Bei schönem Wetter bin ich viel auf meinem kleinen Balkon. Wenn ich Schatten brauche, sitze ich auf dem Stuhl, auf dem immer mein Mann saß, brauche ich Sonne, dann sitze ich auf meinem Stuhl. Die dicken Füße lege ich auf dem Eulenhocker ab. Zum Glück wird es bei mir auch bei hohen Temperaturen nicht so warm – die Nachbarn haben ihren Balkon und die Fenster zur anderen Seite raus und müssen im Sommer oft im Schlüpfer durch die Wohnung laufen.
Die Tomaten, die ich im April eingepflanzt habe, sind immer noch winzig klein. Aber sie halten Mücken und anderes Ungeziefer fern!
Zum Mittag habe ich mir Kartoffelpuffer mit Chicorée und Ananas in saurer Sahne gemacht – das hat ausgezeichnet geschmeckt. Und alle Zutaten waren bio! Ich bin froh, dass ich immer noch selbst für mich kochen kann, nur ab und an hol ich mir vom Wochenmarkt aus der Gulaschkanone einen Erbseneintopf – der schmeckt wie früher.
Strahlender Tag mit klasse Wolkenfetzen. Wir befinden uns am Rand einer Wetterlage, die hoffentlich den einen oder anderen Schauer bringen wird. Ich bin auf meiner Dienstagsroute: Pensionierte Pferde auf den Koppeln der Ju-Ranch, Wiesen, die ins hochsommerliche Gelb umschlagen. Über die halbe Stunde im Kauflandmarkt könnte ich eine kleine Abhandlung schreiben, wie sie sich vermutlich in tausenden Gemeinden abspielt: Ein Oma kauft für sich und ihren Enkel eines dieser billigen Trashessen, die man kalt ißt. Ein Mann im Arbeitsdress steigt müde aus seinem Panda und tauscht den Beutel Pfandflaschen gegen eine Pizza Capitale; er bekommt noch 8 Cent ausgezahlt. Absolut traurig das Herumschleichen der Geknechteten auf der Suche nach ihrem billigen Kick zum Monatsende – kein Wunder, dass Alkohol Volksdroge Nr. 1 ist. Frustrierend der geringe Anteil an halbwegs hochwertigen Produkten (Nonfood und Food). Ich nehme aus der Büchertelefonzelle das ZEIT-Kochbuch „Meine Lieblingsrezepte vom Wochenmarkt“ mit und lasse zehn LPs und ein paar CDs da. Danach pflücke ich im Garten ein paar Mikroerdbeeren.
Ein unspektakulärer Tag mit Wäsche und Küchenarbeit, dazwischen ein paar Tapeüberspielungen – der „Meuterei auf der Bounty“ folgt „Der Seewolf“. Es gab damals schon dolle Sachen. Stuckrad-Barre im Podcast bei Stefanie Giesinger mit einer sehr klugen, kompakten Line zum Thema Sucht, Sog, Selbstzerstörung: „Wer hat Dir so weh getan, dass Du Dir so weh tust?“ Gute Nebensätze wie: „Wenn Du schreibst, musst Du Dich von der Geschichte leiten lassen – nicht von der Wahrheit. Die Geschichte ist der Chef.“ Man erfindet, sobald man zusammenfaßt, ausschneidet. Wichtig der Perspektivwechsel, der es ihm ermöglicht, die Therapie als Sitcom zu begeifen, innerlich zurückzutreten, sich zu fragen: „Was ist das denn hier?“ Zu lernen. Er verklärt nichts, bereut aber auch nichts – oder nur ein bisschen.
Die Tage um die Sommersonnenwende bringen zugleich die erste große Hitzewelle des Jahres. Am Wochenende bereits am Vormittag 30 Grad im Schatten und demsig. Als ich das Bad wische, ist das eine Ende schon getrocknet, bevor ich beim anderen ankomme. Früh am See ist es aber gut auszuhalten, zumal meine Buchtbank unter einer dicht belaubten Eiche steht. Am Sonntag treffe ich dort den alten Thüringer wieder, wir setzen unser über Wochen gesplittetes Gespräch fort. Mit Anfang zwanzig will er aus der DDR fliehen, wird erwischt und kommt nach Brandenburg in den Knast. Dort liegt er mit anderen „Politischen“, Mördern und einem „Babyzerstückler“ auf einer Zelle. 1979 hofft die „Staatsfeind“-Fraktion anlässlich des 30. Geburtstags der DDR auf eine Amnestie. Einige kommen frei, andere nicht. Unter denen, die bleiben müssen, gibt es Selbstmorde. Der Thüringer hat von Anfang an keine Illusionen, da er immer wieder aneckt und ihn ein Wärter auf dem Kieker hat. Unter den Aufsehern, der Gefängnisleitung und den Parteifunktionären gibt es neben den offiziellen Zuständigkeits- und Weisungshierarchien (Justizorgane, MdI, MfS, Justiz, SED) auch klandestine Strukturen. Jeder belauert jeden, wartet auf Fehler. Man bespitzelt einander, scheißt sich gegenseitig an, schleimt sich ein, sucht seinen Vorteil. Ein Klima der Angst und des Misstrauens. Das herrscht teilweise auch unter den Knackis. Deren härteste Währung sind Informationen; die werden gegen Zigaretten getauscht. Man weiß dabei nie, wann man dieses Insiderwissen mal einsetzen kann. Über Kassiber hält man Kontakt nach draußen – „je dümmer ein Angehöriger, desto angstfreier -Studierte taugen nicht als Schmuggler.“ Der Thüringer wird nach anderthalb Jahren vorzeitig in den Westen verkauft – für die ständig valutaklamme DDR ein lukratives Geschäft. Bis heute, sagt er, ist er anderen gegenüber erstmal misstrauisch, hat insgesamt „ne kurze Zündschnur“, man solle ihn besser nicht reizen. Am See fühle er sich aber ruhig und friedlich. Da er in einem russischen Kirchenchor singt und gerade Cohens „Hallelujah“ einübt, frage ich, ob er die Version von Jeff Buckley kenne. Nö, kannst mir ja mal vorspielen. Er hört zu. Wird ganz still, ergriffen. Die Kraft des Sees, die Kraft der Musik.
Montag, 4:50 bis 5:15 Uhr: Gewitter in Moabit. Der Regen kühlt die schwüle Luft, die Hofamsel zwitschert ungewohnt leise. Kurz darauf über der Rehwiese und am Schlachtensee zauberhaftes Licht. In dem Moment, als es van Gogh nach Jahren der fahlen Stillleben und trüben Kartoffelesser endlich gelingt, dieses Strahlen einzufangen, wird er verrückt. Möglicherweise besteht da ja ein Zusammenhang.
Abends ein weiterer Schauer und windig. Abkühlung von 27°C auf 18. Ein Himmel wie türkischer Rasierschaum, die Sonne weggetupft. Später vermelden die Ticker gewaltige Sturmschäden für ganz Berlin und Brandenburg – ich hab von einem Sturm nichts mitbekommen.
Fang das Licht von einem Tag voll Sonnenschein / Halt es fest, schließ es in Deinem Herzen ein / Heb es auf und wenn Du einmal traurig bist / Dann vergiss nicht, dass irgendwo noch Sonne ist
Karel Gott & Darinka „Fang das Licht“, 1985 – Text: Michael Kunze
Unsere Dachterrasse. Momentan ein Biotop für Bienen. Mindestens fünf scharwenzeln ständig um den Lavendel. Meist brummelt auch eine Hummel dazu. Die Rosen werden ignoriert – der Lavendel ist nicht zu toppen.
Unsere Dachterrasse. Es ist kurz vor 22 Uhr und es ist immer noch nicht dunkel. Vor allem ist es warm. Wir trinken Wein mit den Nachbarn, nachdem wir den Champagner geleert haben, den ich von eben diesen Nachbarn zu meinem 50. Geburtstag geschenkt bekommen habe und den wir wegen der Corona-Beschränkungen nicht haben gemeinsam trinken können. Was für irrsinnige Zeiten, damals.
Unsere Dachterrasse. Erst läuft Jazz über die Box, dann meine persönliche Lieblingsplaylist. Die unbekannteren Songs von Leonard Cohen, etwas Tom Waits, Joan Baez, Willy de Ville und ganz viel David Bowie. Space Oddity und immer wieder Songs des völlig unterschätzten Ziggy-Stardust-Albums.
Unsere Dachterrasse. Dem Champagner folgt der Wein und ich fühle mich leicht, als würde ich durch diese Sommernacht fliegen. Die Bienen haben sich in ihre Waben zurückgezogen und die Mücken haben Mühe die Terrasse zu erklimmen. Just a perfect day … um mit Lou Reed zu sprechen. Eine Träne rinnt aus dem Auge. Vor Glück zu weinen, ist nicht nur eine Floskel.
Am Samstag bereits kurz nach 6:00 Flocken und Nüsse. Befüllung der Salbei-Grüntee-Flasche. Um 7:00 Start der 210-Kilometer-Tour nach Ulrichstein via Gießen und zurück. Gegen 9:00 bei schwüler Hitze zweites Frühstück in Gießen. Dort ein räudiger, aber sehr voller Flohmarkt, bei dem es kaum Tische gibt; die Leute wühlen in Kisten, die auf dem Boden stehen. Deutschland schwimmt in Nippes und Hausrat. Für den Freund im Vogelsberg, den ich besuchen werde, finde ich einen schönen Ferrari GTO – aber leider nirgends Audio-Leerkassetten für mich (später vermacht mir der Hausherr seinen Restbestand). Weine stehen in der prallen Sonne – schnell weiter!
Vor der Pfarrkuratie St. Thomas Morus eine Ansammlung koptischer Christen. Die Frauen mit weißen Schleiern, die Männer mit goldenen Kruzifixen um den Hals. Nach dem Gottesdienst geht es zurück in die alte Ami-Kaserne, die seit den Neunzigern ein Auffanglager ist.
Entlang der ganzen Strecke ist großer Heutag: Spezialmaschinen mit gewaltigen Anhängern, einige noch mit diesen Klötzchenpressen, die ihre Quader malerisch aufs Feld spucken. Ab Mittag 30 Grad, der Ostwind tut gut. Bei km 130 Stärkung im Edeka Grünberg, bei km 170 Halt an der Karlsquelle Löhnberg. Auf dem vorletzten Kilometer ein überraschendes Treffen: Der Veranstalter des Langstrecken-Brevets Gießen – Wetterau – Odenwald – Rheintal – Westerwald Anfang Juli fährt seine Veranstaltung vor. Eigentlich müsste er im Ablaufplan bleiben – Zeit für ein kleines, gemeinsames Eis ist trotzdem.
Sonntagmorgenstille. Durch die Fenster strömt kühle Luft herein. Lindenduft legt sich übers ganze Land. Schwarze Johannisbeeren aus der Champagnerschale. „Drei Schwestern“ von Tschechow – was für ein Großer! Heute wird in den Salons mindestens ebensoviel Blech geredet, nur schreibts keiner so süffisant unterhaltsam auf.
Schwüler Tagesumbruch. Gewitterstimmung. Bin gar nicht erst nach draußen. Erbsen, Möhren, Kartoffeln, Bio-Pute, Schulgarten-Pesto. Regeneration. Milder Pai Mu Tan, Beeren und Crêpes. Die BBC weiß, dass die US-Spezialbombe 60 Meter durch das Erdeich drang, bevor sie detonierte. U21-EM-Viertelfinale: Deutschland – Italien 3:2 n.V., wie mir gerade das Radio mitteilt. War nach der 1. Hälfte leider viel zu müde, habe also fast alles verpasst. Nun noch zwei Spiele …
Zu joggen ist dieser Tage gar nicht so einfach. Der Sommer ist endlich eingekehrt und die Sonne drückt von morgens bis abends. Die Straßen Leipzigs sind voller Staus, welche mich zum Trippeln, Stop & Go oder Slalom zwingen. Über die Wege außerhalb des Waldes wabert der Staub. Trotzdem versuche ich mindestens zweimal die Woche meine Standardstrecke zu laufen.
Durch die genannten Einschränkungen misst die App für die gleiche Strecke interessanterweise immer andere Werte, die zwischen 8,31 und 8,51 km liegen. Deutlicher sind die Unterschiede in den Zeiten. Hier spielen nicht nur die Slaloms, sondern auch die Tagesform eine Rolle. Und nicht zu vergessen die Fotostopps, wenn es etwas zu dokumentieren gibt. Daher schwanken meine Laufzeiten aktuell zwischen 43 und 48 Minuten.
Am Sonntagmorgen bringe ich als erstes meine Eltern zum Zug nach Schwerin. Um diese Zeit ist der Bahnhof genauso menschenleer wie es das Parkhaus und die Straßen sind. Auf dem Rückweg hole ich Brötchen vom Bäcker. Vor mir steht mein typischer Lieblingskunde. Mein Lieblingskunde hat alle Zeit der Welt, sich das Sortiment zu betrachten, bevor an die Reihe kommt. Deswegen wartet er damit auch immer, bis er tatsächlich an der Reihe ist. Erst dann liest er sich durch, welche Arten von Brötchen es gibt und was er nun nehmen wird: „Äh, nein, doch nicht. Oder doch, aber nur eins. Nein, machen Sie lieber zwei draus.“. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich ein eher strukturierter und gleichzeitig ungeduldiger Mensch bin?
Nach dem Frühstück schnüre ich die Laufschuhe. Viele Eltern sind mit ihren Kindern unterwegs, denn an der Pferderennbahn ist seit Samstag eine Crosslauf-Strecke mit Rutschen, Hindernissen und Wasserbecken aufgebaut. Am Samstag gab es den Frauenlauf (nun gut, die meisten sind von Hindernis zu Hindernis geschlendert), heute folgt offenbar ein Kinder- oder Familienlauf.
Interessant ist, wie sich in den vergangenen Wochen die Flora verändert hat. Alle Bäume und auch die Heckenrosen sind verblüht. Der neue Löwenzahnjahrgang steht erst in den Startlöchern. Die Brombeersträucher haben die Blütenblätter verloren. Dafür leuchtet jetzt blasslila die Gemeine Wegwarte, auch Zichorie genannt.
Ich bin diesmal nach 45:18 Minuten zurück – ein guter Durchschnitt angesichts dessen, dass es bereits wieder 25 Grad im Schatten sind.
Hochwetterlage mit Ostbrise, konstant und stabil. Wundervoll leicht schweben Schwalben über den Bäumen, die lauten Mehlschwalben und die leisen Rauchschwalben. Bei Tiefdruck sieht man erst, wie geschickt diese Wesen über den Ähren manövrieren. Die Gerste duftet vernehmlich. Mein Infekt scheint nun endgültig durch zu sein: der Kopf ist klar, die Beine schmerzen nicht mehr so komisch.
Vides Cinematografica, Les Films de la Boétie & Harbor Productions, 1973
Schaue episodenweise das absolute Meisterwerk „Lucky Luciano“ mit dem fantastischen Gian Maria Volonté. Der Übergang von den Schreibtischen, Hinterzimmern und Rennbahnen zu den Docks und schmuddligen Mordakten, die streckenweise disputhaften Dialoge – das hat mich schon damals als Vor-Abiturient komplett gefesselt. 1936 wird Lucky zu fünfzig Jahren Knast verurteilt – die belastenden Aussagen kommen vor allem von Sexarbeiterinnen auf Entzug. Da er der Regierung während des Krieges hilft, Sabotageakte an den New Yorker Hafenanlagen zu verhindern (wofür man den Mob braucht), wird er 1946 begnadigt und nach Italien deportiert; er darf die USA nie wieder betreten. Luciano erkennt das Potential des globalen Verbrechens und macht Neapel zur Drehscheibe des weltweiten Heroinhandels. Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter, was Lorenzen in „Alles andere als ein Held“ über Marseilles schreibt.
Radmontage, Rasenmähen, Büsche stutzen. Zahllose Wäschen. Was würden meine Girls nur machen, wenn sie nicht täglich ein neues Outfit auftrögen? Den rotgebrannten Sohn, der vom Training für das Bürgerturnier kommt, mit einer Carbonara alla casa befüllen. Die mählich sinkende Sonne bewundern und etwas zu lesen holen.
Entspannte Schlachtenseemorgen. Rundherum Vogeljunge in allen Entwicklungsstadien – man könnte aus den Fotos ein Daumenkino basteln: „Das Blässhuhn – vom Küken zum Schilfgreis“. Interessant das unterschiedliche Verhalten der einzelnen Arten, aber auch in den jeweiligen Familien Nuancen. Der Haubentauchernachwuchs in meiner Bucht zunehmend selbständiger, die Schwimmabstände zu den Alten täglich größer, bereits kleine Tauchgänge – die Rückkehr aber noch ohne Beute. Sehe am Ufer erstmalig eine Zauneidechse. Wundere mich, dass ich das exzellent getarnte Minireptil überhaupt entdecke. Ein Grauhreiher im Baum, Kormorane beim Trocknen des Gefieders, gegenseitige Betrachtung mit einer Mandarinente – der Kurzcheck bei der Erstbegegnung üblich, dann schnell Gewöhnung aneinander. Wobei die Vögel am Schlachtensee bei weitem nicht so scheu bzw. vorsichtig sind, wie beispielsweise die am Plötzensee.
Lacerta agilis in sole quiescit
Treffe am See die israelische Kinderärztin wieder. Macht wie neulich Mittagspause. Wir sprechen über Vitamin D und Hitzetage. („Bitte cremen Sie sich niemals ein! Nicht in die pralle Sonne legen – sich wie ein Südländer verhalten.“) Sie sagt irgendwann: „Und wenn die Sonne mal nicht scheint, genießen wir die Dunkelheit.“ Eine äußerst sympathische Frau. Will „demnächst auch mal ins kalte Wasser“.
Aix galericulata femina
In der S-Bahn wieder mehr Leute mit FFP2-Maske – und nicht einer hat sie richtig aufgesetzt: Doppelte Fortsetzung einer Schutzillusion. Neue Fahrlektüre: Albert Schweitzers „Briefe aus Lambaréné“, die er 1924-1927 an Freunde schickte. Ungeschönte Berichte aus seinem Urwaldspital in Gabun (Teilkolonie Französisch-Äquatorialafrika).
„Die Formalitäten mit der Hafenpolizei der Krooleute wegen nehmen Stunden in Anspruch. Die Papiere eines jeden einzelnen werden untersucht; eine genaue Liste wird aufgestellt. Der Freetowner Vertreter der holländischen Schifffahrtsgesellschaft haftet dafür, daß alle fünfzig wieder zurückgebracht werden und daß ja kein anderer, minderwertiger Neger an Stelle eines Freetowner Kroomannes untergeschoben wird. Alle afrikanischen Kolonien wachen mit Strenge darüber, daß ihre Eingeborenen, das kostbare Arbeitermaterial, nicht auswandern können. Die Formalitäten zur Ausfuhr eines Negers aus Afrika werden nur von denen übertroffen, die zur Einfuhr eines Hundes in England erforderlich sind.“
Eigentlich hat sich daran wenig geändert – nur dass wir jetzt sowas wie den N-Wort-Schleier über all die Sklaven legen, die für unsere Kleidung, Phones, Laptops, Zahnfüllungen, Prothesen, Werkzeuge, Autos, Kühlschränke, Waschmaschinen, Windrad-, Satelliten- und Flugzeugteile, das Palmöl, den Kakao und Kaffee in den Minen und auf den Plantagen Afrikas, Lateinamerikas und Asiens krepieren …
Ein Samstag mit fünf Großeltern: Meine Eltern, die Schwiegereltern und die Schwiegeroma – ein Altersschnitt von 81,8 Jahren. Da treibt es mich trotz der Hitze des Abends noch einmal raus, weil wir zu viel gesessen und ich mich zu wenig bewegt habe.
Ich bin auf dem gewohnten Weg zur Arbeit, diesmal allerdings zu Fuß, normalerweise nehme ich das Rad. Ziel ist der „Stadtraum Bayerischer Bahnhof“, wie die Stadt Leipzig das dortige Biotop benannt hat. Der Name stammt von der im Jahre 1842 eröffneten Stationder Leipzig–Hof–Eisenbahn, die zwischen Sachsen und Bayern Personen und Güter beförderte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere mit der Teilung Deutschlands verlor der Bahnhof an Bedeutung und wurde nur noch für den regionalen Güterverkehr, als Umlade- und Messebahnstation und Wartungsplatz für Züge genutzt. Zum Ende der DDR war das ein maroder Güterbahnhof. Einige der Werkstätten und Fabrikhallen blieben nach der Wende noch in Benutzung, 1999 und 2000 hat man Teile des Gebäudes aufwendig saniert und zu einer Gaststätte mit Brauerei umgebaut. Der Rest des Geländes verfiel in einen Dornröschenschlaf.
2006 bis 2013 rückte auf dem Plangebiet schweres Gerät an, um die „U-Bahn“ zu bauen, eine unterirdische S-Bahn-Verbindung zwischen dem Bayerischen Bahnhof und dem Hauptbahnhof. Im Zuge dessen wurden viele der alten Bauten, so die noch nicht eingestürzt waren, schrittweise abgerissen – was stehen blieb, wucherte zu. So bildete sich im Lauf der Zeit ein Biotop, in dem noch vereinzelt Reste der früheren Industriebauten zu sehen sind.
Seit 2023 wird auf dem Gelände abermals gebaut – bis 2040 sollen hier 1.600 Wohnungen sowie drei Schulen und Kitas für 330 Kinder entstehen. Ob Letzteres realisiert wird, muss sich noch zeigen, da bei uns aktuell die Zahl der Geburten deutlich zurückgeht und deshalb bereits die ersten Kindertagesstätten schließen mussten.
Eines der ursprünglichen Gebäude neben dem Bayerischen Bahnhof ist noch in Nutzung – die Wilhelm Horn Brennerei, ein italienisches Spezialitätengeschäft mit Partyservice und ein Matrazenoutlet teilen sich den Bau. Horn war regional für seinen Gin bekannt, inzwischen werden dort aber auch andere Spirituosen gebrannt, meist Liköre. Der Hinterhof hat seinen eigenen Charme – die großen Fässer könnten aus einer amerikanischen Whiskeywerbung stammen.
Ich gebe zu, der kleine Marsch war nicht nur erholsam, sondern überraschend interessant. Manches entdeckt man nur zu Fuß.
Schule im Sinkflug. Habe komplett nachgeschlafen – bis 8:15 Uhr! Ein ruhiger, blaugrüner Mittwochmorgen mit Tee, Erdbeeren und Johannisbeeren nach dem Multinuss-Müsli. Unser Sohn ist gerade in seinem Gymnasium zum Vorstellungsgespräch für das Freiwillige soziale Jahr. Bei manchen Stirnrunzeln, ich aber sagte: Gewohnte und geliebte Umgebung, Mindestlohn, volle Schulferien! Und: Die Dienstpflicht wäre damit abgegolten, egal was kommt. Soll er ruhig machen (und dabei einen Studienplatz finden – für was auch immer).
Das übliche, kleinere Radpensum. An der Stecke Heu und Linde als Grundmotiv, die Felder punktuell gelb. Danach eine die Familie sehr zufriedenstellende Bolognese zubereitet. Wenn ich alle Zutaten einrechne, hat sie vielleicht 8 Euro gekostet (das Fleisch alleine 5). Gestern hörte die Jüngste das Brautwerben ihres dreizehnjährigen Klassenkameraden mit, bei dem dieser einen langen, beigen Kaftan trug. Das Girl sah die ganze Zeit aufs Smartphone. (Vielleicht war es auch ein Trennungsgespräch?) Abends nochmals die Wiese hinauf. Doppeldeckersichtung! Jetzt sind die schönsten Tage des Jahres.
Das lange Wochenende hat begonnen – ich mache Frühstück für die Fronleichnamkids. Ruhe im Garten, Semi-Ruhe draußen, da große Pilgerung nach Rheinland Pfalz, wo kein Feiertag ist. Andere haben gestern noch hektisch eingekauft – Staus am hellichten Tag. Händler Hassan hat gerade den Laika mit Frau und Sohn bepackt – er macht einen Hallenflohmarkt, sie einen Ausflug. Die Floh- und Antikmärkte laufen immer noch, so bleibt uns das Bargeld erhalten. Am Morgen die Nase dicht, allgemeine Schwäche, Halskratzen – vermutlich die neue Corona-Mutante (nennen wir sie Ωμ∞). Bleib den Tag im Haus: Waschen und Kochen, mit Frau und Kindern reden, mich an einem Achtzigjährigen erfreuen, der es immer noch bringt: Eddy Merckx!!!
Semiplatter Abend nach fast drei Stunden Mittagsschlaf. Danach gings erheblich besser. Hoffe, dass es mit der Schlappheit vorbei ist. Die Kinder waren Schwimmen und haben ein zweites Mal bei Reis und Kopfsalat zugelangt. Meine Frau übt Zurückhaltung und scheint mit einer Kugel Eis über die Runden zu kommen. Bei mir Appetit und Geschmack wieder normal. Habe ein Rennrad demontiert. Ein in Italien gebauter Rahmen, allerfeinste Handarbeit, sehr viele schöne Lötdetails, Namensstempel etc. War mir aber nie das richtige Rad. Versuche nun die Einzelteile zu verkaufen, auch wenn sowas kein Mensch mehr will – eine Schande. Erste Schwarze Johannisbeeren, aber die müssen erst noch ein paar Tage Sonne sehen – während es bei den Wilderdbeeren nochmals zum Aroma-Peak gekommen ist.
Höre bei der Küchenarbeit die neue Folge des Pandemia-Podcasts – Thema sind Spiegelbakterien. Die Hosts Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt stellen beiläufig die interessante These auf, dass Louis Pasteur die Entdeckung der Chiralität (eine zentralen Grundlage der modernen Chemie und Biochemie) möglicherweise der künstlerischen Ausbildung verdankte, die er vor seiner Laufbahn als Wissenschaftler genoss. Im Rahmen dieser hatte er sich unter anderem mit der Lithografie beschäftigt, einem Verfahren, bei dem das Motiv spiegelverkehrt auf den Druckstein gezeichnet wird, was ein feines Gespür für Symmetrie und deren Umkehrung sowie ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen erfordert. Genau jener geübte handwerkliche Umgang mit Form und Spiegelbild soll ihn dann als Ersten dazu befähigt haben, winzige Abweichungen in der Symmetrie kristalliner Strukturen (später auch molekularer Formen) wahrzunehmen – und das, obwohl bereits zahlreiche Forscher vor ihm dasselbe unter ihren Mikroskopen betrachtet hatten. Diesen fehlte dabei jedoch anscheinend der spezielle Blick des Lithografen.
Auch am Schlachtensee sind für das wache Auge Abweichungen zu beobachten: Neben den Mandarinenten, die ihr Revier vom Südost- zum Südwestufer verlagert haben, gaben auch die Kormorane ihren angestammten Platz am Nordwestufer auf und ließen sich rund zwei Kilometer weiter nordöstlich nieder. Da sich an den grundlegenden Bedingungen wie Nahrungsangebot, Fressfeinden oder eventuellen menschlichen Störungen offenbar nichts geändert hat, kann ich nur mutmaßen, was dahinter steht. Passenderweise komme ich in der Bucht mit einem Mann auf die Anpassungsfähigkeit von Tieren zu sprechen, deren Verhaltensänderungen und Ortswechsel während der Corona-Shutdowns („Ganz ohne staatliche Ansage!“) Zu den Kormoranen meint er, dass die schon wissen, was sie tun und wir von außen ja gar keine Käfer im Holz oder Ähnliches sehen könnten. Dann erzählt er mir, wo ihm in der Nähe öfter mal Wildschweine über den Weg laufen – und verschwindet mitsamt Hund gen Grunewald …
Um 7 Uhr bereits 19 Grad Celsius (Luft), nachmittags 27. Wir kürzen unsere Tischtenniszeit von dreieinhalb auf zwei Stunden, machen individuelle Trinkpausen – ganz ohne Hitzeschutzplan des Senats.
Zweimal mit dem Rad unterwegs in der Sonne, am Abend mit kurzer Rast an der Passkapelle. Dort, unter den blühenden Linden, summt es gerade, als wäre das ganze Universum in Schwingung. Auf den Feldern nochmals ein Heu-Boost. Es riecht wunderbar süß. Alles hat einen weiteren Wachstumsschub bekommen, auch unsere Wiese.
Ich bin auf einen idiotischen Artikel gestoßen, nachdem man wegen der Anbindehaltung in Deutschland lieber auf Kuhmilch verzichten solle. Vielleicht nur noch Milch von iranischen Wildziegen trinken? Sojakäse essen? Wofür gibt es eigentlich Landwirtschaftsminister?
Der Sohn berichtet, dass die Lehrer vollkommen humorlos auf den Abi-Streich reagiert haben – keiner wollte auf den angemieteten elektrischen Rodeostier. Es könnte ja der eine oder andere Urlaub in Gefahr geraten. Na ja, man darf da wohl nicht zuviel erwarten. Nun bettwärts. Ein irrer schöner Frühsommertag, so kanns weitergehen.
Im Nachwort des Hedwig-Koch-Memoirs Interessantes über das Glaubensvakuum um 1900: Viele Deutsche waren von der „Neuen Religion Wissenschaft“ regelrecht verzückt (etwas, das wir übrigens 2020 bis 2022 mit „Team Wissenschaft“ und „Follow the Science“ ziemlich ähnlich noch einmal erlebten), andere vom technisch-medizinischen Fortschritt und dem Tempo, indem dieser ablief, gnadenlos überfordert. Da die alten westlichen Religionen auf viele drängende Fragen der Zeit keine Antworten mehr gaben, wandte sich mancher (z.B. Hedwig Koch) den östlichen Weisheitslehren zu – oder suchte Halt (und Leitfiguren) in den hierzulande vielerorts entstehenden spirituellen Bewegungen. Ein spannendes Thema – ich nehme im eigenen Umfeld zunehmend ähnliche Sehnsüchte wahr.
Passend dazu traf ich vor anderthalb Wochen überraschend einen alten Freund wieder, den ich bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte. Ein Molekularbiologe, der über ein paar Stationen in Frankreich gelandet ist, wo er in einem bekannten Institut forscht – Schwerpunkt: Tuberkulose. Er erzählte, dass er und seine Kollegen und Kolleginnen zunehmend verzweifelt versuchen, neue Antibiotika zu entwickeln, da die gängigen Medikamente kaum noch gegen multiresistente Erreger wirken. Die COVID-19-Pandemie hat die TBC-Krise global in vielerlei Hinsicht verschärft – Laborkapazitäten, Personal und Fördermittel wurden weitesgehend in die SARS-CoV-2-Bekämpfung umgeleitet und die eigentliche Arbeit, TBC-Diagnostik und -forschung, musste liegenbleiben. Durch Shut- und Lockdowns sowie Reisebeschränkungen brachen weltweit Impfkampagnen weg, viele Infizierte mussten ihre Therapien abbrechen oder erhielten gar nicht erst eine Behandlung. All das befeuerte die Ausbreitung der Resistenzen weiter. Im Militär würde man dazu Kollateralschäden sagen. (Was ebenso für Malaria, Masern, Keuchhusten, AIDS, Polio, Röteln, Mumps oder Hepatitis B und C gilt, von den den vielfältigen Störungen bei Kindern und Jugendlichen mal ganz zu schweigen.)
Robert Koch und Ernst von Bergmann bei einer Tuberkulininjektion. La Science Illustree, Paris, 1891
Wir striffen ebenso das Thema Bakteriophagen (die große Hoffnung; verdient aber keiner dran; Lizenzprobleme, da aus dem Ostblock) – und sprachen kurz über den berüchtigten Tuberkulinrausch, der 1890/91 Deutschland erfasste. Die Parallelen zu 2021/22 mit der Covid-19-Vakzineuphorie, dem Jahrmarktcharakter der Impfungen, einem nahezu kritiklosen Journalismus, Selbstbeweihräucherung mit schnellen Ordensverleihungen, der dann einsetzenden Ernüchterung und anschließenden kollektiven Verdrängung sind schon augenfällig … Der Freund, wie alle seiner Zunft, die ich persönlich kenne, ruhig und angenehm fatalistisch – Rückschläge gehören auf dem Weg der Erkenntnis dazu, sind Hinweisschilder, markieren Sackgassen. Die eitlen, aufgeregten Selbstdarsteller findet man eher im Fernsehen.
Perfektes natürliches Phagenreservoir: Dorfgartenteich in Mecklenburg
Aufgeräumter Montagshimmel, nur ein Mondrest schimmert noch. Es hat sich auf 12 Grad runtergekühlt. Alltag. Die Schwalben beginnen mit der Jagd. Aufgeregt flatternde Türkentauben – der Tulpenbaum vorm Küchenfenster scheint wieder bewohnt zu sein. Der Buxbaum erholt sich nach den Schädlingseinsätzen und gewinnt langsam an Farbe. Mein Agraringenieur-Bruder ließ mir gerade ein Kampfmittel zukommen: Bakterius thuringiensis – ein Fraßgift, das ich aufbringen soll, wenn wieder Larven zu sehen sind. Hätte ich mal eher gefragt.
Habe mich sehr gut von der samstäglichen Tour erholt, der Körper nach dem Ruhetag leicht und locker. Lediglich die linke Außensehne am Knie zieht ganz leicht beim Aufstehen – meine Beine sind aber auch unterschiedlich lang. Die Eindrücke aus Belgien wirken nach: die grauen Bauernhäuser mit den massiven Steinen, die neueren, knapp geschnittenen Schachteln, bei denen die Dächer nur noch einen Zentimeter überstehen. Optimal strukturierte Supermärkte mit riesigen Glaskühlschränken, in denen sich massenhaft abgepackter Scheibengouda befindet – für frisches Wasser einhundert Meter an zwanzig Metern Tiefkühlpizza entlanglaufen. Die verfallene Industrie um und in Lüttich – das alte Stadtskelett, die schier unendlich langen Reihen der Backsteinhäuser, ab und an unterbrochen von Brachen.
Das Rad nachölen, mit sogenannten Baby-Feuchttüchern Vegetation und Staub vom Wochenende entfernen – im Schaltwerk und den Schaltwerksrollen bleibt am meisten hängen. Seilzüge fetten, Rohre abwischen und die Felgen blank putzen – fertig. In nur zehn Minuten sind die Spuren einer 300-km-Fahrt mit Starkregen und Gewitter beseitigt. Man zeige mir eine Maschine, die derart pflegeleicht ist.
Am Sonntagmorgen endlich Taubenruhe. Zwei Echelhäher kreischen durch den Vorderhof, ein dritter sitzt hinten still auf meinem Balkon – was ausreicht, um die vermeintlichen Friedensboten einstweilen zu vertreiben. Bereits um fünf Uhr 17 Grad, nachmittags werden es 32 sein. Frühstück. Zum See. Auf den Bahnhöfen wird großflächig der„Erste nationale Veteranentag“ beworben. Am gegenüberliegenden Ufer singen Jugendliche a capella spanische Popsongs. Der alte Ex-Jugo neben mir auf der Buchtbank sagt: „Geht schon zweite Stunde so.“ Wir baden, die Kids grooven. Nun kommen aus einer Bluetooth-Box Diskosongs. Kamerad Ćevap: „Müde vom Singen, Tonband an.“ Wir freuen uns über das Wetter, das Wasser, die Kids, den perfekten Tagesbeginn. Andere sitzen lieber in der Bude und scrollen durchs Smartphone – Freund Balkanovic: „Goldener Weg immer wichtig!“ Der Schlachtensee ist ein Kraftort – manchmal bringt sogar jemand sein krankes Haustier mit, damit es dort wieder Lebensmut schöpft.
Auf dem Rückweg lese ich in der S-Bahn das Erinnerungsbüchlein von Hedwig Koch zuende – geboren 1872, gestorben 1945, zweite Ehefrau von Robert, dem Bakteriologen. Als das Verhältnis beginnt, ist sie 17 und er 46. Er benutzt die Minderjährige als Versuchsobjekt für sein sich später als schädlich herausstellendes Schwindsucht-Mittel Tuberkulin – mit den Folgen hat sie ihr Leben lang zu kämpfen. Sie begleitet Robert auf vielen Expeditionen, ist dabei aber mehr Anhängsel als Partnerin. Ihre eigenen Ambitionen als aufstrebende Malerin und Schauspielerin stellt sie komplett zurück. „Hedchens“ glücklichste Stunden sind die, wenn sie nach Mitternacht neben ihrem Mann am Schreibtisch hocken darf und er ihr „als ob er sie segnen würde“ über den Kopf streicht. Die Reiseberichte sind nicht minder haarsträubend – da wird ihr, als sie an Malaria erkrankt, für die Rückfahrt einfach mal so ein „Kannibalenjunge“ als Schiffsdiener mit an Bord gegeben. Währenddessen knallen die Männer weiterhin Wildtiere ab. Damit sie den gewohnten Tischstandard halten können, vergraben die Engländer in der Wüste Silberservices. Hedwig wird enterbt und verleumdet. Sie verbittert, findet aber nach Roberts Tod auf Asientrips ein wenig inneren Frieden. In Japan nimmt sie bei einem Zen-Meister Unterricht. Gerade mal hundert Jahre ist das her.
Spülmaschine läuft, Waschmaschine läuft, Johannisbeeren im Müsli, nach dem Sencha nun Koffein und Bitterschokolade. Kam zur Nacht aus Maastricht heim – Thermoskanne und ein dünner Wollpullover erleichterten die Rückfahrt. Die gestrige Radtour wunderschön. Die Ardennen wie ein Ausläufer des Westerwalds, sind rauer als die Eifel nebenan. Über lange Strecken ehemalige Bahnlinien zu Radwegen umgebaut, dadurch ein gutes Tempo möglich. Oben in Venn ist es wohl zu warm: Ich sehe sehr viele rotgesichtige Mittfünfziger – auf E-Bikes und in Vollausrüstung wie für eine Wüstenexpedition. Gegen die Krämpfe ab km 120 bei Stourmont Salzwasser und Tripel Malle.
Zum Ende der dreihundert Kilometer der Totalkontrast Lüttich. Der große Abgesang auf die Montaninindustrie (Metallverarbeitung und Bergbau). Die Schwerindustrien der Großregion waren von Süd nach Nord verteilt – gigantische Kalk- und Zementwerke mit eigens dafür gebauten Eisenbahnbrücken; Mitte der Achtziger machten hier die letzten Kohlebergwerke dicht. Sechs 100 Meter hohe Abraumberge sind weithin sichtbare Denkmale dieser Zeit – wer genug Geld hatte, lebte weiter oben. Auf der Westseite der Maas dicht an dicht Häuser, deren Backstein an England erinnert. Habe im Spätkauf Manchester- und Kongo-Feelings. Eine Kirche, die zum Autofriedhof umgewidmet wurde. Ein junger Schwarzer, der im Regen auf der Straße tanzt.
Dann ein Gewitter. Zum ersten Mal in meinem Leben schlägt direkt über mir ein Blitz ein, verwandelt die Brücke in einen riesigen Resonanzkörper. Ich finde Zuflucht in einem gewaltigen Parkhaus. Intensiver Weed-Geruch aus dem Versorgungsschacht neben mir. Der stellt sich später als Jugendtreff in einer Art Vorratsraum mit Kühlschränken heraus. Ich bekomme dort das dringend benötigte frische Wasser. Es dauert eine halbe Stunde, um wieder aus dem Labyrinth der Stadt zu gelangen. An deren Ende die Jupiler-Brauerei – kein Wunder, dass das Zeug schlecht schmeckt. Auf den letzten Kilometern ein Vollbad im Starkregen … Ein Tag wie zehn Tage.
Sonntagsruhe. Große Müdigkeit. Leicht bewölkt, angenehme 23°.
Vor einer Woche bin ich bei meinem mecklenburger Dorfbesuch auf dem Weg zu den Wilderdbeeren aus Versehen auf eine Schnecke getreten. Ihr Gehäuse war angeknackst, der Körper mit ungesund aussehendem Schleim und Schaumbläschen bedeckt. Das Tier wirkte mehr tot als lebendig und bewegte sich, wenn überhaupt, nur noch minimal. Wir überlegten, was zu tun sei. Ich war bereits auf dem Weg zum Schuppen, um den Spaten zu holen und dem Ganzen ein schnelles Ende zu setzen. Da erinnerte sich meine Gastgeberin, dass Schnecken über immense Selbstheilungskräfte verfügen – und dass man diese von außen unterstützen kann. Das schien uns einen Versuch wert, auch wenn wir dabei hin- und hergerissen waren, weil wir das Leid nicht unnötig verlängern wollten – einfach so töten aber auch nicht. Also bereiteten wir in einer Gartenbox schnell ein kleines Krankenbett aus Gras, feuchter Erde, Gurkenscheiben, Eierschalen und Salat: Flüssigkeits-, Energie- und Kalziumlieferanten.
Fünf Tage danach erreichte mich die Nachricht, dass der Riss im Gehäuse verschlossen und die Schnecke wieder munter sei, so dass sie nun aus dem Lazarett entlassen werden konnte. Mich erstaunt, dass die Rekonvaleszenz so gut verlief, und auch, wie schnell das ging – in dem Fall stand die Heilung in umgekehrtem Verhältnis zur sprichwörtlichen Schneckengeschwindigkeit. Was für eine Freude!
Foto: Sanne Kasperowski
Als Gruß in die Ferne legte ich der Genesenen gerade das Lied „Die Schnecke“ von Hildegard Knef auf – die wußte auch, wie man sich immer wieder an dünnsten Fäden ins Leben zurückzieht …
Mittwochmorgenruhe – alle aus dem Haus. Der Sohn nervös aber eigentlich zuversichtlich zur Biologieprüfung – es fielen die Namen dutzender Enzyme am Frühstückstisch. Für mich dabei das Traurige, dass Dich nie wieder jemand nach Polymerase fragen wird – man fordert, Du übst, Du lernst und danach bleibt es im luftleeren Raum des Alltags hängen, ist nach Luhmann „nicht anschlussfähig“ und somit „asozial“. Kein Wunder, dass bei einer Pandemie 98 Prozent neue Götzen anrufen und völlig ratlos daherplappern …
Zurück aus Westerburg. Da sind 2024 drei Einkaufskomplexe pleite gegangen – ein Areal von 10 Hektar; Garten, Baumarkt, Intersport auf einer Etage – nun leerstehender Waschbeton. Bäcker, Friseur und Post die letzten Mohikaner, fünftausend Parkplätze stehen ihnen zur Verfügung. Im Kaufland diverse Milka-Schokoladen à 99 Cent, mal 85g, mal 90g, mal 92g. Demnächst dann mit Nachkommastellen, Shrinkflation leicht gemacht. Wie gut, dass irgendwann der Kilopreis am Regal zur Pflicht wurde. Die 100g-Bio-Tafeln à 145c ausverkauft.
Ein heller Morgen. Die Erdbeeren reifen nach, die Johannisbeeren aus. Die Wärmefront von Südwest bringt einen Wachstumsschub, der den Bauern gefallen dürfte. (Uns anderen auch!) Der Sohn hat die Bioprüfung bravourös bestanden! Gerade ist er im Altersheim arbeiten: Servieren, Abdecken und Aufräumen – der Speisesaal wird heute voll, denn Donnerstag ist Schnitzeltag. Bei uns hingegen gibt es Hühnerbrust mit Kartoffeln und Bio-Feldsalat. Die jungen Damen am Abend mit der Klasse in der Wiesbadener Oper: „Tosca“. Halb elf hole ich sie mit dem Auto ab. Das Fazit: Die Sänger sind sehr laut! Sie fanden es aber alle toll. Das Orchester von oben zu sehen, ist cool. Die Stimmgewalt beeindruckend. Zwei Pausen genau richtig. Probleme gabs beim Nachvollziehen der Story: der Maler hatte doch zu Beginn eine andere Frau, die er liebt? Und waren da nicht auch Kinder? Egal, der Konflikt zwischen Gut gegen Böse war wichtiger. Überraschend bei alledem die Zeitökonomie: wenn jemand fünf Minuten singt für einen Vorgang, der eigentlich in zehn Sekunden abgehandelt wird. Vorbereitung in der Schule: Eine Doppelstunde.
Verlag des Borromäusvereins, Bonn, 1967
Toller Bücherfund: „Die Nachricht kam über die Alpen“ von Bertram Otto – ein Bildband über die Christianisierung Mitteleuropas, die sich über Jahrhunderte erstreckte. Momentan erleben wir die Auflösung. Es werden sicher bald neue „Heilige“ auftauchen – der Islam wird unser agnostisch konsumistisches Volk wohl eher nicht überzeugen. Satte Erdbeerportion aus dem Garten – kein Fressfeind in Sicht.
Es ist angenehm warm an diesem Donnerstag. Später Nachmittag, früher Abend. Gestern hab ich auf den Erdbeermond gewartet. Bis weit nach 0 Uhr, erst dann stieg er recht voll und schön, aber wenig erdbeerig über die Bäume.
Jetzt kommen Emma und ich vom Spaziergang.
In kontemplativster Ausgiebigkeit wurden Wege abgewittert und Claimposts untersucht, gegebenenfalls übersprüht. Ich versuche mit Emma Kaffeebohnenschritt zu halten und bin noch immer viel zu schnell. Das aber ist keine Trägheit, sondern Gründlichkeit und 1 klares Bekenntnis zur Antihektik des anderen Lebens.
Fressenscheißenschlafenschnell.
Mitten im Wald, auf einem kleinen Weg, etwas abseits der Hunde- und Waldläuferhauptverkehrsadern entdecke ich eine gestützte Kastanie. Ohne Stock und Geschenkband, läge sie am Boden. Ich habs ausprobiert.
Gerade heute hörte ich von einem Waldbericht und der dringenden Empfehlung die reinen Nadelbaummonokulturen in Mischwälder zu verwandeln. Schön, dass irgendwer das Säckchen mitträgt.
Vom Nordwestufer des Schlachtensees ist zu vermelden, dass ein weiteres Blässhuhnpärchen erfolgreich gebrütet hat! Und auch in dieser Familie folgt alles den uralten, über Jahrtausende vererbten Regeln: Die Jungen klettern, stolpern, plumpsen unmittelbar nach dem Schlüpfen aus dem direkt an der Gewässeroberfläche erbauten Nest ins Wasser, können bereits schwimmen, paddeln also sofort mit ihren riesigen Füßen los und fordern laut piepsend ihr Futter ein. Was sie ziemlich oft machen, so dass ihre Eltern immer wieder nach Nahrung tauchen. In den ersten Tagen bekommen sie vor allem Tierisches, zum Beispiel Insektenlarven – eiweißreiches Futter ist entscheidend für das schnelle Wachstum, nach und nach kommen Pflanzen und Algen dazu. Ein instinktives Zusammenspiel, das das Überleben der Art sichert. Die Küken sind mit einem dunkelgrauen bis schwarzen Dunenflaum bedeckt; weit erkennbar die leuchtend rot-orangene Kopffärbung mit den gelb-roten Borstenfedern – ein Anblick, der in zwei, drei Wochen verblassen und allmählich einem unauffälligeren grau-bräunlichen Jugendgefieder weichen wird. Interessant: Die Signalfarben machen die Küken zwar sichtbarer für Fressfeinde, erleichtern den Altvögeln aber auch das Wiederfinden im Schilf oder in der Dämmerung. Die Evolution hat dieses Problem offenbar zugunsten der elterlichen Fürsorge abgewogen.
Am Vormittag kühl, windig und dickwolkig, später bricht immer öfter die Sonne durch – sekündlich wechselnde Licht- und Schattenspiele, da kannste als Künstler einpacken. In der Ringbahn neben mir drei etwa zehnjährige Jungs, die sich über ihre verstorbenen Haustiere unterhalten. Zwei zeigen an sich (einmal Kopf, einmal Bauch), wie groß die Tumore ihrer Hamster waren, der dritte berichtet von seiner Katze, die an einem Nierenversagen starb. Daran können sich die beiden anderen noch erinnern. Man ist sich einig, dass der Tod einer Katze schlimmer ist als der Tod eines Hamsters: „Hamster kommen und gehen!“ Übergangslos ist man beim Thema „Was würdest du machen, wenn du richtig reich wärst?“ – Antwort: „Einen riesigen Simulator bauen, damit ich irgendwann besser S-Bahn fahren kann als unser Fahrer.“ Sofort gehen sie in technische Details, als das Wort „Steuerrad“ fällt, klatschen sie sich ab – Insideranspielungen sind wichtig. Als nächster Vorschlag kommt: „Eine Insel kaufen, da kannst du machen, was du willst.“ „Außer Töten!“ „Muss man aber ja auch nicht.“ Leider bin ich kurz abgelenkt, so dass ich verpasse, warum die drei urplötzlich über Stalingrad reden („Das ist bei den Russen.“) und dabei Granatenexplosions- und Schießgeräusche imitieren. Ich tippe auf ein Computerspiel – im Unterricht einer vierten, fünften Klasse dürfte der Weltkrieg noch nicht Thema sein.
Für einen thalheimer Freund und dessen Kinder nehme ich aus dem Trödel das wundervolle DDR-Kinderbuch „Die Schwarze Mühle“ des Sorben Jurij Brězan mit und erfreue mich wie seit Jahrzehnten beim Durchblättern an den großartigen Illustrationen Werner Klemkes. Zuhause angekommen, finde ich im Postkasten einen Brief genau jenes Freundes – auf die Rückseite des Umschlags hat er ein schwarzes Windrad gezeichnet. So fügt sich eins zum anderen …
I′m a leaf on a windy day / Pretty soon I’ll be blown away / How long will the wind blow? / Until I die :::
Die letzte Tasse Tee des Tages erhebe ich auf das gottverdammte Genie Brian Wilson und danke ihm für das Licht in dunklen Stunden.
Der Tag beginnt mit einer verschleierten Sonne – es fällt ein ganz sanftes, wunderbar mildes LICHT auf den Tau. Schachtelhalm und Klee für die Kaninchen. Aus dem Radio plärrt Unsinn. Reifenrollen und Motoren – das Rauschen des Alltags ist wieder da. Dann die Nachricht, dass Sly Stone tot ist – wir hörten neulich in der Asterix-Serie, die unsere Jüngste schaut, noch einen Song von ihm.
Meinem Sohn einen kurzen Abriss über die hessische Stahlindustrie gegeben. In der waldreichen Region war der Brennstoff Holzkohle günstig, durch die ergiebigen Erzvorkommen entwickelte sich früh eine Hüttenindustrie mit gefragten Produkten wie Kanaldeckeln oder Heizkesseln. Insbesondere für die Eisenhütten im Dill- und Lahntal gab es jedoch ein strukturelles Handicap: Zum einen fehlte eine leistungsfähige Bahnanbindung, zum anderen stellte die Konkurrenz in anderen Regionen bereits auf die effizientere Koksfeuerung um – die für die neuartigen Stahlöfen benötigte Kokskohle musste teuer und aufwendig aus dem Ruhrgebiet beschafft werden. Die Situation besserte sich dann etwas durch den Bau neuer Eisenbahnstrecken, langfristig war das Lahn-Dill-Revier jedoch zum Scheitern verurteilt.
Gießereibetrieb „Karlshütte“ in Staffel bei Limburg, eröffnet 1900. Zeitgenössischer Stich.
Aktuell sehen wir, wie die Kostenvorteile der globalen Stahlindustrie das Zeitalter der Massen- und Großfertigung in ganz Deutschland beenden. Möglicherweise wird die Edelstahlproduktion überleben – doch selbst das ist ungewiss: Die riesigen Kohlevorkommen und subventionierten Produktionskapazitäten in China machen einen Wettbewerb nahezu unmöglich, von anderen strukturellen Faktoren ganz zu schweigen. Was bleibt, ist die Verarbeitung und Veredelung: das Schrauben- und Stiftegeschäft, Drahtzüge, Sonderformen, CNC-Bearbeitung, Beschichtungstechnik, Großkesselbau … also all das, was Know-how, Flexibilität und Spezialanwendungen verlangt.
Mit unserer jungen Ballerina nach der Ballettstunde eine gute Runde über die grünen Hügel mit ihren Jasmin- und Holundersträuchern. Später ein wunderbar gelungenes Tape von Brahms‘ „Pianoquintett op. 34“ mit Pollini und dem Quartetto Italiano. Ein ganz eigener Stil.
Der Dienstag begann grau, aber trocken. Doch zum Nachmittag hin hatte das schauerhafte Wetter auch Leipzig wieder eingeholt. Das erinnerte mich an mein Wochenende in Parchim … Wenn plötzlich ein Starkregen fällt, ist man für so etwas wie den überdachten Eingangsbereich eines Einkaufszentrums dankbar. Umso trostloser ist dann der Blick auf den sich mit Wasser füllenden Asphalt.
Der Schauer hatte mich auf meiner Verdauungsrunde überrascht. Da hieß es, sich schnell an die Büsche zu drücken, damit mich das von den Autos hochspritzende Regenwasser nicht erwischt. Am Ende gab es dafür eine kleine Belohnung: An einer Riesenpfütze sah ich zwei Männer mit elektrischen Rollstühlen. Ob sie diese wirklich brauchten oder nur Mechaniker bei einer Testrunde waren, ließ sich nicht erkennen. Einer von ihnen raste mit gemütlichen 10-15 km/h, oder was immer diese Rollstühle hergeben, von einem Ende der Pfütze zum anderen und wieder zurück. Ich rief ihm zu: „Für Pfützen ist man nie zu alt, oder?“ Er lachte und rief zurück: „Stimmt!“
Kühles, ruhiges Wetter am Pfingstmontag. Absolute Stille. Keinerlei Motorgeräusche, nirgendwo. Vögel die hin- und her huschen, mehr nicht. Die Rufe der Tauben, mal von diesem, mal von jenem Dach. Die Rosenbüsche derart überladen, dass sie zur Stütze einen Tisch brauchen. Die Grüne Tonne bereits randvoll mit Rückschnitt. Die Johannisbeeren in ein paar Wochen genießbar – mit wenigen Tagen Abstand blühen und reifen die Sträucher. Aber vorher gibt es noch ein paar kleine Erdbeeren vom Wegesrand und von der Wiese.
Die Vorstellung, dass die Natur die Farbe Rot für Beeren entwickelt, um den Maximalkontrast zum Chlorophyll herzustellen … sie wollen gefunden werden. Dabei interessant: die Komplementärdramaturgie funktioniert nur dank unseres „korrekten“ Farbensehens – Bienen etwa nehmen Farben ganz anders wahr, ihr Spektrum reicht weit ins Ultraviolette; die Wahrnehmung ist darauf ausgerichtet, Blüten zu erkennen, nicht Beeren. China Bio Sencha. Gleich erwacht das Haus.
Am Nachmittag mit der Familie Minigolf im Diezer Hain, dieser gut besucht. Auf den letzten drei Löchern gegen den Sohn verloren. Gestern bei Portugal gegen Spanien dessen beinahe philosophische Frage: Warum kann ich mir mühelos jeden Spieler, Verein und sogar Trainer merken, aber keine Fachbegriffe in Bio … Der Tag endet mit einem beige-rosa Vollmond, der hinter Wolken verschwindet.
Nein, ich muss das anders beginnen: Am Anfang wollte ich nach den Regenfällen noch eine kleine Runde durch Parchim spazieren. Ohne bestimmten Grund ging ich von der Weststadt in Richtung Südring. An der Ebelingstraße bog ich nach links ab, in der Hoffnung, einen Weg zu der kleinen Fußgängerbrücke zu finden, die mich über die Ziegendorfer Chaussee zurückbringen würde.
Hinter den Häusern machte ich mein erstes Foto: Die Eldewiesen im Sonnenuntergang, dramatische Pfützen, viele Gräser und blühende Kräuter. Eine spannende Pflanze kam nach der anderen – da wir hier die Botaniktrommel befüllen, habe ich sie alle dokumentiert. Wobei ich zugeben muss, dass ich ohne meine Pflanzenbestimmungapp aufgeschmissen gewesen wäre – immerhin kannte ich den kräftig gelb leuchtenden Besenginster noch aus dem Biologieunterricht, wo wir ihn sammeln und für das Herbarium pressen mussten.
Die lilablühende Pflanze war mir hier oft aufgefallen. Als mir die App den Namen verriet, sagte ich nur: na klar, die Wicke, genauer die Zottige Wicke. Ein Schmetterlingsblütler, der als Grünfutter, aber auch als Düngepflanze verwendet wird und durch Symbiose mit Knöllchenbakterien in den Wurzeln Stickstoff aus der Luft bindet.
Die nächste Pflanze war klein, ziemlich unscheinbar, und trug eine weiße Blüte: Die Graukresse. Ein Kreuzblütengewächs, aus deren Samen das Kresseöl gewonnen wird. Würde die Pflanze mehr als 30 Prozent der Nahrung ausmachen, könnte sie für Pferde tödlich sein. Da sie sehr bitter schmeckt, meiden Pferde diese aber in der Regel.
Wenn der Blick einmal auf dem Boden gerichtet ist, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Erneut eine kleine Pflanze, die am Wegesrand gelb blüht – der Scharfe Mauerpfeffer. Allein für diesen Namen, hat sich das Nachsehen gelohnt. Auch der Zweitname, Fetthenne bzw. Scharfe Fetthenne, ist einprägsam. Bereits 300 Jahre vor Christus soll deren Saft als Heilmittel gegen Schwellungen und Entzündungen verwendet worden sein. Neuere Untersuchungen zeigen, dass es zwar eine blutdrucksenkende Wirkung gibt, aber das Gewächs insgesamt leicht giftig ist.
Die folgende weiße Blüte gehört zur Kratzbeere, bei der es sich um eine Brombeerart handelt. Im Gegensatz zu den bekannten Büschen, erreichen die niedrig liegenden Ruten hier nur Längen von 30 bis 60 Zentimetern. Verwendungsmöglichkeiten? Na klar: Aus den Früchten wird Likör, Marmelade oder Kompott. Oder man nascht sie gleich beim Pflücken.
Wer könnte erraten, zu welcher Pflanze die blaulila-farbene Blüte mit den fünf Kelchblättern und den weit herausragenden Staubblättern gehört? Imker wissen es vermutlich, da das Gewächs aufgrund des hohen Zuckergehalts im Nektar bei Bienen sehr beliebt ist – der Gewöhnliche Natternkopf aus der Familie der Raublattgewächs.
Bevor ich, als gemeine Großstadtpflanze, den Kopf in den nahen Ufersand stecke, weil ich so gar nichts über die Flora auf dieser Wiese weiß, sehe ich dann noch einen unverwechselbaren, kräftig rot leuchtenden, alten Bekannten – den Klatschmohn. Was ich über ihn wiederum nicht wusste: Die Blätter können wie Spinat zubereitet und vor der Blüte roh, zum Beispiel in Salaten, verspeist werden.
Fünfzehn Minuten Spaziergang, auf denen ich an einem einzigen Wegsaum mit Hilfe des Phones acht verschiedene Blühpflanzen identifiziert habe – ein lohnender Ausflug.
Wer jetzt noch wissen will, wie die App heißt: Es handelt sich um das kostenfreie, KI-unterstützte Programm „Flora Incognita“, das von der Technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut für Biochemie in Jena entwickelt und dabei mit Mitteln vom Ministerium für Bildung und Forschung, dem Bundesamt für Naturschutz und der Stiftung Naturschutz Thüringen unterstützt wurde. Das nenne ich mal gut investiertes Steuergeld.
Nach all den Starkregenschauern, in die ich in Mecklenburg geriet, geht es damit am Pfingstsonntagmorgen am Schlachtensee weiter – gerade als ich aus dem Wasser komme, wird es urplötzlich windig, übergangslos prasseln dicke Tropfen auf uns hernieder. Die Vögel fliegen und schwimmen in Unterschlüpfe, Menschen hasten unter Bäume. Irreale grau-schwarze Wolkengebilde, Donnergrollen, näher kommende Blitze, vom Südufer aus der Johanneskirche das Geläut der Vaterunser-Glocke – man könnte sich fast in einer Szene aus Staudtes „Leuchtfeuer“ oder Tony Richardsons „Mademoiselle“ wähnen, es fehlt wirklich nicht viel, dass gleich Jeanne Moreau aus dem Schilf tritt und dabei mit starrem Blick Enteneier zerdrückt …
Von alledem vollkommen unbeeindruckt schwimmt der Taucher von neulich heran und wirft irgendetwas in meine Bucht, bevor er wieder in der Tiefe verschwindet. (Ich zwinge mich dazu, nicht „Taucher + Gewitter + unter Wasser“ in die Suchmaschine zu tippen.) Am Tag darauf finde ich beim Reingehen muschelbefallene Gegenstände im flachen Wasser, die ich vorsichtig heraushole und am Ufer ablege.
An seinem elften oder zwölften Tag auf Erden muss am Montag auch das letzte der Haubentaucherjungen so langsam den schützenden Rücken der Eltern verlassen – alle Raufkletterversuche werden durch stoisches Im-Kreis-Drehen abgewehrt, nur ab und an gelingt es ihm noch für ein paar Minütchen, auf den gewohnten Platz zu gelangen. Durch kurzes Aufflattern wird er dann jedoch wieder ins Wasser abgeschüttelt. Die Küken wachsen jeden Tag, putzen sich bereits allein, ihr Fressen bekommen sie allerdings nach wie vor aus den Schnäbeln der Alten. Die achten darauf, dass alle gleichermaßen versorgt sind. Ist ein Fischlein zu groß für die hungrigen Hälse der Kleinen, schluckt ihn der fütternde Elternvogel. Noch tragen die Kleinen ihr Jugendgefieder mit den schwarz-weißen Längsstreifen im Gesicht – bis zum Ende des Sommers werden die verblasst sein.
Am Freitag Durchzug einer Regenwand. Mild. Angenehme Wechsel von flüchtigen Schauern, Wind und Sonnentupfern. Mit dem Sohn nochmal die Deutschabiturthemen: Goethe, Hofmann, Kafka, von Schirach. Ich tippe auf irgendetwas mit Faust: Faust und KI? Was wäre unser Mephistophelis heute? Es werden ja gerade viele Teufel an die Wand gemalt – das generiert Klicks. Noch ein Schulbrot und ab zum Bus. Bald ist die Seite umgeschlagen, das Buch der Kindheit geschlossen … ich sage es nicht. Auf dem Weg Rosenblütenblätter, von pinkrosa gehts über zu aprikose, eine kleine rosa Heckensorte, die intensiv duftet – ein irres Jahr. Die Girls bleiben heute im Bett: „Studientag“ – man hört die Seriendialoge hinunter bis in die Küche … in der es nach Marillenmarmelade und warmer Milch riecht.
Am Samstag wilde Wolkenberge mit kräftigen Böen; kurze, kraftvolle Schauer. Ich passe eine Lücke ab, um aufs Rad zu steigen: Es geht über Diabasgestein durch das Gladenbacher Bergland, über Haiger hinauf in den basaltigen Westerwald. Im Factory Valley Dilltal kühne Brückenkonstruktionen, die Schnellstraße läuft auf Pfeilern. Unten alte Dörfer, verbunden durch Chausseen mit Alleebäumen und Randstreifen, die Schilder ausgeblichen, die Leitplanken verbeult. Wo der Asphalt aufplatzt, sieht man Basaltpflaster. Das stammt aus der Zeit, in der die LKW maximal 60 Kilometer in der Stunde fuhren.
Neben einem REWE eine Flüchtlingscontainersiedlung – exakt das Muster der Rittal-Hallen im Maßstab eins zu zwanzig. Ich bekomme trotz umsichtigster Pausen dreimal eine Volldusche, sehe hunderte Berge, radle jubelnd durch Dorffeste, sorge dafür, dass ich immer genug Kalorien im Tank habe. Angenehme Bedienungen auf den Märkten – friedliche Dörfer, in denen die Leute fest auf dem Boden ihrer Möglichkeiten stehen: „Morgen wird der Garten gemacht!“
Pfingstsonntag müde und entspannt nach der Regensoloschlacht am Vortag. Von LP auf Kassette gezogen: Beethovens „Klavierkonzerte 2“ – ein souveräner Arrau mit der Staatskapelle Dresden unter Colin Davis. Vorher die Test-LP aufgelegt; die Nadel ist fit, fitter als meine Ohren, da sind 9000Hz plus leider futsch. Trotzdem immer noch das Gefühl, alles gut zu hören. Früher als verabredet die Teenies von der Kirmes abgeholt: Eintritt 8 Euro, 3 für ein Glas Apfelwein, das war es ihnen dann doch nicht wert. Um den Gemeindesaal herum massig Kids mit sehr homogenem, „artigem“ Erscheinungsbild. Was nichts am Alkoholpegel ändern wird, den sie gegen Mitternacht erreicht haben werden – so wie das hier nunmal Sitte ist … Wie zuletzt mit Kurzecks „Der vorige Sommer …“ zur Nachtruhe, das transzendiert in die eigenen Gedanken … Das gleißende Licht der Rhonemündung, das manische Verbessern der Typoskripte, die immer neuen Details. Thema in jedem Buch: wie er gerade an einem anderen schreibt.
Am Sonnabend Treffen mit alten Freunden in Parchim, unter ihnen witzigerweise zwei weitere Botaniktrommel-Autoren. Erinnerungen, die sich ergänzen. Fotos, die Erinnerungen wecken. Zeitungsartikel aus den frühen Neunzigern, die uns schmunzeln lassen.
Vormittags wieder eine Laufrunde zur Entspannung. Ich will über Slate nach Kiekindemark und von dort zurück. Auf dem Weg in den Wald ein Hingucker. Ein Gänsegatter. Doch statt vor dem Fuchs wird vor dem Wolf gewarnt. Willkommen in der Welt von Rotkäppchen.
Mit den Gebrüdern Grimm geht es auch gleich weiter, denn durch den Forst hallen Schüsse: Dumpfer Knall, heller Knall, ein paar, die sich wie Böller anhören. Das klingt nicht wie im Film, das klingt bedrohlicher. Am Waldesrand ist ein Schießplatz – und an diesem Vormittag wird geschossen. Auch wenn es Sicherheitsvorkehrungen gibt, ist mir nicht wohl bei dem Gedanken an eine verirrte Kugel. So drehe schon nach ein paar hundert Metern um und laufe an den Gänsen vorbei zurück nach Slate. Der Eldeblick stadteinwärts hat etwas für sich. Am Ende waren es 9,92 Kilometer – ich fühle erholt.
Freitagfrüh Bahnreise nach Mäkelborg, wo ich zuerst in Wakenstädt, einem Dorf in Nordwestmecklenburg, eine Freundin besuche. Hier fand 1712 die berühmte Schlacht statt, in der die schwedischen Truppen die Dänen und Sachsen besiegten. Seit fünfzehn Jahren stellen Historienfreaks in akribisch nachempfundenen Kostümen das Gemetzel am Originalschauplatz nach. Damit die dabei eingesetzten Pferde nicht durchgehen, werden sie im Vorfeld langsam an Schüsse und anderen Lärm gewöhnt, wie mir mal ein Einheimischer erzählte.
Die alte Haus- und Hofkatze ist inzwischen blind und nahezu taub. Es rührt mich, sie, die ich noch herumspringend und kletternd vor mir sehe, nun äußerst vorsichtig tastend, stolpernd, sich stoßend zu erleben. Damit sie nicht noch einmal auf die Landstraße rennt oder irgendwo herunterstürzt, sind drinnen und draußen die größten Gefahrenstellen abgesichert. Das Herzzerreißende des Alterns.
Nach dem Mittag spazieren die Freundin und ich zur Ellerbäk, einem länglichen See, der durch eine Chaussee nebst einem vor kurzem angelegten Radweg zerschnitten und durch einen Kanal verbunden ist. Linkerhand zieht eine rasant düster werdende, über den Feldern am Horizont bereits abregnende riesige Regenwand heran. Kaum, dass wir den See erreicht und ich mich ausgezogen habe, bricht der Starkregen los. Meine Begleitung flüchtet sich in einen Hain, ich gehe, nachdem ich meine Kleidung unter einem Baum in Sicherheit gebracht habe, ins irre auftropfende Wasser. Herrlich! Justament als ich die Schwimmrunde beende, ziehen die restlichen Düsterwolken weiter, sodass ich mich unter immer leichterem Getröpfel abtrocknen kann. Der Thermosflaschentee wärmt schnell und gut.
Im Sonnenschein gehts die knapp 3 km zurück – unterwegs müssen noch ein toter Hase von der Fahrbahn geschoben sowie Pflanzen und Insekten betrachtet werden – das ja sowieso immer und überall.
Am Samstag sehe ich gleich nach dem Aufstehen zwei Rehe hinterm Haus junges Grün abknabbern. Unser Frühstück ist aber auch nicht schlecht, wenngleich etwas farbloser: Haferbrei mit Joghurt, Äpfeln und Nüssen. Gestärkt starten wir den Boliden und fahren, lautstark „Im Disco-Stadl regiert der Furchenadel und der Landmann schwingt sein strammes Waderl“ und andere Hits aus dem ländlichen Raum singend, auf einen Töpferhof in Techentin, wo eine Ausstellung mit vierzig meiner Bilder eröffnet wird. Die nach und nach eintreffenden Besucher sind mir allesamt unbekannt und ausgesprochen nett.
Wir bleiben drei Stunden dort, danach geht es, nach einem Picknick am Maisfeldrand, in meine einstmalige Heimatstadt Parchim, wo sich unser alter Kunstverein trifft. Einige der Weggefährten habe ich über dreißig Jahre nicht gesehen, da hat man sich ne Menge zu erzählen. Anschließend besuche ich meine Mutter, in deren Beisein ich einen Chatrobot beleidige – sie tippt schnell Versöhnliches. Dann bringen mich ein Stadler Regio-Shuttle der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH, ein Intercity-Express der Deutschen Bahn AG und eine Straßenbahn der Berliner Verkehrsgesellschaft vom Typ „Flexity“ nach hause.
Schautafel der Kaffeeersatzfirma Heinrich Franck Söhne aus Linz, 19??
Die Gewöhnliche Wegwarte (auch „Zichorie“ oder „Lichtblume“) ist mit ihren blauen Blüten von Juli bis September ein Schmuckelement der Wegränder. Die Farbe blau, im Volksmund das Symbol der Treue, erinnert der Legende nach an das Mädchen, das immer noch am Feldessaum auf ihren in die fremde gezogenen Liebsten wartet.
Noch prosaischer ist der Pflanzenkundler. Der Altmeister der hiesigen Botaniker, Walter Dahnke, schrieb in seiner „Flora des Kreises Parchim“: „Gemeine Wegwarte, mecklenburgisch Zigurn, wild an Wegen, Bahndämmen auf Schutt usw. Kaum noch angebaut, alle Vorkommen entstammen wohl altem Anbau. In Parchim war ca. 100 Jahre lang eine Zichorienfabrik.“
In der freien Natur bildet die Wegwarte (Cichorium intybus L.) eine eigene Pflanzengesellschaft – das Wegwarten-Wegrandgestrüpp. Sie ist dabei das dominierende Element dieser typischen Wegraine-Gesellschaft, zu der auch Arten wie die Gewöhnliche Schafgarbe, das Deutsche Weidelgras, der Gewöhnliche Beifuß und Vertreter der Wegeriche gehören.
Interessant für den Beobachter ist die Wegwarte insofern, als dass sie sonnenempfindlich ist, ihre Blütenköpfe zur Sonne dreht und um die Mittagszeit ihre Blüten schließt.
Im Mittelalter galt die Wegwarte auch als Heil- und Zauberkraut. Sie ist eine alte Kulturpflanze, die züchterisch verändert wurde. Zur Blattnutzung sind drei Kulturformen gezüchtet worden: Chicorée, Zichoriensalat (auch „Fleischkraut“ genannt) sowie Radicchio.
Uns interessiert die Züchtung, die das Ziel hatte, eine Verdickung der Wurzel zu erreichen. Ein Wurzelextrakt verlieh im gerösteten Zustand dem damals teuren Bohnenkaffee die Bitterkeit (Kräftigkeit) und die dunklere Farbe. Etwa ab Mitte des 18. Jahrhundert wurde sie ein eigenständiges Getränk gebraucht und wurde so zum „Kaffee des Kleinen Mannes.“ 1763 wurden große Kulturen um Magdeburg, Breslau und Berlin angelegt. Es sind zwei in der Wurzel enthaltene Stoffe, die zum feldmäßigen Anbau führten: Das Glykosid Cichoriin, ein zusammengesetzter Naturstoff mit einer Zuckerkomponente, das etwas bitter schmeckt, und der Vielfachzucker Inulin, der für den angenehmen Geschmack des gerösteten Substrates verantwortlich ist. Inulin kommt übrigens auch in den Wurzelknollen der Dahlie vor und kann in Fruchtzucker gespalten werden.
Mit zunehmender Bevölkerung gab es in Deutschland eine verstärkte Nachfrage nach Zichorienkaffee. Das führte dazu, dass in Parchim 1804 eine Zichorienfabrik gegründet wurde. Mit ca. 60 Beschäftigten und der Vergabe von Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten an die einheimischen Handwerker hatte diese Fabrik rund 130 Jahre eine große wirtschaftliche Bedeutung für die Stadt. Durch den Anbau der Zichorie auf den Feldern verschiedener Dörfer der Umgebung wurde etlichen Landwirten über viele Jahrzehnte eine Einnahme garantiert.
Adam Lonicer „Kräuterbuch“, Verlag Christian Egenolff, Frankfurt am Main, 1557
Als echter Kaffee und dessen synthetische Alternativen leichter verfügbar waren, verlor der Zichorienkaffee an Bedeutung und wurde meist nur noch in Notzeiten konsumiert. Seit ein paar Jahren erlebt er eine kleine Renaissance als Bioprodukt. Das Inulin aus den Wurzeln, wird als präbiotischer Ballaststoff geschätzt und findet Verwendung in sogenannten Fitnessriegeln oder Diätprodukten. Zichorienblätter wie Chicorée und Radicchio sind inzwischen ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der europäischen Küche.
2005 wählte der „Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt“ die Zichorie zum „Gemüse des Jahres“.
Heutige Zichorienprodukte
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
Hier in Leipzig stehen momentan die Wochenenden im Zeichen von Festivitäten. Über Himmelfahrt und die vier darauf folgenden Tage trafen sich rund 800.000 Menschen zum Turnfest. Die meisten schliefen in Schulen, vor denen mobile Duschen aufgebaut waren.
Das traditionelle Wave-Gotik-Treffen zu Pfingsten zieht rund 30.000 Besucher an, was für explodierende Preise in den Hotels sorgt. Ein Fest fürs Auge, weil sich viele Teilnehmer ein ganzes Jahr lang Gedanken über das Outfit machen und teilweise selbst zu Nadel, Faden und Schere greifen.
Gleichzeitig pendeln weitere 100.000 Menschen zum dreitägigen Stadtfest. Am Wochenende darauf folgen die Freunde klassischer Musik mit dem Bachfest.
Das Wetter ist durchwachsen, es gibt immer wieder kurze Schauer. Dass es vergleichsweise viel geregnet hat, merke ich beim Laufen. Die Waldwege sind feucht, teilweise schlammig. Die Schuhe saugen schmatzend die schwere Erde an. Auch meine Beine sind schwer, weshalb es nur eine kleine und langsame Runde wird. Wichtig ist mir ein letzter Blick auf die üppig bewachsene Wiese, wo die Gräser inzwischen mehr als einen halben Meter hoch stehen.
Vermutlich auch mit Blick auf die beliebten Picknicks zum Wave-Gothik-Treffen sind in den vergangenen Tagen viele Grünflächen geschoren worden. Aber meine Wiese zeigt sich noch in voller Blüte. Das freut mich.
Jetzt sitze ich im Zug. Verunsicherte und frustrierte Menschen suchen für ausgefallene oder verspätete Züge nach Alternativen. Hier bleiben? Aussteigen? Die App sagt, der Zug kommt jetzt doch. Mama, was machen wir? Wenn wir aussteigen und auf unseren Zug warten, ist dieser weg. Aber unser Zug fährt durch. Wenn er denn kommt. Mama, noch sieben Minuten! Also? Aussteigen, Mama. Aber schnell, dieser Zug fährt gleich.
Mir gegenüber ein Pärchen, das nach München will. Deren Zug war plötzlich aus der App verschwunden. Wegen „unvorhergesehener Ereignisse“, sagt die Frau. Interessant, sage ich. Früher waren es „Störungen im Betriebsablauf“. Die Frau spekuliert, ob die Bahn Hacker beschäftigt, die Züge mal einfach so verschwinden lassen.
Abkühlung, Atlantikströmung, Schauer, Wind, Sonnenblitze – ideales Wetter. Baum des Tages: Der Ahorn! Nach den Regengüssen fällt mir auf, wie erfolgreich diese Art doch ist: Dessen Blätter überwachsen gerade dachartig die Wilderdbeeren; schon bei 50 Millimeter Dicke sind sie mit der Hand kaum noch zu entfernen. Deutschland könnte voller Ahornwälder stehen. Wie Kanada.
Bessings letzter Blog-Eintrag ganz nach meinem Geschmack. Die SB-Kassen werden zur Hölle des Misstrauens – bislang nur mühsam durch Kameras, Viehgatter, Automatiktüren kaschiert. Die größten Verzögerer im Ablauf sind diverse Markt-Apps und obskure Punkte- und Gutscheinaktionen. Die Käuferstimmung aber überhaupt nicht gut – sie ahnen die subkutane Diktatur der Algorithmen.
Mit dem Sohn Vorbereitung auf die mündliche Abiturprüfung. Er ist dabei sehr unwillig, denn auch der Deutschunterricht im Jahre 2025 schafft es nicht, den Komplex Germanistik alltags- und lebensnah zu vermitteln. „Faust“, „Wozzeck“, „Sandmann“, „Verwandlung“ und von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ – Bibbern beim Gelegenheitsleser. Zur Ablenkung Youtube-Videos.
Nachdem die zufrieden machenden Karrottensalate, Putenschnitzel und Tortellini mit Sahnesoße verdaut sind, und der Kampf ums Dickicht vorerst beendet ist, gehts zur Abwechslung mal an die eigenen Äther-Texte. Dazu Brahms und die erkämpften Erdbeeren …
Ein leicher Regen kündigt neues Wetter an – ich hätte gestern mehr mähen sollen. An Erdbeeren herrscht weiterhin kein Mangel, auch für die Hasen findet sich reichlich Klee. Wegen einer verdammt festgerosteten Schraube stockt die Reparatur des Antriebsriemens. Also sortiere ich weitere CDs und Bücher aus. Mein Sohn ist erpicht auf etwas Geld und scannt mit der Momox-App die Strichcodes. Die Erträge aber absolut ernüchternd – und in keinerlei Zusammenhang mit dem Inhalt der Bücher. Lese gerade Tendrjakows „Der Fund“ – toll gesetzt und auch sehr gut geschrieben, schnoddrig, knapp. Für Sowjetzeiten scharf und listig. DAS sollten unsere Kriegsstrategen mal zur Hand nehmen, bevor sie vom Widerstand gegen Putin und dergleichen schwadronieren. Es dürfte hierzulande noch genügend Zeitzeugen aus Reihen der in der DDR stationierten Russentruppen geben – man sollte sie in die Wehrdienstdebattierzirkel einladen.
Pünktlich holen die Müllwerker die Gelben Säcke ab. Das Plastik wird in ungefähr fünfzehn Kilometern Entfernung in einer großen Halle verwertet, in der die Firma Bellersheim riesige Laufbänder und Sortieranlagen betreibt, die man zwischen Boden und Ötzingen bis auf die Straße hin riechen kann. Im Radio sprach ein Entwicker über die Herstellung der mit Esterkomponenten versehenen Kunststoffe, die viel leichter zu spalten seien als Polyethylen oder PVC. Dank des flächendeckenden Recycling- und Verbrennungssystems verwertet Deutschland seinen Müll effizienter als viele Non-EU-Länder.
Der Abend mild und schwül. Mit dem Sohn mit je einer Dose Bier die verhängnisvolle Partie gegen Portugal angeschaut. Ohne Not sehr ungeschickte Einwechlsungen – in eine Mannschaft, die sich gerade gefunden hatte. Dann ein Kreisligapatzer, ausgerechnet gegen Ronaldo, dem ich aber das Tor gönne. Vertragspokerer Sané spielt auf einmal wie ausgetauscht. Ich mag den neuen Mittelstürmer, man braucht allerdings auch einen Kaltz dafür, ein Kimmich reicht nicht.
Milchiggraublauer Mittwochmorgen. Ab um sieben von 15°C rasant wärmer werdend. (Um 12 Uhr sinds bereits 24°.) Schwül. Als ich aus dem Haus trete, nach langer Zeit mal wieder die Schreie von Möwen. Vor ein paar Jahren waren die über Nacht plötzlich da – warens vorher nicht in Moabit (zu meiner Zeit). Sind wohl zwischen Spree und Westhafen unterwegs. Dabei gibt es hier kaum Touristen, von deren Abfällen sie sonst leben, vor allem an den Dampferstrecken. Finden im Kiez offensichtlich trotzdem ausreichend zu fressen.
Am Schlachtensee weiter die Haubentaucherminimalentwicklungen – jeden Tag etwas mehr Radius, Kraft, Federn, Skills, Selbständigkeit. Treffe ein Rentnerärchen, das ich vom letzten Jahr kenne, da knüpft man dann entspannt an alte Wasservogelgespräche an. Der Mann und ich eine Armlänge von den Haubentauchern entfernt. Wir freuen uns, wie schlau die Natur das alles geregelt hat, auch die Teilung der Aufgaben. Er meint, er und seine Frau hätten das seinerzeit auch so gut hinbekommen, muss darüber aber selber lachen. Ich hatte in der Bucht noch nie ein unangenehmes Gespräch, nur einmal ein etwas verstrahltes mit einer drogenzerschossenen, ehemals berühmten DJane. War aber auch nett. Uhrzeit und Ort sind gute Arschlochfilter.
Am Abend zuvor in Prenzlauer Berg die Buchvorstellung von HEL Toussaints Gedichtband „Ebenholzöperchen“, für das ich die Bilder angefertigt habe. Kneipe mit Bühne. Ich stelle die Originale aus. HEL in Bestform: erzählt, liest, singt, streicht den Bart, gibt Buchtipps. Das Publikum aufmerksam; lacht, applaudiert, wo es passt; es geht um „Afrika“ – alles komplex, eher ernst. Das Siebdruckbüchlein ist gut geworden – gestern saßen der Drucker, der Setzer, HEL und ich erstmalig zusammen an einem Tisch. Planten gleich Neues. Basis für die entspannte Zusammenarbeit war das Vertrauen in das Handwerk und die Verlässlichkeit der anderen. Hat geklappt – klappt oft nicht.
Im Publikum ein Kollege und Bekannter von mir, Wolf, 82 Jahre alt, hellwach im Kopf. Wir unterhalten uns länger. Zum Beispiel über die zunehmende Dünnhäutigkeit der Leute, deren Ausraster, der feste Glaube an krude Verschwörungen. Da er in Mecklenburg auf nem Dorf wohnt, hört er dieselben Konspirationsstorys wie ich – vom Staat, der das Wasser vergiftet oder den Chemtrails, die unsere Gedanken kontrollieren. Gabs alles schon im Mittelalter – nur ohne Flugzeuge. Wolf hat zu DDR-Zeiten unter anderem die Kulissen fürs Sandmännchen gestaltet und gehört so zu den allerersten Menschen in meinem Leben, die durch ihr Werk meine Fantasie beflügelt haben – und heute bekiekt er meine Bilder, so schließen sich Kreise …
Die Rückfahrt (mit riesigem Bildgepäck) komplett chaotisch – lande, da die Bahn ausfällt, in nem Bus, der mittendrin seine Nummer und Route ändert. Der Fahrer sagt nur, dass er dazu nüscht sagen kann, eine Mitreisende meint: Na, ditt ist doch schon seit einem Jahr so wejen der Brücke! Hammse das nich mitgekricht?! Ne, bin nich von hier. Ich steig aus und irre durch die ostberliner Pampa. Irgendwann weiß dann aber jemand, wo ne brauchbare Ersatzhaltestelle ist.
Ein langer Tag – zu dessen Ausklang ich im Pestbuch von Hoeniger auf einen dollen Satz stoße: „Es mag den Menschenfreund mit tiefer Trauer erfüllen, aber in dieser Welt wird nichts leichter verschmerzt und rascher ersetzt, als der auch noch so bedeutende Verlust an Menschenmaterial.“ Geschrieben 1882. Aber auch danach allzu wahr, wenn man an die beiden großen Kriege, die Spanische Grippe, Armenien, den Vietnamkrieg, AIDS, Biafra, Mao oder Stalin denkt …
Bin im Garten Erdbeeren naschen und nicht ansprechbar. Der Regen ist nun mehrheitlich durch. Feuchte Erde, schwülwarme Luft, ruhige sattmilde Wetterlage, die Luft riecht grandios. Wunderbar blüht das Geißblatt; eine Blüte, deren Duft sich nicht extrahieren lässt, sondern nur nachkomponiert werden kann. Die Woche beginnt routinemäßig mit dem Trappeln der Sneaker auf dem Weg zum Bus. Der Sohn bereitet sich, Quellen suchend, auf die mündliche Deutschprüfung vor, dazwischen zockt er mit den Kumpeln Ballerspiele oder erledigt etwas im Garten – zum Beispiel ein wenig Motorsensenarbeit. Da war aber das Gras zu feucht, bei vierzig Zentimeter Höhe kapituliert die Maschine. Später bringt meine Frau ein Olivenbäumchen vorbei.
Gute Radrunde, voll regeneriert, viel besser als beispielsweise am 1. Mai, was vermutlich an dem klitzekleinen Infekt lag oder am Ozon. Unterwegs ein kurzer Halt beim Landwirt, der inzwischen nur noch an seinen Traktoren bastelt oder den Gemüsegarten bestellt. Wir sprechen über Weizen, Gerste, anderes Getreide: Weil der April viel zu trocken war, wird mit einer zweiten Runde Nitrat nachgeholfen. Unterbleibt das, wächst der Brotweizen nur unzureichend, so dass der mit den Abnehmern vereinbarte Proteingehalt nicht erreicht wird. Die Mühlen wollen mindestens elf Prozent Protein, ansonsten gibt es Abzüge (d.h. Vertragsstrafen). Hochproteinmehl quillt besser auf – die Brötchen werden dicker. Freiwillig macht diese Nitratdüngungen keiner, da das Zeug viel kostet. Über die Grundwasserbelastung schweigt man. Die momentane Regenwelle ist für Halmfrüchte nicht optimal, für den Garten des Bauern jedoch großartig! Er hat soviel Salat, dass er ihn an den Hund verfüttern muss. „Dann geben Sie ihn doch mir!“ Er drückt mir sein Pflanzmesser in die Hand. Seine Söhne wollen den Hof nicht, also hat er alles verpachtet. Ich schneide.
Dienstagmorgen mit leichten, stellenweise fadenförmigen Nebeln, die sich über die Felder legen. Dünne Streifen, die von der Sonne verpustet werden. Nach dem Morgenappell noch eine Prise Schlaf. Mit dem Sohn über die Zeitenwende in der taktischen Kriegsführung geredet – wir haben inzwischen einen Krieg autonomer Maschinen gegen autonome Maschinen. Die ganzen klassischen Ideen werden vom Konzept „Drohne“ lang schon über den Haufen geworfen; die Bodentruppen dienen nur noch als menschliche Mauern und sind ersetzbar. Nach der Militärtaktik gings weiter mit Gartenstrategie: Rosenpflege, ein Zweitaktgemisch herstellen. Das Heldenrad vom Freitag abwischen: Pollen und Straßenstaub. Der Trainingseffekt einer großen Tour ist jedesmal verblüffend, weil kaum mehr der Schweiß ausbricht, wenn es dann wieder hier den Berg rauf geht.
Samstag, Sonntag, Montag: schwül, schwül, leichte Abkühlung dank zunehmender Bewölkung. Selten ein Schauerchen, keine Gewitter. Am Schlachtensee ein allseitiges Gedeihen des Vogelnachwuchses – der Entwicklungsstand variiert je nach Schlupfzeitpunkt und Art.
Konnte in meiner Bucht aus allernächster Nähe (1,5 bis 2 Meter) die Haubentaucher beobachten: Drei Küken, die täglich dazulernen – momentan Schwimmen. Plus die Alten, die sich die Arbeit teilen: Während einer die Kleinen auf dem Rücken trägt, fängt der andere Fischchen und verfüttert diese sogleich – pro Kind ein Fisch. Ein Aufgabenwechsel wird dadurch angezeigt, dass man sich einfach die Küken vom Leib schüttelt. Die versuchen dann sofort eine neue Rumpfraufkletter- und Hackordnung zu etablieren. Wird eine Gefahr vermutet (Plumpsen im Schilf) macht ein Elternteil Alarmgeräusche und checkt aufmerksam die Umgebung. Sollten die Kids gerade im Wasser sein, verstecken sie sich schnell hinter einem Elternkörper (man bleibt generell in deren Nähe). Besser als jeder Actionfilm.
Am Samstag ein bizarres Intermezzo durch einen urplötzlich in der Bucht auftauchenden Taucher, der sich erst im allerletzten Moment auf die Flossen stellt, auf diesen wortlos an Land schlurft und dort etwas hinlegt, das für mich nicht wirklich zu identifizieren ist – man stelle sich Sigourney Weaver in „Alien“ auf einem Fahrradsattel aus Tierknochen vor, so in etwa. In dem Gebilde bewegt sich sogar noch etwas. Sehr klein, wurmartig – da lasse ich besser die Finger davon (man schaut ja all diese Filme nicht von ungefähr!) So schnell der Froschmann an Land kam, verschwindet er wieder im Wasser.
Am Montag sehe ich dann noch etwas, das ich vorher nie gesehen hatte: Eine Ente, die in sechs, sieben Metern Höhe auf einem Baum sitzt. Keine Ahnung, was das Stockentenweibchen da auf der Eiche will – vielleicht sich einfach mal nen Überblick verschaffen. All diese Beobachtungen geschehen beiläufig, ohne einen ornithologischen Willen. Wenn man täglich zur ungefähr gleichen Zeit am selben Ort ist, fallen einem aus den Augen-, Ohren-, und Nasenwinkeln auch kleinste Veränderungen auf: Farbtupfer im Monochromen, seltsame Bewegungen, Laute und Rascheln an sonst stillen Stellen, Gerüche … oft nicht einmal klar zu benennen … periphere Wahrnehmung … Wie sagte mal meine Schwägerin: Wer losgeht, wird belohnt. Genau.
Treffe am Montag zufällig auf einen Mann der Firma, die sich um die Wellblechklocontainer am See kümmert. Ein Schwarzafrikaner, der gerade seinen Hundefänger auspackt und kein Wort Deutsch oder Englisch versteht. Also spiele ich ihm meine Frage, ob es drinnen eine Spülung gibt, oder ich nur zu blöd bin, den Knopf zu finden, kurzerhand vor. Er amüsiert sich prächtig. Und nein, das sind Klos ohne Wasserspülung, einmal am Tag macht er die hier sauber.
Mehrfache Regenwellen in der Nacht von Samstag auf Sonntag, eine besonders starke, ohne Wind, gegen fünf. Am Tage dann sauberstes frühsommerliches Wetter: mild, es fächelt ein leichter Hauch … ich trage Polohemd. Weiter entspannte Regeneration – die alte Mensch-Maschine funktioniert tadellos in diesem Jahr. Worüber ich mich selbst wundere, vor allem darüber, dass ich auf der Tour nicht die üblichen, äußerst unangenehmen 20-Minuten-Kalorientiefs hatte.
Das am Freitag war eine Reise durch tausend verwunschene Täler, die ansonsten nur die Locals auf ihren Schleichwegen durchqueren. Es gab nur einen richtigen Tiefpunkt – das Grillhotel „Transfette“ am Aartalsee. Um dieses herum dumpfe Freizeitbürger, die das völlig belanglose Ufer des langweiligen Kunstgewässers beschlenderten. Oder, trotz der absolut flachen Topographie, E-Bikes abluden. Auf dem Parkplatz Motorradfahrer, die auf die Motorräder der anderen schielten – man ist unterwegs, um sich gegenseitig zu beäugen …
Am Nachmittag Regaleflöhen – viele meiner Bücher werde ich nie wieder lesen. Raus damit. Was definitiv bleibt: Kurzecks Poesie. – – – „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ – – – Er hat da etwas so vollkommen Eigenes erschaffen, dass man nicht ein Wort missen möchte. Bei der Paris-Buch-Sendung im Hessischen Rundfunk, die am Sonntag lief, spürte man noch mehr den Suchtcharakter (Suff und Espresso) – auch darin eine gute Ehrlichkeit. Das Verzweifeln an der Welt, in der Du nur ein Treibholz bist. Danke, danke, danke dem Schöffling Verlag, dem wir das alles verdanken. (Und der dabei noch die Stroemfeld-Insolvenz auffangen muss …)
Wilde Erdbeeren en masse – durch die Feuchtigkeit aber nicht ganz so aromatisch. Wir müssen uns beeilen, bevor sie am Stiel faulen und die ersten Parasiten kommen.
Familienfeiern verführen oft dazu, mehr zu essen und zu trinken als gewöhnlich. Da bietet sich ein vorbeugender Lauf quasi an. Also rein in die Laufschuhe und raus zum See. Diesmal von unserer Wohnung nahe am Dom in Richtung Schloss und Schweriner See. Was auffällt: Massen von Menschen tummeln sich unmittelbar am Schloss, auf der Schlossbrücke und am Hafen. Da ist Schlängellauf angesagt.
Am ehemaligen BuGa Park vorbei laufe ich in Richtung Zippendorf. Links und rechts ist sumpfiges Gebiet, das von kleinen Bächen und Tümpeln durchsetzt ist. Überall Haubentaucher, Enten oder Reiher, die uns Menschen ungewöhnlich nah herankommen lassen.
In Zippendorf drehe ich an der Ruine des 1910 eröffneten Hotels wieder um. Würde jemand das Geld haben und investieren, könnte das wieder eine noble Unterkunft direkt am Strand werden.
Mittags sind nur wenige Spaziergänger und noch weniger Läufer unterwegs, Radfahrer häufiger – je älter, desto E-Bike.
Zum Schluss noch ein atemberaubender Blick auf das Schloss. Natürlich mit Reiher.
Es ist stickig. Doch langsam frischt der Wind auf und trägt schon angenehme Kühle im Maul oder aufm Rücken Es ist noch zu wenig Sommer, als dass die Mücken, in Wolken, hungrig durch Gegend marodieren. Ich bin froh in all dem Grün und die Aussicht auf Regen am Abend ist ne gute. Auf einen kleinen Anhöhe reihen sich die Knallerbsensträucher und bieten diese schönen Grünverläufe. Klassisch, wie aus ner Farblehre. Wenn man den Blick etwas verengt leuchtets. Hinter dem 1. Wunderbaum, den Emma in aller Ruhe absucht, cm für cm und alles findet, was zu finden war, liegt ein gezeichnetes Stück Holz. Wenn Insekten malen, dann auch so. Ich denke an einen Seestern und frag mich ob der Käfer der das da reingefrässt hat auch n Bild vor Augen hatte. So, jetzt warten wir auf den Regen und schauen einer jungen Weide beim Böenbiegen zu.
Am Freitag die perfekte Tour: NW Gummersbach, NO Attendorn, SW Gießen, SO Thalheim. Moderate Temperaturen, die am Nachmittag geradezu frühsommerlich wurden. Teilweise Stresssymptome, weil sich 30 Prozent der deutschen Freizeitmotoristen wie Arschlöcher benehmen, absurd schnell und voller Risiko fahren, dabei drängeln. Sobald ich etwas außerhalb der großen Wege war, herrschte Ruhe.
Das Bild in den Mittelgebirgen ist sehr homogen: Straßendörfer in den Tälern, kleine und mittlere Industrie, aktiv oder inaktiv. Die Leute pflegen ihre Vorgärten, putzen und räumen. Ich sah, wie jemand die Grünfläche vorm Haus mit einem Industriestaubsauger behandelte – warum??? Da ich ohne Armbanduhr unterwegs war, orientierte ich mich an den Kirchtürmen, von denen ungefähr ein Drittel nicht mehr die Zeit anzeigt. Oder es gibt weder Turm noch Uhr, was besonders in evangelischen Gemeinden vorkommt. Konfessionsübergreifend lässt sich sagen: Wirklich ALLE Getreidesorten stehen fantastisch.
Meine erste Essenspause im sauerländischen Atttendorn: Im REWE herrscht Sitte und Anstand, das Band wird korrekt belegt, nichts ist in Unordnung oder vernachlässigt – weder am Geschäft noch an den Kunden. Mein Mittag besteht aus Zitronenkefir, Schokolade, Cesars Salad und Sprossen. Für den Nachmittag packe ich Studentenfutter ein. Bei Kilometer 200 im Edeka Eibelshausen Sushi, Wasabisuppe und 150 Gramm eingelegten Feta: Fett, Protein und Salzmineralien. Als Koffein reicht gekühlter Espresso im Becher. Dazu wie auf jeder Fahrt eine reife Banane. Null Völlegefühl um 15:40 Uhr – noch fünf Stunden, um zur geplanten Zeit heimzukommen. Das 18:20-Uhr-Radler auf dem Rewe-Parkplatz in Rodheim vor der Höhe perfekt. Beim Trinken Plausch um einen fast sechs Meter langen Chrysler – das nenn ich mal ein Statement.
Die letzten fünzig Kilometer in einem sensorischen Delirium – die Gräser und Büsche atmen stärker aus, ich kann auf zweihundert Metern Pferdekoppeln riechen. Das Gemisch aus Holunder, Robinie, Wildrose … ab und zu ein Hauch Geißblatt … Grassorten, Laubsorten … ich rieche sogar, wo Wasser fließt …
Genau so sieht ein großer Tag aus.
Samstag Erholung. Tee und Beeren. Nach einem vorübergezogenen Gewitter wieder eine Portion Landregen. Und ein weiteres Fazit zu diesem gestrigen 30. Mai: Deutschland ist so absurd normal und krisenfrei, dass mir diese ganzen Befindlichkeitsüberschriften der Zeitungen, die auf die fröhlichen TK-Pizza- und Bierkastenschieber einprasseln, nur noch bizzaaarr vorkommen: Angst-Tankstellen der Gelangweilten, bevor sie weiter vom Alltagstrott gedemütigt werden.
Netter Sofaabend mit dem Sohne. Von wo aus wir fassungslos das nahtlos flüssige Spiel der Pariser gegen die Mailänder Statisten verfolgten. Das war zu leicht, die Tore zu stümperhaft weggegeben. Als alterndem Mann hat mir vor allem die Operettennummer Inzaghis am Spielfeldrand gefallen – wie oft habe ich diese Unschuldsmimik in den Länderspielen gehasst … Cistus-Salbei-Tee und ab ins Bett.
Morgenspaziergang mit meiner Frau durch Schwerin. Wir können längst nicht mehr schlafen – die Jugend schläft dafür umso länger. Halb neun ziehen wir los. Die Stadt ist noch wie ausgestorben. Einzelne sind auf dem Weg zum Bäcker, aber in Richtung Schloss begegnet uns bis auf ein paar Jogger kaum jemand. Selbst Autos fahren nicht. Samstag früh in Mecklenburg.
Wir umrunden den Burgsee und genießen die Tierwelt.
Ein Entenpärchen watschelt uns bis vor die Füße, zieht aber weiter, da wir offensichtlich keine Brotreste dabeihaben. Überall entdecken wir Reiher. Auf den Brüstungen, am Seeufer oder am künstlichen Kanal des Schlossparks. Ich will einen im Flug fotografieren. Der erste wird von einem Hund aufgescheucht – zu spät für mich. Dem zweiten komme ich so nahe, bis er sich belästigt fühlt und auch tatsächlich abhebt. Nur leider ist ein Smartphone, was Actionfotos betrifft, dann doch limitiert.
Meine Frau erspäht sogar noch einen Kormoran, der allerdings zu weit entfernt ist, um ihn zu fotografieren.
Im Rewe entdecke ich dafür deutsche Erdbeeren im Sonderangebot, die wir später zu den Frühstücksbrötchen genießen.
Der Himmelfahrtshimmel angemessen dramatisch. But Jesus don′t want me for a sunbeam, ′cause sunbeams are not made like me …
Im Hofgang ein Eichelhäher, der lethargisch dahockt, nicht auffliegt, nicht weghüpft, wahrscheinlich krank ist, verplustert und matt, als wär ihm das Blau aus den Federn gewichen. Ich wünsche ihm alles Glück der Erde und sage, dass wir Nachbarn seine, und die Arbeit seiner Kameraden, sehr zu schätzen wissen – Häher sind die besten Balkonwächter, um die kackfrechen Tauben in Schach zu halten.
Der Freitag ist ein großer Tag in meiner kleinen Schlachtenseebucht: Der Nachwuchs des Haubentaucherpärchens, das ich seit Mitte April im Vorbeischwimmen beim Nestbau und Brüten beobachtet hatte, ist nun geschlüpft! Weil die Küken in den ersten Lebenswochen noch nicht ihre Körpertemperatur regulieren können, suchen sie Schutz zwischen den Flügeln der Eltern – eine Art natürlicher Brutkasten. Von dort aus lernen sie dann nach und nach die Umgebung kennen und rutschen dabei immer wieder kurz ins Wasser, um Schwimmen zu üben. Zum Ausruhen kehren sie auf die Erzeugerrücken zurück, wo sie zudem besser vor Raubvögeln und -fischen geschützt sind. Praktischerweise werden sie vor Ort auch gleich gefüttert – das Gerangel um den besten Fressplatz, inklusive Runtergeschubse der Geschwister, ist jedes Jahr ein großartiges und herzerwärmendes Schauspiel – das hat die Natur doch alles äußerst klug eingerichtet.
Nach dem Baden schaue ich zwei deutlich agileren Verwandten des maladen Hofhähers bei ihren Kurzflügen, beim Hopsen, Hüpfen und Geflatter zu: Nebelkrähen in Aktion. Faszinierend. Immerzu so viel los – man kommt gar nicht hinterher mit dem Sehen, Hören, Staunen.
Wegen einer Familienfeier sind wir am Wochenende in Schwerin. Ich habe das Gefühl, die doch recht kompakte Altstadt beherbergt mehr Eisdielen als das sechseinhalbmal so große Leipzig insgesamt. Alles ist voller Besucher, so dass nur Schlendern möglich ist. Was mir gar nicht behagt.
Also habe ich die Laufschuhe geschnürt und bin vom Pfaffenteich, einem kleinen Binnensee mit Fähre, am Westufer des Ziegelsees entlang bis zur Wickendorfer Straße gelaufen.
Verdammte Eiszeit. Wir sind hier in Mecklenburg und vor mir liegen Steigungen, vor denen die Fahrradfahrer mit 13%-Schildern gewarnt werden. Ich laufe durch eine Siedlung gepflegter Eigenheime. Der See gerät nie lange außer Sicht. Historische Bootshäuser säumen die Ufer. Eine Schafherde gerät leicht in Panik, weil ich, als es mal wieder mal bergauf geht, ziemlich laut vorbeistampfe. Der Ausblick auf den See ist meine Belohnung. Dann erreiche ich die Landstraße und kehre um.
10,97 km in knapp 54 Minuten. Keine Bestzeit, aber ganz ordentlich für einen Hügellauf mit mehreren zu überquerenden Straßen.
Der Mittwoch unter deutlichem Atlantikzeichen. Gegen 10 wechseln sich blauer Himmel und Wolkengebirge ab – Ende der Regenphase. Ich nehme die Motorsäge, um aus dem Rückschnitt Ofenholz zu machen. Hassan, der Tunesier, wohnt etwas weiter unten im Tal und handelt mit Gebrauchtwaren. Neulich führte er mir das fachgerechte Anwerfen an einer schönen Stihl MS 211 vor. Jetzt hab ich den Trick raus – mir war mein Gerät im ganzen Frühjahr nicht ein einziges Mal angesprungen. Hassans Dachsolarkollektoren liefern Strom für acht Stunden, das reicht für den Verkaufstag. Wenn es regnet, kurbelt er das Vordach raus, dann bleibt die Ware trocken. Er schläft in einem italienischen Laika-Wohnmobil, das innen mit Holz vertäfelt ist, die Sitze sind aus cremefarbenem Leder.
Gegen Mittag zieht ein Gewitter vorbei: dramatische Wettermauern aus dunkelstem Schiefer. Danach immer neue Ballungen und Wände in allen Schattierungen von Grau. Weiße Wolken sind langweilig. Gerste, Roggen und Weizen stehen bombig am Halm, sie haben in zwei Tagen sicher 10 cm zugelegt. Die Ernte wird genau jetzt, in diesen Tagen, entschieden. Blaugrün schimmernde Horizonte, die Wildrosen als blasse Sterne am Wegrand.
Christi Himmelfahrt ist Ruhetag. Mit der Zwölfjährigen nach einer kleinen Billardpartie schätzungsweise vierhundert Socken sortiert und dabei eine alte „Wildtöter“-Kassette gehört. Rothäute und Skalpjäger, Kopfgeld von der Regierung, Menschenverschleppung und Geiselnahme. US-Alltag vor der großen Republik. Könnte man heute null veröffentlichen, egal wie differenziert die coopersche Darstellung auch ist. Stattdessen werden Feenpüppchen erfunden, die ungefährlichste Erlebnisse haben – über die sie sich aber sehr aufregen. Feen in die Verschenkzelle, „Wildtöter“ und „Moby Dick“ behalten, Lindgrens reifere Werke ebenso (also nicht Pippi L.)
Zwei Großwäschen. Nebenbei durch einem Auktionskatalog der Berliner Galerie Bassenge geklickt. Lauter mir unbekannte Namen, vieles gut, manches sehr gut. Drucke, Zeichnungen, Grafiken. Nur ein Warhol erreicht Immobilienpreise – die Schere ist so immens, dass es nichts mit der Qualität zu tun haben kann. Hauptsache also: machen. Was draus wird, weiß kein Mensch.
Mild windig, Wolken harmlos, der Regen fällt traditionell auf den Höhen und wird bis morgen weitergezogen sein. Dann ist der große Törn; das Wenige, was zu tun ist, ist getan. Ruhe und Ernährung. Salat und Joghurt nach der Bolognese. Gleichzeitig gespannt und entspannt – ich bin die Strecke schon dreimal gefahren. Um 7 muss ich auf dem Rad sitzen, dann schaff ichs vor der Finsternis zurück.
Morgens im Starkregen geschwommen. Um mich herum Enten. Auch zwei Exemplare der Art, die ich noch nicht identizifieren konnte. (Die AI-Robots und Vogelportale ebenso ratlos. Vielleicht Nachkommen der „Albinoente vom Schlachtensee“?) Die Bodenfeuchtigkeit deckt das Buffet neu – fünf Stockentenmännchen machen sich hurtig auf die Suche nach ihrer liebsten Proteinquelle. Mein An- und Ausziehen geht routiniert vonstatten, man muss nur in der Modder einbeinig das Gleichgewicht halten können. Trotz des Wetters einige Jogger und Gassigeher unterwegs. Eine mir unbekannte Hundeausführlady wünscht äußerst nett einen „Guten Morgen!“ Den wünsch ich ihr auch. Mal sehen, ob wir uns ohne Kapuze wiedererkennen werden.
Bin noch angenehm platt von den dreieinhalb Stunden Tischtennis gestern. Wir werden alle immer besser. Gute Gespräche mit dem Ex-Hells-Angels sowie einem jungen syrischen Kriegsflüchtling, der seit ein paar Wochen dabei ist – krasse Parallelwelten, mitten unter uns.
Nachdem ich das herausragende „Die Kranken im Mittelalter“ von Schipperges ausgelesen habe, lege ich nach mit Robert Hoenigers „Der schwarze Tod in Deutschland: Ein Beitrag zur Geschichte des vierzehnten Jahrhunderts“, erstveröffentlicht im Jahr 1882. Dank des akribischen Quellenstudiums des Autors wurden dort (trotz Lücken) Chronologie und Verortung der Pestzüge gut erfasst. Interessant: Zuerst kamen Judenverbrennungen und Flagellanten, erst danach die Seuche – diese verstärkte die Pogrome und den religiösen Wahn. Bis heute stellt man das meist in einer anderen Kausalität dar. Viele der zeitgenössischen Berichte gehen auf eine einzige Quelle zurück – die Aufzeichnungen eines Arztes aus Avignon. Die wurden jeweils regional und zeitlich zurechtgebogen, ausgeschmückt und im Lauf der Jahrhunderte immer wieder komplett kritiklos übernommen. Etwas Ähnliches erleben wir ja auch gerade, wo trotz der Leaks der internen Sitzungsprotokolle und innerbehördlichen Mails des RKI die große Mehrzahl der Journalisten und Politiker die alten, widerlegten Coronanarrative wiederkäut. Faktenchecks anhand von Primärtexten und „Follow the science“ gelten halt nur, wenn es gerade passt.
Milder Tag, Westströmung, atlantisch feucht. Vor dem Regen mäht der Sohn noch eine strategische Schneise in den Hintergarten. So können wir den wuchernden Cotoneaster eindämmen, der sich zu einer üppigen Wand entwickelt hat. Traurig dürr der Buchshalbkreis, die Pfingstrosen in der Spätblüte.
Für den nächsen Törn das Hinterrad getauscht – zwei Zähne mehr sind manchmal sehr hilfreich. Bei der Aktion die Linsenhutmutter der Ausfallendenschraube verloren. 3 x 20 Minuten vergeblich das Pflaster abgesucht … in dessen Ritzen sich unglaublich viel tut: Asselarten, es gibt sogar ganz kleine hellbunte. Kleinstameisen, die irgendwas irgendwohin schleppen. Eine Erdbiene, die mehr gräbt als umhersummt. Bei einem Rundumblick blitzt mir aus einem Meter plötzlich die kleine Mutter entgegen – völlig andere Richtung, Zufall.
Die Kolonnen mit dem Glasfaserkabelbohrer kommen voran. Sind um 19 Uhr noch bei der Sache. Hören erst auf, wenn der Netto schließt oder das Tageslicht fort ist. Ein Tankwagen versorgt die Maschine mit Spülwasser für den Kabeltunnel.
Hassan, der tunesische Trödler an der Ecke, hat mir ein rotes „Ciao“ Mofa angeboten. Wer auch immer von uns das Ding fahren wird – morgen werde ich schwach.
Nachdem Toni Morrisons „Jazz“ etwas an Luft verloren hatte, kommt die Story nun wieder in Fahrt: Starke Rückblenden in den Süden – die riesige Distanz zu den Weißen, der unglaubliche Riss, der dieses Land der Freien spaltet. Wie leicht dagegen wir es heute haben, wie vergleichsweise wenige Glaswände unsere Leben durchziehen …
Guter, frischer Morgen. Ausgeruht! Bis auf ein leichtes Ziehen in der rechten Rückenpartie – da bekannt, piano. Demnächst wird der erste Solo-Dreihunderter angepeilt – die Fünf-Stauseen-Tour mit Anfahrt aller nördlichen Mittelgebirge von hier war immer meine liebste Herausforderung. Eine Reise durch ein verschlossenes Gebiet, wo der autoritäre Katholizismus bzw. Lutherismus die Grenze bildet -auch eine architektonische: irgendwann fällt der Schmuck weg. Ausgangspunkt Elberfeld (und die Bibel gleichen Namens), über das Siegerland und die Täler bis nach Dillenburg. Ein Territorium lose verbundener Freikirchen, mit teilweise okkulten Differenzen. Kein einig Land, nie gewesen.
Am Vormittag die ersten wilden Erdbeeren des Jahres genossen. Damit sich in der Nähe nicht so viele Fressfeinde niederlassen können, werde ich die Pflanzen kreisförmig einmähen.
Buchhandlungen sind Shitbürgerkathedralen – schönes Poschardt-Interview in der Berliner Zeitung. Wer muss sich da eigentlich von ihm angegriffen fühlen – es ist ja eher ein Weckruf, mal den eigenen Sollzustand und dessen Grundlagen zu hinterfragen. Er beschreibt pointiert den typischen bundesrepublikanischen Mikroklassenkampf, der sich über Tennisplätze definierte, was bis in die 5000-Seelen-Stadt hinab ja wirklich der Fall war. Und heute findet man nicht mal mehr die Leute, die die rote Asche abziehen wollen und nimmt dann gleich den Kunststoffbelag.
Mit unserer Jüngsten in einem DDR-Standardbuch über Fliegerei geblättert. Bis auf die kuriosen Ausführungen zur angeblichen sozialistischen Überlegenheit ein gutes, sachliches Buch. Wir untersuchen den US-Höhenaufklärer YF12, das Verhältnis von Luftdichte zu Widerstand, warum auch normale Passagierflugzeuge so hoch fliegen. Die Lockheed erreichte 1960 über 3000km/h und verbrauchte 30.000 l in der Stunde – das sind schlappe 300 l auf 100 km – so kann man das am Küchentisch überschlagen. Bereits 1970 sind die Grundlagen unseres Flugwesens vollendet, danach wurde und wird verfeinert, so werden wir in naher Zukunft zum Beispiel Lackierungen in sogenannter Haifischhaut („Riblet-Folie“) sehen, das reduziert den Luftwiderstand nochmals.
Im Tagesverlauf mild – nach dem gestrigen Regen blühen wie irre die Rosen auf.