Herbst. Seit Samstag gibt es Regen in allen Formen: Regengüsse, Regenschauer, Landregen, Nieselregel … Den sanften Nieselregen, der fast als Nebelfeuchte durchgehen kann, mag ich am wenigsten – als Fahrradfahrer wird man durchnässt, ohne dass man den Regen wahrnimmt; als Fußgänger sind Jacke und Haare feucht, ohne dass man das Gefühl hatte, einen Schirm herausholen zu müssen.
Im Wald sind alle Wege schlammig. Wo die Feuchtigkeit nicht direkt als Pfütze offenbar wird, ist der Boden schmierig und rutschig. Das zwingt mich zu Tippelschritten oder kleinen Sprüngen, lässt mich besonders feuchte Stellen am Wegesrand umlaufen – kurz, es bringt mich aus dem Rhythmus und macht mich langsamer. Ich weiß, dass es die Bewegung ist, die zählt – trotzdem habe ich beim Joggen den Ehrgeiz, mich zeitlich zu verbessern.
Beim Laufen kommt mir der alte Coachingspruch in den Sinn: Man muss sich Ziele setzen. Messbare, zeitlich terminierte, realistische und zugleich anspruchsvolle Ziele. Während der Schlamm auf meine Socken, Unterschenkel und Laufshorts spritzt, überlege ich: Welche Ziele habe ich? Welche könnte ich mir setzen?
Ich beginne mit einer Bestandsaufnahme.
– Mehrmals die Woche laufen: Mache ich.
– Die Strecken, von 5 Kilometern ausgehend, langsam verlängern: Na klar, mein Standard sind aktuell 8,5 km.
– Einen Halbmarathon laufen: War ich dreimal in diesem Jahr. Zwar nur für mich selbst – aber hey: Ich hab’s geschafft. Und ich brauche weniger als zwei Stunden dafür – auch okay.
Dann kommt mir eine Idee: Wie wäre es, 10 Kilometer in unter 50 Minuten zu schaffen? Bis zum Frühjahr? Sagen wir, bis Ende März? Und da kommt der Schlamm ins Spiel. Die Umwege, die Sprünge und die Trippelschritte. Die wenigen, aber doch vorhandenen Straßen, die ich queren muss, und wo ich mich zwischen parkenden Autos durchschlängele. Ich müsste die zehn Kilometer zunächst einmal auf einer geraden und hindernisfreien Strecke laufen, damit ich eine saubere Referenzzeit bekomme. Doch wo gibt es solche Strecken? Ich schlage mir (sinnbildlich, in echt wäre das beim Joggen ziemlich blöd) die Hand vor den Kopf: Na klar! Zweimal die Woche bin ich doch an der perfekten Laufstrecke – im Stadion, wo ich die Jungs trainiere, gibt es eine 400-Meter-Aschenbahn! Stupide Runden zu drehen ist zwar denkbar langweilig, aber sei’s drum: Ziel vereinbart, Lösung gefunden: Einfach mal eine Stunde vor dem Training da sein und laufen.
Jetzt, wo ich tagsüber joggen kann und der Herbst da ist, sind die Wege fast menschenleer. Zudem sind Ferien. Zwei, drei Mütter tragen ihr Baby mit Gurt vor der Brust. Vom Kindergarten schallt durch den Wald freudiges Lärmen zu mir herüber, aber ich sehe niemanden. Die Sportanlagen und Spielplätze sind regenfeucht und leer. Ebenso die Bänke, wo ich zuletzt öfter ein älteres Pärchen sitzen sah, das sich mit einer Bekannten unterhielt, die mit einem großen, zottigen Hund vor ihnen stand.
Wie üblich patrouillieren auf den Wegen einige Krähen. Ich vermute, dass sie, sollte der Mensch einmal vergangen sein, neben den Kakerlaken dereinst die Welt beherrschen werden. Selbstbewusst und klug genug sind sie. Von den Pfützen schrecke ich Spatzen hoch. An der Kanuanlegestelle hocken Enten auf dem Holzboden, andere durchqueren die fast spiegelglatten Gewässer. Der Wald erscheint mir so grau wie der Himmel über mir. Immerhin regnet es gerade nicht. Weil die Bäume das angesammelte Nass von den Blättern schütteln, komme ich trotzdem nicht trockenen Hauptes davon.
Der Freitag grau. Da morgen von Nordwest her Schauer die Gegend verwässern sollen, eine Ausfahrt durchs Gladenbacher Bergland. In einer Woche ist das Zeitfahren Hamburg – Berlin – die heutigen neun Stunden werden der Test für Lunge und Muskeln. Covid hatte mich gerade satte drei Wochen geplättet, es hängen immer noch kleine Krankheitsreste in den Bronchien. Nach dem Radüberschlag Mitte August konnte ich meist nur kürzere Strecken fahren, wodurch sich die Stützmuskulatur im Nacken abgebaut hat. Die Muskeln müssen sich nun wieder daran gewöhnen, längere Zeit im Sattel zu sitzen. Dehnübungen während des Rollens in den Abfahrten helfen, das in den Griff zu bekommen. Ich fahre durch Orte, an denen keinerlei Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit erkennbar sind.
Hinter den sieben Hügeln wirds menschenleer – Dörfer im Stillstand, die Häuserreihen blicken stumm. Ein einsamer Bauer pflügt ein. Es ist ähnlich wie vor zwanzig Jahren auf dem Weg nach Zittau: Wo nichts zu holen ist, werden nicht einmal mehr Werbeplakate geklebt. Ich streife einen frisch abgebrannten Pferdehof, dessen Überreste noch rauchen. Die gesamte Anlage ist ziemlich heruntergekommen – vermutlich läuft das Geschäft nicht mehr so gut. Auf der Big Sky Ranch einen Kilometer weiter ist hingegen immer Betrieb – dort findet sich eine Pension für abgehalfterte Pferde mit Gastboxen, Wanderreitstation, biozertiziertem Ferienbetrieb mit Unterkünften.
Am Nationalfeiertag sind auch viele Tankstellen geschlossen – ich versuche es in einem der Dörfer mit einem Döner. Die Qualität ist wirklich gut, der kleine Familienbetrieb sympathisch. Essentiell für meine Energiezufuhr: die scharfe Soße – mir wird schlagartig warm, was bei dem kalten Ostwind wichtig ist. Auf einem elfprozentigen Anstieg hinter der Büchertelefonzelle in Schönbach schreckt mein Fluchen einen kirgisischen LKW-Fahrer hoch, der neben der Straße seinen Schlafplatz gefunden hatte. Oben wartet die B 255 auf ihn. Was ich bis an die Ränder des Rothaargebirges sehe, ist die lokale Abhängigkeit von den letzten funktionierenden Unternehmen, dem Mittelstand vor Ort. Da gibt es noch diesen Typus Chef, der alle hinter sich versammelt, der über eine loyale Belegschaft die soziale Bindung bewirkt. Die Entfernungen zu den Unistädten sind zwar nicht groß, das ist aber, zwei Hügel weiter, eine völlig andere Welt.
Am Samstag um 4h30 mit dem Sohn zur Bahn. Er besucht seine Freundin, die in Ungarn Medizin studiert. Es regnet leicht, es regnet sanft. Ich erhole mich bei der Beschäftigung mit Motorenölen.
Am Sonntag durchwachsenes Wetter mit heftigen Wechseln von Sonne und Wolken – ein Herbst, wie man ihn aus Büchern kennt. Weitere Haselnüsse auflesen, Familiensachen machen. Dabei das auffallend blöde Drohnenwald-Agenda-Setting ignorieren – schon die Suggestiv-Schlagzeilen entbehren jeder sachlichen Grundlage. Zwischen Schauern eine flüssig pedalierte, wohltuende Bahndamm-Runde mit Dehnungsübungen. Kaum hatte ich einen Cox-Apfel vom Straßenrand geklaubt, erwischt mich ein viertelstündiger Schauer, den ich in der Deckung eines modrigen Holzstapels aussitze. Zu hause Tiefenentspannung mit Poulenc, Françaix und Milhaud.
Ein sehr erfrischendes Gespräch mit dem Teenie über Le mans. Die Klassenkameraden sind ihr gegenüber aufgeschlossen. Die Disziplin in den großen Klassen ist sehr gut. Ab und an nehmen sie an den Politprotesten teil, bauen aus Mülltonnen Barrikaden. Sie freut sich über den Alltagsbezug der Fächer und ist ausgesprochen zufrieden. Wir sind es auch – man weiß ja nie, wie so ein Schüleraustausch ausgeht. Der Sohn, der gerade in Szeged von seiner Freundin bekocht wird, ist ebenfalls glücklich – wie sollte es auch anders sein.
Über mehrere Tage dem ganz ausgezeichneten Götz Aly bei „Jung & naiv“ zugehört – habe mir sogar einige Stellen notiert. Tilo Jung gerät wiederholt ins Schleudern, woraufhin der Historiker ihn daran erinnert, dass Begriffe, sobald sie zu Kampfbegriffen werden, für eine sachliche Analyse ungeeignet sind. Du merkst beim Gastgeber, wie sehr es ihm um die Wirkung der Schlagworte geht – er denkt immer die Klicks und vor allem die „Missverständlichkeit“ mit. Einerseits ist Jung clever und professionell, andererseits zeigt sich an ihm exakt die Schwäche seines Mediums: Das Generieren von Reichweite durch Vereinfachung, Triggerworte, Erregung. Sehr gut Alys Ausführungen darüber, wie die Nationalsozialisten geschickt den Dritten Stand – die Arbeiter, Bauern, Handwerker, das städtische Bürgertum, also die Mehrheit – für sich gewinnen. Die junge Riege der NS-Politiker wusste aus eigener Erfahrung, was ein Hungerlohn bedeutet, was ein Gerichtsvollzieher ist. Das ist präzise beschrieben – auch, dass im heutigen Deutschland die Hälfte der Mittelschicht gerade vor Angst wie gelähmt ist. Genau deshalb setzt Aly auf deren Konsolidierung und auf ihre Rückkehr zur ideengebenden Rolle – die Erstarrung und Spaltung unserer Gesellschaft bergen ein gewaltiges Zerstörungspotential. Wichtig, wie kühl Aly auf das „die AfD ist gesichert rechtextrem“-Etikettieren reagiert – so einen Stempel aufzudrücken erspart „den Guten“ die Auseinandersetzung mit „dem Bösen“. An einer Stelle Bezüge zum deutschen Teil meiner Familie und dem Tod meines Großvaters. Das Gespräch äußerst lehrreich – zentrale Erkenntnis: Macht lotet immer aus, wie weit sie gehen kann.
Dieser Tage ein sicherer Lacher am Schlachtensee: Bei 4 bis 5 Grad Lufttemperatur nackig an dick Eingemummelten vorbeiflitzen und dabei rufen: Schnell ins warme Wasser! Wie sagte der alte Sachse daraufhin zu seiner Frau: No, er hat ja recht. Um nicht auszukühlen, haben die Beiden ihr Pensum radikal gekürzt, schwimmen aber immer noch über 20 Minuten. Mir reichen wesentlich weniger als Energieaufladung für den Tag – rein, Gesicht nass machen, in die Knie, dann der Atemwolke hinterher. Der Sachse, als er wieder an Land kommt, mit dem gewohnt präzisen und knapp gehaltenen Wasservogel- und Fischsichtungsbericht – seine Art des Rapports scheint mir die geeignetste Weise zu sein, über Tiere zu sprechen.
Im Laufe der Woche in unterschiedlichen Konstellationen mal wieder alle in der Bucht: Schwäne, Blässhühner, Haubentaucher, Graureiher, Stockenten. Am Montag auf dem Schildkrötenbaum neun Kormorane – Rekord! Auf dem Rückweg nur noch einer, der sich dunkel vom nun wie eine explodierte Diskokugelfabrik glitzernden See absetzt. Cool.
Am Mittwoch schwimme ich durch dichten Nebel, darin der orange-rote Schein der aufgehenden Sonne, die mit ihrer Wärme, schon so früh, kräftig herniederdringt. Die Rehwiese mit Gebirgsanmutungen.
Bei zwei meiner gelegentlichen Pinkelpausen hinter dem S-Bahnhof Westkreuz sehe ich, dass der Funkturm pink bzw. blau angestrahlt wird. Vielleicht werden dort alte Geschlechterklischees reproduziert – ich bin schon sehr auf die Farbe für Hermaphroditen gespannt.
Aufgrund der aktuellen Diskussionen über die mögliche Abschaffung des Pflegegrads 1 ist meine Mutter sehr erleichtert, dass sie kürzlich Stufe 2 erhalten hat. Die möglichen Folgen einer Streichung wären gravierend, insbesondere für Demenzkranke im Frühstadium und deren Familien. Zu ihr selbst kommt neuerdings eine Bulgarin, die sie gern als regelmäßige Pflegerin behalten würde, was sie auch deren Arbeitgeber mitgeteilt hat. Dieser sieht es allerdings nicht gern, wenn das Verhältnis zwischen Personal und Klienten zu eng oder zu persönlich wird. Dieses neoliberale „Problem“ wird sich durch die immer öfter eingesetzten Care-Roboter wohl bald erledigt haben. Die andere Lieblingspflegerin meiner Mutter kommt aus Polen – ohne all die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ostblock wäre in dem Bereich die Not noch viel größer. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht gegen Covid hat viele aus dem eh schon unterbesetzten Gesundheitsbereich vergrault – „fast jede von uns, die nicht familiär gebunden war, ist weggegangen“, wie mir seinerzeit die Pflegerin meines Vaters berichtete – Länder wie die Schweiz haben 2021 und 2022 regelrechte Abwerbungskampagnen betrieben. Auch das Maßnahmenschäden, über die keiner der Verantwortlichen spricht.
Am Donnerstag Fahrt mit der ODEG nach Mecklenburg. Der Zug ist überfüllt, ich erwische einen Sitzplatz – diesmal sind auch die Toiletten geöffnet. Zwischen Bad Kleinen und Schwerin ein nach fünf Jahren Gefängnis frisch entlassener junger Naziskin, der die erwartbaren Sprüche absondert, und von einem Betrunkenen Tipps bekommt, wie er bei den verpflichtenden Alkohol- und Drogentests tricksen könne. Auf dem Dorf, das ich besuche, keine Neunziger-Jahre-Flashbacks – morgens um sieben kräht der erste Hahn, ein zweiter fällt ein. Irgendwo brummt ein Generator – die Kraniche sind lauter. Bei Sonnenaufgang 2,5 Grad – unten glitzert der Rauhreif, oben da leuchten wir. Am Tag darauf in einem anderen Dorf Abbau meiner Ausstellung „Müde Tiere“ – dann munter zurück nach Berlin.
Zeige der alten mecklenburger Freundin, die mich mitsamt der Bilder nach Moabit bringt, den ihr unbekannten Schlachtensee. Schon die Rehwiese gefällt ihr. Ist ja ooch wie aufem Dorf dort. In meiner Bucht ein Sondengänger, der systematisch das flache Wasser abgeht. Er erzählt uns, dass dieser Sommer wegen der vielen Regentage und somit ausbleibenden Badegäste für ihn kaum ergiebig war. Hinzu komme, dass aufgrund der zunehmenden Armut immer mehr auf Münzen- und Schmucksuche gingen. Das Flaschensammeln habe auch zugenommen, die Ersten drehen bereits im Morgengrauen ihre Runde. Nachdem wir mit der S-Bahn zurückgefahren sind, sagt die Freundin, die Berlin kaum kennt und immer mehr als heilfroh ist, wieder auf ihrem Dörp zu sein, dass ihr aufgefallen sei, wie offen und angenehm freundlich die Menschen hier schauen würden – der Mecklenburger an sich sei ja nicht so. Dat ward wohl so stimmen.
Samstagmorgen aus dem Zugfenster ein Sonnenaufgang, bei dem man denken könnte, dass der Grunewald in Flammen steht. Auf der Rehwiese drei Füchse. Menschenleere Bucht – auf dem Rückweg kommen mir gleich vier Mitschwimmer entgegen. Ich werde gelobt, dass ich die Runde noch vor dem dräuenden Regen beenden konnte. Dieser erwischt mich im Vorderhof unseres Hauses – schnell rein.
Absolut fesselnder Soundtrack beim Kochen und Putzen in dieser Woche: Tilo Jung (und später Hans Jessen) im Gespräch mit dem Historiker Götz Aly. Eine knapp fünfstündige Geschichtslektion über die Nazizeit. Gastgeber Jung manchmal arg überfordert und patzig in seinem ideologischen Aufbrausen. Aly lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, antwortet ruhig aus der nüchternen Perspektive des Faktensammlers. Er geht von seiner eigenen Familie aus, verknüpft das mit dem in akribischer Archiv-Arbeit Gefundenen. Für mich viel Neues dabei: die rechtliche Seite der Enteignungen, der Aspekt des Tempo-Machens (anhand von Goebbels-Zitaten erklärt): jeden Tag neue Aufreger lancieren, um das Volk nicht zur Besinnung kommen zu lassen – der permanente Ausnahmezustand als Machtinstrument. (Carl Schmitts Satz „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ wird auch besprochen.) Eine absolut lohnende „Jung & Naiv“-Folge. (Einzig beim Thema Reparationsleistungen müsste Aly nachbesserrn.) Das Graffiti Birken- Ecke Stromstraße ist nun fast zugebaut. Irgendwann wird es keinen mehr geben, der weiß, dass es sich dort, Hauswand an Hauswand befindet. Ein versteckter Schatz.
Wettermäßig war alles dabei diese Woche. Am Donnerstag ist es empfindlich kalt, maximal 4 Grad am Morgen. Der Nebel klebt über dem Fluss und lässt die Ruderer sowie die Geräusche im weichen Nichts verschwinden. Ich laufe nur eine kleine Runde, weil ich noch meine Frau zum Bahnhof bringen will. Der Kälte geschuldet bin ich erstmalig mit Handschuhen und Schlauchschal unterwegs.
Am Freitag, dem Tag der deutschen Einheit, liegt die Stadt in der strahlenden Herbstsonne. Die Bäume und die Gründerzeitbauten leuchten vor einem tiefblauen Himmel. Einige Menschen sonnen sich auf der Wiese, die meisten sind unterwegs zum Herbstmarkt. Da die Geschäfte feiertagsbedingt geschlossen sind und das Wetter zum Schlendern einlädt, machen die Wirte und Händler ein gutes Geschäft. Eine Combo in sächsischer Tracht spielt volkstümliche Weisen, so dass ein wenig Oktoberfeststimmung aufkommt.
In einer Nebenstraße dann das Kontrastprogramm: Vor einem DDR-Neubau sind alte WC-Becken aufgereiht. Die meisten gehen vorbei, ohne den Unrat zu bemerken. Vielleicht gehört es ja inzwischen zur Großstadtfolklore, dass Gerümpel und Abfall aus Bequemlichkeit einfach auf die Straße geworfen und öffentliche Sitzgelegenheiten sowie Haltestellen mutwillig beschädigt werden. „Deutschland wird sich verändern, und ich freue mich darauf“, hatte eine Politikerin vor zehn Jahren gesagt. Sie bezog sich auf die Zuwanderung, aber ich finde, ihr Satz passt auch gut zur allgemeinen Verwahrlosung und Verantwortungslosigkeit, die sich seither im Land ausgebreitet hat.
Am Samstag wieder ein anderes Wetter-Extrem: Viel Wind, viele Schauer. Ich passe um die Mittagsstunde eine Regenpause ab, um zu laufen. Es sind nur wenige Menschen unterwegs. An einer Sportanlage heult eine Sirene. Feuer scheint nicht der Auslöser zu sein – vielleicht ein Einbruchsversuch oder eine Fehlfunktion der Alarmanlage. Fast fünf Minuten jault es laut durch den Wald, dann verstummt das Geräusch, und das Rauschen der Baumwipfel dominiert wieder. Ich fühle mich richtig gut – es läuft sich quasi von alleine. Ich spule meine 8,5 Kilometer routiniert und kraftvoll in 44:22 min ab – neue persönliche Bestzeit.
Abends mache ich in einer zweiten regefreien Stunde einen Spaziergang. Die Arbeiten im Schienenbett der Straßenbahn sind fast abgeschlossen. Die Bahnen fahren wieder, aber die Straße selbst ist noch gesperrt. Die Zwischenräume der Schienen und Randsäume sind mit Gras bepflanzt worden. Das soll das Stadtklima verbessern. Auch hier eine Form der Verwahrlosung: Viele Leipziger latschen einfach quer über den Rasen, statt die vielen, teilweise sogar zusätzlich eingerichteten Übergänge zu nutzen.
Das Licht der Leuchtreklame spiegelt sich in den Pfützen auf den Gehwegen. Die meisten Freisitze bleiben heute leer, auch wenn einige Wirte optimistisch das Wasser von den Tischen und Bänken wischen. Nur wer eine Überdachung und seitlichen Regenschutz hat, bekommt tatsächlich Gäste vor die Tür. Die kauern sich in Decken gemummelt an den Heizpilzen – durch die feuchte Luft fühlt sich der Aufenthalt im Freien deutlich kühler an, als man es für Anfang Oktober erwarten würde. Am Sonntag soll der Wind nachlassen, aber zum Nachmittag wird es wohl wieder regnen.
Die Tage fließen dahin und bald ist schon wieder Weihnachten. Ich bin froh, dass das schöne Wetter in Mecklenburg bereits vierzehn Tage anhält und die Sonne mein Gemüt erhellt. Der letzte Pfirsich ist verarbeitet – jetzt geht es unter anderem mit der Kartoffelernte weiter. Laut Mondkalender ist dafür die Zeit vom 1. bis 5. Oktober günstig, dann wieder vom 10. bis 12. Oktober. Es hat sich bewährt, Gartenarbeiten an den entsprechenden Tagen durchzuführen. Beim Racken verletzte Kartoffeln bilden beispielsweise in den für sie günstigen Phasen eine Schutzschicht gegen Fäulnis – so halten sie sich länger und verdeben beim Lagern nicht den Rest der Ernte.
Die ersten Kartoffeln konnten wir bereits am 11. August aus der Erde holen. Ich bin dankbar für die kleinen Erträge und gleichzeitig froh, dass wir damit nicht bis zur Ernte im nächsten Jahr auskommen müssen – bei Bedarf können wir einfach zum nächsten Markt fahren. Aus den Erzählungen meiner 1900 geborenen Oma weiß ich noch von ganz anderen Zeiten. Sie hatte ein richtiges Kartoffelfeld und einen großen Garten. Beides kenne ich aus meiner Kindheit. Davon musste sie ihre sechzehn (!) Kinder ernähren. Alle halfen mit und die Älteste wurde zur Ersatzmutter für die Jüngsten. Sie hielten zusammen, auch mit den anderen Familien im Dorf. Besonders in den Kriegsjahren war es hart. Da gab es kein Ausschlafen bis in die Puppen oder Wellnes-Wochenenden! Da hieß es arbeiten, um zu überleben. Ihren Ältesten nahm ihr der Krieg, der Zweite verunfallte tragisch im Gymnasium. Schlimm, wenn die Kinder vor den Eltern gehen, hat sie zu mir auf der Beerdigung meines Bruders gesagt.
In meiner Küche surrt zum zweiten Mal der Dörrautomat. Durch das tägliche Äpfelaufsammeln verhindere ich zwar, dass die Wespen angelockt werden, gleichzeitg türmt sich der noch zu verarbeitende Berg. Die gedörrten Apfelstückchen schmecken sehr gut – und das Beste daran ist, dass sie 100% bio sind. Wenn wir sie nicht schon vorher aufnaschen, halten sich erstaunlich lange in abgedichteten Gefäßen – gerade habe ich den letzten, tatsächlich noch gefundenen Vorrat von 2023 freigegeben. Wichtig ist natürlich, dass das Obst sauber verarbeitet worden ist. Beim Aufsammeln lasse ich immer zwei oder drei Äpfel und Birnen für das Amselpärchen liegen. Es versteckt sich während meiner Arbeit in der Hecke – das Rascheln der Blätter verrät sie aber.
Weiter geht es mit dem Abschneiden des Salbeis, der für gesunden Tee getrocknet wird. Danach müssen die alten Erdbeerpflanzen entfernt werden, die sich unter der Johannisbeere vermehrt haben. Dabei finde ich noch zwei reife Erdbeeren – ein kleiner Dank für die Mühen. Der Busch ist so groß geworden, dass sich die Erdbeeren darunter nur schwer ernten ließen. Man ist ja keine zwanzig mehr!
Unser Hund will mithelfen und buddelt wie wild. Keine echte Hilfe. Ich bugsiere ihn aus dem Garten. Er versteht nicht, warum. Jetzt ist keine Zeit zum Spielen. Die Sonne will Feierabend machen und ich möchte fertig werden. Noch fix alle Geräte einsammeln, ein paar Himbeeren naschen und eine letzte Freude beim Blick auf die Dahlien. Dann ist auch für mich Feierabend.
Herbst. Gestern noch sonnig und warm, heute trübe und empfindlich kalt. Die ersten Bäume beglückten uns mit einer Farbexplosion. Wer zuerst färbt, fällt auf, doch verliert auch zuerst die Blätter.
Auf unserer Terrasse sonnte sich gestern Nachmittag eine letzte Wespe. Sie hockte auf der obersten Stange des Wäscheständers, bewegte sich träge, ganz anders als ihre hektischen Verwandten, wenn wir im Spätsommer auf der Terrasse saßen. Die Wespe war fast lethargisch, als wüsste sie, dass mit dem Ende des Sommers auch ihre Welt enden würde. Heute früh fand ich sie tot auf dem Fußboden – ich hatte sie am Abend mit dem Wäschetrockner ins Zimmer getragen, ohne sie in der Dämmerung zu bemerken. Ich habe ihren starren Körper in einem Blumentopf zur Ruhe gebettet.
Der Vormittag stand im Zeichen der Gartenarbeit: Der Efeu musste beschnitten werden. Was für eine Metapher: Man darf Grün nicht ungehindert wuchern lassen, sondern muss es regelmäßig zurechtstutzen, da es sonst es eine zerstörerische Kraft entfaltet.
Das Joggen musste heute aussetzen – die Knie sind keine zwanzig mehr. Dafür saß ich auf dem Hometrainer. Ich verfolgte Tilo Jungs Interview mit dem Historiker Götz Aly weiter. Ich schnaufte oft. Nicht wegen der sportlichen Herausforderungen, sondern weil Jung es mit schlafwandlerischer Dilettanz schaffte, jeden spannenden Gedanken nicht nur misszuverstehen, sondern auch mit naivem Haltungseifer zu unterbrechen. Nun ja, auch so etwas sendet eine klare Botschaft.
Die Botschaft unseres Katers: Draußen ist es ungemütlich, drinnen ist es warm: Ideal, um alle viere oder, nimmt man den Schwanz dazu, alle fünfe von sich zu strecken.
Der Dienstag startet mit supermildem Herbstlicht – der Himmel in Pastelltönen, die im Laufe des Morgens immer heller werden. Schwärme kleiner Fliegen, die von Spatzen, Rotschwänzen und Grasmücken gejagt werden. Die Grasmücke war noch nie so nah und offen bei uns am Haus – ein feiner kleiner Vogel im helloliven Tarnkleid mit neapelgelbem Streifen, der den großen Haselstrauch umrundet. Dohlen reden hoch über meinem Kopf, Stare lassen ihren langen Revierruf ertönen. Im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben wird ein Hof mit 150 Milchkühen vorgestellt, auf dem seit 2012 automatische Melksysteme eingesetzt werden. Seit 2023 dann zwei Roboter der neuen Generation, die eine tägliche Milchleistung von 5000 Litern ermöglichen. Wenn da jetzt noch die KI dazukommt, sparst Du als Bauer am Ende viel Zeit und Geld. (Aber KI kann keine Tiere streicheln und trösten …) Die Milchpreise sind stabil – circa 60 Ct/kg für bio und 50 Ct/kg für die konventionelle. Dinkel wird immer mehr zur Alternative für Weizen, Mais gedeiht besser in Höhenlagen.
Mit dem Gents Touring das neue Hinterrad eingeweiht. Die 100 Kilometer runter zum Rhein sind mir gut bekannt. Ich habe also Vergleichspunkte, kann fünf Stunden den Körper befragen. Das Ganze ist ein Ausdauertraining im Hinblick auf die Tour Hamburg – Berlin in zehn Tagen. Wichtig heute: möglichst wenig essen, nicht überziehen. Ich wundere mich über die für einen Vormittag sehr belebten Straßen – wahrscheinlich ist das frische Geld schon auf den Konten. Überall volle Supermarktparkplätze – ich erwische aber zum Glück einen fast leeren Netto (man muss dort eine Rampe hoch). Die Fahrt ist durch die unerwartete Verkehrsdichte etwas unangenehm. Der Rückweg erheblich entspannter, nachdem ich die Rheinstrecke fürs Lahntal verlasse. Immer stärkere Wolkenballung, die Temperatur geht um 4 Grad Celsius zurück. Ab Nassau liefere ich mir ein Wettennen mit dem drohenden Schauer – das er gewinnt: Bei Obernhof heftiger Regen, so dass ich kurzentschlossen abbiege – ein Sprint zum Bahnhof, wo ich mich unterstelle, um dann mit dem Zug weiterzufahren. Noch 20 Minuten Wartezeit – doch da höre ich die eiserne Brücke zittern: Es ist der rote Triebwagen, der verspätet ankommt. Umso besser! Nach zwei Stationen steige ich wieder aus und setze die Radreise fort. Zuhause Entspannung mit dem Ami-Automechaniker – die letzte halbe Stunde des Videos ein Roadtrip an die kanadische Grenze. Unglaublich, welche Wirkung diese stillen, langsamen Bilder auf mich haben, wie in mir das Gefühl von Weite und Endlosigkeit entsteht. (KI kann auch keine Schrauben lösen!)
Am Mittwoch gegen 7 Uhr Orion gleich neben dem Kirchturm. Pracht und Kälte kommen gemeinsam – nur noch 4 Grad Celsius. In aller Stille sind die Wolkenberge abgezogen – ein angenehmer Kontrast zum Schauertag gestern. 1. Oktober: Nur noch zwölf Stunden Sonne. Morgentee mit dem Finanzfacharbeitersohn. Über zehn Jahre ist er nun schon in der Firma, jetzt geht es um eine Beförderung nach dem Prinzip up or out. Da gelten dann keine fachlichen Kriterien mehr, sondern politische – der Daumen des Cäsar. Er berichtet über Folgen des extrem hohen Leistungsdrucks bei überforderten Mitarbeitern, über den Wandel der Analystenwelt durch KI-Tools. Vor etwa einem Jahr ging das los. Die Entlassungen treffen vor allem die unteren und mittleren Stufen – wer die besten Prompts schreibt, überlebt. Unsere beiden Kaninchen bevorzugen analogen Schachtelhalm.
Nachricht am Rande: RWE zieht sich aus dem 10-Milliarden-Dollar-schweren Wasserstoffprojekt in Namibia zurück – die Nachfrage in Europa war zu schwach. Wenn der Gewinn ausbleibt, setzt der Realismus ein. Wie bei vielen Formen der Energieerzeugung liegt auch beim „grünen Wasserstoff“ das Problem in der vorgelagerten Kette: Ob Kohle, Gas, Öl, Ammoniak, Methan aus Gülle – produziert wird oft unter schwachen Umweltstandards in wenig kontrollierten Gebieten außerhalb Europas. Dazu kommt der weite Transport plus eine neue Hardware, die in der Rechnung nicht einmal mitgedacht ist. Klar, verbrennt das Endprodukt bei uns am Ende dann „sauber“ – der schmutzige Teil wurde ja aus dem Blickfeld geräumt. Nicht mehr zu leugnen sind die Schwierigkeiten der großen Energieverbraucher in Deutschland, die nach und nach Betriebssteile schließen müssen. In der alten bipolaren Weltordnung hätte man das leichter abfangen können – vieles war längst in asiatische Billiglohnländer verlagert. Doch nach dem Ende der Russland-Deals und dem deutschen AKW-Aus stößt man dort auf die nächste Mauer – die Machtverhältnisse haben sich verschoben. Die Erzählung von der Globalisierung als Friedens- und Demokratiebringer trägt auch nicht mehr automatisch. Heute gilt mehr denn je: Wer die Energie kontrolliert, hat die Macht.
Das nachmittägliche Sonnenlicht ist verlockend. Ich beschließe, mit meinem neuen Gravelbike eine Runde um die Leipziger Seen zu drehen. Nach dem geleasten Jobrad, ein Bulls Daily Grinder 2, das ich zurückgeben musste, fahre ich jetzt ein Bulls Daily Grinder 3. Da die aktuelle Version des BDG 2 nur mechanische Scheibenbremsen hat, entschied ich mich für das BDG 3 mit den hydraulischen.
Warum erwähne ich das so ausführlich? Nach nicht einmal 500 Metern muss ich auf meinem Fahrradstreifen brutal in die Eisen gehen, weil ein Autofahrer Mist baut. Statt sich wie alle anderen in der Warteschlange vor der Ampel einzureihen, hatte er spontan beschlossen, über den Radstreifen in die Nebenstraße abzubiegen. Obwohl er sogar den Blinker setzte, war der Bremsweg für mich extrem kurz. Im letzten Moment kam ich mit quietschenden Reifen zum Stehen – fluchend, aber unversehrt. Seit dem Radunfall vor zweieinhalb Jahren lege ich höchsten Wert auf gute Bremsen.
Der Rest der Fahrt verläuft entspannt. Zwar gibt es das übliche Spektakel am Cospudener See, wo sich Spaziergänger, Doppel- oder Viermanntretmobile, Skater, Gelegenheitsbiker (meist zu zweit nebeneinander) und Rennradfahrer beim Überholen nerven – durch vorausschauendes Verlangsamen und Beschleunigen komme ich aber gut voran. Weiter geht es über Gaschwitz zum Markkleeberger See. Dort ist es noch ruhiger – kaum Verkehr, kaum Spaziergänger.
Richtig angenehm wird es am Störmtaler See, wo mir fast nur noch Rennrad-, Gravelbike- und einige wenige e-Bike-Fahrer begegnen. Das Licht ist atemberaubend. Heute mal keine Vögel in Ufernähe, aber jede Menge Segel in der Ferne. Das neue Rad hat im Gegensatz zum alten nicht mehr sechzehn, sondern elf Gänge. Es fährt sich gut damit. Geeignetes Terrain und keinen Gegenwind vorausgesetzt, schaffe ich es trotz Schutzblechen, Gepäckträgern und Leuchten auf über 40 km/h. Diese Geschwindigkeiten sind rauschhaft – doch die Euphorie hält meist nicht lange, da mich immer wieder leichte Anstiege und gelegentliche Steigungen mit bis zu 11% ausbremsen.
Nach meiner Runde um den Störmthaler See bin ich zurück am Markkleeberger See, wo ich für eine kurze Trinkpause an einer Kuhherde stoppe. Zurück gehts über das AGRA-Gelände, Connewitz und die Südvorstadt. Als ich nach einer Ampel beschleunige, höre ich hinter mir zwei Rennräder. Mich packt der Ehrgeiz: Überholen lassen will ich mich nicht. Am nächsten Stopp stehen sie dann freilich neben mir. „Sie sind ganz schön schnell unterwegs“, sagt die eine Fahrerin mit Respekt. Ich erinnere mich, dass mein Bike mit Licht und Schutzblech von hinten eher wie ein Tourenrad aussieht. Ich grinse: „Schnell zu fahren, macht einfach mehr Spaß.“ An der nächsten Ampelkreuzung warten wir wieder gemeinsam. Sie wünschen mir noch eine gute Fahrt und biegen links ab, ich muss geradeaus weiter.
Der Ausflug hat Spaß gemacht. 57,5 Kilometer waren es am Ende. Solange das Wetter es zulässt, sollte ich das wiederholen.
Am Samstag und Sonntag den Umzug der Ältesten von Hildesheim nach Köpenick bewältigt – Autobahnen, Autobahnen, zwischen Wald und Bördeland die schöne, mittelgroße Stadt. Eine Deutschlandreise durch die Fanlager der Fußballclubs: Die Zone der 96er reicht kaum über Hannover hinaus, die blau-gelben Braunschweiger sind genau bis Helmstedt sichtbar. Ab da das Reich des 1. FC Magdeburg: blau-weiß an Masten, Brücken, Lärmschutzwänden. In Nähe des Berliner Rings dann Hertha-Markierungen: Schrift und Motive gestalterisch unbeholfener. Köpenick ist rot-weißes Union-Land, das ist klar.
Der Abschied von Hildesheim stimmt mich fast sentimentaler als die junge Studentin selbst, die nach ihrem BA in Psychologie den Blick bereits klar auf Potsdam-Golm richtet, wo sie einen Masterplatz bekommen hat. Verständlich, zumal ihr Freund in Spindlersfelde wohnt – eine angenehme Ecke: Grüngürtel, von der Spree flankiert; Vorkriegsvillen und solide Mietshäuser, in denen viele BER- und Tesla-Mitarbeiter leben – alles ziemlich international: In Musks Werk arbeiten 12.000 Menschen aus 150 Nationen. Unsere Tochter ist dort aber nur auf Zwischenstation – sie wird „fast absolut sicher“ in den Norden Spandaus weiterziehen, das WG-Casting steht aber noch an.
Mein Sohn ist zweiter Fahrer des Umzugs-Vans. Nach dem Ausladen gehen wir am Phone die Bewertungen der lokalen Döner-Anbieter durch, filtern dabei die allzu aufgeräumte Köpenicker Altstadt weg, und entscheiden uns am Ende für den Bahnhofsimbiss. Ein milder, sehr angenehmer Abend. Heiter gelöste Stimmung vor einer Union-Sportsbar: Eintracht Frankfurt führt nach gut einer Stunde 6:0 gegen Gladbach – das ist surreal. An den Häusern auch kyrillische Graffitis.
Der Rewe um die Ecke bis 24 Uhr geöffnet. Als wir gegen 20 Uhr einkaufen, ist er gut besucht. Vor mir in der Schlange in rotem Großkaro ein anderer alter weißer Dude. Neben uns an der Selfscan-Kasse ein Junger mit Vollbart und in Stufe geschnittenen, blonden Haaren. Durch sein Basecap erinnert er mich an den Sänger von Supertramp, was ich dem Typen vor mir sage. Daraus entwickelt sich ein Gespräch über besagte Band, Kansas und Toto. Er kennt sich gut aus, meint, dass Supertramp live etwas langweilig waren, weil sie die Stücke immer exakt so wie auf ihren Platten spielten.
Sonniger Rückweg mit leichtem Rückenwind. Rund um den BER wird peinlichst auf Temposchilder geachtet, es gibt wohl auch Kontrollen. Neben uns Familienflieger im Anflug – für Frankfurter ist das ein Kindergarten von Flughafen. Auf der A 113 dann Tempomat und ab! Wir rollen an der Nachkriegs-Planstadt Lebenstedt vorbei, sehen parallel zur A7 die Alleen Niedersachsens, Richtung Marburg dann die hesssichen Wälder. Dahinter ist gleich Staufenberg, wo wir nach sechs Stunden Fahrt auf dem Sportplatz des SV Thalheim Zeuge eines umkämpften Spiels gegen den FC Rojkurd Merenberg werden.
Am Montag die Nachricht, dass der Pflegegrad 1 abgeschafft werden soll – beginnende Demenz bliebe ohne Anspruch auf Unterstützung. Es geht um einen einstelligen Millardenbetrag. Es wird interessant, wie sich die mit Megaschulden versehene BRD neu erfindet. Die sogenannten Sozialpläne der Autoindustrie und Zulieferer werden dabei eine zentrale Rolle spielen – dann beginnt das alte Lied Kapital wandert schneller als Arbeitskraft. Ein Strukturwandel, den viele schon 2010 haben kommen sehen – doch Management und Politik schauten lieber auf Quartalszahlen als auf die Wirklichkeit dahinter. Mit diesen Gedanken in einen milden, grünen Herbsttag, an dem Covid bei mir letzte Zeichen setzt. Aber auch das wird vergehen.
Am Nachmittag Pflaumenkuchen mit echtem (!) Hefeteig. Er mundet sehr. Ich versehe das Hinterrad meines Herbst-Winter-Rads (das ist eines mit Schutzblech) mit einem neuem Kranz. Es gab bis 1992 ein geniales System aus einzelnen Steckritzeln (von denen ich noch einige vorrätig habe) – dann begriffen die Hersteller, dass es für sie wesentlich lukrativer ist, die Zahnräder verschweißt oder vernietet als Komplettpaket zu verkaufen. Kleine Probefahrt hinauf zum Netto – dort soll es Überraschungseier mit Playmobil-Panikräumen geben.
Ich überlege, mir ein T-Shirt produzieren zu lassen mit der Aufschrift „Ich habe den Jahrhundertsommer 2025 überlebt!“ Wenn jeder Klimahysteriker und jeder unkritisch nachplappernde Journalist für seine Fehlprognose in diesem Jahr nachträglich 1.000 Euro Bußgeld zahlen müsste, käme locker ein Millionensümmchen zusammen.
Nach dem spontanen Halbmarathon vom vergangenen Sonntag war bei mir die Luft etwas raus. Obwohl die Beine schwer waren, habe ich es diese Woche trotzdem dreimal geschafft, die 8,5-Kilometer-Strecke zu absolvieren – am Mittwoch, Freitag und Sonntag. Von Bestzeiten war ich weit entfernt – immerhin beendete ich jede der Laufrunden gut eine Minute schneller als die vorherige.
Wetter ist nicht Klima – und das Wetter ist zur Zeit durchwachsen. Der Herbst ist da. Weil es bereits empfindlich kalt ist, musste ich zwei morgendliche Einheiten in Thermosportwäsche absolvieren. Das wechselhafte Wetter zeigt sich auch an der Strecke. Die Pfützen von den vorherigen Schauern waren noch nicht verschwunden, als der Dauerregenschwall vom Donnerstag hinzukam. Jetzt sind dort kleine Seen, auch am Sonntag noch. Ich muss Bögen laufen oder auf die asphaltierten Wege ausweichen, die ich nur ungern nutze.
Am Freitag sehe ich auf der Brücke an der Pferderennbahn eine Rentnergruppe mit Trainerin. Die Frauen und Männer, viele mit Nordic-Walking-Stöcken, machen nach Anleitung Dehnübungen. Junge Menschen gehen schmunzelnd daran vorbei. Ja, wartet nur ab – Euch holt das Alter auch noch ein, denke ich mir. Ich glaube, dass mein tägliches Programm ein guter Anfang ist, um später nicht von der Krankenkasse zu solch sportlichem Exhibitionismus gezwungen zu werden.
Selbst dort, wo keine Pfützen mehr sind, ist der Waldboden feucht. Wenn der Fuß auf der weichen Erde landet, spritzt Dreck hoch. Die Schuhe hinterlassen bei jedem Laufschritt schmatzende Geräusche – so, als würde der Boden versuchen, mich festzusaugen.
Ein Vorteil des Wetters: Es wagen sich noch weniger Läufer als sonst auf die Waldpfade. Nur die Hundebesitzer kommen nicht umhin, die Nebenstrecken zu nutzen. Für mich sieht es immer so aus, als würden die Vierbeiner mit ihren schnüffelnden Nasen Zeitung lesen:
„Müllers Dackel hat Magenprobleme.“
„Bertha ist läufig.“
„Es hat noch niemand den Jackpot geknackt und das nervige Eichhörnchen erwischt.“
Am Sonntag sind es um halb neun bereits angenehme 14 Grad und es wird rasch wärmer. Das tiefstehende Licht lässt die Blätter, die sich allmählich verfärben, leuchten. Ich beende meine Laufrunde beim Bäcker. Doch aus dem gemeinsamen Frühstück in Familie wird nichts – für die nachtaktive Jugend ist 10 Uhr natürlich viel zu früh, um aufzustehen und sich mit uns Eltern an den Tisch zu setzen.
Beim Ausziehen erwartet mich noch eine Überraschung: Drei Kletten haben sich an meine Socke geklammert. Ich habe keine Ahnung, wann und wo ich sie aufgegabelt habe. Wenn man pfützenbedingt von der Mitte an die Ränder der Wege ausweichen muss, schnappt man wohl so einiges auf.
In der Mittwochmorgendämmerung zeigt sich sehr deutlich, was das Tageslicht meist verbirgt: Ein paar hundert Meter die Stromstraße hoch, stößt das Heizkraftwerk Moabit eine Menge Schadstoffe in die Luft. Der Betreiber, die landeseigene BEW Berliner Energie & Wärme GmbH, hat angekündigt, dass dort ab kommendem Jahr die zur Zeit noch dominierende Verfeuerung von Steinkohle enden und durch gas- und biomassebetriebene Heißwassererzeuger ersetzt werden soll. Das wird die Emissionen aber lediglich verlagern. Wenn man sich mit dem Thema Energieerzeugung beschäftigt, stellt man schnell fest, dass es keine Umwandlungsmethode gibt, die nicht ihre Nachteile hat: fossile Brennstoffe belasten die Umwelt und führen zum Raubbau an natürlichen Ressourcen, Kernenergie wirft Fragen zur Reaktorsicherheit und Atommüllentsorgung auf, erneuerbare Energien sind wetterabhängig und können nur schlecht gespeichert werden, Biomasse steht wegen des hohen Rohstoffverbrauchs und der Abgase in der Kritik. Inwieweit Wellen- und Gezeitenkraftwerke oder Windenergieanlagen Ökosysteme beeinträchtigen, ist bislang nur unzureichend erforscht – diese mangelhafte wissenschaftliche Grundlage bei gleichzeitiger schneller Ausweitung der Technologien ist fahrlässig und birgt erhebliche Risiken für die Lebensräume von Mensch, Flora, Fauna, Gewässern und Böden, von Mikrobiomen mal ganz zu schweigen. Es sind fragile Systeme, deren Teil wir sind.
Die Ringbahn ist wie immer wochentags gegen sechs zu vielleicht einem Drittel gefüllt – der zweite Schwung der Schattenkolonne auf dem Weg zur Arbeit. Um die Zeit ist es still im Zug, falls mal jemand redet, ist es kein Deutsch, das man hört. Am Westkreuz Umstieg in die S7 – dort dasselbe Bild, nur mit noch weniger Menschen. In einer Stunde wird sich das ändern, auch die Nationalitäten – dann sind die Natives unterwegs. An der Wildpinkelstelle huscht eine Ratte vorbei.
Reißverschlüsse sind die Sollbruchstellen von Jacken. Wie gut, dass ich nach dem Runterziehmalheur noch eine zweite dicke habe – die Morgentemperaturen sind in dieser Woche durchgängig einstellig. Mir fällt auf, dass der Steinecke-Bäcker im Bahnhof Nikolassee wie Ernst Barlach aussieht. Über der morgentauglitzernden Rehwiese liegt ganz feiner Nebel. Auf dem nahen Schlachtensee ebenso.
Die aufgehende Sonne zieht einen orange-roten Streifen durch die Nebelfelder. Wo sich diese an den Schilfgürteln verdichten, sehen sie aus wie verwehter Schnee. Die Eiszeithänge leuchten, als wären sie mit flüssiger Lava übergossen. Verlassen liegt die Bucht da.
Mittags Treff mit einer Freundin im Bistro meines kleinen Biomarktes. Sie ist gebürtige Albanerin, wuchs in bitterster Armut auf. Vor den Gewaltexzessen in den Revolutionswirren Anfang der Neunziger floh ihre Familie nach Polen. Sie brachte sich selbst die Landessprache bei, organisierte ihren Schulbesuch und alles Behördliche. Als sich die Lage in der Heimat beruhigt hatte, ging die Familie nach Tirana zurück – ihr Bruder und sie blieben. Da war sie vierzehn und träumte schon auf polnisch. MTV-Moderatoren waren ihre Englisch-Lehrer. Sie machte hervorragende Abschlüsse, studierte in Warschau und Deutschland, zog nach Berlin. Dort lernten wir uns kennen. Sie ist eine international angesehene Künstlerin und hat sich im Lauf der Jahre sieben oder acht weitere Sprachen beigebracht. Denkt global. Wäre sie ein Baum, hätte sie ihre Wurzeln im Osten und ihre Krone im Westen. Es ist immer spannend, sich mit ihr zu unterhalten – sie ist eher an Außenpolitik interessiert, ich an kleinteiliger Soziologie, aber das eine hat ja mit dem anderen zu tun. Vieles von dem, was für mich ein wichtiges Thema ist, bekommt sie überhaupt nicht mit – und umgekehrt. Manchmal sind wir diametral anderer Meinung, dann wird gestritten. Finde mal heutzutage jemanden, mit dem Du das kannst – die meisten wollen nur zanken. Unsere Informationsquellen haben kaum eine Schnittmenge, auch da ist der Abgleich spannend. Worin wir uns hingegen ziemlich oft einig sind, ist die Einschätzung von Filmen, Büchern, Ausstellungen, neuen PC- und Smartphone-Technologien. Die gemeinsame Zeit fliegt nur so dahin, es gibt viel zu lachen. Bei der Verabschiedung erzählt sie, dass sie noch zum Baumarkt müsse, um eine Toilettenmuschel zu kaufen. Da ich den Begriff nicht kenne, frage ich nach, und lerne so das polnische Wort für Kloschüssel kennen: Muszla toaletowa. Das kann ich mir merken.
In der Ärztezeitung ein Artikel, der beschreibt, dass junge Ärztinnen auf Klinik-Feiern gezielt Alkohol trinken, um so ihren Vorgesetzten zu signalisieren, dass sie nicht schwanger sind, da sie andernfalls berufliche Benachteiligungen befürchten. Das ist ganz schön krank.
Am Samstag sitze ich nach dem Baden mit dampfenden Tee auf der Buchtbank und versuche, ein paar tröstende Zeilen für die Frau und die Kinder eines gerade verstorbenen guten Freundes meiner Eltern aufs Papier zu bringen, auch mein Bruder und ich mochten ihn sehr. Zuletzt traf ich ihn 2024 als er sich von meinem sterbenden Vater verabschiedete. Dann wurde er selbst ganz schnell krank und zum Pflegefall. Dass ihm weiteres, längeres Leid erspart blieb und es ihm vergönnt war, unter dem eigenen Dach zu sterben, muss man als Gnade ansehen. Trotzdem reichen meine Worte kaum aus – wo Traurigkeit die Herzen flutet, müsste die Musik übernehmen. Um 7:30 Uhr erklingt aus weiter Entfernung leises Geläut, um acht vom anderen Ufer die Vaterunser-Glocke der Johanneskirche. Aus dem Schilf lugt ein Blässhuhn, drei schwarze Enten fliegen vorbei.
Am Donnerstag regnerisches Herbstwetter, während sich im Radio die Klimaexperten überschlagen: „3 Grad! 2050!“ Was mir bei der Diskussion fehlt, ist die Benennung von konkreten Gefahrenzonen für Wetterereignisse, von eindeutigen Plänen und Maßnahmen. Da gehts dann nämlich schnell um Grund und Boden, um Bauflächen, Versicherungspolicen (die Definition von Elementarschäden), im Endeffekt also um Vermögensberichtigung, den Werteverlust von Eigentum. Hierzu höre ich wenig, das sind ja unangenehme Fragen, die man stellen müsste, Probleme, die tief ins Eigentumsrecht und in die kommunale Planung greifen. Ehrliche Aussagen dürften viele Menschen ziemlich nervös machen und verunsichern – da zieht man sich lieber auf das Feld der vagen Temperaturprognosen zurück und trägt diese mit der Inbrunst des apokalyptischen Mahners vor. Aus den vorigen Überschwemmungskatastrophen wissen wir: Schäden werden erst nach Eintreten reguliert, Verantwortungen erst post factum geklärt (oder auch nicht). Da liegt der Klimahund begraben. Aber wahrscheinlich ziehen wir uns auch 2050 noch Horrorvideos von indonesischen Tsunamis rein und sehen dabei zu, wie die Kinderfabrik, in der wir unseren Nippes bestellen, weggespült wird.
Den gesamten Nachmittag erfolglos an einem Hinterrad gewerkelt, bei dem ständig die Zahnkränze eiern. Bewundere den US-Autoboy immer mehr. Der hat es wirklich drauf und man kann sich sogar als Radbastler Handgriffe abschauen. Und die Disziplin im Workflow.
Covid schleicht weiter umher. Die mittelgesunden Kinder bekommen Tee und Salat von mir. Jetzt beginnt die Rucola-Saison. Ich liebe ja eher diese großen Blätter, aber es geht sich halt nicht aus. Bei Bio-Kartoffeln absolute Tiefstpreise von unter 1,40 Euro das Kilo. Aber keiner macht nen Luftsprung. Es kochen ja auch immer weniger. Es gibt wahnsinnig gute Kartoffelsorten – wen interessiert das noch? Ich erinnere mich, dass ich so um 1970 im Fernsehen die Pfanni-Pulverkartoffel-Werbung sah und das erstmal praktisch fand. Meine Mutter erklärte mir dann, warum es das bei uns zu Hause nicht gibt.
Mit der Jüngsten den morgigen Schultag vorbereitet. Sie berichtet, dass bei der Mathearbeit ihre Banknachbarin zusammenbrach und vom Opa abgeholt werden musste. Auslöser: Versagensängste. Bei Zwölfjährigen. Dabei wollen sie nur fleißig sein. Im DLF eine lange, gute Sendung zu Altkleidern, dem Secondhand-Markt, dem Problem der falsch gekennzeichneten Mischgewebe usw. Natürlich alles aus der Wohlstandsperspektive erzählt: Was kann ich wo wegwerfen?
Bei mir schwindet so langsam die zähe Müdigkeit, der Magen meldet keine Störungen mehr – die Magerquark-Kur hat angeschlagen. In Windeseile fällt der Mais. Ein herbstlich kühler Tag mit Schauern.
Das Wetter am Freitag ruhig und kühl und ohne Wind und Regen sehr angenehm. Mein Körper findet das gut. Dazu Jean Francaix‘ großes Oktet in einer schönen Einspielung mit dem Charis Ensemble. Nabokov auf den finalen Seiten köstlich. Der Killer liest in New York Zeitung. Einfach Meldungen aneinandergereiht. Dann sitzt er mit Magenproblemen in der Unibibliothek und findet sich nicht zurecht. Herrlich, wie ihm die Gehilfen den Weg erklären und er ständig auf die Toilette muss. Die Schmetterlinge vom Anfang tauchen wieder auf. Alles fügt sich am Ende, ist virtuos komponiert. Ernst Jünger beobachtet derweil in Antibes die Vermählung von Insekten und Blumen, gibt eine innige Liebeserklärung zur Entomologie ab. Neben der Leidenschaft zur Käferjagd an sich, ist es die Möglichkeit, zu genauen Kenntnissen zu kommen, die ihn fasziniert, das Verständnis von Natur auf einer tieferen Ebene. Die Insekten und ihre Systematik sind nur ein Schlüssel zum Universum, zum Lebensprinzip der Welt in ihrem gewaltigen Überfluss. So treffen beide Bücher aufeinander.
Dank meiner steigender Gesundungskurve ein guter Radtrip. Habe das restaurierte Alpaca-Merino-Wolltrikot abgeholt und das frisch eingerollte Hinterrad checken lassen. Später unsere Tochter zum Musikunterricht gebracht. Für mich nach einer halbstündigen Siesta Kurzecks „Oktober und wer wir selbst sind“: Frankfurt – Staufenberg – Böhmen in wilden Sprüngen; die tranceartige Weltwahrnehmung passt hervorragend in einen halberwachten Zustand. Monatsende: Vor den Supermärkten werden jetzt Stimmungsaufheller verteilt. MYXÖDEM ist das deutsche Scrabble-Wort, das die meisten Punkte erzielt. Die Hagebutten leuchten verführerisch in der milden Sonne.
Wochenbeginn. Ich bringe die Kids mit dem Auto zur Schule, das erspart ihnen eine Stunde Dunkelheit. Später die Standardrunde auf dem Rad, um Besorgungen zu machen. Hoffentlich werde ich dabei nicht von feindlichen Kampfjets verfolgt. Da die Post inzwischen die Montagslieferungen eingestellt hat, muss ich einen Tag länger auf das antiquarische Gogol-Buch warten. Am Nachmittag schickt meine Frau eine mittels KI-App erstellte, perfekt formulierte, rechtssichere Unterrichtbeschwerde, bei der die Eltern nur noch die Namen des Lehrers einsetzen mussten. Die Lehrer wiederum nutzen so etwas dann für wasserdichte Antworten an Eltern, andere Kollegen und Behörden. Roboter kämpfen gegen Roboter, das ging hier ganz fix in Hessen. Das alles wird uns in den Irrsinn treiben. Die Jüngste lernt mit ChatGPT für eine Englisch-Klassenarbeit. Zuerst versucht sie zu tricksen und fragt den Chatbot, ob er Zugriff auf das Online-Material der Lehrer hätte. ChatGPT: Ich darf keine Originalaufgaben von Green Line übermitteln, könnte Dir aber vergleichbare Aufgaben formulieren. Möchtest Du das? :::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::> JA!!!!!
Am Dienstag Frühstart mit den Kindern und Krähenbeobachtung. Wieder für anderthalb Stunden zu Bett – die Genesung fordert ihren Tribut, anders ist die Müdigkeit nicht zu erklären. Am Vormittag eine milde Herbstsonne, die unsere Hagebutten am Tor zum Leuchten bringt, während Brahms 1 – Cleveland – Dohnányi seine mächtigen Schwingen erhebt. Kaufland-Fänge: Sirup von schwarzen Ribiseln, „Bonne Maman“ Himbeermarmelade (endlich unter Wucherpreis), das beste Schoko-Müsli unter dem Dutzend angebotenen Sorten. Nächstes Video vom US-Autoschrauber. Am besten gefällt mir die Ausleuchtung der kniffligen Stellen. Topschnitte und Topwissen darum, wie man das Tempo hält. Aus einem Mercedes regnet es Nagetiere und Vogelmumien, plus die üblichen Nüsse. Habe den sich bedeckt haltenden Mechaniker inzwischen an den Mülltonnen lokalisiseren können: Saint Paul, Minnesota – Minneapolis‘ Twin City. Eine gute Überschrift für alle Lebenslagen: Mülltonnen lügen nicht.
Zeitungsschau: Pommesproduzenten sind inzwischen so wählerisch, dass die Situation für „Pommeskartoffel“-Anbauer „dramatisch“ ist (Selbstaussage). Wir Verbraucher können uns also auf ein rosiges TK-Frittenjahr freuen. Die restlichen Preisentwicklungen sind stabil, nur Kälber werden hoch gehandelt (alles Erzeugerpreise). Auf zwei Dinge dürfen sich die Landwirte 2026 freuen: Die allseits beliebte Agrardiesel-Rückerstattung kommt zurück, und ♪♫ Kleiner Tusch! ♫♪ Saisonarbeitskräfte können bis zu neunzig Tage pro Kalenderjahr sozialversicherungsfrei beschäftigt werden. Unsere Kleine und den trainingserschöpften Sohn gefüttert. Ein sonnig windiger Tag geht langsam zuende – die dunkle Wetterwand begründet den Ausfall der morgendlichen Bundesjugendspiele, was hier NIEMAND bedauert.
Mittwochmittag schnell aufs Rad – es wurde soeben beschlossen, dass heute Bolognese-Tag ist. Das Mahl mundete perfekt – ich gab zum Schluss einen langen Thymianzweig hinein. Als Vorsalat reichte ich gekochte rote Beete, zum Nachtisch eine halbe Kiwi (jeweils). Nun Mokka und dänische Bläser. Der Winkler-Dünndruck Gogol ist eingetroffen! Achthundert Seiten Erzählungen – bis auf „Tote Seelen“ alles drin. Dazu französische Bläserkammermusik. Leider von Naxos zu hart digital aufgenommen – absolute Luxussorgen. Ein grauer Tag mit starkem Ostwind. Südlich des Mains erheblicher Regen. Hier bei uns aber nicht – die Bundesjugendspiele hätten stattfinden können!
Am Nachmittag dann Laufräder ausgespeicht und an einem anderen Konen eingestellt. Was für ein schlichtes Wunderwerk allein eine Felge ist. Hält Jahrzehnte, wenn man sie nur ein wenig pflegt. Bin mit dem Rad ganz passabel unterwegs – der Tritt kehrt wieder, kaum noch Schleim auf den Bronchien. Mein Sohn berichtet von einem bitteren Geschmack im Mund – ein häufiges Symptom dieser Covid-Variante, hörte das auch von einem Radfreund. Der Filterkaffee schmeckt mir mittlerweile wieder uneingeschränkt – für mich war die Unfähigkeit, Fette zu verdauen, das Unangenehmste. Zu alledem kein Wort von der Gesundheitsministerin, dabei wird ja gerade halb Deutschland davon erfasst – wir sollen die Wirtschaft ankurbeln. Mit Nabokov, Gogol und Jünger zu Bett. Der Schlaf ist der Schlüssel. Ich frag mich ja, wie so ein Virus dann am Ende den Ausgang findet …
In meiner kleinen Schlachtenseebucht in den letzten Tagen eindeutig Hauptthema: Der Rotfederschwarm, der dort neuerdings unterwegs ist. Wenn man langsam schreitet, kann man mitten hindurch gehen. Faszinierend. Am Samstag Wiederbegegnung mit der aus der DDR geflohenen Pastorentochter, die dann Literaturwissenschaftlerin wurde. Sie erzählt, dass sie nach unserem Austausch vor gut einem Monat sofort Matthias Wegehaupts „Die Insel“ gekauft hätte. Da freut sich der gelernte Buchverkäufer in mir. Kaum war meine nette Gesprächspartnerin weg, pflügt schweren Schrittes ein Mann aus dem Wasser: Taucherbrille, Flossen, Slawe. Ich frage, ob er – „neben dem hier vorne“ – draußen einen weiteren Schwarm gesehen hätte. Antwort: „Nicht verstehe. Ukraine.“ Er macht das gebräuchliche Zeichen zum Fischgrößezeigen, sagt: „Groß.“ Nachdem er sich abgetrocknet hat, zeigt auf er mir dem Smartphone fantastische, gestochen scharfe Aufnahmen von mehreren riesigen Fischen, die durch das Schilf schlängeln. Er deutet auf die Rohre am Rand der Bucht: „Da Fisch.“ Ich: „Hast du das gerade eben hier gefilmt?“ Nicken. Ich zeige auf sein Handy: „Aber nicht damit?“ Er setzt sich pantomimisch die Taucherbrille auf, pocht drauf. Ich: „Kamera in der Taucherbrille?“ Erneutes Nicken. Ich schüttel den Kopf und hebe den Daumen: „Verrückt! Echt tolle Qualität!“ Das freut ihn. Dann tut er so, als ob er ein Gewehr anlegen und abdrücken würde: „Ukraine. Fisch. Bumm!“ Lieber nachfragen: „Ihr schießt in der Ukraine auf Fische? Angelt ihr nicht?“ Kopfschütteln: „Bumm!“ Ich mache die aus alten Filmen bekannte Sprengzünderrunterdrückbewegung: „Benutzt ihr auch TNT?“ Er überlegt. Eine Erkenntnis huscht übers Gesicht, er überlegt weiter. Jetzt hat ers: „Nix Gewehr! Harpun!“ Wir machen beide Harpunenabschussbewegungen und das Geräusch. Er kreuzt die Unterarme – könnte ein Verbotsschild sein oder Handschellen. „Harpun in Deutschland Verbot. Policia!“ – „Stimmt.“ Er zeigt in die Ferne: „Italia Harpun okay.“ Zeigt auf sich: „Go to Italia.“ Wir lachen. Ich zeige und sage: „Lieber mit ner Angel.“ Er nickt, zieht fröhlich die Schultern hoch. Zum Abschied nettes Winken. Dialog des Monats.
Am Sonntag mit einer Mitschwimmerin meditative Betrachtung von springenden Rotfedern. Dazu ein Angler in Vollmontur. Grüßt nicht, geht ins Wasser, wirft die Angel aus, kommt raus und verschwindet. Macht seiner Schweigerzunft alle Ehre. 27 Grad Lufttemperatur – vielleicht das letzte sommerliche Wochenende 2025. Am Montag immerhin noch 17 Grad. Trotzdem schon einer mit Pudelmütze (!?) in der Bahn. Als ich am Dienstag um sechs sehe, dass es 6 Grad sind, kapiere ich, dass der Typ einfach nur einen dreiviertel Tag zu früh dran war. Ich hole die Winterklamotten vom Schrank und setze nun selbst eine Wollmütze auf (ohne Bommel). Gehe erstmalig einen mir unbekannten Weg zum See. Den hatte eine nette Baderin erwähnt, mit der neulich äußerst angenehm plaudernd von der S-Bahn zum Wasser ging. Unter einer Brücke das Graffiti, das ab Frühjahr 2020 überall im Lande auftauchte. Orwells Buch ist ja nie der schlechteste Lektüretipp. Nicht nur „1984“, auch die Werke Hannah Arendts lagen 2020-22 plötzlich und unerwartet in manch einem Buchladenfenster. Sie hat uns immer noch eine Menge zu sagen (bitte das Gespräch mit Gaus anschauen). Und anschließend könnte man dann ein wenig durch die geleakten RKI-Protokolle scrollen oder die Berichte von den landesparlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Sachen Coronamaßnahmen lesen. Am Wegesrand Wilder Wein. Die Farben!
Als ich an der Bucht bin, ist das Thermometer auf 9 Grad gestiegen. Prächtigster Sonnenschein. Ein älterer Herr gesellt sich zu mir. Wir sind sofort im Gespräch. Er erzählt, wie es hier am See früher war. Er war damals ein sehr guter Läufer – heute geht er ganz langsam mit Stöckern. „Man darf nicht festsitzen zuhause, muss raus, sich bewegen, mit anderen ins Gespräch kommen. So wie wir gerade.“ Ich zeige ihm den Schwarm. Rotfedern kennt er nicht – „Biologie hat mich nie interessiert.“ Hat im neulich Radio gehört, dass es 12.000 Gräserarten gibt – fühlte sich bestätigt: „Wer soll da den Überblick behalten?“ Liest viel, vor allem Geschichtliches, Prosa und Lyrik. Hat für Freunde selbst ein Gedichtbändchen herausgebracht – über den Schlachtensee! Fragt, ob ich die schöne, ganz kleine Stelle neben dem Stehpaddelverleih kenne, ein Stückchen von der Fischerhütte entfernt. Kenn ich. Er zitiert aus dem Kopf: Hier ist mein schönster Platz am See / Ohne Service und Kaffee. Großartig! Er macht sich auf den Weg und kommt, keine zehn Meter weiter, gleich mit den nächsten ins Klönen. Als ich gehe, sehe ich endlich mal wieder Stockenten, gleich zehn Stück am nordwestlichen Zipfel. Dann noch einen Kormoran beim Losfliegen. Was mich schwer beeindruckt.
Dieser Tage hat mich eine kleine ZDF-Meldung sehr beschäftigt. In einer Umfrage zum Einkaufsverhalten der Deutschen angesichts der Inflation kam heraus: „57 Prozent der Befragten gaben an, ihre Einkaufsgewohnheiten wegen der hohen Preise verändert zu haben. Fast drei Viertel derjenigen, die anders einkaufen, achten stärker auf Sonderangebote als zuvor, ein gutes Drittel kauft seltener oder weniger ein. 84 Prozent achten stärker darauf, weniger Lebensmittel wegzuwerfen oder versuchen, bewusster einzukaufen und Reste kreativ zu verwerten. Zudem isst etwa die Hälfte derjenigen häufiger abgelaufene Lebensmittel, wenn sie noch gut aussehen.“ (Yougov-Umfrage für die DPA, Anfang September 2025) Liest sich nicht so, ist aber ja eigentlich eine riesige Erfolgsmeldung, wenn ich so an die Inflationen meiner Großeltern oder an aktuelle anderswo denke.
Ein verregneter Tag im Barnim: Ich fahre mit Kuchen im Gepäck nach Lüdersdorf-Parsteinsee, um spontan ein paar Freunde zu besuchen.
Keiner da. Weiter nach Stolzenhagen zu den Eseln.
Auch hier auf der Koppel ist niemand zu sehen. Also gehe ich ohne Esel spazieren. In der Nähe gibt es Pflaumenbäume. Die Esel lieben sie und sind nicht mehr zu halten, wenn sie welche am Boden erspähen.
Zunächst finde ich herrlich gelbe Mirabellen, pflücke ein paar und stecke sie gleich in den Mund. Obst direkt von der Quelle ist einfach das Beste. Weiter geht’s. Und tatsächlich, schon stehen da die ersten vollbeladenen Pflaumenbäume. Manche sind an den unteren Ästen bereits abgeerntet. Ich finde jedoch noch welche, die hinten herunterhängen und durch Bücken und Kriechen zu erreichen sind. Auch diese Pflaumen, jedenfalls die ohne Bewohner, werden von mir umgehend verspeist.
Holunderbeeren, die gut gegen Erkältung sind, werden in der Tasche der Regenjacke verstaut. Ich laufe weiter und schaue auf einer anderen Koppel nach den Eseln. Keiner da. Dafür der nächste voll bepackte Apfelbaum. Ein Ast ist abgebrochen. Ganz viele Äpfel liegen am Boden. Ich nehme einige und stecke sie in die andere Jackenasche.
Ich erinnere mich an einen Zeitungsartikel über den Chef-Killer von Pablo Escobar, der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war. Nach zwanzig Jahren im Gefängnis fragte ihn eine Journalistin, was er am meisten vermisse. Er antwortete: Einen Apfel vom Baum pflücken und hineinbeißen.
Auf dem Rückweg fahre ich zu den Freunden. Immer noch keiner da.
Zurück in Oderberg koche ich mir Kaffee und esse zwei Stück Kuchen. Apfel und Pflaume!
Nächster Tag: Oderberg. Auf zum Pimpinellenberg!
Ich laufe erst an der Wriezener Alten Oder entlang. Der Schwan ist wieder da. Enten ruhen sich am Ufer aus. Wie komme ich jetzt an ihnen vorbei, ohne sie aufzuscheuchen? Zunächst mache ich ein Foto, da ich gestern schon wieder keins vom Spaziergang ohne Esel gemacht habe. Doch Obstbäume dürften ohnehin bekannt sein.
Ein paar Kanufahrer paddeln vorbei.
Weiter geht es über den Friedhof in Richtung Lindenbaum. Auf dem Weg steht ein voller Apfelbaum. Wieder muss ich an den Chef-Killer von Escobar denken. Später habe ich recherchiert: Er ist nach 23 Jahren aus der Haft entlassen worden, hat Schauspielunterricht genommen, spielte in Netflix-Serien mit und postete wöchentlich YouTube-Videos. Wegen seiner starken Unterarme wurde er Popeye genannt. Anfang 2020 starb er an Magenkrebs.
Rauf auf den Berg! Es ist ein bisschen anstrengend, so ähnlich wie der Weg im Wuppertaler Zoo rauf zur Löwenhöhle.
Oben angekommen, setze ich mich hin, trinke einen Schluck Wasser und esse einen Apfel. Selbst geerntet.
Auf einem Schild steht geschrieben, dass die Pimpinellenwurzel die Bewohner von Oderberg von der Pest befreite. Weiter ist zu lesen, dass hier mal ein 25 Meter hoher Turm stand, es den aber aufgrund der geschichtlichen Wirren des 20. Jahrhunderts nicht mehr gibt.
Mücken greifen an. Also geht es weiter, hinein in den Wald, an den Eiszeitsteinen vorbei.
Wieder sehe ich Pflaumenbäume. Die meisten Früchte sind leider zu hoch, aber ein paar ergattere ich dennoch. Als ich mich auf einer Bank ausruhe, esse ich sie.
In der Nacht auf Freitag fast neun Stunden geschlafen. Bin immer noch nicht ganz genesen. Der Infekt verschwindet über den Darm – ein zähes Stück. Strahlendes Wetter. Schwallweise Wärme, dahinter lauert der Herbst. Die Maisbauern sind heute nicht auf dem Feld – vielleicht warten sie einen Tag ab oder sie arbeiten akkordweise. Weiter mit der Fahrradschlachtung und den Plänen für den Umbau des Ersatzmulis. Der Hamburger Flughafen ist von einem Kerosin-Lieferengpass betroffen. Die Raffinerie-Leute wollen aber nicht sagen, wann und wie die Knappheit in ihren Lagern zustande kam, von wem man die Rohstoffe bezieht. Ich hätte gern Informationen. Mal sehen, wie sich das Ganze in den kommenden Tagen auflösen wird – im Zweifelsfall gilt: Urlaubsflieger geht vor Truppentransport.
Am Sonnabend eine ausgiebige Wanderung durch das schwülwarme Waldgebiet an der Ahr mit zweien meiner Brüder, einem Vetter, einer Cousine und sechs Vettern und Cousinen der nächsten Generation – knapp zwanzig wären möglich. Einkehr in einer Weinwirtschaft unter Obstbäumen. Lange Tafel, improvisierte Küche – die Holzgebäude, deren Baugenehmigung nach der Ahrtalkatstrophe drei Jahre auf sich warten ließ, sind noch nicht fertig. Großes Familientreffen. Bei Weißweinschorle und Hausmannskost ein längeres Gespräch mit meinem Onkel, dem Ältesten des Stammes mit seinen 90 Jahren; in der gesamten Verwandschaft der Letzte seiner Generation. Hat mit zwanzig sein Studium zum Handelsschullehrer begonnen, damit war das Leben auf dem Gleis. Im Dezember 2023 stürzte seine Frau von der Treppe und verstarb dann nach einer Woche im Krankenhaus an den Folgen der dort zugezogenen Covidinfektion. Seitdem kümmern sich meine drei Cousinen und eine der drei Töchter reihum um ihn.
Onkel und Tante stammten aus demselben Dorf. Er verdiente als Beamter das Geld, sie blieb ihr Leben lang Hausfrau. Das kleine landwirtschaftliches Vermögen, das sie mit in die Ehe brachte, legte er gut an. Er war der Erste aus der Sippe, der einen Mercedes fuhr und den Spiegel abonniert hatte. Wir bekamen die alten Jahrgänge und waren begeistert von der farbigen Werbung und den Fotos. Sie fuhr immer einen Zweitwagen, mit dem NSU Prinz 120C fing es an. Meine Tante war die Seele, fast wie ein Mädchen, ihr rheinischer Singsang verstärkte das auf eine beinahe parodistische Weise. Sie sind nur einmal umgezogen, in ein Haus am Stadtrand, nebenan stand noch eine Scheune, der Blick aus der Küche ging endlos über die Felder. Diese Lage hatte beiden so gefallen – sie kam vom Bauernhof, den man bis heute Sevrinkes nennt, weil er mal Severin Jansen gehörte.
Jemand hat einen Stammbaum zum Treffen mitgebracht. Wir Älteren fügen Puzzleteile aus der Kindheit zusammen, erwähnen Dinge, die die Jüngeren von den Eltern nicht wussten: Inmitten von Tabakdunst und Kaffeegeruch an der Kuchentafel Ringkämpfe mit dem Onkel, während im Fernseher das gehobene sonntägliche Sportprogramm lief: Fußball (nur Zweite Liga), Formel 1, Springreiten, Segeln, Turnen und Eislaufen. Bei Letzterem sahen meine Cousinen gebannt zu.
Meine Sohn verlässt die Tafel und geht mit zwei seiner Cousins auf den Kirmesrummel der kleinen Stadt. Jetzt haben wir zwei Stofftiere mehr im Haus. Ich unterhalte mich mit einem Vetter, der seit dreißig Jahren in und um Köln als freier Mitarbeiter von TV-Produktionen sein Geld verdient, neuerdings als Vlogger. V steht für Video – du bekommst einen Auftrag, fährst los, filmst und schneidest das Bild-Material auch gleich. Die Übermitlung erfolgt noch vor Ort „aus dem Rucksack“, in dem sich entsprechende Software befindet. Auf das Video spricht dann ein „Reporter“ „seinen“ Text, der inzwischen in extrem guter Qualität, effizient und preiswert, von KI-Tools generiert wird – das Produkt Nachricht wird dabei immer gleichförmiger.
Während der Rückfahrt lauscht die Familie gebannt einem Hörspiel im Autoradio: „Theodor Chindler“, nach dem Roman von Bernard von Brentano. Eine Produktion des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1960, Regie und Sprecher: Gert Westphal, außerdem dabei: Pinkas Braun, Hans Paetsch und andere stimmliche Hochkaliber. Der Erste Weltkrieg als tiefgehender Bankrott der deutschen Gesellschaft, der europäischen insgesamt. Brentanos 1936 erschienener Text verwebt historische Fakten mit politischen Reden und Fiktionalem. Es ist der verzweifelte Sound der Paradigmenwechsel, den man bis heute hört. Die vermeintliche geistig-moralische Überlegenheit war immer das Außenmerkmal der bürgerlichen Stände – damit konnten und können sie ihre Bereicherungspraktiken perfekt überdecken. Interessant, wenn dann aus so einem Milieu Rebellen wie Friedrich Nietzsche oder Ernst Jünger hervorgehen. In dessen „Antibes“ las ich gerade den Bericht über einen Fremdenlegionär, der Lavendelpflückerinnen rektutieren musste. Die kamen mit Polentabeuteln aus ihren Abruzzendörfern und konnten weder lesen noch schreiben.
Ruhiger Sonntag. Die Krankheit macht mir immer noch zu schaffen – der Magen erholt sich nur mühsam, der Grundtonus ist weg. Schaue mit der Jüngsten das ultimative Entschleunigungsvideo. In dem repariert ein Typ einen Mercury Montego MX. Knapp zwei Stunden, keine Musik, kein Sprecher, man hört nur die Originalgeräusche, ab und an werden kurze erklärende Untertitel eingeblendet. Meine Tochter ist komplett von den technischen Kausalitäten fasziniert: Wenn das eine auf und ab geht, dreht sich das andere – „Wie bei Lego!“ Ihre Begeisterung, als der Motor erstmals anspringt, eine Wolke aus dem rostigen Auspuff aufsteigt, er ganz ruhig weiterläuft – „Geil!“ Sie weiß jetzt, wie ein Explosionsmotor funktioniert.
Der Sonntagvormittag verspricht noch einmal spätsommerlich schönes Wetter, bevor dann am Nachmittag die grauen Wolken Regen und deutlich kältere Temperaturen mit sich bringen sollen. Natürlich muss ich das ausnutzen. Meine normale Laufstrecke ist 8,5 Kilometer lang – davon sind ungefähr 800 Meter der Weg von meiner Wohnung bis zu der Stelle, ab der ich ohne Straßenquerungen entspannt joggen kann. Trotz der Wärme läuft es sich prima. Ich komme auf eine Bande Krähen zu, die sich über eine verschüttete Packung Maischips hermacht. Kurz bevor ich sie erreiche, stieben sie hoch, um sich anschließend wieder auf die Mahlzeit zu stürzen.
Nachdem ich den Großteil meiner Runde absolviert habe, entscheide ich mich für eine weitere. Das wären dann gut 16 Kilometer – ich liebäugele ja immer noch mit der Teilnahme am offiziellen Leipziger Halbmarathon. Die Sonne scheint, die Luft ist mild und unter den Bäumen ist es dank des gut durchfeuchteten Waldbodens angenehm kühl. In der ersten Stunde habe ich 11,3 km geschafft. Sieht gut aus.
Während ich beim Gehen ins Grübeln verfalle, sind beim Joggen all meine Gedanken vom Stress befreit. Alles, was mir durch den Kopf geht, bekommt eine Leichtigkeit. Ich denke an die Fußballspiele, die ich in dieser Woche besucht habe. Am Dienstagabend in der vierten Liga das Ostderby von Chemie Leipzig gegen Rot-Weiß Erfurt, am Samstagabend das Bundesligaspiel von RB gegen den 1. FC Köln.
Obwohl die Spiele ausverkauft waren – eines mit 4.900, das andere mit 47.200 Zuschauern – verliefen die Abende völlig unterschiedlich. Während ich am Dienstag dick eingemummelt im kalten Wind und Dauerregen gefroren habe, genoss ich am Samstag einen lauen Sommerabend im T-Shirt. Bei Chemie tönten der Stadionsprecher und die Musik blechern aus Trichterlautsprechern, bei RB gibt es bombastischen, glasklaren Sound aus einer technisch perfekten Anlage. Für viele Fußballpuristen bietet Chemie den „ehrlicheren“ Fußball. Der Verein hatte nach der Wende immer mal wieder mit finanziellen Probleme zu kämpfen. Es gab eine Fusion mit Chemie Böhlen zum FC Sachsen Leipzig, eine Insolvenz und den Neuanfang mit einem Marsch durch die unteren Ligen. Rasenballsport hatte dagegen einen sehr potenten Sponsor, einen ehrgeizigen Plan und neben dem Geld auch ein wenig das Glück auf seiner Seite.
Egal, wie man zu den Vereinen steht – hier wie da wurde gesungen, gejubelt, gestöhnt, gefiebert, gehadert, der Unmut rausgepfiffen, die Fahne geschwenkt, der blinde Schiedsrichter verflucht … und das besondere Flair eines Livespiels ganz tief eingeatmet. Aber ja, während der Chemiker die Liebe zu seinem Club mit der Muttermilch (wobei: wohl eher mit Vaters und Großvaters Schweiß) aufgesogen hat, werden die Besucher der Red Bull Arena zumeist dem Partyvolk ohne Seele zugeordnet. Doch beide Vereine haben ihre Anhänger gefunden, wie die bis auf den letzten Platz gefüllten Stadien zeigten.
Als ich laut Fitnesstracker bei 14 Kilometern bin, packt mich der Ehrgeiz. So ein kleiner Halbmarathon zwischendurch? Warum eigentlich nicht! Da ich die Reststreckenlänge weiß, kann ich alles genau planen. Dabei kommt mir mein Zähl-Lauf-Rhythmus zugute. Beim Joggen zähle ich ständig meine Schritte. Mein Trick: Vier Schritte sind eine Zahl. Zwei Schritte dienen zum Ein-, zwei Schritte zum Ausatmen. Ist eine Zahl abgeschlossen, kommt die nächste. Beispielsweise NEUN UND – einatmen – NEUN ZIG – ausatmen. HUN DERT – einatmen – mit Dopplung HUN DERT – ausatmen. Und wieder von vorne. Bei einstelligen Zahlen wird diese vervierfacht, also EINS EINS fürs Einatmen und EINS EINS fürs Ausatmen. Selbst wenn ich mal abgelenkt sein sollte, zählt mein Unterbewusstsein weiter.
Da ich das bei jedem meiner Waldläufe mache, weiß ich, dass je nach Lauftempo 230 bis 245 solcher Viererschritte genau einem Kilometer entsprechen. Zudem habe ich auf diese Weise mehrmals sämtliche Teilstrecken vermessen. Klingerweg – Elsterflutbett – Bruckner-Allee sind 290 bis 300 Viererschritte. Vom Straßenschild am Klingerweg an den Fußballplätzen des SV Schleußig vorbei durch den Wald zum Elsterflutbett sind es 310 bis 320 Viererschritte. Wie zu erwarten, funktioniert der Plan: Nach exakt 21,25 Kilometern bin ich mit dem Lauf durch – die Zeit beträgt 1:53:35 Stunden. Ein tolles Gefühl, auch wenn ich pumpe wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Auf unserem Hof habe ich nur einen kurzen Blick für die immer noch blühende Königskerze – der Durst beherrscht mein Denken. Also rein in die Küche, wo ich einen Liter stark verdünnten Saft trinke. Erst danach habe ich die Muße, mich zu dehnen. Anschließend dusche ich lange. Von mir aus kann der Regen nun kommen.
Am Sonntag mischt sich unter das Geläut der Vaterunser-Glocke, das die Schlachtenseeer in die Johanneskirche ruft, ein für mich zunächst nicht zuortbares Geräusch: leicht auf- und abschwellend, wie das Echo einer fernen Sirene. Im Wasser dann die Aufklärung: Jemand lässt ein ferngesteuertes Boot über die leichten Wellen pesen. Es ist aber nicht das der Stadtreinigung – deren Bötchen sind langsamer und größer, wie ich im letzten Jahr mitbekam, als ich in ein Pilotprojekt für das Auffinden von Gegenständen in Gewässern stolperte, und der Müllmann an der Konsole sichtlich Spaß hatte.
Am Montag geht plötzlich alles sehr schnell in der bis dahin leeren Schlachtenseebucht: Einflug Graureiher, Einschwimmen zweier Schwäne, kurz darauf, nach langer Zeit, mal wieder ein Blässhuhn, das aus den Schilf kommt – drei Tage zuvor die Haubentaucher: Die Vögel sind ja nicht weg, nur halt woanders. Auf dem Rückweg dann fünf Kormorane auf dem Schildkrötenbaum – in der Häufung sah ich das noch nie. Am Dienstag wieder nur Fische und Insekten vor Ort.
140 Kilometer weiter südlich am Abend: Alfred-Kunze-Sportpark, Heimstatt der BSG Chemie Leipzig. Hier war ich noch nie – was für ein schönes, altes, charmant runtergerocktes Stadion! Ich fühle mich an solchen Orten sofort zuhause. Es riecht nach Bier und Bratwurst, der Kapo brüllt durchs Megaphon, die Ultras machen sich schon mal warm – und mit ihnen die Kids: Was für eine Freude, all die Kinder zu sehen, die in der Sportstätte ihres Herzens auf Zäunen schwankend lokales Liedgut schmettern und dazu ultimativ lässig synkopische Polyrhythmen klatschen. Noch 30 Minuten bis zum Anpfiff: Chemie gegen Rot-Weiß Erfurt, Ostderby, Regionalliga Nordost, gelb-weiß-grüne bzw. rot-weiße Fahnen. Ausverkauft, Flutlicht. Perfekt! Auf den Kutten der Heimfans merkwürdigerweise viel Schwarz-Weiß-Rot plus Adler – haben etwa die Reichsbürger den Verein übernommen? Nein, es besteht eine Fanfreundschaft zu Eintracht Frankfurt – was dann auch der Adornowürstchen-Aufkleber auf dem Klo bestätigt.
Der Chemie-Spielemacher wegen einer am selben Tag verhängten (!) „Vorsperre“ (?) nicht dabei. Da gabs beim Spiel in Halle ein Hand- und Fußgemenge mit Fans – das Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes in der Sache in etwa so seriös und besonnen wie ein fentanylsüchtiger Hütchenspieler frisch auf Entzug. Der Chemie-Trainerstab also mit Plan B am Start – und der ist nach anderthalb Minuten komplett hinfällig: Direkt Rot für einen ihrer Verteidiger – Foulspiel als letzter Mann. Das Stadion flippt aus: „Schiri, du dumme Sau! Nie im Leben! Geht das schon wieder los. Scheiß De-Eff-Bee!“ Um dann dem Nachbarn zuzuraunen: „No, gonn mon schon geben.“ Erfurt anschließend im Powerplay, aber der Leiziger Torwächter in Weltklasseform, dazu eines dieser Tacklings, in denen der Spieler im allerletzten Moment noch seinen Großen Zeh ausfährt – alle Grün-Weißen machen die Becker-Faust und brüllen „Jaaaaaaaaaa!“, Rot-Weiß haut sich die Hände an den Kopp und schreit „Noooooooo!“ Von Chemie kommt nüscht außer vollkommen halbherziges Kick and Rush – nur ohne Rush. Dann erreicht uns, was wir seit geraumer Zeit tintenduster auf uns zukommen sehen: Eine Monsterschauerwand, die umgehend jeden durchweicht, der kein Dach über sich hat – wir haben schnell eins, und werden dadurch etwas langsamer nass. Der Doppelblock der unbedachten Ultras sieht nach ein paar Minuten wie die Massenertränkungsstätte tausender schwarzer Katzen aus.
Mit dem Regenguss kommt für Chemie dann doch noch ein wenig Entlastung, ja, sogar mehr als das: drei Großchancen – die aber alle pariert werden. So geht es mit 0:0 in die Halbzeitpause. Der zweite Durchgang beginnt mit der nächsten kalten Dusche für die Leipziger: 0:1 in der 48. Zwei Minuten später Gelb-Rot für einen Erfurter und kurz Hoffnung – mehr passiert dann aber nicht, außer dass die 1600 thüringer Schlachtenbummler immer mal wieder Bengalos abfackeln, was absolut keinen stört – ich hörte auch noch nie eine so lustlose Stadionsprecherdurchsage, dieses bitte zu unterlassen. Die Polizei und beide Lager den gesamten Abend tiefenentspannt. Bis auf die Knochen durchnässt finden alle Fans ihre jeweilige Regionalbahn.
Ich besuche in Leipzig meinen alten parchimer Weggefährten und Freund Frank nebst Familie. Hin- und Rückfahrt mit Flixtrain laufen perfekt – von denen könnte sich die Deutsche Bahn gern etwas abschauen. Beim Frühstück blättern mein Gastgeber und ich die LVZ durch – der Spielbericht deckt sich mit dem, was wir am Vorabend im Stadion sahen. Außerdem in der Ausgabe ein sehr interessantes Portrait von zwei rumänischen Erntehelferinnen, die seit Jahren auf deutschen Feldern arbeiten. Sie erzählen von „guten und schlechten Höfen“ und sagen Sätze, die auch von meiner Oma, einer Magd im Mecklenburgischen, hätten stammen können. Unsere Supermarkt-Gemüse- und Obstkisten werden oft von Menschen befüllt, die noch wie die Generation meiner Großeltern arbeiten müssen. Nach dem Morgentee drehen Frank und ich eine ausgiebige Innenstadtrunde.
Zuerst sehen wir uns in der Stadtbibliothek die kleine Ausstellung „Hexenverfolgung in Leipzig“ an. Wer verstehen möchte, seit wann Angstappelle, Visualisierung oder Framing als Machtinstrumente eingesetzt werden, sollte sich mit dieser Zeit beschäftigen. Danach gehts in die Antiquariate in Nähe der Nikolaikirche. Als einer der Händler meinen Stapel Russenbücher sieht, erzählt er, dass er die nun mit anderen Augen als in der DDR liest – ich lese sie erstmalig, er gibt mir Lektüretipps. Dann reden wir über Bücher als Heimat, dem beruhigenden Gefühl, das von den Rücken im Regal ausgeht.
Während ich mir am Sternwartenweg einen Reiseproviantapfel für die Rückfahrt pflücke, erzählt Frank die Spekulationsgeschichte ums Technische Rathaus, dessen Ruine wir hinter den Kleingärten sehen. Im Botanischen Garten kreisen Libellen über der Wassernussschale; im „Schattenbeet der Vielfalt“ steht der Behaarte Zwergginster – Pflanzen- und Namensfreunde kommen hier voll auf ihre Kosten.
Auf meinen Wunsch hin besuchen wir die St.-Alexi-Gedächtniskirche zur Russischen Ehre. Die wurde 1913 eingeweiht und erinnert an die tausenden russischen Soldaten, die in der Völkerschlacht fielen und zur Befreiung der deutschen Gebiete von der Herrschaft Napoleons beitrugen. Seit Jahren treffen sich hier christlich-orthodoxe Gläubige russischer, ukrainischer, weißrussischer, bulgarischer und deutscher Herkunft – bei den Andachten ist es so voll, dass alle stehen, wie die nette Kirchendame erzählt. Ich bin wie immer überwältigt von der 18 Meter hohen Ikonostase, der Architektur und der sakralen Musik, die den Raum erfüllt. (Die entsprechende CD wird von mir erworben.) Nach einem späten Mittagessen klönen wir noch etwas, dann gehts zurück nach Moabit. Ein gewohnt lohnender Ausflug nach Sachsen.
Das Bundesumweltministerium informiert: „Seit dem 3. Juli 2024 müssen in der EU Deckel von Einweggetränkebehältern mit einem Fassungsvermögen von bis zu drei Litern fest mit dem Behälter verbunden sein. Grund für die Einführung der befestigten Deckel und Verschlüsse, der sogenannten Tethered Caps, ist die EU-Einwegkunststoffrichtlinie.“ Ein gutes Jahr später sehe ich erstmalig jemanden aus so einer Flasche trinken. Es sieht komplett falsch aus – im Gegensatz zu den Kormoranen, die sich Donnerstagfrüh wieder auf dem Schildkrötenbaum am Schlachtensee eingefunden haben.
Freitag erspähe ich nach langer Zeit endlich mal eine Wespe! Ich habe diesen Sommer nur wenige gesehen – was aber auch daran liegen mag, dass ich nicht um Kuchenbleche oder Limonadenkrüge herumschleiche. Mich erreicht die Meldung, dass in Albanien die weltweit erste virtuelle, KI-gestützte Ministerin ihre „Antrittsrede“ gehalten hat. Per SMS frage ich eine albanischstämmige Freundin, was da bitteschön in ihrer alten Heimat los sei. Sie sendet eine lange Reihe Entsetzens-Emojis und ein paar nicht rechtssicher zitierbare Anmerkungen zum Präsidenten „Bouffon Edi Rama“ – Informationen aus erster Hand sind durch nichts zu ersetzen. Wenn man das alles durchdenkt, handelt es sich bei dieser Fake-Ministerin-Aktion um die absolut folgerichtige Fortsetzung des Plots von „Wag the dog“.
Eine Woche habe ich mit Eisentabletten meinen Magen malträtiert, dennoch ist mein Wert für die Blutspende zu niedrig. Ich soll das Präparat weiterhin nehmen und es in einem Monat noch einmal versuchen.
Weil man es nach einer Blutspende zwölf Stunden ruhig angehen soll, war ich bereits am Vormittag laufen. Der Wald wird immer herbstlicher, auch wenn noch viel Grün an den Bäumen ist. Eine Gruppe Jugendlicher, vielleicht eine Abiturklasse, hat Kanus ausgeliehen und wartet auf das Startsignal der Betreuer. Mütter tragen ihre Kleinkinder in Gurten vor der Brust. Eine Krähe schnappt sich etwas vom Boden, das aus dem Augenwinkel wie eine Fingerkuppe aussieht, aber vermutlich eine Nuss oder ein Stück Wurst ist. Mir fällt auf, dass manche Tätigkeiten ohne Smartphone kaum noch denkbar sind: Immer wieder überhole ich Menschen, welche die Hundeleine in der einen und das Handy in der anderen Hand halten. Den Hunden, vor allem denen, die nicht angeleint sind, ist das vermutlich egal, sie genießen die Freiheit.
Nach dem Laufen und ein paar Dehnübungen ist mein Blutdruck stets entspannt niedrig. Dem Eisenwert, siehe oben, bekommt das möglicherweise gar nicht so gut. Ich meine, gelesen zu haben, dass Ausdauertraining – und insbesondere Joggen – zu einem Absinken des Eisengehalts führen kann.
Gute Nachrichten von der Baustelle bei uns um die Ecke: Ende des Monats wird die Straßenbahn wohl wieder planmäßig fahren. Wenn es dabei bleibt, wäre das eine der wenigen Straßenbaustellen in der Stadt, die ohne Verzögerung fertiggestellt werden. Noch schleift ein Spezialfahrzeug die Schienen, so dass wahrlich die Funken sprühen.
Die dienstägliche Radfahrt fordert noch ihren Tribut – aber es wird. Beim Trödler sind neue Sachen eingetroffen – die ist Hütte voll; dutzendweise werden A.R.-Penck-Drucke mitgenommen. Ich greife zu Welthölzern für meine Kerzen. Die Maisernte ist in vollem Gange – ein Häcksler nach dem anderen arbeitet sich über die Fläche. Im Nu sind die Pflanzen zerkleinert und werden direkt in die gewaltigen Silageanhänger geblasen, die mit ihren Zugmaschinen kaum auf die Feldwege passen. Die Covid-Infektion verzieht sich nur langsam – über zwei Stunden Nachmittagsruhe. Auch bei den Kids nun erste Symtpome. Ein windiger Tag mit eiligen Wolken. Große Abendsonne.
Strahlende Wochenmitte mit frischem Untergrund – ein Herbsttag der schönsten Sorte. Spielend werden eine weitere Apfelwanne gefüllt und die Auswüchse des Tulpenbaums gekappt – morgen ist ein Grünschnitttonnen-Tag. Im langen Dress auf die Bahnstrecke. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlt sich der Tritt wieder mühelos an. Oben in der Gemeinde macht auf der Kanalstraße gerade ein Bautrupp aus Berlin seine Glasfaser-Akkordmeter. Vor ein paar Tagen sah ich die Balkan-Truppe vor dem Netto aus einem alten Kleinbus steigen. Am Rewe treffe ich zwei Grundschuldorfkumpel der Jüngsten, die sich eine Runde Chips und grüne Limo gönnen. Zuhause berichte ich ihr von den Heldentaten der alten Kameraden. Sie selbst ist nun zur begeisterten Pyromanin geworden – das Feuermachen im Ofen birgt für sie keine Geheimnisse mehr. Jean Françaix‘ Werke für Bläser und Kammerensemble sind die perfekte Untermalung für das Verglühen dieses wundervollen Tages.
Donnerstag um kurz nach sieben ein glasklarer Himmel. Die letzten sichtbaren Planeten werden von der Emirates-Maschine überkreuzt, die es bis London nun nicht mehr weit hat. Gegen 8:30 Uhr werden dort die ersten Gastarbeiter aus der A 380 steigen und auf dem Weg zur City ihre Strava-Apps einschalten. Zehntausend Meter tiefer huschen die Türkentauben paarweise über die Wipfel. Ich lüfte die Bronchien, das Haus leert sich. Die EU-Kommission wünscht sich von China mehr Konsum, bis 2050 solle der aber „klimaneutral“ sein – alles fürchterlich hilf- und richtungslos. Flake von Rammstein bei Magenta Musik einfach bei seiner Sache. Es wäre schön, wenn alle bei ihrer Sache bleiben könnten. Im Hintergrund das Rauschen der Maschinen, die jetzt, eine nach der anderen, Frankfurt anfliegen.
Ein durch und durch sonniger Tag. Ich komme meine Strecken gut hoch, aber die anschließende Müdigkeit lässt mich weiter vorsichtig bleiben. Ich habe begonnen, einen angebrochenen Rahmen zu zerpflücken – die Teile werden später woanders verbaut. Der Vorteil klassischer Räder: Die Komponenten sind querkompatibel – ich kann Kurbeln, Bremsen und Schaltungen untereinander tauschen. Ab 1995 wurde das von den Herstellern unmöglich gemacht. Die Kunden fliegen jetzt von Fortschritt zu Fortschritt und zittern, ob sie sich den neuen Bremshebel noch leisten können. Oder sie leasen – neue Bikes sind teuer. (Alte übrigens nicht.) Da er seiner Frau gegenüber sexuelle Unlust und Entfremdung verspürt, führt Nabokovs König eine schwierige Ehe. Seine Sucht nach Abenteuern stillt er mit Stallburschen, Zirkusartisten und anderem Personal. Die Königin lebt weit entfernt in einer pompösen Villa an der Côte d’Azur. Im echten Leben streift Jünger zur gleichen Zeit durch Antibes und Umgebung: Eingölte Amerikanerinnen mit rotlackierten Nägeln drehen sich in der Sonne wie auf einem Toastautomaten. Die Erfindung des Bikinis ist durch kretische Scherben belegt, das Waffentestatoll im Pazifischen Ozean wird auch erwähnt. Saint-Tropez ist noch kein Jetsethafen.
Von den norditalienischen Graffitisprayern über die Grenzen hinweg erstmalig ein Gruß auf Deutsch: „Vorsicht – hat keine Papiere“.
… ist meist Altsommer. Vielleicht tun sie dies, weils einfach gut aussieht oder wegen Schneeweisschen & Rosenrot oder wegen Union. Ich weiss es nicht, aber es gefällt mir. Es könnte auch sein, dass sie in diesem tiefer gelegten Vorabendlicht, einen besonderen Blick auf die schwer beladenen Bäume haben, einige biegen sich unter der Last ihrer Früchte. Manche brechen gar. Die Eichen werfen schon einige Wochen beim kleinsten Windhauch nach mir. Unter Kastanien mit ihren morgenstern-seeminenartigen Anhängseln bin ich vorsichtig. Die 2. oder 3. Pilzwelle drängt aus den Tiefen und so auch die Sammler in den Wald. Der Apfelbaum, den meine Mutter, als letzte Pflanzhandlung auf diesem Planeten ausgeführt hat, musste ich schon zwiefach stützen. Dicke Kreuzspinnenkörper stehen zwischen den Baumstangen, im Sonnenlicht sieht man die fantastischen Netze. Das allgegenwärtige Grün läuft im schrägen Abendlicht nochmal zu Hochform auf. Möglicherweise ist September der Wonnemonatmaikonkurrent. Also im Angesicht so praller Fülle, die ja ein kleines Ende ist … kann man schonmal erröten, auch wenn man einfach nur der Freude wegen glüht, die son oller Endsommer bringt und dabei melancholisch klingt.
Samstag war ich nur zwei Stunden mit der Radgruppe unterwegs: Nach einem derben Schauer, der mich innerhalb einer Viertelstunde vollkommen durchnässte, brach ich unsere Tour ab und fuhr, heftig frierend, zurück. Die letzten kleinen Anstiege kamen mir so lang vor wie noch nie, die Beine waren komplett leer. Der Reizhusten brachte reichlich Auswurf auf die Straße. Ich war froh, heimzukehren. Jetzt heißt es Auskurieren und das Immunsystems stärken. Leider hat sich der Magendruck verstärkt, also ist auch Schonkost angesagt. Im Laufe des Tages fülle ich hustend um die zwanzig Taschentücher. Bei Tee und Knäckebrot Dauerhunger, dementsprechende Laune.
Am Sonntag viel geschlafen und wieder ein Stück gesünder. Um 8:30 Uhr Frühstück mit dem SWR-Interview eines Uniprofessors, der Deutschlehrer ausbildet:Die Leseschwäche ufert in Deutschland weiter aus – 30% der Erwachsenen schaffen es nicht mehr, einen längeren Zeitungsartikel zu lesen. Dazu kommt das Phänomen der Geschichtsvergessenheit – alles VOR dem Internetzeitalter ist eine weiße Landkarte; mit der Aufmerksamkeitsverschiebung wird auch die Gesellschaftsverschiebung kommen. Irgendwie bin ich froh, dass alle meine Kinder die Lesehürde genommen haben – besonders die Jüngste verlangt nach „erwachseneren“ Texten. Nach der Sendung spiele ich mit ihr Scrabble, um anschließend neunzig Minuten durch die Felder und Wiesen zu spazieren. Auch der Bluterguss wandert – sehr starke Schmerzen in der Unfallschulter. Es gelingt mir trotzdem, unseren Hasen das Löwenzahnsonntagsmahl zu zupfen. Meine Frau ist coronapositiv – das erspart mir den eigenen Test. Mit Reis, Roter Beete und Kamille wird der Bauch besänftigt. Stühlerücken für den Wischsaugroboter, der für eine Stunde das Erdgeschoß okkupiert.
Ich unterhalte mich mit meinem Sohn noch einmal über einen seiner Freunde, der damit Geld verdient, den Kleidungsstil von Rappern zu analysieren, zum Beispiel herausfindet, was auf einem T-Shirt mit chinesischem Geldschein steht. Das honorieren dann fünfhundert zahlende Twittergäste. Ich hingegen würdige die Bilder der Mitfahrer meiner abgebrochenen Tour: eine schöne, später vor allem trockene Fahrt. Von meiner Streckenwahl waren sie sehr angetan – ich hatte ihr den Namen „Westerwald Lithium – zu den seltenen Erden des Westerwalds“ gegeben. Gute Siesta nach nur zwei Seiten „Antibes“ von Jünger. Bei ihm ist immer etwas dabei – diesmal die ausgiebige Beschreibung des Fischmarkts und der Expertisen an frischem Fisch („die Augen müssen noch lebendig wirken“). Das durch und durch positive Verhältnis zur Materie – es war die Zeit vor der Kühlkette. Bei Nabokov die große, ultrakurze Passage über die Poesie einer Flugzeugspur am Abendhimmel. 1960 – Beginn des Jetztzeitalters.
Der Montag windig und von Schauern durchsetzt. Herbst. Der Kaffee schmeckt fabelhaft und bereitet keinerlei Probleme. Mein Körper bekommt gerade die Covid-Kurve: Mehr als neun Stunden Schlaf, die Nase wird langsam frei, keine Hustenattacken mehr, der Schleim löst sich. Immer dick eingepackt – gerade nachts. Der Magen bleibt ruhig, das Drücken ist weg. Die Diät: Tee, kaum Fett, nur noch Quark und Joghurt, Reis mit Rettich, Salat mit Essig (ohne Öl). In der FAZ wird eine Studie zitiert, nach der sich 26,6 Prozent der Deutschen unter fünfzig in den letzten zwei Jahren Geld borgten, um dafür Lebensmittel zu kaufen. Ich beobachte dabei eine völlig absurde, absolut unbegründete Scham, auszusprechen: „Ich kann mir kein Nutella mehr leisten.“ Bitter. Zum Mittag Lachs und Fenchel – meine Zwölfjährige ist begeistert. Am Nachmittag Abholung und Aufbau der titanischen Boxen des Pathologen, die nun in der Wohn/Ess/Kochhalle des dankbaren Mannes stehen. Als wir sehr laut Sade hören und er dabei zu schunkeln anfängt, geht mir noch einmal auf: Der sucht keine feine Musik, der braucht Entspannung. Selbst im Hifi-Laden hatte er seine Dienstkleidung an: Ein Arzt-Polohemd mit vollem Titel, Rang und Namen.
Freitagmorgen ziehen auf drei Ebenen unterschiedliche Wolkenarten vom Atilay Ünal Taifun Wertstoffhandel übers Kraftwerk Moabit hin zum Robert-Koch-Institut. Meine Augen sind noch unjustiert, sodass ich auf der Digitalanzeige über dem S-Bahnsteig „Ersatzverkehr mit Russen“ lese – ich trete die Fahrt trotzdem an. Am Schlachtensee erwische ich punktgenau die zehn Minuten, in denen ich im Regen schwimmen kann. Dabei entdecke ich – nach Wochen – endlich mal wieder Haubentaucher. Zwei Alttiere, etwa dreißig Meter von der Bucht entfernt. Einer der Vögel trägt etwas im Schnabel – um zu erkennen, was es ist, bin ich zu weit weg. Da er seine Fracht immer wieder kurz unterdukt, wird es sich um einen Fisch handeln. Was wiederum darauf hindeutet, dass sich im angesteuerten Schilf Junge befinden. Das typische Fiepen, das normalerweise vor, während und nach einer Fütterung zu hören ist, vernehme ich aber nicht – was an der Entfernung (und meinen gebrauchten Ohren) liegen mag.
Auf dem Rückweg sehe ich einen Angler, der beim Auswerfen mit dem Haken (oder dem Bleistück) in einem Baum hängenbleibt und das Ganze nun mühsam auseinandertüdeln muss. Als er damit fertig ist, schnappt er sofort seine Sachen und geht sehr zügig, fast schon laufend, so, als ob er die Entknotungszeit aufholen möchte, zwanzig Meter weiter. Dort lässt er dann, ohne eine Sekunde zu zögern, bis auf die Angel wieder alles zu Boden fallen. Der neue Wurf gelingt.
Ein weiteres gutes Buchtbankgespräch. Ich kann mich erstmalig privater mit der einen Asiatin unterhalten: Sie kommt ursprünglich aus Bali und hat ihr Berufsleben durchgearbeitet: „Montag bis Sonntag, morgens bis abends, Essen nur schnell zwischendurch, oft das Trinken vergessen. Alle zehn Jahre Urlaub.“ Vor einer Weile merkte sie, dass sie ausgebrannt ist und machte daraufhin mit ihrem Mann eine Art „Privatkur“ in Bayern – Massagen, Meditation, Sauna, regelmäßige, gesunde Mahlzeiten. Das ganze Programm. Im Moment ihrer Abreise – sie wollten gerade mit ihren Koffern das Zimmer verlassen und auschecken – streikte ihr Körper mit einer partiellen Lähmung. Sie schaffte es kaum ins Auto. Icke: „Da fällt es einem schwer, das nicht psychologisch zu deuten.“ Sie: „Genau.“ Jetzt bekommt sie Cortison gespritzt – in ein paar Tagen beginnt die Physiotherapie. Ich erzähle ihr von meinen Erfahrungen in der Richtung und wie es mir gelang, „Wellnesskur“-Momente in den Alltag zu übernehmen. Ihr leuchtet davon vieles sofort ein, da sie „ein spiritueller Mensch“ sei – was ich innerlich bestätigen kann: Als ich sie zum allerersten Mal sah, streute sie bedächtig Blüten übers Wasser, was sehr harmonisch und absolut angebracht aussah. Wir stellen fest, dass sich unsere Kindheiten auf Bali und in der DDR ähnelten, was die materielle Versorgung und das immerwährende Flicken und Reparieren betraf (und beide spielten wir Volleyball und waren gute Läufer). Gegen die Schmerzen empfehl ich ihr die tolle Salbe mit Jojoba-Öl, Pfefferschoten und Ingwer von Altapharma.
Am Sonnabend die „Lange Nacht des Klimas“ in der Kulturfabrik Moabit. Ich schaue mir den Vortrag „Wie Moor und Landwirtschaft gemeinsam Klima schützen“ an. Es sprechen: Die Biologin Susanne Abel vom „Greifswald Moor Centrum“ sowie Lucas Gerrits, Gründer und Geschäftsführer der Firma „ZukunftMoor“, die in Niedersachsen Moorflächen wiedervernässt und dort dann Torfmoos anbaut. Beide sind sehr kurzweilig, ohne dabei auf Krampf zu entertainen. Etwa dreißig Leute hören eine Dreiviertelstunde lang konzentriert zu und stellen anschließend smarte Fragen – Menschen, die selbst Flächen beackern, u.a. ein brandenburger Kleinbauer. Eine angenehme Atmosphäre – die moralisierenden und meist arg selbstverliebten Apokalyptiker, die noch vor zwei Jahren die ersten Ausgabe dieser Veranstaltung dominierten, sind wohl vom „Klimaschutz“ auf andere ideologische Schlachtfelder weitergezogen. Die Moderatorin fällt nicht weiter auf – abgesehen davon, dass sie als Einzige gendert. Fein, so hör ich das auch mal in echt. Zentrales Vortragsthema: Die Paludikultur, bei der Moore erhalten bzw. wiederhergestellt werden – in der BRD sind 95 % der Moore trockengelegt. Auf den hydrologisch renaturierten Flächen werden besagte Torfmoose angebaut, die als nachhaltige Alternative zum umweltschädlichen Torf in Gartenerden sowie als natürlicher Rohstoff für ökologische Dämm-, Bau-, Dämm- und Verpackungsmaterialien genutzt werden können. Für dieserart Verwertung haben sich die norddeutschen Moorbauern mit Partnern wie OBI, LEIPA oder dem Ottoversand zusammengetan. Sowohl Abel als auch Gerrits betonen mehrmals, dass Nachhaltigkeit und eine ökologische Transformation nur in einem stabilen wirtschaftlichen Umfeld und durch enge Zusammenarbeit gelingen können. Vor Ort funktioniere das hervorragend, da alle in der dörflichen Kommune und Kreisstadt an einem Strang ziehen und erste Erfolge sehen (was sie insgesamt fundamental von den Degrowthern unterscheidet). Absolut lähmend ist das deutsche Fördergeldsystem, da es die Planungshorizonte auf den Genehmigungszeitraum verengt; hinzu kommt eine völlig überbordende Bürokratie – in Mecklenburg dauern Genehmigungsverfahren bis zu sieben Jahren, so die Forscherin. Das alles bestätigt meine Erfahrungen und Beobachtungen – nur wenn Ökologie und Ökonomie ineinandergreifen, kann Nachhaltiges entstehen; Bürokraten, Ideologen und reine Subventionsempfänger zerstören am Ende jede gute Idee. Interessant: Als Saatgut dienen Torfmoos-Fragmente, die mithilfe von Drohnen ausgebracht werden.
Wochenend-Presseschau: Forscherinnen der Universität Hohenheim haben herausgefunden, dass man aus der Zusammensetzung des Speichelmikrobioms die Beschaffenheitdes Magen- und Dünndarm-Mikrobioms ablesen kann, was hilft, das Individualrisiko für diverse Erkrankungen abzuschätzen. Perspektivisch könnten per einfachem Mundabstrich Diagnosen gestellt werden, die bislang nur durch Gastrokoloskopien möglich waren. (Zuende gedacht, wäre das ein weiteres Werkzeug im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen.) Dann prüft die Dresdener Staatsanwaltschaft gerade Aussagen des Virologen Prof. Dr. Christian Drosten, die dieser vor dem Corona-Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags gemacht hatte. Es geht dabei um eine mögliche „falsche uneidliche Aussage“. Außerdem wurde ein gelähmter Schlaganfall-Patient von einem Forscherteam der University of California in San Francisco in die Lage versetzt, per KI-unterstützter Gedankensteuerung mit einem Roboterarm Objekte zu greifen, zu bewegen und wieder abzulegen.
In der S-Bahn zaubert der alte, balkaneske Schifferklavierspieler mit seiner herrlich vor sich hin mäanderden „Que Sera, Sera“-Version allen ein Lächeln ins Gesicht, um dann sliwogewitzt in die Rocco-Granata-Samba „Marina, Marina, Marina“ überzugehen – sein Hut wird reichlich mit Münzen befüllt. Pfeifend gehe ich nach hause.
Wunderbares Mädchen, bald sind wir ein Pärchen / Komm, und lass mich nie alleine / Oh no, no, no, no, no.
Unter Postwachstumsökonomen ist Degrowth, also das bewusste Schrumpfen der Wirtschaftsleitung, derzeit ein Topthema. Für den Untergang der ostdeutschen Industrie nach dem Mauerfall gab es andere Gründe: Der wichtigste war die fehlende Konkurrenzfähigkeit der teilweise maroden Betriebe auf dem internationalen und dem nun gesamtdeutschen Markt. Infolgedessen wurden viele Ex-DDR-Produktionsstätten abgewickelt. Oftmals blieben die Gebäude leer, verfielen, gerieten ins Visier von Vandalen – um schließlich nach und nach von der Natur zurückerobert zu werden.
Ein Beispiel dafür ist der Bayerische Bahnhof in Leipzig, der Mitte des 19. bis ungefähr Mitte des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt war. Mit der Teilung Deutschlands verlor er an Bedeutung. Es setzte ein schleichender Niedergang ein, nach der Wiedervereinigung folgte die endgültige Stilllegung. Die Ruinen, die einen gewissen morbiden Charme nicht verhehlen können, werden bald verschwinden, da hier ein Wohngebiet entstehen soll. Noch behaupten sich auf dem Areal Goldrute, Hagebutte oder Rainfarn und sehr viele Gehölze. Diesen schenke ich aber keine weitere Aufmerksamkeit – der heutige Tag steht im Zeichen des Ehrenamts.
Mein Verein, Turbine Leipzig, hat zwei Turniere ausgelobt. Zunächst für die F-Junioren, danach ist die G-Jugend dran. Gespielt wird auf Kleinstfeldern im Drei gegen Drei; jede der beiden Mannschaften hat zwei Minitore zu verteidigen. Mit dieser kreativen Form möchte der DFB die Jugend für die Herausforderungen des modernen Fußballs fit machen – Ballaktionen, Spielfreude und Erfolgserlebnisse sollen im Vordergrund stehen. Ein Spiel dauert maximal 10 Minuten.
Zehn bzw. zwölf Teams in den beiden Turnieren bedeuten, dass zehn bzw. zwölf Trainer oder Aushilfstrainer am Start sind. Alles Ehrenamtler, die zweimal die Woche mit den Mädchen und Jungs trainieren – die Turniere oder Punktspiele am Wochenende kommen noch hinzu. Eine finanzielle Entschädigung gibt es nicht, in der Regel bekommt man als Coach aber gratis die Sportkleidung gestellt.
Beim Turbine-Nachwuchs sind wir aktuell vier Übungsleiter, von denen jedoch nicht alle jedes Training persönlich abdecken können. Bei Gruppen mit dreißig Jungs sind zwei Trainer das Minimum, will man ein halbwegs diszipliniertes Training sicherstellen. Für mich beschreibt der Ausdruck „Flöhe hüten“ die Gemengelage am besten.
Wir ließen die Kids jeweils 7 Minuten spielen und haben dabei den Champions-League-Modus angewendet: Der Gewinner rückt ein Feld vor, der Verlierer geht ein Feld zurück. Auf welchem der Felder ein Team startet, schätzen die Trainer selbst ein – die sehr guten Teams beginnen auf Feld 1, was dann runter geht bis Feld 5 bzw. 6, wo die eher schwachen anfangen. In jedem der beiden Turniere landete am Ende mindestens eine Mannschaft von uns auf Feld 1 – eine schöne Bestätigung unserer Arbeit.
Der organisatorische Aufwand für solche Veranstaltungen ist beträchtlich, weshalb die meisten Vereine lediglich ein bis zwei Turniere pro Saison durchführen. Ohne Mithilfe von Eltern, die Essen und Getränke für die Turniere beisteuern, Kaffee kochen oder am Grill stehen, wäre das nicht machbar. Für uns Trainer war es ein langer Samstag: Mit Auf- und Abbau waren wir sechs Stunden vor Ort, deutlich länger als bei einem normalen Punktspiel.
Deswegen konnte ich am Samstag nicht laufen. Das werde ich am Sonntag nachholen. Das Wetter ist noch sehr angenehm, das will ich nutzen.
Auf meiner Fensterbank steht ein Hibiskus. Vor ungefähr fünfzehn Jahren habe ich ihn selbst gezogen. Mit seinen wunderhübschen Blüten hat er mir ein ums andere Mal Freude bereitet. Zuletzt hatte er lange nicht mehr geblüht, doch vor vier Tagen war es dann so weit. Immer wieder zog es mich ans Fenster, um seine kurzlebige Schönheit zu genießen, einfach weil ich weiß, dass nun auch schon der Abschied naht. Hibiskusblüten öffnen sich meist nur für einen einzigen Tag – ein kurzes, intensives Aufleuchten, das mir in seiner Flüchtigkeit besonders kostbar ist. Selbst in dem Wissen, dass sich irgendwann ein neuer, zarter Knospenansatz zeigen wird.
Ein endgültiger Abschied ist etwas anderes, und für mich nur schwer auszuhalten. In dieser Woche war ich auf einer Beerdigung. Das halbe Dorf fand sich am Dienstag in unserer kleinen Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert ein. In ihrem Turm hängen drei Glocken; die älteste ist über 500 Jahre alt. Die 1876 eingebaute Orgel stammt von Friedrich Albert Daniel Mehmel. Von 2020 bis 2022 wurde die Kirche grundlegend saniert, 2023 folgte dann die Orgel. All das war nur möglich, weil sich der dörfliche Förderverein mit Leib und Seele dieser Herzensangelegenheit verschrieben hat, Stiftungen Spenden sammelten und viele Menschen ihre Lebenszeit und Arbeitskraft einbrachten. So etwas schweißt eine Gemeinde zusammen.
Und nun verlässt einer diese Gemeinschaft. Ein Mensch, den jeder im Dorf kannte. Der anderen half, der tröstete und Freude schenkte. Der immer da war, wo es Not tat. Die Witwe wird von den starken Armen ihrer Söhne gestützt. Die Jagdhornbläser verabschieden den Kameraden mit den Signalen „Jagd vorbei“ und einem letzten „Halali“.
Am Mittwoch eine graue Herbstzeitlosen-Runde. Beim Fleischer das Stielkotelett vom Tage, das ich dann gemeinsam mit dem inzwischen auch schon 1,70 Meter großen Kinde verpeise! Dazu gedünstete grüne Strauchbohnen, Orecchiette, in Aldi-Champagner gesottene Zwiebeln, Pfeffer, Salz, Thymian und Brahms‘ „Symphonie No. 3“ mit Wand und dem Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks.
Am Nachmittag sammle ich Haselnüsse. Der Wind stößt sie herab – bald werden sie von der Eichkatze geschnappt. Die Ziegen laufen dem Traktor entgegen, der ihnen das Wasser bringt. Zwei Frauen, Balkan oder Transsyslvanien, die Äpfel auflesen. Alles hängt voll reifer Früchte – die aktuellen Kilopreise um die 2,50 Euro werden nicht von Dauer sein. Abends kurz raus, um die späte Sonne zu genießen. Bei mir ist ein Wurm ist im System, mich fröstelt. Um neun zu Bett mit Salbei-Ingwer. Nabokov ist viel besser in Form als ich.
Donnerstagmorgen. Heftiger Infekt, krank im Bett. Der Ruhepuls 20 über normal. Der Kopf summt, die Beine sind wie Gummi. Gleiches Bild bei meiner Gattin, bei ihr schon seit Sonntag. Ich hole ihr einen Thymianzweig, dann inhaliert sie – im Unterschied zu mir hat sie auch noch einen starken Schnupfen. Nur kurz hoch, dann bis neun nachdämmern. Tee und 200 Milligramm Ibuprofen. Wirken lassen. Es hilft. Ich fühle mich zwar nicht gestärkt, aber leicht wie ein Ballon.
Die Wolken warten mit ihrer Entladung bis ich aufgestanden bin – Schauerwetter, herbstlich. Tee und Schwitzkur. Ich denke, es ist wieder Covid19. Ich lese, dass die aktuelle Corona-Variante Stratus XFG heißt. Wenn es sich dabei um den x-ten Subtyp von SARS-CoV-2 handelt, stellt sich die Frage: Waren die bisherigen Impfungen womöglich nur von sehr begrenzter Wirksamkeit? Und sollte man vor diesem Hintergrund auch die empfohlenen Grippeimpfungen kritisch hinterfragen – zumal Influenzaviren ja noch schneller mutieren? Nu ja. Die für Samstag geplante Westerwaldrunde habe ich erst einmal auf Eis gelegt. (Aber man weiß ja nie, wie sich so etwas entwickelt!)
Weiter in „Pale fire“. Nabokovs Erzähler widmet sich jetzt dem zukünftigen Attentäter, der den König jagt. Das erste Thema des Buchs liegt in der ersten Zeile: die Doppelung der Welt in einer Scheibe, der ein Seidenschwanz zum Opfer fällt. Die Doppelung des Königes, die Vexierbilder des Lebens, der trügerische Schein der Freiheit. Mittendrin wird brillant eine alpine Wanderung beschrieben. Man muss so etwas mit dem Rückenmark lesen, nicht mit dem Kopf.
Nochmal Brahms‘ Dritte – diesmal Walter und das Philharmonic-Symphony Orchestra New York. Individueller als Wand mit den NDR-Musikern! Für mich ist diese alte Monoeinspielung von 1955 einfach die schönere Musik. Brahms ist ein norddeutscher Vulkan (wenn es so etwas gäbe) – da braucht es eine gewisse Elastizität, mal etwas ruhiger, mal etwas schwungvoller. Auch mit dem Rückenmark hören!
Für einen Moment kollabiert der PC beim Hochfahren – vielleicht Abwehrmaßnahmen? Ein nur kurzer, aber besorgniserregender Kontrollverlust. Der sich dann bei den Nachrichten des Vormittags fortsetzt: Die Vielschichtigkeit des Ukraine-Krieges. Die USA, die sich wohl in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befinden – das Attentat auf einen Podcaster (!) mit Scharfschützentechnik, verpeilte Democrats, multiple Präsidialfeuerwerke in alle Richtungen, egal ob Freund, ob Feind. Und Europa im Nebel. 40% der deutschen Rentner bekommen WENIGER als 1000 Euro im Monat! Pfleger übernehmen immer öfter Arztaufgaben – das spart Geld. In der Ü40-Kaste gibt es viel zu viele Kinderlose ohne Migrantenkontakt, um auf Warnzeichen zu reagieren. Was mir gefiel: Zum Thema Wehrdienst spricht die Berliner Zeitung mit dem Bundesschülervertreter. Der letzte Drall aus den Unis und der Wissenschaft: Mit KI erstellte Arbeiten werden jetzt von KI-Sprachmodellen bewertet – das hat eine starke Logik. Eimerweise parasitenfreie Pflaumen – wir müssten pausenlos essen.
Am Abend Sherlock Holmes mit Christian Rode. Wir hören nur die Fassungen mit ihm – ein Könner! Der Ofen brennt. Die innere Kälte vertreiben. Die Dreckskrankheit soll verschwinden! Mein Flohmarkt-Hassan erzählte mir, sie hätten auf dem Bau, bevor es nach Hause ging, immer mit dem Kompressor die Arbeitsklamotten ausgeblasen.
Aus d’Orbignys „Dictionnaire universel d’histoire naturelle“, Au Bureau Principal de l’Editeur, 1867.
Der Freitag sonnig mit Schauern. Sehr herbstlich. Ich schlief unter zwei Bettdecken, um den Infekt auszuschwitzen. Mit Kopfschmerzen erwacht, nach fünf Schluck Sencha flogen sie davon. Wanderung zum Supermarkt – drei Kilometer ist der nächste Versorgungspunkt entfernt. Die Schwalben sind noch da, und auch die Feldlerchen – ein paar stritten sich über den Stoppeln, das ist ein ganz eigenes Zwitschern. Am Haus sind sie nicht mehr zu hören. Auf Französisch heißt Lerche „Alouette“ – genau wie unsere Papiertaschentücher. Bei Penny gibt es wieder Covid-Tests, einige Kunden tragen Masken. Der volle Rucksack bereitet mir Schmerzen an der rechten Schulter – Spätfolgen des Fahrradsturzes. In aller Unvernunft habe ich mich nun doch zur Westerwaldrunde am Sonnabend verabredet. Es wird nach Navigationsgerät gefahren – da kann ich jederzeit abkürzen. Ich huste ab – langsam gehts besser. Frische Luft wird mir gut tun.
Eine unserer Katzen hat einen Blick, als hätte sie alle Geheimnisse des Lebens, der Physik und der Mathematik entschlüsselt. Planck, Nietzsche, Schrödinger? Alles pillepalle. Mal schaut der Kater, als hätte er gerade die Weltformel gefunden, und dann … ein Geräusch, ein Geruch, ein Juckreiz im Fell, ist er wieder ein normales Haustier.
Wenn man seinen Job aufgibt und ohne Absicherung hinschmeißt, stellt man sich schnell die Frage, ob man versagt hat. Ob man nicht gut genug war, überfordert, unzureichend. Ich war immer jemand, der sich durchbeißt, der einen anderen Weg findet, wenn er auf Hindernisse stößt. Trotzdem habe ich gekündigt.
Der Chef war betroffen, sicherlich auch menschlich, aber vor allem mit Blick auf die Firma: Wer würde jetzt die ganze Arbeit machen? Eine Kollegin weinte und umarmte mich. In manchen Momenten sei sie nur meinetwegen geblieben, vertraute sie mir an.
Dass sich etwas ändern musste, wusste die ganze Familie, nur ich nicht. Als ich mit der Computer-Tastatur auf meinen Schreibtisch einschlug, mich für meine Unfähigkeit verfluchte und am liebsten alles, wirklich alles, aufgegeben hätte, wurde auch mir bewusst, dass ich mit exzessivem Sport alleine die Lage nicht mehr in den Griff bekäme. Ich war, ich bin, ausgebrannt.
Am Donnerstagabend rief mich ein früherer Kollege an. Er wollte wissen, ob es stimme, dass ich nicht mehr in der Firma sei. Ich bejahte. Er bedankt sich bei mir, weil ich immer für ihn dagewesen sei und mich schützend vor ihn gestellt hätte, wenn der Chef unzufrieden war. Vielleicht ist das mein Fluch: Anderen gegenüber gerecht zu sein und mir selbst gegenüber ungerecht. Und so jogge ich, sitze ich auf dem Hometrainer oder malträtiere das Theraband. Gegen die Selbstzweifel, gegen das Karussell in meinem Kopf.
Heute waren es 14 Kilometer. Ich bin dankbar, dass mein Körper das mitmacht. 14 Kilometer, überwiegend auf Waldwegen und Schotter, nur wenige asphaltierte Stellen. Der Fluss steht still. Der Wind streichelt die Bäume und ermuntert die gelben Blätter, sich von den Zweigen ins modrige Vergessen zu stürzen. Die Eichen werfen mit mit ihren Früchten nach mir. Das ist …
Am Freitag schwimme ich mal wieder im Regen – bei wenig anderem fühl ich mich unserem Planeten mehr verbunden. In der Bucht wird es immer leerer. Ganz selten sieht man einen Wasservogel – mal einen Schwan, mal einen Graureiher. Bei 12° Lufttemperatur am Morgen kommen auch nur noch wenige Schwimmer. So langsam wird wieder das Eisbaden thematisiert. Diejenigen, die es betreiben, sagen alle dasselbe: Du darfst keine Pause machen, musst wirklich jeden Tag rein, dann ist das ganz einfach. Auf dem nach wie vor angenehm warmen Wasser (20°) treiben braun-gelb-grüne Blätter.
Am Samstag in der Ringbahn ein Halbdutzend aufgedrehte Franken. Leider bekomme ich nur ein paar ihrer Satzfetzen mit: „Das ist keine Machtübernahme, sondern eine Marktübernahme.“ „Da roch es wie in einem Torwarthandschuh.“ Da hätte man doch gern auch den Rest gehört. An einer Stelle muss ich schmunzeln – jemand sagt zu einem anderen aus der Truppe: „Na, du hast ja noch vom letzten Ausflug deinen Ruf in Berlin weg!“ Haha, nein. Hier hat keiner „einen Ruf weg“. Wirklich nicht. Irgendwo erzählte neulich eine Hamburger Tagesschau-Sprecherin, wie sie mal mit einer Kollegin durch berliner Bars zog und dabei beide Fetischpferdemasken trugen. Weder die Kellner, noch die anderen Gäste reagierten, nicht einmal, als sie anfingen, „wild zu galoppieren“. Ja, was habt ihr denn gedacht.
Auf der Buchtbank ein interessantes Gespräch mit einer Dame, die gerade an einem Online-Programm für biomechanische Korrekturen teilnimmt, deren Freundin, die Physiotherapeutin ist, und wiederum deren Mann, der aufgrund einer Krankheit – so wie ich – vor ein paar Jahren sein Leben komplett geändert hat. Alle vier nehmen wir wahr, dass in wohlstandsverwahrlosten Gesellschaften wie der unseren körperliche und seelische Leiden zunehmen, und das oft bereits in jungen Jahren – die Therapeutin berichtet Trauriges aus ihrer Praxis. Unsere – nicht sonderlich originelle – Kurzformel für eine mögliche Gegenstrategie: Weg vom Smartphone, rein in den Wald! Und bitte jegliche Art industriell verarbeiteter Lebensmittel meiden.
Am Sonntag ein sehr schöner Spaziergang mit einer befreundeten Kollegin durch den Tiergarten. Obwohl sie als Künstlerin mit Preisen überhäuft wird, lebt sie vollkommen prekär und benötigt mehrere Brotjobs, um für sich und ihren Sohn ein bescheidenes Leben zu finanzieren. Wie immer lassen wir kein noch so unangenehmes Thema aus – und kommen so von der Überwachungskrake Palantir über das WEF und den Transhumanisten Peter Thiel zu Ideologen aller Lager und schlussendlich zu Fimosen. Über die Moorforscher, die uns gerade mit ernster Mine erzählen, dass wiedervernässte Feuchtgebiete eine Art natürliche Verteidigungslinie gegen russische Panzer seien, müssen wir herzlich lachen – was tut man nicht alles für Drittmittel. Während wir vor uns hin schlendern, entdecken wir, dass die kleine hölzerne Löwenbrücke wiedereröffnet wurde – wir sind vollkommen schockiert!!! Sperrung und Bauzeit: 2008 bis 2025. Wir drücken den Dresdnern von hier aus ganz fest die Daumen.
In der Nacht auf Dienstag wird in der Nähe des Technologieparks Adlershof ein Brandanschlag auf zwei Hochspannungsmasten verübt. In mehreren Berliner Stadtteilen kommt es infolgedessen zu einem großflächigen Stromausfall. In Pflegeheimen versagen Beatmungs-, Überwachungs- und andere medizinische Geräte, Kliniken müssen auf Notstromversorgung umschalten. Bei Polizei- und Feuerwachen brechen die digitalen Kommunikationssysteme zusammen, auch der Notruf ist nur sehr eingeschränkt erreichbar. Der Berufsverkehr kommt im betroffenen Gebiet teilweise zum Erliegen, Ampelanlagen fallen aus, Straßenbahnen bleiben stehen. In Teilen von Treptow-Köpenick ist weder mobiles Telefonieren noch die Nutzung von Messengerdiensten wie Signal, WhatsApp oder Telegram möglich; auch der E-Mail-Verkehr ist über Stunden gestört. Unternehmen rund um den Technologiepark müssen die Produktion unterbrechen oder ganz einstellen. Insgesamt sind zehntausende Haushalte sowie mehrere tausend Gewerbebetriebe betroffen. In vielen Fällen dauert es über 24 Stunden, bis die Versorgung vollständig wiederhergestellt ist, teils noch länger. Das Bekennerschreiben taucht dort auf, wo ich es nach der Art des Terroranschlags auch vermutet hatte. Der Staatsschutz ermittelt.
Die IT-Infrastruktur ist fragil und oft nur unzureichend geschützt – besonders in Deutschland, dem digitalen Neandertal. Fast täglich sehen sich bei uns Behörden, Firmen, medizinische Einrichtungen oder Privatpersonen Cyberangriffen ausgesetzt – ganz egal, ob in Großstädten oder im Hinterland. 2025 wurden im Landkreis meiner Mutter in Ludwigslust und Hagenow Kliniken attackiert; 2021 war der Dienstleister, der für die Informationstechnologie der kommunalen Dienste, Verwaltungen und Bürgerbüros in Ludwigslust-Parchim und Schwerin verantwortlich ist, von einem erpresserischen Computer-Viren-Angriff betroffen – über viele Monate hinweg konnte dort nur im Notbetrieb gearbeitet werden. Solche Angriffe schaffen es nur selten in die überregionalen Schlagzeilen – zu groß ist das Interesse der Verantwortlichen, die eigene Vulnerabilität nicht weiter publik zu machen oder potenzielle Nachahmer zusätzlich zu ermutigen. Auf entsprechenden Internetplattformen finden sich solcherart Informationen jedoch meist tagesaktuell und länderumspannend.
Am Donnerstag meldet sich um 10:57 Uhr die S-Bahnfahrerin mit der Durchsage, dass wir bitte nicht erschrecken sollen, wenn um 11 Uhr im Rahmen des bundesweiten Warntags ein Probealarm auf unseren Smartphones ausgelöst wird. Drei Minuten später heulen dann auch pünktlich alle Handys im Abteil los – nur meins nicht. Für das, wovor ich gewarnt werden möchte, gibt es andere Informationssysteme. Die Polyphonie der kollektiven Signale hat mir aber gefallen. Große Erleichterung: Die Waschmaschine hat, nachdem sie letzte Woche auslief, keinen weiteren Schaden davongetragen. Ebenso prima: Beim Tischtennis kann ich dem alten dagestanischen Karatekämpfer ein paar Sätze abnehmen, woraufhin er mir anerkennend auf den Bauch klopft – möglicherweise eine jahrhundertealte Geste der Ehrerbietung in seiner Stammeskultur? Ich werde das beobachten.
Vor knapp drei Wochen nahm ich von meiner Radtour aus Wörlitz nur einen Wildapfel und aus Dessau die Erinnerung an die verzweifelte Suche nach dem Elberadweg mit. Nun bin ich für vier Tage zurück, um dem Wörlitzer Landschaftsgarten und dem Bauhaus endlich die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen.
Die Gegensätze zwischen meinen beiden Zielen könnten kaum größer sein – hier der herrschaftliche Park mit seinen künstlich angelegten Tempeln und Ruinen sowie klassizistischen Bauten, dort das Streben nach Sinn und Form und dem Einklang von beidem.
Wörlitz ist an einem Montag noch verlassener als sonst – eine kleine, leere Innenstadt, die meisten Restaurants sind geschlossen, alles Museale sowieso. Aber der Park ist zugänglich – weit und offen, voller alter Eichen, dem für die Stadt obligatorischen Pfau, den aristokratischen Schwänen und ordinären Enten, dem geduldigen Reiher, dem hustenden Raben und, natürlich, den tanzenden Mücken – „die stechen nicht, die wollen nur spielen“.
Das Wörlitzer Gartenreich ist schön. Weitläufig, viel Wasser, viel Grün. Auch hier sind wenig Menschen zu sehen. Ich esse zwei Äpfel, die sonst als Fallobst verfaulen würden. Einmal wundere ich mich, weil gleich mehrere Leute einen Baum fotografieren – dann sehe ich, dass ihr Objekt der im Schatten ruhende Pfau ist.
Bauhaus ist das dann andere Extrem: International ausgerichtete Hochschule, Werkstatt, Atelier; in nur einem Jahr aus modernen Baustoffen als Archetyp des neuen, industriellen Stils errichtet – den es maßgeblich prägte. Interessante Lehrkonzepte mit einem Mix aus Theorie und Praxis, fächer- und materialübergreifend. Die Studenten wurden direkt von Künstlern, Handwerkern, Ingenieuren unterrichtet. Um den Geist zu befreien, war alles Pädagogische „zu entlernen“. Dabei lebte man konsequent den Gedanken aus, dass die Form der Funktion zu folgen hat und die entworfenen Gebrauchs- und Designobjekte seriell und kostengünstig produziert werden können.
Die Meisterhäuser: Streng rechteckige Grundrisse, glatte weiße Wände, flache Dächer, üppige Terrassen – ein Traum von Stadthaus, wie er auch heute noch gefertigt wird. Es gibt interessante räumliche Lösungen – Durchreichen aus dem Kochbereich ins Esszimmer oder eine direkte Tür von der Küche nach draußen. Restauratoren haben unter dutzenden Übertünchungen die ursprünglichen Farben der Wände und Türen rekonstruiert.
Die Arbeitsräume der bildenden Künstler hatten sehr hohe Fenster, so dass viel Helligkeit hereinkam. Paul Klee soll in seinem lichtgefluteten Atelier stundenlang vor der Leinwand meditiert haben, bevor er zu Pinsel und Farbe griff. Auch im Hauptgebäude ist das Licht phänomenal: Fensterfronten über die gesamte Breite und Höhe. Weil das einlagige Glas keine Dämmwirkung hatte, soll es hier allerdings im Sommer heiß und im Winter kalt gewesen sein.
Im Bauhaus Museum finden sich viele Grafiken, Fotografien und Studien zu Architektur und Design, ausgewählte Möbelstücke (die ein bekanntes schwedisches Möbelhaus inspiriert haben dürften), schnörkelloses, alltagstaugliches Geschirr und imposante Lampen, die ihre Herkunft aus den zwanziger Jahren nicht verleugnen.
Die Deutschnationalen bereiteten dem quirligen Treiben dann schnell ein Ende. Man warf dem Bauhaus – neben vielen anderen Dingen – Kulturbolschewismus vor, was umso ironischer ist, da die Dozenten selbst so ihre liebe Not mit den linksgerichteten Studenten hatten. 1933 wurde die Kunst- und Designschule mit all ihren Einrichtungen geschlossen und zur Selbstauflösung gezwungen. Das war ein sehr lohnender Besuch, da mir viele Aspekte vollkommen neu waren.
Und die Stadt selbst? Wegen der kriegswichtigen Junkers-Werke wurde Dessau im zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört. Nach dem Wiederaufbau bot es die typischen DDR-Nachkriegsinnenstadt mit Wohnsilos und üppig großen Parks und Balustraden, unter denen noch die Trümmer des Krieges liegen. Neben dem Stadtschloss und dem Rathaus ist die Marienkirche eines der prägendsten Bauwerke – Ende der 1980er als Veranstaltungsraum rekonstruiert, hat hier seit September 2022 das Mitteldeutsche Theater des gebürtigen Dessauers Dieter Hallervorden sein Zuhause.
Unter den Autoreifen der Pendler knistern die reifen Haselnüsse. Vor Sonnenaufgang haben sich fünf Krähen beinahe symmetrisch am Kirchturmkreuz gruppiert. Sie verschwinden, als der überschöne Frühmorgenhimmel in den grauen des Tages übergeht. Am Abend zuvor eine partielle Mondfinsternis – der Trabant stand ideal im Osten auf Viertelhöhe. Mit dem Fernglas sah man plastisch die graurote Kugel, die von unten links von einer Sichel überschoben wurde. Gegen sieben verlor sich der nunmehr helle, etwas eirige Ball am anderen Ende des Horizonts. Ein Montagmorgen in Mittelhessen. Leise rauschen die Airliner, lautlos huschen die Vögel vorbei. Die ersten Nachrichten des Tages. Der große Dohnányi ist gestorben. Brahms! Cleveland! Verneigung. Vorhang. Die Nachrufe alle brav zusammengetragen und ohne jeden Bezug des Autors zum Thema. Anschließend Checken der Ergebnisse der WM-Qualifikationsspiele.
Im Tagesverlauf leichte Schauer und mild. Das Aroma der Giersch-Gras-Mischung, mit der ich unsere Hasen füttere, riecht intensiver als im Hochsommer. Der britische Naturschützer Gerald Durrell bezeichnet den Herbst als die zweite große Insektenperiode einer Wiese – eine Phase intensiver biologischer Aktivität, die sich positiv auf Biodiversität, Nährstoffkreisläufe, Bodenstruktur und Mikroklima auswirkt. Das interessiert hier aber die wenigsten – die Rasentapete ist die Norm, der Mähroboter hat sich durchgesetzt. Ich hingegen gehe nicht nur da, sondern auch im Rotkreuzladen über ästhetische Fragen hinweg – beim Kauf des Wollpullis mit V-Ausschnitt und der olivgrünen Hose aus guter Baumwolle zählt für mich einzig das Material. Am Nachmittag und Abend Weiterarbeit an zwei Texten.
Dienstagfrüh fahre ich mit einem befreundeten Pathologen in die veregnete Eifel, um ihm beim Boxenneukauf für seine Musikanlage zu beraten. Er macht in einem Krankenhaus Biopsien, analysiert Gewebeproben – eine hyperpräzise Arbeit unter Dauerstress. Es dauerte vierzehn Jahre, bis er seine erste Diagnose selbständig erstellen durfte. Am Wochenende hört er überlaut Klassik „um runterzukommen“, wie er sagt. Musik als Therapie. Beim Blick aus dem Auto bestaunt er immer wieder die Schönheit der Wälder, jene Ausblicke, die ich oft auf dem Fahrrad genieße. Er liebt seine Leistungsfähigkeit, sein Einkommen, das Gefühl „es geschafft“ zu haben. Anscheinend bleibt bei alledem dann kaum noch Energie oder Interesse für anderes. Auch in seinem Arbeitsfeld zeichnet sich zunehmend ab, dass er nach und nach von KI-Anwendungen ersetzt werden wird – was sein Stresslevel wohl eher erhöht als senkt. Während der Fahrt raucht er viel – solche Zigaretten, wie sie die meisten rauchen: Nikotin plus Dreck. Irgendwie traurig – hoffentlich erreicht er die Rente. Beim Vintage-Hifi-Händler ist er wie alle anderen vor Vorfreude aufgeregt. Wir testen verschiedene Boxen. Der Klang ist jedesmal so brillant, dass ihm beim Hören seiner Lieblings-CDs beinahe die Ohren abfallen. Er bedankt sich sehr, weil er durch meine Beratung immens viel Zeit und Geld gespart hat. Da hat mein Orchideenwissen wenigstens ein Mal jemandem genutzt.
Aus NRW und Teilen der Eifel werden heftige Regenfälle gemeldet – man erinnert sich plötzlich des Ahrtals. Land unter herrscht heute aber andernorts. Es gab vage Vorwarnungen – aber wenn die Kanäle erst einmal voll sind, ist nichts mehr zu ändern. Viele stecken fest, sind in ihren Jobkapseln gefangen. Bei uns nur Schauer. Ein kühler Tag voller Familienarbeit. Für Besorgungen ins ruhige Westerburg: Lebensmittel, Müllbeutel, Glitzerschwämme (Damit bekommt der Hausmann jede Pfanne sauber!) Die Landwirtschafts-Zeitung gibt angesichts des „zusammengebrochenen“ Kartoffelmarkts Tipps zur Verfütterung des „Überschusses“. Rinder und Schweine dürfen sich freuen. „Während Corona hat unsere Klinik nur Verluste gefahren“ – so der Pathologe über die OP-Ausfälle. Deutschlands Krisen. Aber die Müllabfuhr funktioniert, wie ich an dieser Stelle versichern kann. Die Textarbeit auf der Zielgeraden. Später die Kinder und das Auto abholen, rüber zum Ballett. Bei mir eine leiche Magenverstimmung – nicht schlimm, aber es drückt: Brühe, Tee und Maiswaffeln. Dazu Rachmaninow 1 und 2, mit Vladimir Ashkenazy und Bernard Haitink.
Nach der großen Tour auf dem Elberadweg hieß es Abschied nehmen von meinem treuen Fahrrad. Als Jobrad war es nur geleast – mit dem letzten Arbeitstag endete auch der Mietvertrag. All meine Verhandlungsversuche, es privat zu übernehmen, scheiterten an den entscheidungsunfreudigen Automaten des Kundenservice. Mein Argument, dass der Restwert, den sie ansetzen würden, höher sei als der aktuelle Neupreis des gleichen Modells, verfing nicht. Also ging das Rad zurück an die Leasingfirma. Diese muss nun die Transportkosten, die Inspektionskosten und den Wertverlust tragen. Alles nur, um die Regeln einzuhalten, anstatt mir mit zehn, zwanzig Prozent Nachlass auf den Restbuchwert entgegenzukommen.
Mit meinem alten, reaktivierten Rad zu fahren, macht keinen Spaß, also war ich zuletzt ausschließlich joggen, jeden zweiten Tag so um die 10 Kilometer. Das dient vielleicht auch schon der Vorbereitung auf den im Oktober in Leipzig stattfindenden Halbmarathon, mit dem ich liebäugele. Heute werden es am Ende 13,5 km in 1:11 h.
Mein Weg führt mich in Kreisen und Schleifen durch den Park am Elsterflutbett. Einzige Vorgabe an mich selbst: Ich will keine Straßen überqueren. So komme ich dreimal am Zelt vorbei, welches das Wandertheater Compagnie Pas de Deux seit Mitte der Woche auf einer Wiese aufgeschlagen hat.
Die Fontäne auf der Anton-Bruckner-Allee, die mitten durch den Park verläuft, zaubert in der tiefstehenden Sonne einen Vorhang aus Wasser und Licht, der vom Wind mal in die eine, mal in die andere Richtung geweht wird. Fast alle Sommerblüten sind verwelkt. Nun versorgen die Pflanzen des Herbstes die Bienen mit Nektar. Auch die Wälder verändern sich. Die Bäume verlieren die ersten gelb und braun gefärbten Blätter, die einen Teppich auf den Wegen bilden. Aus den Pfützen der vergangenen Tage riecht es modrig.
Der Herbst hält Einzug nach einem typischen Sommer, der warme und kühle, sonnige und verregnete Tage mit sich gebracht hat. Kein „Jahrhundertdürresommer“, wie es seitens der Klimatologen im April hysterisch aus den Gazetten geheult hatte – einfach nur ein Sommer.
Ein guter, klarer Sonntagmorgen. Der Preis für die frische Luft ist allenfalls eine gewisse Kühle. Nachdem ich am Samstag meiner Radgruppe zum Frühstück ein paar unserer Gartenäpfel servierte, ging es 90 Kilometer durch den sonnenbeschienenen Spessart, inklusive ausgiebiger Rast im Talgrund. Unterwegs kam uns einer der Mitfahrer abhanden – er hatte einen Parallelweg eingeschlagen und war gutgläubig dessen Schildern gefolgt. Über eine Stunde begegnete er keiner Menschenseele; nach neunzig Minuten hatte sein Smartphone wieder Empfang, so dass unser Besenwagen ihn aus dem tiefen, dunkelgrünen Spessart herausholen konnte. Auch wenn das Einatmen schmerzhaft war, haben die Tannenwälder meiner Lunge gut getan – ich fühle mich vom Sauerstoff komplett innerlich gereinigt. Im letzten Licht des Tages ging es durch Hanau zurück. Aus der heutigen Industrie- und Garnisonsstadt im tiefen Osten des Rhein-Main-Gebiets stammen Jacob und Wilhelm Grimm, Gin-Erfinder Franz de la Boë und Komponist Paul Hindemith. Der bekannteste Hanauer ist jedoch zweifelsohne Rudi Völler. Während ich unter den Lampionketten der Airplanes über diesen Großen seines Fachs sinnierte, senkte sich ein orangener Vorhang mit tintenschwarzem Zickzackmuster hernieder – und es ward Nacht.
Stuckrad-Barre in der Braunschweiger Zeitung in Höchstform. Er bringt die Dinge auf den Punkt wie nur ganz wenige. Als Beispiel für so eine stumpf-moralische Anleitungsliteratur hätte er gern „Momo“ nennen dürfen – solche Bücher verderben die Kinder. (Ende war für mich ein Doktrinär, der mit erhobenem Zeigefinger holzschnittartig platteste Botschaften verkündete.) Ganz anders Nabokov, der eine eigene, komplexe, ambivalente und tief poetische Welt erschuf – so eine, wie sie Prinz Charles der Gute, der spätere König von Zembla, im Spielzeugzirkus seiner Kindheit findet, wo der leicht depressive Clown, die drei welpengroßen Elefanten und die Akrobatenjungen mit den glitzernden Nackenhaaren einzig und allein für ihn tanzen.
Ein schöner, windiger, supersonniger Nachsommertag mit lohnender Nachernte der kleinen, süßen, roten Äpfel vom ersten Baum – die Greifhöhe des 1,90 Meter großen Sohn ist dabei äußerst hilfreich. Meine Mitradler berichteten alle von einem sehr reichen Obstjahr 2025. Doch wie verarbeitet man diese riesige Ernte, wo lagert man solche Unmengen, ohne dass sie vergammeln? Luxussorgen einer satten Gesellschaft voller Vitaminpräparate. Beim nachmittäglichen Abstecher in die Kreisliga A sehen wir zur Halbzeit ein 8:0 für Dorndorf 2. Woraufhin der Gegner WBG Weilburg, in dem Wissen, dass das Spiel nun nur noch 3:0 gewertet wird, einfach in der Kabine bleibt. Die Hälfte des Eintrittsgeldes gibt es aber nicht zurück. Trikotwerbung der Un-Fairplayer: Platin Herren Salon. Am Abend mit dem Sohn WM-Qualifikation Deutschland – Nordirland. Unsere Mannschaft eine Stunde wacklig und mit vielen Schnitzern, das Mittelfeld schwach, insgesamt fehlt Kampfmoral. Nach drei Wechseln wirds dann wesentlich besser – Deutschland gewinnt 3:1.
Pünktlich zum Kampf an der Pfirsichfront beende ich den Urlaub und fahre nach Mecklenburg zurück. Seit der Hinfahrt scheinen noch ein paar Baustellen hinzugekommen zu sein. Autobahnaktivismus hat hierzulande eine gewisse Tradition, geht es mir durch den Kopf.
Zu Hause geben die Bäume nun nach und nach ihre Früchte frei. Ursprünglich stand nur ein Pfirsichbaum in unserem Garten, doch dann keimten aus einigen seiner Steine neue Pflanzen. Da diese an passenden Stellen wuchsen, ließen wir sie stehen. Einige der Bäumchen verschenkte ich später, zwei behielten wir. Meine Mühe bei der Pflege wurde schon bald mit der ersten Ernte belohnt.
Unsere Bäume tragen in jedem zweiten Jahr besonders viele Früchte – dieses Jahr ist wieder ein zweites! In der Erntewoche verarbeite ich die Pfirsiche zu Kuchen, Marmelade, Mus und wieder zu Kuchen.
Ich telefoniere mit Freunden, um Abnehmer für den Rest zu finden. Ein kurzer Plausch, dann gehts weiter zur nächsten Verschenkrunde in der Nachbarschaft. Einmal kann ich meine Pfirsiche gegen Äpfel tauschen. Auch gut. Manchmal bekomme ich zur Antwort: „Bitte nur ein paar zum Naschen, die Mühe mit dem Einkochen mache ich mir nicht mehr.“ Ändern sich die Zeiten? Ich nehme diese Arbeit noch auf mich, weil ich keine Zusatzstoffe in meiner Marmelade will, weil ich dankbar bin für das, was die Natur uns schenkt. Und vielleicht spare ich durch meinen Fleiß auch ein bisschen Geld.
Früher habe ich zusammen mit meiner Freundin eingeweckt. Dabei haben wir uns unterhalten, und unsere Kinder haben miteinander gespielt. Es war gut so. Jetzt bin ich allein und höre Audiobücher. Ken Folletts „Nacht über den Wassern“ lässt mich der Küche entfliehen und den letzten Flug des Pan-American Flying Clippers miterleben. Spannend bis zum Schluss! … und schon ist wieder eine Charge leckere Bio-Pfirsichmarmelade mit Bourbon-Vanille fertig.
Nach nächtlichem Regenband am Freitag etwas kühler. Die Krähen rufen einander (und vielleicht ja auch uns?) ab 6:15 Uhr. Man hört, dass die fernen Straßen noch nass sind – das Reifengeräusch klingt dann anders. Die goldene Herbstsonne kommt heraus. Als das Gras trockener ist, pflücke ich eine kleine Wanne Äpfel, eine kleine Wanne Pflaumen. Kein Befall, keine Maden, aber viel zu viel für uns allein – von den roten Äpfeln hängen bestimmt noch zweitausend am Baum.
Danach Vorbereitungen auf die samstägliche Radtour mit Freunden – alte Männer durchfahren den Spessart. Mein Körper heilt jeden Tag etwas mehr – endlich!!! Prüfstein ist das morgendliche Ausräumen der Spülmaschine. Das brutale Hämatom gibt nun allmählich auf und schrumpft wie eine verdunstende Wolke. Komplett schmerzfrei bin ich noch nicht, muss, da einige Bänder gequetscht und überdehnt wurden, die Schulter nach wie vor ziemlich vorsichtig bewegen.
Die Momox-Beute has arrived: Berhards „Frost“ in der azurfarbenen ST-Ausgabe – bekleckert und voller Kinderzeichnungen: wunderbar! Außerdem dabei: Capotes „Erhörte Gebete“, das 2000er Remaster von Sades „Love deluxe“ sowie Streichtrios von Roussel, Francaix und Poulenc. Fürs erste Einlernen lege ich ein neues Rasierwasser auf. Die Rotschwänze tummeln sich gut getarnt im Ahorn.
Lanz und Precht mit einer treffenden Analyse zur Einwanderung in den letzten zehn Jahren – die fehlende Sprachbildung als Schlüssel für eine gescheiterte Integration. Die bitteren Exempel, die an den arbeitenden Fairplayern der Schattenarmee statuiert werden, weil man diese über ihre Adresse erreicht, während andere abgetaucht sind. Gut auch die Aussagen zu den wackligen Identitätskonzepten der Parteien, internationalistisch vs. nationalkonservativ, „links“ vs. „rechts“. Was ich – als Folge des digitalen Mittelalters – beobachte, ist die Herausbildung neuer Identitäten, die sich aus der Aneignung heidnischer Kulte und religiöser Strömungen speisen. Wenn einem die ökonomische und gesellschaftliche Anpassung nicht gelingt, eröffnet sich da eine reale Möglichkeit zur sozialen Einbindung und Selbstwerterzeugung. Auf meinen Frankreichfahrten sehe ich öfter mal Campingwagendörfer der Manouches und Sinti. Die rasant steigenden Mietpreise könnten diese Lebensform für immer mehr Menschen zur Option machen. Die Parallelwelten werden zunehmen.
Unser Frankreich-Teenie berichtet traurig vom Selbtsmord einer Fünfzehnjährigen an ihrer Schule in Le Mans – das ist das kritische Alter. Der Sohn mit etwas Bammel beim Fußballtraining, mal sehen, wie sein Neuanfang gelingt. Ein kühler Abend mit großen Wolken – morgen ist die Atalantikströmung durch. Spessart-Abfahrt: 8:15 Uhr.
Der Monat beginnt gleich mit einer guten Nachricht – seit heute hat Berlin einen Harald-Juhnke-Platz: Ecke Kudamm, Grohlmann- und Uhlandstraße, direkt neben den Bühnen – perfekt! Wann immer man einen alten westberliner Taxifahrer zu fassen bekommt, sollte man ihn mal ganz beiläufig fragen, ob es stimmt, dass die praktische Prüfung seiner Innung bis 1989 darin bestand, von jedem Punkt der Halbstadt aus Juhnkes Wohnung anzusteuern. Oder, was es mit dem Button auf dem Nachttisch des Entertainers auf sich hatte … Die Antworten werden beginnen mit: „Das war ja alles noch viel wilder!“ Glücklich kann sich jener schätzen, der einmal im Leben so geliebt wird wie die Taxifahrer von Harald Juhnke – und umgekehrt. Nun haben wir hier einen Juhnke- und Rio-Reiser-Platz, eine Tamara-Danz- und Helga-Hahnemann-Straße, am Mauerpark den Bärbel-Bohley-Ring – manchmal macht unser Senat auch etwas richtig.
Die Sonnenaufgänge derzeit spektakulär, auch die Wolkenbilder. Am Tage mal knallsonnige 27 Grad, nachts Abkühlung bis an die Grenze zur Einstelligkeit, mal feiner, mal dickerer Regen. In diesem im See zu schwimmen ist eine meiner größten Alltagsfreuden – die durch den Tropfeneinschlag hochschießenden Worthington-Strahlen sehen aus wie grau-schwarze Sternschnuppen, um meinen Kopf herum ein leises Prasseln und Ploppen, der leichte Wind macht sanfte Wellen.
Mittwochfrüh gehe ich in der Rehwiesensenke durch einen dichten Nebel auf die über 450 Jahre alte Eiche zu. Danach gleite ich im sich auflösenden Schleier durch den Schlachtensee – die 200 Meter entfernten, dunklen Köpfe der Mitschwimmer sehen wie bewegliche Tierspuren im Schnee aus. Leben wie in einem Werner-Herzog-Film.
Als ich am Mittwochnachmittag aus der Haustür trete, bekomme ich einen Schreck – die gesamte Straße ist voller Leute! Das habe ich hier bislang nur Silvester kurz vor Mitternacht gesehen, oder im Juni 2002 als die Türken das WM-Halbfinale erreichten. Rettungswagen, mehrere Löschzüge, Polizei. Am Haus gegenüber wurde bis unters Dach eine Drehleiter hochgefahren – ein Wohnungsbrand. Ich stutze – an der Menschenmasse ist irgendetwas seltsam. Dann fällt mir die Stille auf. Keiner spricht laut, keiner ruft. Man steht und sieht nach oben, einige filmen mit ihren Handys. Es ist diese Stille, die oft auf schreckliche Ereignisse folgt. Wo jeder, trotz seiner Schaulust und Neugier, in sich geht, sich ausmalt, wie es wäre, wenn das ihm und seiner Familie passieren würde, Anteil nimmt. Es ist die Stille, die ich aus Fußballstadien kenne, wenn einem der Zuschauer oder Spieler etwas passiert ist, die Gesänge aufhören und die Ultras ihre Fahnen einrollen. Es ist die Stille in den Tagen nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidtplatz. Nach ein paar Stunden ist der Großeinsatz beendet, lediglich am schwarzen Loch der ausgebrannten Wohnung sieht man von außen noch, was dort am Nachmittag geschah.
PC-Notruf meines moabiter Freundes Zlatomir. Ich eile! Das Problem ist in 37 Sekunden beseitigt. Wie immer kommen wir ins Klönen. Auf seinem Tisch liegt Jevgenij Samjatins 1920-21 geschriebener Roman „Wir“, der mir unbekannt ist: In einem Einheitsstaat tragen die Bürger statt Namen Nummern, alles wird überwacht, das Leben ist streng reglementiert. Ich berichte von den Russenbüchern, die ich kürzlich las: Marina Zwetajewas autobiografische Prosa (Zlatomir ist wie ich von M.Z. begeistert), Andrej Platonows „Tschewengur“, Michail Prischwins „Der irdische Kelch“, meine aktuelle Lektüre „Zyniker“ von Anatoli Marienhof. Alles so um die einhundert Jahre alt. Wir sind uns einig, dass man in den Texten, die in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution entstanden, so einiges von dem wiederfindet, was gerade in vielen Ländern passiert: Ideologie trifft auf Realität, eine städtische Sicht auf den Dorfblick, die Industrialisierung hat viel mit den KI-Umwälzungen gemeinsam. Unterschied zwischen damals und heute: Seinerzeit begegnete man all den Zumutungen, Heraus- und Überforderungen, den Apparatschiks und Dumpfmedien mit grimmigem, schnellem Alltagshumor und hintersinniger Schläue. Das fand sich später im gesamten Ostblock wieder und hielt sich bis zu dessen Zusammenbruch. Zlatomir und ich vermissen diese Haltung ein wenig. Wir machen beide Notizen – ich bekomme neben Samjatin noch Iwan Bunins „Dunkle Alleen“ und Leonid Andréev empfohlen.
Reclam, 1990 – Erstausgabe 1928 im Berliner Verlag Petropolis; erst 1988 in der UdSSR erschienen.
Am Donnerstag läuft meine Waschmaschine aus. Am Rand des Bullauges war ein Stück Stoff eingeklemmt, wodurch sich ein Spalt gebildet hatte. Ich hoffe, dass dadurch kein bleibender Schaden entstanden ist. Ich verbringe den Abend wischend und wringend.
Der Dienstag beginnt bei frischen 10 Grad, im Tagesverlauf wird es mittelwarm. Im Hasengeläuf empfängt man dankbar die zarte Sonne. Die geht nun gegen 6:40 Uhr auf und kurz nach 20 Uhr unter – das Tageslicht schrumpft rapide. Im DLF Geseier über die Pläne zur Armutsvertiefung. Wie gehabt werden rassistische und klassistische Behauptungen aufgestellt und bewährte Kampfbegriffe wie „faul“ benutzt. Vom Begriffsgedudel zur Landwirtschaft: Im EU-Kernmarkt fallen aktuell die Getreidepreise unter die Produktionskosten; die russische Ernte setzt die „Schwarzmeerprodukte“unter Druck; beim Mais wird gezittert, wann er geerntet werden muss oder soll – der Agrarmarkt ist wie ein riesiges Casino. Interessieren solche Dinge den Weichweizen kauenden Ofenfertig-Konsumenten? Oder hilft das in irgendeiner Weise dem hungernden Teil der Welt? Natürlich nicht.
Auf dem Asphalt formieren sich die Westerburger Motorrad-Girls. Ich döse im Garten und lese. Der hinterlistige Nabokov beschreibt die fiktive Heliotrop-Art heliotropus turgenevi, verbindet sie mit dem Geruch der gestrichenen Holzhäuser im Sonnenuntergangslicht des märchenhaften nordischen Königreichs Zembla. In unseren Rabatten ist die Pflanze also nicht zu finden – dafür turnen dort unermüdlich die Rotschwänze. Ich nasche von der Eberesche eine Vogelbeere: ein bitterer und säuerlicher Geschmack, der mich ein wenig an Sanddorn erinnert. Die Natur ist reich, wir Menschen sind die Armen.
Unser Sohn hat sich in seinem Freiwilligen Sozialen Jahr sehr gut eingelebt. Die Hausmeister sind mehr als zufrieden mit ihm – sie nehmen ihn zwar hart ran, aber er macht alle Handlangerdienste und Schlepparbeiten gern. So spart er sich auch das Gym-Abo. In einer Betreuerin hat er eine Scrabbleparterin auf einer extrem hohen Stufe gefunden. Sie arbeitet nebenher noch zehn Stunden im Monat für die Dudenredaktion, da kommen dann halt Begriffe, die man noch nie gehört hat. Das wird ein gutes Jahr für ihn, auch menschlich.
Der Mittwoch warm, windig und bedeckt, dazu Sonneneinschübe. Perfektes Wetter zum Wäschetrocknen. Aktuell sind nur noch zwei Schulkinder im Haus – beide haben es rechtzeitig zum Unterricht geschafft. Mein neues Forschungsgebiet: Die Siebte von Sibelius. Bislang gefällt mir die Einspielung von Järvi am besten: getragen, schön, unkitschig. Weiteres aus der Parallelwelt der Planespotter-Codes: Was ist eine Pepsi Queen? „Pepsi“ steht für das Logo von Korean Air, „Queen of the Skies“ ist die Boeing 747. Rund um den Luftverkehr und die Organisation eines Flugfeldes existiert eine eigene Fachsprache. Besonders wichtig sind für die Spotter die Lackierungen der Flieger, Liveries genannt. Condors aktuelle Variante heißt Ringelsöckchen – wer das Design kennt, weiß warum.
Der Sohn nach seiner monatelangen Pause erstmals wieder beim Fußballtraining: leichter Muskelkater überall. Die Ballerina erzählt von Übungen mit einer interessanten Intensitätsskala: Dehnung und Geschwindigkeit als zwei Parameter von 1 bis 8 – ich finde dieses vorsichtige Herantasten gut. Bei mir selbst rund um die Schultern und Rippen weiterhin Schmerzmomente, die in Intervallen auftreten.
Am Abend mit dem Junior eine Tonne Grünschnitt gefüllt, das geht hier spielend. Dabei erregte ich kurz die Erdwespen – fünfzig Stück schwärmten aus, als ich in die Nähe des Nestes kam. Jetzt stehen die Tonnen in Reih und Glied – wir waren die Letzten in der Straße. Dann den wählerischen Hasen Abendfutter serviert, Stühle gekippt und Räder untergestellt – aus Südwest ist ein Regenstreifen in Sicht. Außerdem mit der Juniora Autogas getankt. Dafür muss man zu zweit sein – ein ulkiges Procedere. Sie hat sich sehr bewährt – die Tankanlage ist nicht in die Luft geflogen.
Das Neueste von der Shrinkflation-Front: Die Verbraucherzentrale Hamburg hat Mondelez Deutschland wegen der Mogelpackung der Milka-Tafeln verklagt. Der kühle Konter „Das Gewicht steht auf der Verpackung“ hat was für sich – nur lesen das die abgerichteten Gewohnheitstiere nicht. Man darf auf das Urteil gespannt sein.
Nachts schreien die Mader, sagt die Große, das klingt wie ein hohes Bellen.
Es hat beinahe die ganze Nacht durchgeregnet. Die Luft ist jetzt klar und sauber. Die Wege im Park sind noch schlammig und feucht. Beim Joggen weiche ich den Pfützen aus. Das Elsterflutbett ist fast spiegelglatt, nur eine ganz leichte Strömung kräuselt die Wellen. Nach meinem gestrigen Erlebnis bei der Arbeitsagentur muss ich die finsteren Gedanken vertreiben. Am Ende laufe ich in einer Stunde 11 Kilometer und ich fühle mich erholt und wunderbar leer im Kopf.
Montagmorgen: Was für eine deprimierende Erfahrung am ersten Tag des Monats um 8 Uhr mit über 60 Menschen vor den Türen des Arbeitsamts zu stehen. Einige sehen aus, als hätten sie seit Tagen in ihren Klamotten geschlafen. Einige sind gekleidet, als würden sie auf dem Weg zur Arbeit noch schnell wegen eines Rezepts beim Arzt vorbeischauen. Wieder andere, die wenigsten, sind ausstaffiert, als ginge es in die Oper. Einige haben Partner, Freunde oder Eltern dabei, als bräuchten sie für diesen demütigenden Gang den Trost einer nahestehenden Seele. Bevor sich der Schlund des Amts öffnet, steht eine Gruppe, die einer Warteschlange nicht unähnlicher sein könnte, auf dem breiten Pflaster vor der Pforte. Abstand wie zu Corona-Zeiten, als könnte das Elend der Anderen ansteckend sein und das eigene Unglück vergrößern.
Man zieht eine Nummer und sitzt, wenn man schnell genug war, auf einem der viel zu wenigen blassblauen Stühle aus Metall. Die sind in Dreiergruppen angeordnet und so verschraubt, als müsste man sie vor Attacken verzweifelter oder wütender Menschen schützen. Die Hälfte von uns muss stehen. Wer nicht auf sein Handy starrt, blickt auf den Monitor, der mitleidlos langsam die Nummern raufzählt. Auf der Toilette hustet sich ein Mann so heftig den Schleim von der Lunge, dass ich kurz überlege, den Notarzt zu rufen.
Neukunden („Kunden“, welch ein Euphemismus) nutzen die Hinweise von erfahrenen Besuchern, um die Regeln zu durchschauen. Oder sie versuchen, durch Beobachtung das System zu entschlüsseln. Fünf Schalter sind geöffnet und strukturieren das Elend. Inzwischen sind 20 Minuten vergangen- noch vier Nummern, vier Schicksale, bis mich das Amt in seinen Fängen hat. Nach einer halben Stunde bin ich an der Reihe. Meine Betreuerin ist im Urlaub. Die Unterlagen sind nahezu vollständig. Ich bekomme einen QR-Code, damit ich in meinem Profil den Antrag auf Arbeitslosengeld aktivieren kann.
Als ich wieder draußen bin, muss ich erstmal ins Grüne. Die Sonne tut gut. Eine Fahrradwerkstatt mit einer fast zugewucherten Fassade muntert mich ebenfalls auf. Ich bastele aus dem Papierchen mit meiner Wartenummer ein Faltboot und lasse es auf einem kleinen Teich schwimmen.
Nach einem böigen, blauen Samtsag, am Sonntag eine hohe, leichte Wolkendecke und nahezu Windstille. Die Tour hat die Beschwerden nicht verstärkt, der Schmerz lässt insgesamt nach. Der Mais ist nun langsam auf der Zielgeraden – in ungefähr zwei Wochen wird das Winterfutter gehäckselt. Alles deutet auf ein sehr gutes Jahr hin.
Am Nachmittag endlich mal wieder ein gelungener Kindergeburstag – entspannte Eltern und Kids auf einer große Wiese in idyllischer Lage. Kein Zickenkrieg, kein Gruppen- oder Erwartungsdruck, null Unsicherheit. Das hast Du selten. Mein großes Mädchen war selig.
Am Abend haben die Frau und eine der Töchter einen Auftritt in der lichtlosen Limburger Kohlmeyer-Halle. Anlass ist der 130. Geburtstag der Marienschule, dargeboten wird Orffs „Carmina Burana“. Dafür wurde der Schüler- mit einem Erwachsenen-Laienchor gemischt, ein Orchester zusammengewürfelt und ein Profi-Tenor verpflichtet. Ich wollte selbstverständlich hin, wurde dann aber auf den Eintrittspreis hingewiesen: 120 Euro die Karte! Die „günstigen“ 50-Euro-Plätze lang schon ausverkauft. Ich verzichte – so viel würde ich nicht mal für die Berliner Symphoniker auf den Tisch legen. Freikarten gibts nicht. Normales Publikum wird dort kaum auftauchen – es geht ums Prestige mittelgroßer Provinzunternehmer, die sich so etwas leisten.
In der Nacht ein gleichmäßig rauschendes Regenband. Ich schneide die langen Gräser und anderes Grünzeug für die Hasen. Sie warten bereits am Gitter. 1. September, ein leichtes Grau und Friede. Unser Teenie in Le Mans heute mit ihrem ersten französischen Schultag. Es hat alles geklappt – Dank whatsapp ist man quasi in Echtzeit dabei.
Die Zeitschrift „agrarheute“ berichtet über den US-Importstopp von mexikanischen Rindern. Ursache ist der dortige Parasitenbefall mit der Neuwelt-Schraubenwurmfliege. Die Viehzüchter beziffern den Schaden seit November 2024 auf umgerechnet 733 Millionen Euro. Auch andere Länder reagierten: Im Juli 2025 hat Mexiko 73 Prozent weniger Kälber exportiert als im Juni. Solche Meldungen erklären, warum Rainer, Özdemir und Co. das Landwirtschaftsministerium so lautlos führen – das sind in der Regel eben internationale Märkte. Deine Stimmen musst Du Dir aber auf simpelste Weise lokal sichern.
Der Tagesverlauf mit schwül-feuchter Atlantikprägung. In Hausnähe tauchen vermehrt kleine Blaumeisen und Rotschwänze auf. Am Nachmittag zum nächsten Kindergeburtstag. Im Auto erzählt die Jüngste schwer beeindruckt von ihrer heutigen Deutschstunde, in der Borchert „Nachts schlafen die Ratten doch“ durchgenommen wurde. Farben als Symbole – das sei ja richtig anspruchsvoll. Sie sagt, dass sie Kurzgeschichten mag und googelt den Autor. Um 18 Uhr der Rossmann-Parkplatz wie leergefegt. Der vom Tedi auch. Die Apotheke daneben sendet über das Werbedisplay trotzdem ihre Botschaften. Bald sieht man darauf wieder Menschen in Pullovern, die nach einem Erkältungsmittel greifen. Ich hatte seit April keinen ernsthaften Infekt. Milder Herbstabend mit ultra-ödem Elternabend.
Mitte der Woche ist es so schwül, dass die knackigen Salzbrezeln, die ich aus der Tüte in eine Schale schütte, innerhalb weniger Stunden weich werden. Klebrige Morgen, klebrige Tage; Schauer kühlen die Luft ab – die ist dann perfekt. Donnerstagfrüh ist es so neblig, dass man die Spitze des Funkturms nicht mehr sehen kann. Die LKW-Fahrer, die unsere Kauf- und Lagerhallen mit Nachschub versorgen, haben aber noch genügend Sicht und fädeln sich wie gewohnt in die Stadtstraßen ein. Vor, hinter und neben ihnen zieht der Rest der Malocherkarawane im motorisierten Individualverkehr – Tagesbusiness, Montag bis Freitag. In meiner Schlachtenseebucht ist vom Rauschen der Güter kaum noch etwas zu hören – hier wird die AVUS ganz leise. Die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße wurde 1921 als weltweit erste reine Autostraße in Betrieb genommen und durchschneidet seitdem den 10.000 Jahre alten Grunewald. „Die Fahrbahn ist ein graues Band / Weiße Streifen, grüner Rand.“
In der Bucht taucht von den drei verbliebenen Stockenten jetzt nur noch eine auf. Monatelang waren viele der Wasservogelbewegungen nachvollziehbar, oft sogar vorhersehbar, seit dem Verschwinden der Blässhühner nicht mehr. Die Lage auf dem Schildkrötenbaum ist hingegen stabil – an sonnigen Tagen zeigt sich mindestens eine der beiden Europäischen Sumpfschildkröten, selten auch das Exemplar der von mir noch nicht identifizierten Art. Die Graureiher und Kormorane halten sich dort vollkommen wetterunabhängig auf. Die Brombeersaison ist nunmehr als abgeschlossen zu betrachten.
Da meine Alepposeife aufgebraucht ist, kaufe ich am Samstag im Besucherzentrum der Museumsinsel neue. Danach durchsuche ich das Internet nach aktuellen Informationen zu den Manufakturen, die während des Krieges fast alle ins Ausland fliehen mussten und dort die Produktion fortsetzten – leider stammen die letzten Berichte, die ich finde, von Ende 2024. Am Sonntag in der Bucht ein interessantes Gespräch mit zwei älteren Damen und einem Herren, die dort jedes Sommerwochenende nach ihrer Schwimmrunde Croissants essen. Sie erzählen, dass sich die Sauberkeit und Sicherheit am See durch die Parkranger, die es seit vier Jahren gibt, sehr verbessert hat. Demnächst sollen die Renaturierungsflächen ausgeweitet werden, was sie (und ich) begrüßen. Für mich ein frappierender Unterschied zum Plötzensee, wo die Behörden so ziemlich alles falsch machen.
Worauf man sich hundertprozentig verlassen kann: Wo auch immer zwei volle Feuerwehrwagenbesatzungen zusammenkommen und Kollegen beim Testen eines neuen Rettungsbootes assistieren, wird wirklich jeder Witz gemacht, der nur denkbar ist: „Wenn du den anderen Knopf drückst, kriegste nen schönen Mittelstrahl.“ „Nicht so dolle! Gehs erst mal langsam an – stell dir einfach vor, das ist deine Frau.“ Das Ganze unabhängig vom Geschlecht der Feuerwehrleute.
Essentielle Lebensverbesserung: Ein vielleicht zehnjähriger, blinder Junge steht mit seiner Mutter auf dem S-Bahnhof Nikolassee. Er bespricht mit einem Chatroboter Zugausfälle, Umleitungen und Anschlüsse. Nebenbei stellt sich raus, dass er irgendwohin möchte, wo seine Mutter auf gar keinen Fall hin will. Daraufhin er: „Können wir uns nicht absichtlich verfahren?“ Beide müssen lachen.
Seit Anfang der Woche versammeln sich die Krähen wieder am Kirchturmkreuz, ihr Ruf ertönt noch vor den Türkentauben. Der Rotschwanz kommt ans Fenster – mal sehen, ob er über den Winter bleibt. Der Samstag startet ruhig – und mit würziger Luft: Es wird gedüngt. Über mir packt unser Teenie rumpelnd den Koffer prallvoll. Der Zug, der sie nach Frankreich zur Gastfamilie bringen wird, geht kurz nach elf. Große Verabschiedung von ihren Geschwistern – ich verlasse diskret die Küche. Die Schwalben fliegen heute sehr hoch.
In der HNA ein Gespräch mit der Hydrogeologin aus dem Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Sie spricht fachkundig über die Lage in Nordhessen: Die Grundwasserspeicher sind gefüllt. Das Trinkwasser wird seit den 1960ern hauptsächlich aus Tiefenbrunnen gewonnen, da Quellen nach Regenfällen Krankheitserreger enthalten können. Ob die Grundwasserneubildung stockt, kann man nicht sagen, da die Messzeiträume zu kurz sind. Aus Südhessen ergänze ich, dass wir eine andere Wasserinfrastruktur nutzen: Frankfurt bezieht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, einen Großteil seines Trinkwassers von Gemeinden im Vogelsberg, und in Ried infiltriert man künstlich aufbereitetes Rheinwasser. Mal sehen, wie sich das alles entwickelt. Wenn ich an die Pegeltiefstände des Rheins denke, befürchte ich, dass die Schifffahrt irgendwann nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sein wird – nicht auszudenken, aber es muss gedacht werden. Der Rhein ist die deutsche Lebensader schlechthin: Hier konzentrierten sich seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts Industriezentren, Handelsrouten und Logistikdrehscheiben. Die Wasserfachfrau ist angenehm sachlich, was heutzutage Seltenheitswert hat – im DLF wurde am Morgen allen Ernstes behauptet, dass eine Neuvernässung der Moore notwendig sei, damitdort keine russischen Panzer durchkommen.
Ich bin sehr zufrieden über die geglückte Runde nach Hachenburg, eine stille Bergstadt mitten in der tiefen Provinz. Die Wälder glitten in mildes Herbstilcht über, die Seenplatte war gut besucht, irgendwo lief eine Campingdisco an. Es gibt schon Herbstzeitlose, aber die Äpfel brauchen noch ein paar Wochen. Da für den tiefen Zug die Prellung doch zu stark schmerzte, fuhr ich zwar ohne Punch, konnte aber alle meine Berggänge treten. Nachricht vom Teenie: Sie ist gut angekommen. Vier Stunden Zugfahrt bis Paris – das geht mit dem Flieger (inklusive Flug, Security, Boarding, Transfer) nicht so schnell (und auch nicht so günstig). Mehr Platz ist in der Bahn sowieso – bei Bedarf kann man sich die Beine vertreten (ihr Zug war 20 Wagen lang). Unser Mädchen ist glücklich – zu Nikolaus ist sie wieder hier.
Bin am Spätabend immer noch berauscht von der Radrunde – diese Luft, diese weite Sicht! Zu Bett mit Kamillentee und Nabokov.
I was the shadow of the waxwing slain / By the false azure in the windowpane / I was the smudge of ashen fluff – and I / Lived on, flew on, in the reflected sky. / And from the inside, too, I’d duplicate / Myself, my lamp, an apple on a plate: / Uncurtaining the night, I’d let dark glass / Hang all the furniture above the grass.
Vor dem Einschlafen lese ich das lange Gedicht, mit dem Nabokovs „Pale Fire“ einsetzt. Ich lese es drei Mal. Es ist Aufhänger und Zentrum des 1962 erschienenen Romans und ein sehr dichter Text voller starker Bilder. Gleich zu Beginn prallt ein Seidenschwanz gegen eine Fensterscheibe; der Abdruck einer Feder ist das Einzige, was vom toten Vogel bleibt. Im Internet findet man unzählige Blogs voller großartiger Fotografien von Federn mitsamt geistreichen Abhandlungen darüber – dennoch werde ich all meine guten, alten Vogelbücher behalten, diese Almanache der bunten Gefährten.
Der Dienstag mit klassischem Septemberwetter: Der sternenklaren Nacht folgt ein kalter Morgen, der in einen warmen Tag übergeht, mit einer Sonne jener Art, die einen nicht mehr verbrennt. Die letzten Brombeeren wandern noch im Garten ins Müsli; die Sträucher haben wir selbst gepflanzt. Der Finanzfacharbeitersohn ist für ein paar Tage bei uns. Er kam gegen 23 Uhr und hat sich vor 6:30 Uhr in den Hauptstrom der Pendler eingereiht. Um acht erwartet ihn in den Bürotürmen ein Call – und mich der Höhenkamm, einmal hin, einmal her, jeweils 13 Kilometer. Dort kann ich bei stetem Rhythmus ganz in mich gehen, den Takt halten und Tritt üben. Zwischendurch mache ich ausgiebige Dehnübungen. Am Rennlenker sind die Beschwerden konstant und erträglich, erst nach dem Absteigen, in der Vertikalen, drückt sich das frische Blut durchs Hämatom. Im soliden Lehnstuhl halte ich draußen eine Siesta. Nach einer schmerzfreien Stunde bringe ich die Jüngste nach Westerburg – heute ist Ballerina-Tag.
Am Mittwoch ist die Wende geschafft: Das Hämatom bildet sich zurück, dominiert nicht mehr die Gedanken. Auch der Körper muss sich immer weniger dem Schmerz anpassen – gestern gab es die hoffentlich letzte Ibuprofen. Der Finanzfacharbeiter ist, nachdem er das Geschäftsabendessen durch Ausschlafen kompensierte, mit dem Klapprad Richtung Arbeitsplatz los. Ohne Frühstück! Alle anderen verließen bereits kurz vor sieben das Haus. Südwestwind, schwülwarmes Wetter. Urlaubssaisonende. Verhaltene Vogelwelt. Ich falte Handtücher und freue mich über die neue Schmerzfreiheit.
Später Windböen und Gewitterwolken. Die Wäsche und Räder sind in Sicherheit, alle Besorgungen erledigt. Auf den Milchtüten kleben Rabattaufkleber – es ist der 27. Den Typen hinter mir betrifft das nicht, er legt wie üblich seine Palette No-Name-Energydrinks aufs Band. Der Teenie ist nach drei Tagen Klassenfahrt wieder zuhause. Sie berichtet von den grupendynamischen Spielen. Übers Phishing von 15 Millionen Paypal-Adressen waren sie alle bereits informiert, hatten ihre Passwörter längst geändert. (Deutsche Banken hielten Zahlungen in zweistelliger Millardenhöhe zurück – die Dino-Medien meldeten es mit Verspätung.) Jetzt werden die neuen Sneaker von Zalando imprägniert, die Schnürsenkel hat sie schon ausgetauscht.
Ein nebeliger Donnerstagsmorgen. Das Wanderhämatom gibt keine Ruhe. Ich musste doch wieder zur Ibuprofen greifen. Am Nachmittag bekomme ich eine kleine Regendusche ab, danach schwülwarm und herbstlich duftend. Meine Jüngste singt beim Spülmaschinenräumen Weihnachtslieder. Vor dem nächsten Schauer hinauf zu Rossmann, um für die vielen vielen Bilder des Jahres einen Stick zu kaufen. Ich baue ganz fest darauf, dass der USB-Standard auch in fünfzig Jahren noch da und somit auslesbar für die nächste Generation ist.
Während sich der Teenie auf die drei Monate als Austauschschülerin in Le Mans vorbereitet, überlegt unser Finanzfacharbeiter, wie man eine Stadt wie Wolfsburg retten kann, ohne dass sie zum Detroit 2.0 wird. Um Substanz zu erhalten, braucht es Rückbauingenieure und Dekonstruktionsarchitekten. Wo werden da die Debatten geführt, wo wird der Bürger aufgeklärt und miteinbezogen? Das hinterhältigste Narrativ ist, dass man dem Volk nicht alles „zumuten“ kann. Und so glauben die einen eben noch ans sichere Häuschen, während die anderen schon mal ihr Kapital in Sicherheit bringen. Nur eine der vielen Transformationswellen, die unsere zentraleuropäische Gesellschaft gerade durchziehen.
Der Blick in die Sonne schmerzt. Lang schon ist der warme gelbe Glanz, an den ich mich noch aus meinen Kindertagen erinnere, verschwunden. Dafür sind irgendwann die Streifen dazugekommen, die auch jetzt das Himmelsblau durchziehen. Ich bin auf dem Weg zum Türnentalsee. Die Wanderung wurde mir von Einheimischen empfohlen. Ein abgemähtes Maisfeld ermöglicht einen weiten Blick. Mir fällt auf, dass der Himmel inzwischen geteilt ist – hinter mir sehe ich die Streifen und vor mir Schäfchenwolken. Was passiert da?
Auf einer Bank unter einer Linde genieße ich die Wärme und Ruhe. Der weitere Weg geht bergab über Wiesen und Felder. Dann erreiche ich den See. Eigentümer und Bewirtschafter ist der Angelsportverein Dornhan-Fürnsal, der ihn zu einem schönen Ausflugsziel gemacht hat. Eine kleine, sehr einladende Holzhütte ist das Vereinsheim. Wer weiß, wie viel Anglerlatein dort schon zum Besten gegeben wurde.
Ich setze mich dicht ans Wasser in die Sonne, beobachte Libellen und erfreue mich an den Seerosen. Unter der Oberfläche sind ganz deutlich Fische zu erkennen. Ab und zu springt ein Karpfen oder eine Forelle hoch, um herumschwirrende Insekten zu fangen.
Zeit und Muße zum Lesen. Stifters „Bunte Steine“ versetzt mich in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Dann reißt mich ein lautes Platschen wieder an den Weiher zurück. Ich sehe gerade noch, wie ein riesiger Fisch in der Tiefe des Sees verschwindet. Der Gedanke an das Ungeheuer von Loch Ness wirbelt mir durch den Kopf. Kurz überlege ich, vom Uferrand zurückzutreten. Dann muss ich über mich selbst lachen: Maria, Du und Deine Phantasie!
Zeit, zurückzugehen. Nun führt der Rundweg bergauf. Ich kann mich nicht sattsehen an der bezaubernden Landschaft, die hinter jeder Biegung anders aussieht. Ich entdecke am Himmel ein lärmendes Flugzeug. Es hinterlässt keinen Streifen.
Inzwischen spüre ich die Anstrengung des Aufstiegs in meinen Beinen. Als Mecklenburger bin ich das nicht gewöhnt. Von ganz oben blicke ich ins Tal. Ein herrlicher Anblick. Freude über das Erreichte und Erlebte erfüllt mich. Es ist schön in den Bergen.
Tag 9. Abschließende Etappe meiner Tour auf dem Elberadweg. Die endet früher als vorgesehen – da es ab morgen regnen soll, haben unsere Nachbarn für den Abend eine Grillparty angesetzt. Statt um 18 Uhr in den Zug zu steigen, habe ich auf 13 Uhr umgebucht.
Ich lasse den Schlenker nach Jerichow aus und nehme den direkten Weg nach Magdeburg über die Schartau‑Rogätz‑Fähre. Nach einem trüben Tagesbeginn wird es doch noch ein sonniger Vormittag. Der aufkommende Wind kündigt aber bereits das Tiefdruckgebiet an.
Heute meide ich die holprigen Radwege und fahre stattdessen auf gepflegten Straßen. Es sind kaum Autos unterwegs. Ein Corsa vom Pflegedienst schafft es dennoch, mir die Vorfahrt zu nehmen. Staub steigt in der Ferne auf – Traktoren bestellen die Äcker. Der Mais steht noch in Reih und Glied – aber nicht mehr lange! Ich entdecke eine gut erhaltene Windmühle und schaue sie mir an.
In Rogätz besteigen neben mir zwei Motorradfahrer die Fähre. Der eine hat eine Yamaha, der andere eine gut erhaltene MZ ETZ 250. In der DDR hatte man es bei der Benennung von Dingen nicht so mit der Phantasie. So steht MZ für Motorradwerk Zschopau, ETZ für Einheitstyp Zschopau und die 250 für den Hubraum, aufgerundet von 243 cm³. Ähnlich war es bei der Tontechnik: KR hieß der Kassettenrekorder (mono) und SKR der Stereokassettenrekorder.
Die Fähre Rogätz ist die einzige auf meiner Tour, die mit Motorkraft betrieben wird. Alle anderen waren Gierseilfähren und nutzten die Strömung, um zwischen den Ufern zu pendeln. Das dahinter liegende Prinzip wird seit fast vierhundert Jahren angewendet.
Bei Niegripp biege ich zum Mittellandkanal ab und sehe zum zweiten Mal Schiffe auf der Reise. Gegen 12 Uhr bin ich am Magdeburger Hauptbahnhof. Nach 998,1 Kilometern beende ich meine Tour. Ich habe nur ganz knapp die 1000 verpasst – es sei denn, ich zähle die 2,5 Kilometer in Leipzig zum und vom Bahnhof einfach dazu.
Was bleibt: atemberaubende Landschaften, viele Tierbegegnungen, alte Städte und verlorene Dörfer, einige interessante Gespräche (so wenig, wie in diesen neun Tagen, habe ich lange nicht gesprochen), ein Elberadweg mit mysteriösen Verläufen und natürlich der Fluss selbst: Lebensader, Kulturraum, Biotop.
Seit ein paar Tagen gehen mir bei Fahren alte Volkslieder durch den Kopf. Wir mussten sie noch lernen, die heutigen Kinder und jungen Erwachsenen nicht mehr. Dichter Nebel hängt in der Elbniederung, als ich um 6:45 Uhr aus dem Fenster sehe:
Und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar.
Eine halbe Stunde später ist das Schauspiel bereits vorbei. Dass es überhaupt neblig wurde, liegt daran, dass heute nahezu kein Wind weht. Nicht von vorn, nicht von hinten, nicht von Seite. Ideal für alle, die Richtung Norden fahren – aber mich zieht es ja in den Süden.
Ich habe mir eine lange Etappe vorgenommen: 130 Kilometer, von Dömitz bis nach Tangermünde. Dieses Mal fahre ich zunächst am Ostufer entlang – die Strecke ist einfach reizvoller. Weil ich das nie in Betrieb gegangene Kernkraftwerk Stendal sehen möchte, wechsel ich dann ab Sandau auf die andere Seite. Stendal gehörte zu den wenigen Städten der DDR, die westlich des Grenzflusses Elbe lagen.
Ein ruhiger Tag. Kein Hauch kräuselt das Wasser der Nebenarme und Teiche. Alte Menschen sitzen auf Bänken und lassen sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen. Bauern ziehen Zäune, um neue Weideflächen abzugrenzen. Die Deichschafe wissen was kommt – sie dösen im Schatten und warten geduldig, bis ihr Umzug ansteht.
Ich mache einen Schlenker nach Lenzen. Hier steht jedes dritte Haus leer und ist somit wohl dem endgültigen Verfall preisgegeben. Es gibt ein Schlosshotel – wer mag dort außerhalb der Urlaubssaison wohnen? Weiter geht es durch Wittenberge und das Storchendorf Rühstädt, dann auf meine kleine Insel zwischen Elbe und Havel.
Auf Räbeler Fähre treffe ich einen jungen Aschaffenburger, der von Hamburg nach Dresden radelt. Da er auf seinem Bike keine Taschen befestigen kann, schleppt er alles im Rucksack mit sich. Wieder an Land, überholen wir einander mehrfach, weil der jeweils andere gerade ein Foto- oder Trinkpause macht, bei Arneburg verlieren wir uns dann aus den Augen. Noch 15 Kilometer bis zum Tagesziel.
Matthäus Merian „Tangermund”, Kupferstich, 1652
Tangermünde ist eine wunderschöne mittelalterliche Stadt mit gut erhaltener historischer Architektur: Stadttore und Stadtmauern, eine Festung, liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflaster, Kirchen. Ich checke ein, springe samt der verstaubten Klamotten unter die Dusche und gönne mir danach ein Bier in der hotelnahen Bauerei. Für einen längeren Stadtrundgang bin ich zu erschöpft – für eine Pizza und eine Kugel Eis reicht es noch. Ich habe jetzt über 900 Kilometer in den Knochen – morgen ist in Magdeburg Endstation.
Geesthacht hat, als Folge der Bombardierungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, eine dieser genormten Innenstädte mit wenig Charme. Es gibt drei Döner-Läden, die den Bedarf an Drehspieß, Pizza und Burger abdecken, einen Eisladen und einen Italiener. Die Stadt im Landkreis Herzogtum Lauenburg ist der nördlichste Punkt meiner Reise. Hier werde ich auf das andere Ufer wechseln, um Richtung Südosten zurück zu fahren. Es ist kein Regen angesagt – aber Rückenwind! Bevor es richtig losgeht, sehe eines dieser großen Elbeschiffe, die ich bislang so vermisst habe. Ein gutes Zeichen.
Am Anfang stehen ein paar Tierbegegnungen. Die unbestrittenen Herrscherinnen der Elbebrücke sind die Möwen. Alle Augen und Schnäbel sind auf den Fluss gerichtet – Vögel, die aufs Frühstück starren. Danach belauert mich, aus der sicheren Höhe ihres Baums, eine Katze. Gefolgt von Staren, die auf Schafen reiten. Faszinierend.
In Neu Darchau stoße ich auf ein Schild, das auf eine Wassermühle verweist. Ich stoppe, kehre um und biege in den Nebenweg ein. Links und rechts stehen große alte Gebäude aus roten Ziegelsteinen. Vor dem Laden im rechten Bau stapeln sich 50-Liter-Säcke voller Erde, Mulch und Dünger. Dahinter ist ein großer Teich. An diesem sitzt eine alte Frau. Ihr rechter Arm ist großflächig aufgeschürft, mit einem Handtuch tupft sie Blut ab. Ich frage, ob sie Hilfe braucht: „Ich habe eine Reiseapotheke mit Pflaster dabei.“ Die Frau möchte keine Hilfe. „Es ist schön hier“, sage ich. „Hier leben zwei Schwäne“, sagt sie. „Die haben fünf Kinder, die sind schon ausgewachsen. Heute sind die beiden nicht da, vielleicht sind sie runtergeschwommen.“ Es sieht so aus, als ob es aufgehört hat zu bluten. Aber am Arm ist ein sehr langer Striemen zu sehen, den auch mein Großpflaster nicht abdecken würde. „Brauchen Sie wirklich keine Hilfe?“, frage ich nach. „Ich wohne hier“, sie zeigt auf die offene Tür des linken Gebäudes. „Ich habe gestrichen. Es ist so viel Arbeit. Ich bin über die Kette gestürzt.“ „Sie sollten die Wunde reinigen.“ Die Frau wirkt unschlüssig: „Meine Tochter wird mir schimpfen, sie ist da drin.“ Deswegen sitzt sie also hier und grübelt. Ja, das kenne ich. Meine Schwiegermutter ist ihrer 95-jährigen Mutter gegenüber genauso eingestellt. Die Alten haben mehr Angst vor ihren Kindern als vor physischen Verletzungen. Ich wünsche der Frau alles Gute. Sie denkt noch einen Moment nach und geht dann Richtung Tür.
Auf der westdeutschen Seite der Elbe gibt es viel mehr Dörfer und Städte als auf der ostdeutschen, auf der ich zuletzt unterwegs war. Im Zuge der Grenzschließung wurden ab Mai 1961 Sperrgebiet-Bewohner, die als „politisch unzuverlässigen“ galten, in andere Teile der DDR zwangsausgesiedelt. Die Betroffenen wurden rechtswidrig und ohne jegliche Vorwarnung aus ihren Häusern geholt und durften lediglich das Nötigste mitnehmen. Nach 1990 kehrten nur wenige zurück – viele der Gebäude waren verfallen oder verschwunden, die Rückübertragungen oft schwierig, die alten Wunden nie verheilt.
In vielen der Dörfer und Städte, die ich passiere, hängen Plakate und Banner. Für Frieden. Gegen mehr Vorschriften in der Schweinezucht. Für eine Umleitung. Gegen Windräder. Für mehr Toleranz. Gegen die AfD. In Neu Darchau wird gerade gestritten, ob die Fähre durch eine Brücke ersetzt werden soll. An Tagen wie heute scheint die Antwort ziemlich eindeutig: Es ist Niedrigwasser; die Fähre verkehrt nicht; die nächsten Brücken sind weit weg. Nur bedeutet eine Brücke eben auch deutlich mehr Verkehr und somit Lärm. Egal, wie am Ende die Entscheidung ausfällt – einige Einwohner werden unzufrieden sein.
Nach einer Berg- und Talfahrt mit abwechselnd 7 oder 13 Prozent Steigung oder Gefälle führt der Radweg vor Hitzacker wieder in den Wald. Dort steht ein Rennradfahrer neben seiner Maschine. Ich frage ihn, ob alles okay ist oder ich ihm irgendwie helfen kann. „Hast du zufällig eine Pumpe dabei, die auf 5 bar kommt? Wenn ich meine nehme, geht mehr Luft raus als rein.“ Meine Teleskopluftpumpe hilft ihm leider auch nicht weiter. Aber Hitzacker ist maximal 15 Minuten zu Fuß entfernt, also laufen wir, quatschen und schieben unsere Räder. Er ist mit einer Gruppe unterwegs, aktuell vier Mann, das scheint Tag zu Tag zu wechseln. „Derjenige, der die heutige Etappe geplant hat, meinte, die Strecke sei für Rennräder geeignet. Aber das stimmt offenbar nicht“, berichtet er. Ich erkundige mich, wo die anderen sind. „Ich habe gesagt, sie sollen weiterfahren, ich hole sie sowieso wieder ein.“ Wir schwatzen noch bisschen über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Fahrradtypen, über den Wind und übers Laufen. Er überlegt, am Frankfurt-Marathon teilzunehmen, ich liebäugele mit einem Halbmarathon in Leipzig. Am Ortseingang trennen sich unsere Wege. Er wird nach einer Werkstatt suchen, ich will kurz durch das Städtchen schlendern und dann weiterradeln.
In der Spitze erreiche ich 30 km/h – es fährt sich fast wie von allein. Gegen Mittag kommt dann sogar die Sonne raus. Ich bummle durch Bleckede, Hitzacker und Dannenberg, kehre immer wieder zur Elbe zurück. Unterwegs geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Solange es in einer Stadt einen Buchladen gibt, ist sie noch am leben.
Gegen 15 Uhr bin ich zurück in Dömitz. Heute würde es von der Zeit her passen, dass ich noch die Festung besichtige. Doch die ist leider montags geschlossen. Und am Dienstag auch.