Gregor Dill, Moabit
Workshop zum Thema Kompost und Mikrobiom in Österreich (III)

Tag 4 bis 7: Lokale Strategien
Am Samstagmorgen liege ich auf dem Boden. Auf hartem, kaltem Fliesenboden. Unsagbar heftige Kopfschmerzen haben meine Nacht, meinen Schlaf vorzeitig beendet. Das Ziehen in der Stirn ist kräftig. Die Schmerzen pulsieren nicht, sie dröhnen.
Und sie hören nicht auf.
Mir wird flau. Am Sauerstoffmangel kann es nicht liegen – das Fenster war die ganze Nacht geöffnet.
Kommt es vom Blaufränkischen aus dem Burgenland? Wohl nicht, denn es war nur ein Glas. Bin ich zu spät ins Bett gegangen? Nein.
Vielleicht ist Flüssigkeitsmangel die Ursache? Eigentlich trinke ich relativ viel. Wasser, Tee, Kaffee, am liebsten Wasser. Einfach Wasser.
Möglicherweise liegt es am Bewegungsmangel. Die vergangenen Tage hielen wir uns meist im Seminarraum auf. Doch gerade gestern waren wir den ganzen Tag auf Exkursion. Also auch hier, eher nein.

Und doch sind sie da, die massiven Schmerzen.
Ich taste meinen Schädel ab. Massiere, streiche, drücke an der Kopfhaut entlang, an den Rillen, den Übergängen. Dort vermute ich Blutgefäße und Strukturen, die unter Spannung stehen.
Die Berührung der Nasenbeinwurzel tut gut. Das Entlangstreichen der oberen Augenhöhlen tut gut. Das Massieren der Schläfen ist eher unangenehm – nicht gut. Mir wird flau.
Also reagiert mein Körper auf Druck. Ich bin drucksensibel.
Ich suche weiter. Ist es etwas Äußerliches? Habe ich falsch gelegen und mich verspannt?
Meine Schultern sind kalt. Die eine mehr als die andere.
Luftzug?! Das Fenster war wohl etwas zu weit geöffnet und die Decke etwas zu kurz.
Also Hände an die Schulter. Und sofort meldet mir die kalte Stelle dankbar, dass sie wärmer wird.
Der Kopfschmerz bleibt.

Mir wird flauer. Habe ich vielleicht Hunger? Nein. Zu viel habe ich gestern ebenfalls nicht gegessen.
Ich gehe auf die Toilette. Der Blasendrang ist relativ stark; ich lasse viel Wasser. Der innere Druck lässt nach, doch der Kopfschmerz bleibt. Mir ist immer noch flau, während ich mir die Hände wasche.
Jetzt, im Wechsel vom Sitzen zum Stehen, stelle ich fest, dass diese Bewegung etwas Veränderung bringt. Ich lege mich auf den Boden und beginne mich zu drehen, zu rotieren, zu schwingen, um meine Achse zu kreisen. Es sind Bewegungen aus dem Qi Gong, die mir ein Freund beigebracht hat, um den Körper und die Gelenke zu mobilisieren.
Auf und ab. Hin und her. Hoch und runter. Ich bewege mich, richte mich auf, sanft und vorsichtig, dabei in mich hineinspürend. Knochen knacken, Gelenke klopfen – ja, nach vierzig Jahren spürt man mehr als mit zwanzig.

Ich glaube jetzt, dass nur eine Mischung von allen ausprobierten Maßnahmen Linderung verschafft. Also massiere, trinke, strecke, bücke ich mich. Meditiere, sitze, liege, drücke, spüre, fühle. Immer wieder im Wechsel. Ganz sanft.
Und ich summe. Das ist eine meiner Lieblingsmethoden, um innerlich Schwingung aufzubauen. Einen Ton, eine Melodie, immer dem guten Gefühl hinterher, der Entspannung folgend.
Langsam, Schritt für Schritt, lässt der Schmerz nach. Er verschwindet nicht komplett, aber es geht mir besser.

In den vergangenen Tagen haben wir viel über das Mikrobiom gelernt. Über die Wechselwirkung von Flüssigkeit, Wärme und Temperatur. Über die Regulierung und das Zusammenbringen verschiedener Mineralien, Materialien, Stickstoffverbindungen und Nährstoffe. Über Anspannung und Entspannung.
Das ganze verinnerlichte Wissen regt zum Nachdenken an, bewegt mich. Ich stelle mir Fragen:
Sehe ich das, was ich sehe, in einem nachhaltigen Zusammenhang?
Habe ich verstanden, wie ein Mikrobiom funktioniert? Mein Mikrobiom?Verstehe ich, wie ich mit Nahrung interagiere?

Ich berühre meinen Nabel. Von da aus ein Stück nach rechts unten habe ich eine Narbe, die Zeugnis einer eiligen Operation ist. Mit etwas über zwei Jahren, hatte ich einen Blinddarmdurchbruch. Seitdem fehlt mir der Wurmfortsatz.
Als Kind hatte ich viele Verdauungsbeschwerden, unterschiedliche Veränderungen und Verzerrungen im Bauchbereich. Lange habe mit dem Kopf dagegen angearbeitet, im Inneren anders zu sein als die anderen.
Später habe ich viel darüber recherchiert und bin so zu Wissen und Erkenntnissen geführt worden.
Gerade beschäftige ich mich mit den Faszien, diesen zarten, weichen Strukturen, in die alles andere eingebettet ist. Als körperweites Netzwerk ziehen sie sich durch unseren Organismus – von den Zehen- bis zu den Fingerspitzen, durch Beine, Rücken, Schultern, Bauch. Sie verbinden und umhüllen, übertragen Kräfte, wirken an Haltung und Bewegung mit.

Junge Kinder, Babys, sind körperlich oft erstaunlich flexibel. Mit zunehmendem Alter ändert sich das. Belastungen hinterlassen Spuren, sorgen in der Folge für Einschränkungen.
Vielleicht hat meine Operation damals dazu beigetragen, dass Faszien und Narbengewebe asymmetrisch zusammengewachsen sind? Sind daraus die Spannungen entstanden, die sich auf einer Körperseite häufiger bemerkbar machen als auf der anderen? Ich weiß es nicht, aber ich spüre Unterschiede.
Leben ist lebendig. Darum bewege ich mich immer weiter.
Dank der Uhrumstellung habe ich eine zusätzliche Stunde zur Verfügung. Ich investiere sie in Aufmerksamkeit und Linderung. In mich.
Das fühlt sich gut an.

Die Kurstage zuvor waren lang, intensiv, voller Stoff, Informationen und neuen Sichtweisen.
Wir fuhren auf Exkursion durchs österreichische Hinterland – auf und ab, den Auen und Waldrändern folgend, bis wir bei Kompost-Enthusiasten wie uns selbst Halt machten.

Wir stehen auf der Anlage eines Biobauernhofs, der es im Laufe der letzten zehn Jahre geschafft hat, zu einem der größten Anbieter von Ökokisten und Biolebensmitteln in Oberösterreich zu werden. Über 10.000 Kunden werden wöchentlich beliefert – eine logistische Meisterleistung.
Für eine solche Versorgung werden regionale Flächen verdichtet, Gelder gebündelt, Arbeitskräfte mobilisiert, Landschaften umgeformt. Über Bezirks- und Ländergrenzen hinweg entstehen Netzwerke.

Wir tauchen ein in eine weitere mikrobielle Themenwelt, tauschen uns aus über Hindernisse, Schwierigkeiten, Lösungsansätze und Strategien für ein gesundes, vielfältiges, leichtes Leben.
Wir stellen fest, dass ökologisch und biodynamisch nicht immer humusbildend bedeutet; dass es sogar schwer sein kann, Humusbildung aktiv zu kultivieren.
Kompost braucht Luft, Sauerstoff, Bewegung, Pflege und Hege, gerade in den ersten Tagen des Ansetzens. Wie beim Kochen und Backen kommt es auf das Zusammenstellen der Zutaten, das richtige Mischungsverhältnis an. Es gibt Menschen mit einem besonderen Talent dafür. Sie besitzen feine Antennen, ein Gespür, eine Leidenschaft im Tun. Unter ihren Händen und Sinnen entsteht wundervoller, lebendiger Kompost. Es gibt sogar Stars in der globalen Kompostszene.

All diesen Praktikern ist gemeinsam, dass sie die humusbildenden Mikroorganismen achten und pflegen, ihnen gegenüber sensibel und achtsam sind.
Pflanzen, die in den Genuss eines solchen humosen Komposts kommen, gelten als besonders ausgewogen, robust, schmackhaft und nährend. Die Anzuchterfolge und Fruchtvitalitäten sind meist außergewöhnlich hoch.
Wir tauschen vor Ort Rezepte aus, sprechen über Werkzeuge, deren Qualitäten und Einsatzmöglichkeiten.
Und wir reden über Hindernisse. Denn jede Region kämpft mit eigenen Bedingungen: Brandenburger Wind und karge Sandböden verlangen anderes als die sonnenverbrannte Erde Südspaniens, das extreme Klima in Texas oder die milden, feuchten Temperaturen auf Jersey Island. Von jeder Strategie, mit lokalen Herausforderungen umzugehen, kann man etwas lernen und mit nach Hause nehmen.

An einem anderen Tag fuhren wir noch tiefer in das oberösterreichische Hinterland hinein. Unser Ziel, das Mühlviertel, ist seit jeher von viel Stein geprägt – Granit, Gneis, stellenweise Diorit. Darüber befindet sich nur eine dünne Grasnarbe. Die Böden sind oft wenig nährstoffreich.
Neben dem harten Gestein prägen tiefe Flusstäler, sanfte Hügel und ein kräftiger Wind die Region. Doch die Einheimischen verstanden es seit jeher, aus den rauen Gegebenheiten eine Tugend zu machen. Wo das Wasser durch die Täler schoss, entstanden Wassermühlen.
Durch deren Kraft wurde Getreide zu Mehl, Eisen zu Werkzeug. Das Bäckerhandwerk, der Bau von Maschinen und Geräten, die Kunst der Bodenaufbereitung und auch der Handel haben sich über Generationen weiterentwickelt und das Land zu dem gemacht, was es heute ist.

Dieses Verständnis für die Beschaffenheit von Landschaften, deren klimatische Bedingungen, Böden und Organismen, diese grundlegenden Prozesse des Gestaltens sind es, die eine Gesellschaft prägen.
Gerade die rasant wachsenden Erkenntnisse über die Wirkung von Mikroben werden für uns in Zukunft noch sehr wichtig werden.

Ich erkenne dabei eine Not, einen Bedarf, einen Wissensmangel, hier bei uns in Berlin und Brandenburg. Aber ich sehe auch ein wachsendes Interesse an diesem Thema.
Immer mehr Menschen wollen erfahren, was in ihren Einkaufskörben landet, in ihren Töpfen köchelt, was sie nährt und ihnen Energie gibt. Sie suchen gesunde, lebendige Lebensmittel aus gesunden, lebendigen Böden.
Das gibt Hoffnung.

Unsere Seminargruppe ist sich einig: Auch wenn das Leben sich mal verdichtet, auch wenn der Alltag mal schwer ist und drückt – wir wollen dieses Wissen in die Welt tragen, weiterhin Böden hegen und pflegen und dafür kompostieren. Wir haben dafür einen großen Ideenkoffer und ein tolles Netzwerk, das unseren Globus umspannt. Gemeinsam mit anderen werden wir wirken und formen.

Danke, liebe Gastgeber, danke, liebe Kursteilnehmer. Ich bin mit euch durch die gemeinsamen Tage auf ewig verbunden – über gemeinsame Songs, Rezeptbücher, den Austausch, das Lernen und Arbeiten. Und danke, liebes Tageshotel, dass du uns morgens, mittags und abends mit Bio-Lebensmitteln aus der Region österreichisch üppig und schmackhaft umsorgt hast.
