auf das größere Tier wirkte allerdings eher symbolisch. Am Samstag versuchte die Altralle den vermeintlichen Angreifer dann durch eine fingierte Flucht vom Jungtier abzulenken. Beide Male zeigte der Schwan keinerlei Reaktion. Er und seine Artgenossen betrachten das Geschehen generell mit großer Ruhe (Hunde und Nervpiepel ausgenommen) – selbst als am Sonntag die Rallen direkt neben ihnen Stockenten jagten, wurde höchstens mal kurz der Hals ausgestreckt, um das Treiben etwas auf Abstand zu halten. Ein urzeitlicher Reigen tierischen Lebens, mit Regeln und Codes, die uns meist verborgen bleiben (zumindest den Nicht-Ornithologen) …
Cygni olores, Anates platyrhynchos et Fulica atra impetuosa
Nicht minder interessant ist der menschliche Nachwuchs: Während zwei vielleicht acht-, neunjährige Mädchen versuchen, mit einem Nivea-Ball unseren S-Bahnwagen zu zerlegen, dichten sie, sich total beömmelnd, ein Lied um: „Ist der Graben auch sehr klein, Bibi passt da noch mit rein. Wir jagen den Wind und reiten geschwind, weil wir Feindinnen sind, weil wir Feindin-nin-nen sind“. Die Mutter der beiden löffelt derweil mit leerem Blick ein Becherchen Fruchtzwergeaus und blättert nebenher in einem Fernreisemagazin – seitenweise jordanische Ruinen. Wahrscheinlich reift in ihr gerade der Plan, über Nacht die Familie zu verlassen und in die Wüste auszuwandern.
Ich sitze mit unseren beiden Katern auf der Terrasse. Sie knabbern Grashalme und jagen Insekten, ich esse das auf dem Rückweg vom Joggen mitgebrachte Brötchen mit der Johannisbeermarmelade aus eigener Ernte. Dabei lese ich den Rest der gestrigen Lokalzeitung und ärgere mich über einseitige Berichte, mangelnde Korrekturen und schlampige Überschriften. Ein typisches Beispiel für letzteres sind Formulierungen wie „Automat von Bahn gesprengt“ (einfach mal Dampf abgelassen wegen all der Beschwerden?) oder „Freund von Toter verhaftet“ (der muss sich vielleicht erschrocken haben!)
Freitag ist frei, deswegen kann ich schon früh laufen. Insgesamt begegnen mir dreizehn Jogger. In einer der Pfützen herrscht reges tierisches Treiben – Specht, Drossel, Spatz, Ringeltaube und sogar ein Eichhörnchen hüpfen oder fliegen davon, als mich nähere.
Der Sportverein lockt heute letztmalig zu seinem Fußballcamp, aber jetzt, am Morgen, ist dort noch alles ruhig. Diese Camps sind eine gute Einnahmequelle für kleinere Vereine. Das Ganze funktioniert aber nur, wenn sich mindestens zwei Trainer finden, die dafür ihren Urlaub oder die Semesterferien opfern.
Die Kirchenglocken läuten – es ist 8 Uhr. Ich bedauere die Jogger, die ständig mit Kopfhörern unterwegs sind. Ihnen entgehen nicht nur die Glocken, sondern auch alle Geräusche des Waldes – angefangen vom Zwitschern der Vögel, über das Rascheln im Unterholz bis hin zum Summen der Insekten.
Jesus liebt dich / wo am Hafen die Schiffe und die Fische schlafen / Nichts wie rauf nach Hamburg …
Am Mittwoch Familienausflug nach Hamburg. Die Leere auf der Prignitz-Autobahn 14 – die Fülle der Europa Passage. Während die Girls shoppen, umrunden mein Sohn und ich das Zentrum der alten Hansestadt. Zwischen den Läden von Louis Vuitton, Patek Philippe, Jil Sander und Gucci locken chinesische Autohersteller potentielle E-Boliden-Käufer an – in zwei Sekunden von null auf hundert! Auf der Mönckebergstraße hält der gigantische Karstadt alten Schlags noch immer durch. Hinterm Rathaus genießen wir die gediegene Ruhe der schönen Läden und Passagen und ein wunderbares Essen beim Vietnamesen; die grünen Blätter des Jasmintees schwimmen samt Blüte im Kännchen. Anschließend Besuch beim angesagten Coffeebarista (wie man mir sagt). Und abends zurück in die Prignitz.
Am Donnerstag gemischtes Wetter. Auf dem Weg nach Havelberg sauge ich den Duft der Kiefern ein. Zweiter Besuch der Buchstation. Ich dringe tiefer ins Bergwerk – hinter dem Nebenraum befindet sich noch ein Nebenraum, dann links das Abteil mit den dreihundert alphabetisch sortierten Kartons. Zwei Kisten Russen – kein Nabokov darunter. Ein Bildband der National Gallery London, ein schmaler Stifter und ein noch schmalerer Kosmos-Schmetterlingsführer werden von mir vor dem Altpapier gerettet – auch in der Buchstation muss entsorgt werden. Was einer Mitarbeiterin sichtlich schwer fällt, dabei weiß ja gerade sie, welche Bücher niemals wieder einen Leser finden werden, nicht gegen eine noch so geringe Spende, nicht einmal geschenkt … Der Nachrichtenbeitrag zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-EM im reinsten DDR-Sprech: Unsere Frauen haben zwar nicht den Titel geholt, aber etwas weitaus Bedeutenderes gewonnen – sie sind zum Kollektiv gereift, das zusammen kämpft und über sich hinauswächst … Meldung zur Ukraine. Meiner kleinen Tochter versucht, den Begriff Korruption zu erklären. Mit großen Augen begriff sie diesen ihr vollkommen neuen Abgrund, den das menschliche Leben auch noch bietet. Dabei wird mir klar, wie geschickt die Welt sich selbst und ihre Kinder betrügt, alles mit wohlfeilen Gemeinplätzen umwölkt … Maschine ölen, Sattel fetten, Hecktasche packen – Freitag geht es via Sandau, Wolfsburg und Braunschweig nach Hildesheim. Es ist mit Schauern zu rechnen.
Dienstagsbeef in der Bucht: Die von Natur aus eh schon aggressiv für extrem großzügige Sicherheitszonen sorgenden Blässhühner haben Nachwuchs bekommen. Das potentiert ihr Angriffsverhalten. Wer ins Blickfeld gerät, wird attackiert. Da nimmt es ein Blässhuhn auch mit einem halben Dutzend Enten auf, jagt diese übers Wasser. Die körperliche und zahlenmäßige Unterlegenheit spielt keine Rolle. Mitunter kommt es zu Gegenwehr – doch die bleibt stets vergeblich.
Am Abend gerate ich von einer Sekunde auf die andere in einen Starkregen. Zum Glück ist meine Wohnung nur einen 300-Meter-Sprint entfernt. Zuhause schließe ich sofort die Fenster – nicht, dass die Hofvögel mein Lungenfiepen für einen Riesensperber halten.
Am Mittwoch sehe ich, wie eine Frau hinter den S-Bahnschienen am Westhafen im großen Stil Tauben füttert. Als ein Mann mitbekommt, dass ich davon ein Foto mache, kommt er auf mich zu: „Genau – was die da macht, ist verboten! Gut, dass Sie das melden!“ Ein Deutscher direkt aus dem „Großen Lexikon des Anscheißertums“. Und sieht auch exakt so aus: Die Ärmel seiner starkraucherzahnfarbenen Blousonjacke hat er mit chirurgischer Präzision in 10-Zentimeter-Abschnitte umgeschlagen. Ein küchentuchkariertes Hemd, ein Nike-Basecap, ein Schnauzbart und eine Brille, wie sie die halbseidenen Frauen in Pierre-Richard-Filmen trugen, komplettieren den Anblick. Ich lasse den Typen abblitzen. Dass ich das Taubenfüttern ablehne (und dieses in Berlin nicht einmal pauschal verboten ist), ist eine ganz andere Sache. So etwas wird aber immer direkt besprochen. Mir ist dabei vollkommen klar, dass die anonymen Meldestellen, die man gerade überall einrichtet, hervorragend funktionieren werden.
Am Montag erzählen mir zwei Mitschwimmerinnen, dass einer der Schwäne von einem Hund totgebissen wurde. Wir sind entsetzt und traurig. Den Nachmittag über Besuch aus dem hessischen Thalheim. Klönen bei Bittertee, Duke Ellington und Alec Empire. Wir sprechen über den unfassbaren Überfluss, in dem wir in Deutschland leben, darüber, wie der Konsum alles zusammenhält, die Selbstbelohnung durchs Shoppen, all die Fernreisen – und dass dabei viele um uns herum immer unglücklicher werden. Wir reden über die kollektive Verdrängung der Sklaven, die für uns die Rohstoffe aus der Erde holen, den Pflegenotstand, die Folgen der Coronamaßnahmen. Wir wundern uns über die maximale kognitive Dissonanz derer, die mit EAT-THE-RICH-Söckchen herumlaufen, dabei aber ausblenden, dass wir Durchschnittsdeutschen zu den reichen 15 Prozent gehören. (Dass die Anticapitalism Socks im Billiglohnland Türkei hergestellt werden, ist da nur konsequent beim Selbstbetrug.) Wir schwärmen von der Eleganz der Arrangements der großen Jazzorchester, dem Handwerk guter Buchbindungen, dem duften Lesestoff und Tee, der uns niemals ausgehen wird. Unsere unterschiedliche BRD-DDR-Sozialisation sorgt dafür, dass der daraus resultierende Weltblick für den jeweils anderen wertvoll ist. Kurz nachdem sich der Dorffreund wieder auf den Weg machte, beginnt es sehr heftig zu regnen. Ich bekomme von ihm die Nachricht, dass er schnell Unterschlupf fand, und das Wermutkraut noch lange auf der Zunge geschmeckt hat – bis er dann bei einem kreuzberger Griechen eine verkohlte Krake aß.
Am Montag wieder in Berlin. Den Nachmittag in Moabit verbracht. Als ich mich von dort aufmache, erwischt mich der stärkste Regen, den ich seit Wochen erlebt habe. Ich flüchte unter die Brücke am Grips-Theater. Während ich warte, fange ich Helga Schuberts „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“ an. Tabuthema Pflege des Partners. Die Erinnerung an die gemeinsamen Tage. Muss an ein aktuelles taz-Stück über „Feministischen Sex“ denken – was würde die Autorin wohl zu Helga Schubert und deren Blick auf ihren Mann sagen? Diese bedingungslose Liebe? Sie würde es wahrscheinlich Unterwerfung nennen – das Wort Liebe taucht im gesamten Artikel nirgends auf. Der Begriff Partnerschaft auch nicht, es werden nur Funktionalitäten verglichen und im Grunde tiefe Verklemmtheiten offenbar, die Unfähigkeit, über die eigenen Wünsche zu sprechen. Ein Instinktverlust, wie wir ihn ja auch auf anderen Ebenen sehen. Meine Empfehlung: Einfach mal die nonverbalen Absprachen eines Streichquartetts anschauen. Was synchrones Atmen möglich macht. Blickkontakt. Beim Musizieren kann keiner nur an sich denken.
Familientreffen im gentrifizierten Kreuzberg. Die Kinderschar ist über das Essen beim Griechen begeistert. Kaninchen schmeckt wirklich sehr gut – sagen unsere beiden Kaninchenhalterinnen. Der Sohn genießt seine Schweinemedaillons und einen Gin Tonic. Meiner Frau reicht ein Salat. Mein Oktopus hat nur zwei Arme und die waren verbrutzelt wie Röstebrot, bei dem der Toasterhebel klemmt.
Zurück in der Prignitz. Durchwachsenes Wetter – seit gestern hat es fast 10 Millimeter Niederschlag gegeben, heute regnets in Schüben. Ein Juli, wie er von der Presse vor ein paar Jahren noch als typisch deutsch und völlig deprimierend beschrieben wurde. Zum Frühstück Tee, Kaffee und unser schwarzes Johannisbeergelee. Später kleines Zeitfahren nach Havelberg. Lücken im Netto-Regal – ausgerechnet die Bio-Walnüsse fehlen. Muss bei den Gewürzen lange suchen, bis ich eine Kräutermischung mit Thymian finde. Glücklicherweise gibt die Firma Ostmann den Inhalt auf der Rückseite an – so wurde die seit einer Stunde vor sich hinsimmernde Bolognese perfekt. In der ehrenamtlich betriebenen Buchstation eine riesige Auswahl. Wirklich alle deutschen Klassiker. Viel Internationales. Ich nehme Turgenjew, Faulkners „Schall und Wahn“ und Puschkin im Artemis-Dünndruck mit, dazu „Hard drive“ von Art Blakey’s Jazz Messengers (CD). Das alles gegen eine kleine Spende. Ich werde sehr bald zurückkommen.
On/Off-Regen. Sonnabend ist der erste niederschlagsfreie Tag seit einer Woche. Das Schildkrötometer vom Schlachtensee bestätigt, was auch Haut und Augen vermelden: die Sonne kommt durch! Von der Starkregenwucht am Dienstag ist der Grund des Sees dunkel gespült – bedeckt von Mulch, Muttererde und kleinen Zweigen. Das ergibt einen Spiegeleffekt: die Vögel scheinen auf Wolken zu gehen.
Am Donnerstag blickt eine Frau misstrauisch auf diese Seedüsternis. Sie fragt mich, ob ich schon im Wasser gewesen sei. Als ich bejahe, schickt sie zunächst ihren Hund hinein. Nachdem dieser sich nicht weiter auffällig verhält und sogar etwas trinkt, geht sie schwimmen. Stunde um Stunde lecken helle Sandzungen ein weiteres Stückchen vom großen Dunkelgrund weg und werden dabei länger und breiter.
Dieselbe Seestelle an Tag 2 und Tag 5 nach dem Starkregen
Am Freitagvormittag blockiert ein frisch umgestürzter Baum die S-Bahn. Ich freue mich, in einer Stadt zu leben, in der man sofort auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen kann, und fahre mit Bus und U-Bahn weiter. Am Samstagabend schaue ich das EM-Viertelfinale. Spätestens, wenn nach Abpfiff alle so etwas wie „Wahnsinn“ und „Irre“ stammeln und eine Spielerin nach ihrer Einschätzung gefragt, „Geisteskrank“ antwortet, um danach in Tränen auszubrechen, weißt du, dass du da gerade etwas ganz Großes gesehen hast. Das bisher nicht durch irgendwelche esoterische Tendenzen aufgefallene ORF-Studioteam redet vollkommen ernst über „die Aura von Ann-Katrin Berger“. Physiker, Parapsychologen und Theologen werden sich zusammenschließen müssen, um herauszufinden, wie es Jule Brand gelingen konnte, gleichzeitig an mehreren Orten zu erscheinen. Irre!
Am Sonntag steigt die Temperatur bis auf 28 Grad. Da trocknen die Kotzelachen der Partypeople schneller. Ebenso bunt, doch ungleich angenehmer, ist der Anblick der Afrikaner, die zum Gottesdienst gehen – vor allem die Frauen und Mädchen tragen wunderschöne farbenfrohe Kleidung. Die Afroamerikaner, die auch auf dem Weg zur Kirche sind, haben sich wie gewohnt förmlich angezogen; die paar deutschen Christen, die man noch sieht, schlurfen mausgrau umher. Dem Kormoran, der nach der kollektiven Revierverschiebung zum alten Baumstamm zurückgekehrt war, folgte nun ein zweiter.
Der fünfte Sonntag nach Trinitatis beginnt mit einem Andreaskreuz, das zwei Flugzeuge am wolkenlosen Himmel hinterlassen haben. Milde Sonne bei leichtem Morgenwind. Fahrt nach Berlin. Treffe im Zug zufällig die Cellistinnen des Vorabends, Annette Jakocvcic und LiLa – tolles Gespräch! Durch den Transport von Asien nach Europa und die hohe Luftfeuchtigkeit scheint das Cello von LiLa gelitten zu haben – möglicherweise gibt nach über zweihundert Jahren nun die Verleimung nach. Ihr Instrument stammt aus der Mailänder Schule – die Italiener hatten den unschätzbaren Vorteil, die harten, langsam gewachsenen Hölzer der Alpenfichte und des Bergahorns verbauen zu können. LiLa hat ihr Cello nur geliehen – und wird es wohl auch niemals besitzen. Selbst der Weltklasse-Violinist und Star Frank Peter Zimmermann musste die Geige, mit der er bekannt geworden war, nach zehn Jahren an den Eigentümer zurückgeben, weil er die Kaufsumme von etwa fünf Millionen Euro nicht aufbringen konnte. Das ist kein Einzelfall. Zuvor auf dem Bahnsteig ein komplett anders geartetes Gespräch mit einem jungen Hertha-Fan – man zittert mit …
Bin in einer neuköllner Boulderhalle verabredet. Mitteljunge Väter führen auf der Terasse Hipstergespräch. Ein Stück Bananenbrot 4 Euro. Ich hatte zum Glück vorher auf der Sonnenallee einen Chicken Döner gegessen. Scharfe Soße zur Verdauung, Augustiner Edelstoff zur Verdünnung. Unterzuckerte, schwitzende und dehydrierte Kids in Magnesiawolken. Single-Elternteile achten penibelst darauf, dass ihr Nachwuchs an den einzelnen Stationen die Stempelkarte vorlegt. Kindergeburtstage, die zunehmend als Event zelebriert werden. Ich gehe. Vor dem Ausgang steht in vollster Pracht ein Götterbaum. Wenn man dessen Blätter zerknautscht, duften sie nach Sencha.
Der Flohmarkt in Schöneberg immer noch wie früher: kartonweise LPs, CDs, Fotoapparate, Teppiche, Schuhe, Bilderrahmen – viel Müll. Menschen, die mit Hilfe ihres Smartphones versuchen, Marktwerte zu taxieren. Hat der Händler bereits vorher gemacht. Kunstbände in großer Zahl: alle für nen Fünfer. Einst sündhaft teuer, jetzt Altpapier. Ich begnüge mich mit drei kleinen Hermes-Parfumproben. Nur einer von hundert Ständen hat überhaupt Proben oder echte Parfums. Der Rest hat Neoschrott, den ich bei Rossmann für 20 Euro bekommen kann. Auch wenn es seit Ewigkeiten Krempel gibt, findet hier gerade ein Epochenwechsel statt. Es kommen keine Bücher mehr nach, keine Qualitätsware, keine Tonträger. Ich vermisse Fritz Tonn mit seinem Bücherstand – den traf man hier über Jahre zuverlässig an.
In der Motzstraße findet ein lesbisch-schwules Stadtfest statt – im Prinzip ein Regenbogendisney für Provinzler. In Spandau vor der Abfahrt noch ein Kioskbier, direkt an der Havel unter Linden. Ein völlig anderes Klima als der Asphalt der Sonnenallee. Im Nachtzug Panzergrenadiere und Pioniere, die in die Havelberger Elb-Havel-Kaserne einrücken. Wer mehr als drei Monate dabei ist, darf bis 3 Uhr kommen. Mich erwartet ein schwülwarmes Dorf. Alles schläft.