Bernd Wagner, Kreuzberg


Christoph Sanders, Thalheim


Nach der harten Tour gestern fühlt sich der Körper leicht und klar an, das, was ich über Wochen vermisste. Zum Mittag habe ich Selleriesalat mit Joghurt-Senfsauce und Merrettich aufgehübscht, meinem Sohn kamen die Tränen. Ein eher belangloser Nachmittag mit Arbeit an neuem Reisebericht, später an die Violine, danach eine fette Bio-Orange, die kosten gerade weniger als Äpfel im Kilo. Die Stimme der Radiosprecherin krächzt, vermutlich kann sie sich nicht krankschreiben lassen - der Druck der Freiberufler. Vollkommen bizarre Berichte von einer Elektronikmesse in Las Vegas: jetzt hebt der Saugroboter die Strümpfe auf. Man nennt es Fortschritt.
Anna Techte, Krandorf
Irgendjemand erzählte, dass Goldschakale Katzen fressen! Aber die können wohl nicht klettern, da wird sich die Katze dann schon zu helfen wissen. Es sei denn, uns alle treiben vorher noch die Windräder in den Wahnsinn.
Christoph Sanders, Thalheim
Von der ersten längeren Fahrt des Jahres zurück; als ich mich mitsamt Rad durch blödsinnige Bauzäune wuchten musste, habe ich mir eine Rückenzerrung geholt; mit Wärmesalbe und Ruhe dürfen sich die Muskeln nun langsam regenerieren.
Zunächst ging es 50 Kilometer gegen den Wind - zum Glück gibt es Wälder! Dann 20 km seitlich am Rhein gekreuzt und schließlich 40 abenteuerliche km durchs Lahntal, in dem gleichzeitig mehrere Straßen repariert wurden. Und drei Bahnbrücken, unter anderem auf der strategisch wichtigen Linie von Gießen zum Rhein. Da schaut der vorbildliche Verkehrswender blöde aus der Wäsche - ein ganzes Jahr sind die Trassen nicht nutzbar. ("Das Jahrzehnt des Bauens hat Fahrt aufgenommen. Mehr als 800 Neubau- und Instandhaltungsmaßnahmen im Schienennetz Rhein-Main!")
Der Rheinpegel ist gestiegen und die Lahn strömt weiter eifrig zu, weshalb plötzlich etliche Radwege ersatzlos gesperrt und sogar die Umleitunghinweise wieder durchgestrichen waren. Absurd. Aber es fuhren eh nur 2 bis 3 Personen Rad auf 100 km.
Ein Lichtblick dann in der ehemals vollbeschäftigten Kleinstadt Bendorf, wo ich unweit der vor Kurzem geschlossenen Sparkassenverwaltung in der Bücherverschenktelefonzelle eine Ausgabe der "Strahlungen" fand und gleich in der Tankstelle eine irre Stelle über Bunker aufschlug. Neben mir saß ein Mitarbeiter eines Paketdienstes und sah pausenlos Shorties auf seinem Smartphone: Feuerwehrvideos und Hochzeiten von Feuerwehrleuten ... Bilder aus einem n-ten Paralleluniversum, das Papierzeitungen 2025 weiter Richtung Gruft schicken wird.
Bin trotz Zerrung über meinen Ausflug sehr zufrieden, auch wenn es zum Ende hin kulinarisch und kalorisch noch knapp wurde - den Tankstellen gehen Baguettes und Brühwürste aus, es ist halt blöd, wenn der lokale Metzger schon lange vor der Sparkasse die Rollos runterließ.

Christoph Sanders, Thalheim
Die Sturmkulisse wurde von einem zarten Blau mit Varianten grauer Streifenwolken abgelöst. Deutlich über Null, so an die 4 bis 5 Grad werden es mittags sein. Das Kirchturmkreuz ist links von Dohlen und rechts von Staren belegt, man achtet auf Abstand. Die Hyazinthen wachsen drillingsförmig empor und gleichen Raketen, bereit zum Launch ihrer kleinen Duftsatelliten (Farbe noch nicht bekannt).
Die Züge unserer Bimmelbahn fallen regelmäßig aus. Praktisch, wenn man das denen, die darauf angewiesen sind (Schüler, Rentner, Asylbewerber) per App im Sekundentakt mitteilen kann. Wehe dem, der niemanden mit einem Auto kennt.

Helko Reschitzki, Moabit
Meine schlagartig gute Laune beim Betreten der charlottenburger Dentalpraxis in der die beiden jugen Zahnarzthelferinnen auch nach Eintreffen der ersten Patienten in sehr großer Lautstärke Neil Youngs „After the gold rush“ hören. Nun macht sich Mutter Naturs silberne Raumkapsel also auch von hier aus auf die Flucht Richtung Sonne … (Kinder, der Mutti gehts noch immer nicht so gut, nu nehmt doch bitte bitte bitte endlich mal Rücksicht!)
Als ich am Ende der Krummen Straße an der Brombeerhecke am S-Bahndamm vorbeigehe, die Vorfreude auf den Sommer. Ich könnte eine Westberlin-Karte erstellen mit den öffentlich zugänglichen Stellen, wo ich meine Kräuter, Blätter, Früchte und Beeren pflücke … und wundere mich Jahr um Jahr, dass dieses anscheinend kaum noch ein Mensch macht – die Esskameraden haben vier Beine, ziehen eine Schleimspur oder können fliegen.
Nieselregen, der Schnee komplett getaut, eine beinah frühlingsmilde Luft – mir fast schon etwas unangenehm für die Jahreszeit.

Christoph Sanders, Thalheim
Stürmischer Abend. Faszinierend die Schattenrisse der bebenden Tannen, Lärchen und Birken vor dem flammenorangenen Himmel. Als stecke ein gigantisches Feuer dahinter, das die Bäume mit seinem Hitzeschwall schüttelt. Danach der Übergang ins Blaugraue. Als ich um 17 Uhr meinen Monatstee Pai Mu Tan in seinen Riesenblättern aufgieße, ist es noch spürbar hell. Feldsalat mit Couscous gemischt, die Walnüsse werden knapp. Gleich noch den Joghurt, dann zurück zu Safranski und Cotten. Früh Schlaf tanken und dem Reststurm zuhören. Morgen möglicherweise die ersten 100 Kilometer des Jahres.

Lore Morr, Parchim
Der erste Schnee des Jahres! Unter dem Müllsack verbirgt sich eine Dipladenie, die soll keinen Frost abbekommen. Hoffentlich nicht! Im Sommer ist sie wunderschön.
Der Weihnachtsschmuck aus dem Wohnzimmer ist wieder in der Kammer, nun ist alles ordentlich.

Anna Techte, Krandorf
Heute war eine wirkliche Fuchsschönheit hier, keine 20 Meter vorm Küchenfenster - das Winterkleid derart prächtig, ich hatte sofort den Wunsch, ich dürfte es anfassen. Die schwarzen Linien, die Schwanz und Körper zu umrahmen scheinen, hab ich noch nie so deutlich wahrgenommen.
Die kleine Pause zum Jahreswechsel ist vorbei, es gibt viel zu tun. Das Königreich ist zu groß, die Untertanen, die schuften müssen, heißen Disziplin, Struktur, Stetigkeit, Gelassenheit. Manchmal fallen welche aus oder sind noch zu klein!
Helko Rechitzki, Moabit
Nachmittags dann der erste Schnee des Jahres. Sofort sind wieder all die Erinnerungen an vergangene Winter da. An meinen Opa inmitten der Enten, die an den dampfenden Futtertrog drängen, an meine Eltern und meinen Bruder beim Gang durch das verschneite Birkenwäldchen, den Fuchs auf der großen weißen Fläche des Maisfeldes, in dem wir uns noch vor gar nicht allzulanger Zeit vor dem Platzwart verstecken konnten. Ich spüre die Wangenkälte auf dem Weg zur Poliklinik, den Geschmack der Salmiakpastillen und Bromhexintropfen, meine Freude, nicht zur Schule zu müssen; die Pfützen sind gefroren, es riecht nach frischen Brötchen und dem Koks der Kachelöfen. Alles ist wieder da – und war niemals weg.

Christoph Sanders, Thalheim
Um die null Grad, 2 cm Neuschnee, der sich im Niesel verdünnt. Der Wind ließ nach, die feine, nächtliche Puderzuckerschicht auf den Hausdächern bald verschwunden. Helligkeit nimmt spürbar zu, besonders gegen Abend. Unauffällig hüpfen Meisen mit ihrem Ruf durch die Büsche.

Gestern ganz wunderbar Bachs Cellosuiten mit Fournier von 1960. Lob der Digitalisierung, der Ton steht im Raum, der Cellist ist DA. Die erste Einspielung war noch ein Projekt über Jahre – man kann das alles eigentlich nicht am Stück spielen, in Blöcken arbeiten ist besser. Gerade für uns Hausmusiker – wie sagte die Jüngste zu meiner zunehmenden Verzweiflung: Papa, lass es, es ist wie bei mir wenn ich irgendwas in Mathe nicht kapiere: dann kann ich es immer und immer wieder lesen, es geht nicht mehr. Am nächsten Tag verstehe ich plötzlich alles sofort.
So wie ich auch sofort das typische Aroma der Aachener Printen verstehe: Es ist das sogenannte Süßholz, was tatsächlich ein wilder Strauch ist. Im Baskenland hatten sie gerade frisch die Wegränder gemäht und ich kam einen kleine grünen Pass herunter – der Duft geht wie osmotisch durch den Körper. Ein paar Tage später stand ich in einer kleinen Takstelle bei Bayonne, die Süßholzstäbe zum Kauen verkaufte – eine Entwöhnungstechnik für Raucher. Wir kennen das Aroma vermutlich nur noch künstlich im Lakritz oder eben im Weihnachtsgebäck.
Warten auf die Hyazinthe, dann ist Epiphanias.
Lore Morr, Parchim
Im Radio haben sie vorhin gesagt, dass es bei uns Glatteis geben soll. Dann kann ich morgen wohl wieder nicht raus mit dem Rollator, gestern und heute auch schon nicht, weil es die ganze Zeit regnet. Zum Glück laufen im Fernsehen immer noch so viele Märchenfilme, „Rumpelstilzchen“ mit Katharina Thalbach hab ich bestimmt fünf mal gesehen.

Christoph Sanders, Thalheim
Habe 90 Minuten genutzt, um zwischen rosig-bleiernen Wolken eine feine Hausrunde über die Schneegrenze zu drehen. Ab 350 Metern bleibt er liegen, so kann es bleiben. Steifer Nordwest, die Windräder scheinen auf Halten gestellt, es gibt gerade zuviel Strom im System. Die Luft tief und klar. Ein paar abgelegene Dörfer am Vulkanhang, die Sonne sei ihnen gegönnt. Auf der Schattenseite machen die Straßen es nicht lange: Frost und Tau lassen sie schnell schrundig werden, die Salzung tut ihr Übriges. Es sind oft die hübschesten Strecken.
In unserer Straße stehen die Blauen Tonnen in Reih und Glied – morgen kommt der Altpapiersammler. Der Teenager zelebrierte Ofenpommeskartoffeln und ein saftiges Rumpsteak mit Rucola und Weinzwiebeln, das sitzt nun fest im Magen. Jetzt werden die Kerzen angezündet, bis Drei Könige hält die Tanne.

Christoph Sanders, Thalheim
Mit der Tochter das Scrabble weitergeführt und neue Monatskerzen für den Baum bekommen, weißgelb und mittellang. Das wundervolle, bronzene Licht so einer Kerze mal 12. Das haben die LED- und Girlandenproduzenten nie verstanden: so etwas entwickelt im Wortsinn eine Aura, einen Lichtkreis um den Flammenkern herum. Die poetische Wirkung dürfte seit 10000 Jahren bekannt sein.
Bei Rossmann kurz den Grußkartenlieferanten gesprochen. Er fährt seine Routen von Marburg aus, den Westerwald hinauf, nach Osten bis Bad Hersfeld, nach Nidda im Süden. Eigentlich nur Mittelgebirge, schöne Straßen und kleine Dörfer. Jetzt sind die Kommunions- und Osterkarten dran.
Die Schneewolken sind durch, meine Lieblingskiefer am Berghang fiel einer schnellen lautlosen Fällaktion zum Opfer. Sie hatte alle Stürme seit Kyrill im Januar 2007 locker überstanden. Mit mir werden allenfalls zwei Kolkraben trauern.

Christoph Sanders, Thalheim
Die Wirklichkeit pendelt um den Nullpunkt, ist jetzt drüber. War gestern drei sehr gute Stunden auf dem Rad. Der Körper muss wieder gewöhnt werden, was gelang. Die Reste des heftigen Infekts noch spürbar. Kleine Dörfer auf dem recht abgelegenen Landrücken zwischen Lahn und Ahr. Die Höhen fast waldlos, der Wind bläst kräftig. Letzte Äpfel am Baum. Ernte. Wo er nicht faul war, schmeckte er fantastisch und gab einen willkommenen Schub.

Soundtrack: „Träumereien 2“ mit Richard Clayderman – meine Weihnachts-LP. Was an Clayderman auffällt, sind die perfekten Arrangements. Im Prinzip spielte die Pianistin im Hildesheimer Antikenmuseum nichts anderes (ich bat sie – mit Erfolg! – um die „Ballade pour Adeline“), und eigentlich funktioniert der Stoff genauso wie seinerzeit, als er die Charts anführte (ca. 1980?) Neben den Grabkammern das mumifizierte Nilkrokodil von fast vier Metern.
Die Vögel brauchten einen halben Tag, um sich von den Böllern zu erholen. Sind aber alle noch da. Schneeregen, ein Scrabble mit der Jüngsten wartet auf Vollendung.
Helko Reschitzki, Moabit
Ich beginne den Tag wie seit vielen Jahren mit einem kleinen Dampfbad: Minze, Eukalyptus, Teebaum; die Öle vermischen sich im Wasser, machen den Kopf frei – nicht nur die berüchtigt-berühmten oberen Atemwege, sondern auch die ungleich bekanntere Seele. Inhalieren, innehalten.
Dazu füllen Choräle Hildegard von Bingens das Zimmer – „Sponsa Regis“, eine wundervolle Einspielung des italienischen Ensembles La Reverdie für Arcana aus dem Jahr 2003. Dass die weithin als sogenannte Kräuterfrau bekannte Äbtissin liturgische Lieder schrieb, scheint kaum jemand zu wissen, wahrscheinlich verkauft man unter ihrem Label mehr Gewürze als CDs oder Streams – solang es beides gibt, soll es mir recht sein.
Danach Frühstück, eine spontane Müslimischung mit Kuhjoghurt und einem Apfel, der erste Teeaufguss: Moringa, Wermutkraut, Chun Mee und Ingwer. Etymologisch betrachtet, trinke ich da „Baum des Lebens“, „Mensch mit mutiger Gesinnung“, „Schöne Augenbraue“ und „Wurzelhorn“. Prosit.
